#1

HULDRELOKKK – Der Lockruf der Trollfrauen

in Konzertberichte 2015 und älter 25.03.2014 19:50
von Holger | 203 Beiträge | 564 Punkte

Die skandinavische Weltmusikband HULDRELOKKK im Kulturbahnhof Radebeul am 23.03.14

Am eher verregneten vergangenen Sonntag machten wir uns auf den Weg nach Radebeul, um das Wochenende noch mit einem schönen Folkkonzert abzuschließen. Im sanierten alten Bahnhofsgebäude in Radebeul-Ost gibt es jetzt eine neu geschaffene Kulturhalle, wo Veranstalter PETER BRAUKMANN ein Konzert mit nordischer Folkmusik organisiert hatte.
HULDRELOKKK ist eins von mehreren Projekten der in Norwegen geborenen und jetzt in Berlin lebenden KERSTIN BLODIG, die eine der bekanntesten Vertreterinnen nordischer und keltischer Musik ist. Mit von der Partie waren die Dänin LIV VESTER LARSEN und die Schwedin MIA GUNBERG ADIN. Diese drei nennen sich HULDRELOKKK, was umgangssprachlich übersetzt „Lockruf der Trollfrauen“ bedeutet.
Los ging es mit einem a-capella-Titel, der von den dreien perfekt und harmonisch dargeboten wurde. Dann wurde man mit Balladen aus alter Zeit in die Welt des Nordens mit ihrer Mystik und ihrem Zauber entführt. Der mehrstimmige Gesang in Verbindung mit den beiden Geigen von LIV und MIA und der Gitarre von KERSTIN erzeugten eine schwer zu beschreibende Stimmung, einfach ganz überwältigend. MIA GUNBERG ADIN hatte noch ein weiteres Instrument dabei, eine sogenannte Nykkelharpa, frei übersetzt Schlüssefidel, ein schwedisches Nationalinstrument mit einem ganz besonderen Klang, was auch besonders schwer zu bespielen ist. KERSTIN war neben ihrer Gitarre auch bei einigen Titeln an der Bodhran zu erleben.
Jede der 3 Damen zelebrierte auch einen Titel solo, wobei KERSTINs Gesangsparts besonders beeindruckend waren.
Es war ein wunderschönes Erlebnis, so dass man nicht umhin kam, die CD von HULDRELOKKK mit dem Titel „Trolldans“ zu erwerben. Nach einem ersten Hören bin ich davon absolut begeistert, besser kann eigentlich nur HULDRELOKKK live sein.
Die Veranstaltung war für einen Sonntagabend gut besucht, die reichlich 80 Plätze waren alle besetzt, was auch für den Veranstalter eine schöne Bestätigung ist, daß Folk-und Weltmusik doch noch angenommen wird.
Ein Hinweis noch, KERSTIN BLODIG ist mit ihrem Soloprogramm am 11.04. in Meissen zu Gast, der genaue Veranstaltungsort ist noch offen.



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#2

RE: HULDRELOKKK – Der Lockruf der Trollfrauen

in Konzertberichte 2015 und älter 25.03.2014 20:03
von HH aus EE | 854 Beiträge | 2084 Punkte

Huldrelokkk – dem Lockruf der Trollfrauen erlegen (23.03.2014)

Es ist jetzt schon wieder fast drei Jahre her. Da fuhr ich mit meinem Blechfreund zum Club Passage in Dresden - Gorbitz. Mich hatte eine Band namens KELPIE gereizt, weil mir damals die Assoziation zum gleichnamigen Song von Jethro Tull durch den Kopf schwirrte und mit solchen Liedern sich für mich schon seit vielen Jahren Horizonte zum Folk-Rock Englands auftun. Ich mag die Musik von Steeleye Span, von Faiprort Convention, von Sandy Denny sowieso und alles, was sich um die keltische und schottische Liedtraditionen, wie zum Beispiel Clannad, bis in heutige Tage rankt. Und ich liebe Mari Boine, deren Musik ich vor Jahren auch eher zufällig für mich entdeckte und seither nicht mehr davon lassen kann. Damit war der weite Bogen geschlagen. Die Lieder von KELPIE öffneten mir an jenem Abend eine weitere Tür, die zur Musik Skandinaviens. KERSTIN BLODIG hatte mich verzaubert mit ihren Gesängen von Feen, Trolls und der Saga vom Kelpie, mit Tänzen und Liedern einer anderen Folklore. Von da an wollte ich mehr und dennoch hat es jetzt doch fast drei Jahre gedauert, bis sich wieder eine Chance für mich ergeben hat, dem „Lockruf der Trollfrauen“ zu folgen, mich der fremden Faszination von „Trollgesängen“ und Tänzen hinzugeben.

Das alte Bahnhofgebäude inmitten von Radebeul weckt nicht gerade Gedanken an dichte Wälder, in denen sich Trolls und Feen verstecken könnten. Erst recht nicht an diesem kalten verregneten Abend, der gerade erst beginnt, dunkel zu werden. Es ist Sonntag und die ehemalige Empfangshalle, mit den Stuhlreihen darin, noch leer. Auf dem Podest vorn recken drei Mikrofonständer, von Blättergirlanden umrankt, ihre dünnen Hälse kahl nach oben. Von Trollfrauen weit und breit keine Spur und Geräusche kommen erst mit den Besuchern in die kleine Halle, die sich langsam füllt. Erst jetzt liegt so etwas wie Spannung in der Luft und Neugier in den Gesprächen zu spüren.

Die ersten Töne erklingen a capella. Drei Frauenstimmen, fremd und betörend, beinahe zerbrechlich wirkend, füllen die Halle aus und plötzlich ist ein Zauber da. Diese Harmonien kommen mir irgendwie ungewohnt reizvoll vor, haben etwas von dezenter Beschwingtheit. Erst im Laufe des Abends erfahren wir mehr von der anderen Mentalität des kühlen, aber glücklichen Nordens, in der selbst so etwas wie ein „freundliches Begräbnis“ vorkommt. Bei mir sind es Bilder der Erinnerung an einige Segel-Törns auf der Ostsee, die bis in die Schären nach Marstrand führten. Plötzlich hatte ich wieder dieses Gefühl, in der abendlichen Ruhe und Harmonie der kleinen Inselhäfen angekommen zu sein. Die Namen sind mir fremd, auch der von „Lars Linkerifot“, aber die Melodien, von Rhythmuswechseln unterbrochen und von sparsamer Geigenbegleitung getragen, kommen mir vor, als würde ich sie schon einmal dort im Norden gehört haben. Die drei Frauenstimmen ergänzen sich perfekt, formen im Wechselspiel die Melodie, die dann von den beiden Geigen übernommen wird. Das alte Volkslied Norwegens wurde von KERSTIN BLODIG neu bearbeitet und klingt frisch, als wäre es gestern entstanden.

Diese alten Mittelalterballaden klingen ganz und gar nicht verstaubt. Für mich fühlen sie sich wie eine klingende Mischung aus Lebensfreude und Sparsamkeit an, in denen oftmals uns fremde Geschichten erzählt werden. Bei „En sang til deg /Sexpolskan“ fasziniert mich der perfekte a capella – Gesang und bei der dänischen Ballade „Kristin“ sind es die wohlklingenden Harmonien voller Kraft und Schönheit, mit denen die drei Damen, mit einem Lächeln auf den Lippen, von der „Braut, die den Bräutigam isst“ singen und wenig später von „einem Ritter, einer Nachtigall sowie Gold und Edelsteinen“. Über den jeweiligen Hintergrund klärt uns KERSTIN BLODIG auf und auch darüber, welche Wünsche ein Ritter einer Jungfrau („Det stod en jungfrau vid en brunn“) erfüllen soll, um sich ihrer Gunst sicher zu sein. Sie lässt uns einiges über die Trollfrauen wissen, die übrigens einen Kuhschwanz haben sollen, und deren Lockruf, „Huldrelokkk“ genannt“. Sie spielen uns den Tanz der Trollfrauen, den „Huldrehalling“ und danach weiß ich eine ganze Menge mehr und auch, wie es sich anfühlt, wenn sich Trollfrauen im Reigen zur Musik wiegen. Diese eigenartig reizvolle Stimmung, die beim Geigenspiel zum groovenden Rhythmus einer Bodhràn entsteht, fühlt sich für mich richtig gut an. Sie lässt die Füße im Takt wippen, während die Emotionen der Melodie des Trolltanzes und den Stimmen der drei Ladies vor mir folgen, irgendwo hin, in eine andere Welt und Zeit, aber dennoch vom Spiel her mitten im Heute. Das ist einfach Klasse.

Deren Stimmen ergänzen sich auf traumhaft sichere Weise, aber auch als Solisten haben KERSTIN aus Norwegen und MIA GUNBERG ADIN aus Schweden Erstaunliches zu bieten. Am meisten hat mich MIA mit ihrer Schlüsselgeige, oder auch Tastenfiedel genannt, beeindruckt. Dieses Instrument mit seinen 16 Saiten hat einen ganz eigenen intimen Klang. Er entsteht, indem man auf nur drei Saiten spielt, die mittels kleiner Hebel, Tangenten genannt, ähnlich wie bei einer Drehleier, verkürzt werden und auf diese Weise ihren Ton ändern. Die anderen zwölf Saiten dienen als offene Resonanzsaiten und eine ist allein für den tiefen Klang zuständig. Dies zu erleben, zu sehen, wie eine schwedische Nyckelharpor gespielt wird, war für einen, der einst sieben Jahre Geige geübt hatte, besonders interessant. Diese beiden Soli, das dieser Schlüsselfiedel und KERSTIN BLODIG mit ihrer Gitarre, muss man einfach live gesehen und erlebt haben. Ebenso hat mich begeistert, wie später im Programm LIV VESTER LARSEN aus Dänemark ihrer Geige ein weiteres Solostück, so völlig anders, als man eigentlich von einer Violine erwartet, entlockt hat. Die Leichtigkeit, mit der alle drei ihre Instrumente beherrschen und bei den unterschiedlichen Liedern dazu ihre Stimmen einsetzen, lässt den Eindruck von völliger Entspannung entstehen. Ihr Zusammenspiel, das ich bewundere, zeugt dennoch von nahezu absoluter Perfektion, aber nichts wirkt überzogen oder künstlich aufgesetzt. Die Musik entsteht ganz natürlich aus sich selbst heraus und versprüht überall diese angenehme Leichtigkeit.

Nordische Sprachen haben einen angenehmen Klang und dann staunt man nicht schlecht, was für
skurrile und böse Geschichten sich hinter dem Wohlklang verbergen können. So ist „Trummerum“, ein satt groovendes Instrumentalstück, von den Verkehrgeräuschen einer fahrenden U-Bahn inspiriert und ein weiteres von der Stimmung und Wucht eines Schneesturms. In „Polska fran Hällefornäs“ erzählen sie, wenn ich das richtig verstanden habe, singend von einem Spielmann, der mit seinem Spiel alle und alles verzaubert und so zum Tanzen anregt: Menschen, Tiere, Tische, einfach alles. Auch von der wundersamen Saga eines 15jährigen Mädchens wird gesungen und von vielen anderen schönen und sagenhaften Dingen und Figuren auch, die entdeckt werden wollen.

An diesem Abend bin ich wieder einmal dabei, eine neue Facette Musik für mich zu entdecken. Ich erlebe eine einfühlsame Sängerin KERSTIN BLODIG, die beim Spiel mit ihrer Gitarre zu verschmelzen scheint, mit geschlossenen Augen Töne zaubert und sie wirken lässt. Ihr zur Seite zwei einfühlsame Damen, LIV und MIA, die mit ihrem mitreißendem Geigenspiel den Klang des Trios prägen und für viel Abwechslung sorgen. Sie lassen mittelalterlich wirkende Melodien mit einem fremden Hauch von Folk entstehen und in anderen Momenten wirken die traditionellen Lieder, weil neu bearbeitet, einfach nur zeitlos und modern, reißen einen mit ihrer Impulsivität mit, wenn die beiden Geigen miteinander im Einklang rasant schnell den Melodielinien folgen, sich einfach nur auszutoben scheinen. Momente später schwingt dann nur noch der pure Sound der Stimmen im Raum, beinahe sphärisch entrückt scheint die Stille einen Klang zu haben, der plötzlich einer totalen Stille weicht, ehe der Applaus folgt. Da bleibt einem schon mal das Staunen im Hals stecken. Selbst ein schlichtes „Tra La La“ bekommt durch die Stimmen von KERSTIN, LIV und MIA etwas mystisch Erhabenes. Ich bin begeistert und trau’ mich dennoch nicht wirklich, meine Begeisterung zu zeigen. Erst nachdem am Ende das Titelstück der aktuellen Scheibe „Trolldans“ verklungen ist, bricht es doch noch aus mir heraus.

Eigentlich endet der Abend nach den Zugaben, in denen auch eine Hochzeit „Dronnigens Contillion“, besungen wird, viel zu schnell. Das feuchte Wetter draußen hätte ich gern noch gegen einige Lieder mehr von HULDRELOKKK eingetauscht. Es gibt nicht so viele Abende, an denen man sich gänzlich unverkrampfter Folk-Musik, fernab jeglicher starrer Einordnungen, hingeben und dabei eine fremde Sagen- und Folk-Welt entdecken kann. Hier ist nichts aufgesetzt oder hetzt irgendeinem Modetrend hinterher. Die Musik von HULDRELOKKK feiert sich selbst, sie bringt uns alte Weisen und Weisheiten liebevoll in einem zeitgemäßen Gewand nah, einige Überraschungen inbegriffen. Letztlich aber ist dieser stimmungsvolle Abend die eigentliche Überraschung und auch, dass es noch immer Menschen gibt, die sich vielleicht auch ein Vergnügen daraus machen, solche Abende für andere auf die Beine zu stellen. In Radebeul bin ich dem „Lockruf der Trollfrauen“ erlegen und beinahe möchte ich wetten, das dies jederzeit wieder geschehen könnte, wenn sie zum „Trolldans“ laden.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 25.03.2014 20:05 | nach oben springen


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