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SHAWUE mit ULI JON ROTH 30. Juli 2011 KesselhausLager Singwitz

in Konzertberichte 2018 und älter 02.05.2020 23:03
von Kundi | 3.241 Beiträge | 7315 Punkte

Momentan bleiben uns bekanntlich nur die Erinnerungen an vergangene Ereignisse am Bühnenrand. Jetzt habe ich ja durch die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie viel Zeit in meinen Erinnerungen zu kramen. Manchmal findet man so wie heute in den eigenen digitalen Aufzeichnungen Konzertberichte von besonders schönen Muggen. ULI JON ROTH, Weltstar und Gitarren-Legende, spielte vor einigen Jahren gelegentlich als Gast bei der Folkrockband SHAWUE. Ich hatte damals mehrmals das Vergnügen UJR mit SHAWUE zu erleben.

Hier ist nun eine neue Seite aus meinem persönlichen Muggenpilger-Geschichtsbuch. Bitte beachtet bei den Zeitangaben im Text, dass sie den unveränderten Stand von damals haben. Auch wenn dieser Bericht sich etwas unbeholfen liest und die Fotos auch nicht so toll sind, so sind es doch genau solche Erlebnisse, Gefühle und Eindrücke, die unbedingt zu meinem Muggenpilger-, Konzertnomaden und Konzertgänger-Leben gehören. Vielleicht mögen sich ja auch einige Leserinnen und Leser mit mir erinnern.


Regen, nichts als Regen. Das Wochenende versank mal wieder in den Tränen des Himmels. Trotzdem sah ich die Sache ab dem frühen Abend ausgesprochen locker. Das hatte etwas mit dem runden Leder und einem nach 0:3 Rückstand noch gedrehten Fußballspiel zu tun. Der dynamische David von der Elbe besiegte nämlich den niederrheinischen nullvierer Tabletten-Goliath mit 4:3 in der Verlängerung. Herz, was willst Du mehr? Na ja, etwas Livemusik zur Feier des Tages wäre vielleicht nicht schlecht. So könnte ich diesen Bericht einleiten, aber das ist natürlich Quatsch, denn der Konzertbesuch war so oder so geplant. Es war mir jedoch ein innerer Vorbeimarsch den glorreichen Sieg der SG DYNAMO Dresden über Bayer Leverkusen hier ganz unauffällig eingearbeitet zu haben .

Wie weit es bis ans Ende des Universums ist, weiß ich nicht genau. Aber so viel ist sicher, das Kesselhaus Singwitz liegt viel näher und den Weg dahin kenne ich auch genau. Nach 10 Minuten Fahrt sind wir schon dort und parken an derselben Stelle wie immer. Singwitz ist halt ein Heimspiel für uns. So ein Konzertabend muss nicht schweineteuer sein und neben dem abwechslungsreichen Konzertangebot besticht das Kesselhaus eben auch durch humane Preise, engagierte und freundliche Mitarbeiter sowie eine vielfältige Auswahl an Getränken. Kurz gesagt das Kesselhaus ist ein Ort zum Wohlfühlen. Hier haben sie alle schon gespielt von ACOUSTICA bis ZÖLLNER, von THE BREW bis TEN YEARS AFTER. Viele Künstler kommen mehr oder weniger regelmäßig immer wieder zu Konzerten hier vorbei und ich glaube, die meisten Musiker tun das sogar gerne. In Singwitz geht es irgendwie familiär zu und es gibt einen nicht unerheblichen Teil Stammpublikum.

An diesem 30 Juli des Jahr 2011 machte die Band SHAWUE nach 2 Jahren mal wieder ihre Aufwartung im Kesselhaus und das sogar mit einem Weltstar. Der Name Ulrich Roth wird vielen musikinteressierten Menschen sicher wenig bis gar nichts sagen, aber unter seinem Künstlernamen ULI JON ROTH kennt man ihn weltweit. Er war von 1973 bis 1978 Leadgitarrist der SCORPIONS. 5 Langrillen entstanden in dieser Zeit. Höhepunkt und Abschluss seines Wirkens bei Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. war das Doppel-Livealbum „Tokyo Tapes“, welches heute als Klassiker der Rockgeschichte zählt.

Nach seinem Ausstieg widmete sich Uli anderen Projekten wie der Band ELECTRIC SUN (6 Jahre, 3 Alben) und seiner anschließenden Solokarriere. In den achtziger Jahren entwickelte er auch die Skygitarre, die es ihm ermöglichte einen erheblich größeren Umfang an Tönen zu spielen. Solche Geräte gibt es mit 6 oder auch 7 Saiten, den technischen Kram zu diesen Gitarren erspare ich uns. Jedenfalls spielt der Uli mit einer seiner Skygitarren seit dem Jahr 2007 gerne mal bei SHAWUE mit. Das sagt meiner Meinung nach eine Menge darüber aus, was er von der Band und ihrer Musik hält. An diesem Abend in Singwitz hatte ich zum dritten Mal das Vergnügen Herrn Roth mit SHAWUE zu erleben.

Mit einem donnernden musikalischen „Macht die Leinen los“ gaben Heike, Charlott, Andreas, Manuel, Uli und Lutz den Singwitzern für die nächsten Stunden die Richtung vor. Obwohl das Lied ja von der ewigen Suche nach dem Paradies handelt, formten sich dazu ganz andere Bilder in meinem Kopf. Ich sah vor meinem geistigen Auge Frontmann Lutz Neumann wenige Minuten vor der Show gefesselt im Backstage-Bereich und hörte ihn dieses „Macht die Leinen los“ brüllen, denn der Mann wollte endlich raus ans Mikrofon.

Wer SHAWUE jemals live gesehen hat, weiß ja, dass Lutz bei den Konzerten wie von einer Last befreit und von Ketten entfesselt über die Bühne fegt. „Macht die Leinen los. Wir legen ab in Richtung Horizont, Vor uns liegt die neue Welt“ könnte man aber auch sehr gut als Aufforderung an das Publikum verstehen, sich vom Alltag zu befreien, gemeinsam mit SHAWUE neue musikalische Horizonte zu entdecken und das kleine Paradies eines Konzertes zu erleben. Oh weh, was habe ich denn da geschrieben? Manchmal kommen mir wirklich seltsame Gedanken*g*;-). Vielleicht liegt das ja auch daran, dass ich die Musik von dieser Band besonders bei den Livekonzerten zu sehr großen Teilen als gute Laune-Musik empfinde. Ich kann dabei wirklich wunderbar abschalten und einen Abend lang Spaß haben.

Das ist eigentlich gar nicht so selbstverständlich, denn die Texte der Lieder sind oft harter Arbeitsstoff fürs Gehirn und eigentlich gar nicht immer auf Partystimmung ausgerichtet. Sie behandeln Themen bzw. Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind und die wohl auch einen selbst betreffen können. Die Lieder erzählen von Menschen sowie ihren Problemen mit sich selbst, mit den Leuten im Umfeld und mit der großen Welt drumherum. Liebe, Träume, Wünsche, Beziehungsstress, Schicksale, Krieg – und viele andere Themen werden darin verarbeitet. Die ganze Palette an Gefühlen von Freude, Optimismus, Lebensmut über Wut, Ratlosigkeit, Mitleid bis hin zu Trauer spiegeln sich in den Texten wider. Nicht umsonst nennt die Band ihren Stil auch message folk. Obwohl der Begriff folk hierbei alles oder nichts bedeuten kann.

Was SHAWUE macht, geht schon in die Folkrichtung, aber da ist noch jede Menge harter Rock, Punk, etwas Grunge, Blues und Country dabei. Weiß der Geier, wie man das feine Musik-Sammelsurium dieser Kapelle besser kurz und treffend bezeichnen könnte. Also belassen wir es bei message folk.

Die Musik von SHAWUE ist live höchst explosiv und auch im Kesselhaus genügten die Funken Leidenschaft und Spielfreude, um das Folkrock-Feuerwerk zu starten. Es dauerte nur Sekundenbruchteile bis sich auf der Bühne eine ungeahnte Energie entlud. Die aus Charlott am Bass und Manuel am Schlagzeug bestehende Rhythmusgruppe sorgte für ein temperamentvolles, lebendiges Fundament an dem sich die anderen Bandmitglieder sorglos entlang hangeln konnten. Andreas Mann und Uli Jon Roth gaben mit ihren Gitarren dem (Rock-)Soundgerüst Kraft und Fülle. Doch die entscheidende Folkwürze erhielt das Ganze durch Heike und Lutz Neumann in Form von Geigen- und Mandolinenklängen. Die der Musik von SHAWUE innewohnende Energie übertrug sich besonders auf Lutz und Charlott. Tochter und Vater rockten wie die Hölle um die Wette. Mir als Betrachter viel dazu Folgendes ein: Medizin nach Noten war vorgestern, Aerobic gestern - heute gibt es Shawue live. Aber gerade dieses quicklebendige, wilde Rocken als Ausdruck ungezügelter Spiel- und Lebensfreude sehe ich unheimlich gerne und es steht der Band außerdem ausgezeichnet zu Gesicht.

Die Setlist fand ich sehr gelungen. Sie war abwechslungsreich und inhaltlich sowie dramaturgisch sehr klug zusammengestellt. Neben den komplett eigenen Erfolgsstücken wie „Halte durch“, „Scheißkerl“, „Sie tanzt auf ihren Rädern“oder „Silbermond“ schmetterten die Tonkünstler von SHAWUE auch ein paar besonders schöne Coverversionen in den Raum. Es gibt Künstler deren Interpretationen bekannter Songs mir oft besser gefallen als die Vorlage. Gundi war so ein Spezialist, der sich geschickt an Liedern anderer Künstler bediente und daraus was Neues zauberte. Mag sein, dass das daran liegt, dass Gundermann eigene deutsche Texte zu den Melodien schrieb und diese sich mir naturgemäß leichter erschließen als englisch gesungenes Zeug. Ich gebe es zu, bei einigen Liedern kannte ich Gundis Schöpfungen eher als das Original. So ging es mir zum Beispiel bei „“Downtown Train“(„Wo bleiben wir“ bei Gundi) von Tom Waits. Das Leben schreibt manchmal herrliche Geschichten, denn auch Lutz Neumann fiel zu diesem Waits-Song ein neuer Text ein. Es war schon leicht irritierend und auch irgendwie spaßig an diesem Abend den in meinen Gedanken immer wieder aufblitzenden Gundi-Text mal beiseite zu schieben. Doch Shawue setzte an diesem Abend noch einen drauf indem sie sich an Bob Dylons „The Times They Are A-Changin’“ wagten und daraus „Die Welt wird sich verändern“ machten. Bei diesem Lied wechselten sich die Bandmitglieder bis auf Heike am Gesang strophenweise ab. Die Bassistin Charlott übernahm den Sologesang bei „Nach Haus“. Ein echtes Sahneschnittchen für die Freunde der HENDRIX’schen Gitarrenakrobatik lieferte ULI JON ROTH mit „All Along The Watchtower“ ab.

Wenn wir gerade schon bei Ausnahmegitarristen sind, möchte ich an dieser Stelle dem Menschen und Musiker Lutz Neumann ausdrücklich meinen Respekt zollen, weil er immer wieder an den leider viel zu früh verstorbenen Gitarristen und Komponisten Christian „James“ Müller und seiner Bedeutung für SHAWUE erinnert. James schrieb einige Lieder für SHAWUE und er prägte mit seiner Art Gitarre zu spielen jahrelang den Sound von SHAWUE entscheidend mit.

Gerade in der Gegend um Bautzen war Christian Müller kein Unbekannter. Er war als Puppenspieler sehr bekannt und spielte außerdem in der legendärenHONKY TONKY BAND. HONKY TONKY war in meiner Jugendzeit so ziemlich die schärfste Rockband weit und breit. Mich wunderte, dass in Kesselhaus nur wenige Leute applaudierten als Lutz an James erinnerte. Wahrscheinlich waren viele Besucher schlicht zu jung um Christian Müller noch zu kennen oder sie kamen aus Gegenden, wo die HONKY TONKY BAND nicht diesen Kultstatus wie hier hatte. Dass die Dankbarkeit gegenüber James beim SHAWUE-Frontmann Lutz Neumann vom Herzen kam und kommt, weiß ich hundertprozentig. Das sagen mir mein Gespür, die Bandgeschichte von SHAWUE und einige CD’s. Selbst auf dem Cover seiner Jubiläums-CD „Leinen los“ aus dem Jahr 2010 bedankt sich Lutz neben vielen anderen Leuten auch bei Christian „James“ Müller.

Mit „Dann Schrei“ und „Ich komm heim“ sowie 2 anschließenden Zugaben endete das Konzert. Für Lissi und mich war es wieder ein toller Abend mit Shawue. Vielen der Besucher wird es wohl ähnlich gegangen sein, denn die Band erhielt extrem viel Zustimmung in Form von Beifall. Als wir uns ins Auto schwangen war es bereits 01.00 Uhr. Eine Bemerkung oder eher ein Wink mit dem Zaunpfahl zum Schluss: SHAWUE sollte euch doch auch mal einen Abend wert sein?

Gruß Kundi

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 06.05.2020 14:18 | nach oben springen

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RE: SHAWUE mit ULI JON ROTH 30. Juli 2011 KesselhausLager Singwitz

in Konzertberichte 2018 und älter 02.05.2020 23:35
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Fotos Teil 2.

Gruß Kundi

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