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DUO SONNENSCHIRM live im CLUB PASSAGE, Dresden

in Konzertberichte 2015 und älter 09.02.2014 19:07
von HH aus EE | 879 Beiträge | 2143 Punkte

Duo Sonnenschirm – wenn der Wortwitz ausschlägt (08.02.2014)

Die hatte ich schon lange auf meinem Schirm, das Duo SONNENSCHIRM, und das, seitdem sie mir vor drei oder vier Jahren wieder in das Bewusstsein, durch eine Veranstaltung in Leipzig, gerückt wurden. Da fielen sie mir wieder auf und wäre ich in Leipzig zu Hause gewesen, dann – dort bin ich aber leider nicht zu Hause und deshalb habe ich einfach gewartet, ob die beiden Sonnenschirme sich noch einmal in meiner Nähe würden entfalten wollen.

Die Vorgeschichte hängt, wieder einmal, mit meiner kulturellen Vergangenheit zusammen. Es muss 1990 oder 1991 gewesen sein, als die beiden in unserem kleinen Klub „Die Stube“ in Elsterwerda einen Auftritt hatten, der uns allen viel Spaß bereitet hatte. Die Erinnerungen daran und eine alte Langspielplatte mit dem bezeichnenden Titel „Flucht nach vorn“ (Löwenzahn, 1990) sind bei mir hängen geblieben. Der eine, JÜRGEN B. WOLFF, war mir als Teil der DDR-Folkbewegung und Mitglied der legendären FOLKLÄNDER ein Begriff und den anderen, DIETER BECKERT, kannte ich bis zur Veröffentlichung ihrer ersten LP „Beschattung durch Duo Sonnenschirm“ (Amiga, 1989) gar nicht. Gerade diese LP aber war der Anstoß, die beiden für ein Konzert in unser gute „Stube“ zu holen, wo wir über deren frechen Wortwitz und die kabarettistischen Szenen viel und kräftig gelacht haben. Damals gaben die Zeiten uns allen eine Menge Anregungen, um sie „brachial und kabarettistisch“, so dass keiner daran vorbei kam, zu verarbeiten. Aus diesem Antrieb heraus entstand im Jahre 1993 „Live aus dem O-Zonenloch“, eine Scheibe, für die das Duo auch prompt einen geeinten Kritikerpreis einheimste. Inzwischen sind die Zeiten schon wieder so, nur eben anders, aber die Lust, sich das „brachialkabarettistisch in Brachialromantik“ neu aufbereitet und live servieren zu lassen, die ist auf jeden Fall auch wieder da:
„Budj vsegda budjet Sonze, in Silber, Geld und Bronze“. Mit dieser russischen Melodie im Kopf und einem Lächeln, des verqueren Wortspieles wegen auf den Lippen, fahre ich also, wieder einmal, mit meinem Blechfreund auf der A13 in Richtung Dresden. Der CLUB PASSAGE ist mein Ziel.

Dort angekommen und hinein geschaut, bemerke ich zu meinem Schrecken und der Künstler Freude, dass der Club in Gorbitz total ausverkauft ist. Da hilft nur stures Worten und das leise Hoffen, eine der vorbestellten Karten möge verhindert sein. Schließlich hatte sich auch bei mir eine klitzekleine Grippe eingenistet. Das Warten an der Tür lohnt sich und Dank eines sehr freundlichen jungen unbekannten Paares erhasche ich sogar einen Platz außen am engen Fenstergang. Jetzt kann ich mich bewegen, der duale Sonnenschirm sich auf der Bühne entfalten.

In den Gründungsjahren des Duos, also weit zurück in der FDJ-DDR, sollte dieser Schirm als Schutz gegen die all zu übermächtigen Strahlen der Sonne auf den Ärmeln blauer Hemden herhalten. Heute, da all die Grenzen, einschließlich der des guten Geschmacks, längst gefallen sind, ist die Farbe der Hemden nicht mehr maßgebend und jeder darf sagen, was er denkt, wenn es auch nichts bringt. Es gilt, die Träger der Hemden, mit den schneeweißen Westen darüber, zu entdecken. Aber auch den einfachen Bürger, wie den „Mann mit den großen Sorgen“ oder die anderen Männer „beim ersten gemeinsamen Bier“. Die Herren WOLFF, mit Gitarre sitzend, und BECKERT, der am Tisch-Harmonium stehend, lassen gleich zu Beginn keinen Zweifel daran, dass es ihnen gar nicht um billig niveaulose BlödelBardelei und Gürtellinienplattheiten geht, sondern um die handfest spürbaren alltäglichen Gemeinheiten des Lebens, wie zum Beispiel die des „Problems mit der Schwerkraft“ oder der anderen, mit der „mit der Langeweile“. Wie die beiden SCHIRMherren das musikalisch meistern, in die Musik ihre Wortkreationen verpacken und dann auch noch voll auf die Zwölf, also den Nagel auf den Kopf, treffen, ist einfach nur bewundernswert. Ganz einfache Themen werden bis ins Groteske überzogen, so dass manchmal die Grenze zwischen spitzer Ironie und liebevollem Wortwitz erst in letzter Sekunde und mit der letzten Silbe klar zu erkennen ist. Aber dann springt mein Zwerchfell im Kreis und im voll gestopften Club höre ich herzerfrischendes Lachen. Denken macht also doch Freude!

Als in die Jahre gekommener Beat-Jünger aus den wilden 60ern, amüsiere ich mich natürlich beim „Lied über die biochemischen Grundlagen des Glück (oh oh Endorphine)“, das unschwer als die alte Beat-Nummer „Motorbiene“ zu erkennen ist. Doch bei den „drei Tee-Sorten der Revolution“ und den
philosophischen Querschlägern und Geschichtsmärchen des Marquis de Sartre, bei denen sich die beiden da vorn die mit Zündstoffen voll gepackten Worthülsen wechselseitig zuwerfen, kann ich mich einfach nicht mehr halten und nach dem „Liebeslied“ (Inge Kleinschmidt)“ stellen sich erste Symptome von Bauchschmerzen ein. So liebevoll ungleichen Paaren Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ist einfach nur einsame Spitze.
In der Abteilung Umweltschutz bekommen die Grünen ihr Fett weg, „damit der blaue Planet blau bleibt“, und in der anderen Abteilung Kunst erklingt „Dieses Lied sing’ ich Kurt Demmler“ und wir erfahren, dass ein „Musicker (richtig gelesen) einsam muggt“. Es folgt die Abteilung Malerei: „Lieber Maler male mir - als Belöhnung gibt’s ’ne Dröhung“ und dann noch den „Re-Generation-Energy-Song“ als kleines Frühlingsliedchen. Dann kann ich nicht mehr, mein Zwerchfell streikt und die Luft im Raum ist warm, als wäre es Hochsommer. Zeit für eine Verschnaufpause, frische Luft oder frisches Bier.

Die nutze ich, um meine Eindrücke zu sortieren. Ist das nun liedhaftes Kabarett oder werden hier die Lieder kabarettistisch aufgefüllt, wobei der Begriff Lied sich den ganzen Abend über als irreführend erweist. Der Herr WOLFF hat noch immer sein vom Folk inspiriertes Timbre und der Herr BECKERT singt und spricht mit spitzer Zunge, beide grooven sie wie die Wilden, man benutzt eine sprechende Puppe und einen bunten Staubwedel. Die Schönheit entdeckt man oftmals nicht im Klang oder in den sperrig langen Wortbildungen, die vermittelt werden, sondern in den Wahrheiten, die sich dahinter verbergen. Der Genuss ergibt sich, wenn man die Spitzfindigkeiten und Überhöhungen sowie sich selbst dabei im alltäglichen Wahnsinn erkennt wieder findet. Dabei werden munter Stile und Anleihen vermischt, manchmal verzerrt und am Ende doch immer auf den Punkt gebracht. Dass sich beide dabei als urwüchsige Musikanten erweisen, ihr Instrumentarium perfekt und zweckdienlich einsetzen, merkt man bei so viel bissigen Wohlklang und instrumentaler Finesse schon gar nicht mehr.

Der selbst gewählte Begriff der „Brachialromantik“ passt vortrefflich, wenn man genüsslich das weit gefasste Interview eines „Vuugtländers“ verfolgt: „Niemand hat hier die Absicht, eine Mauer zu bauen“. Was danach folgt, muss man nicht nur gehört, sondern erlebt und mitgelacht haben. Wir bekommen alle eine gewaltige „Pegelregelschluckimpfung“ und erfahren eine Menge über eine Reise mit dem „Tripper-Jet zum Fick-Ness-Centre“ in den Süden sowie über den Artenschutz des realen „CDU-Uhus“. Auch im zweiten Teil wird keiner geschont und das DUO SONNENSCHIRM weiß gar wichtiges über Hundehaltung zu berichten - „Mein Hund der hat drei Zecken“ - und auch zu besingen: „Nimm’ erst mal deine Leine und gehe mit dem Hund“. Der Hundliebhaber in mir kommt kaum noch mit dem Lachen und Amüsieren hinterher. Es schmerzt, ohne dass mir jemand weh tut.

Natürlich bekommen noch viele weitere hohe Institutionen, etwa der Heilige Stuhl oder die Zocker an der Börse, ihr Fett weg, unterlegt von Grooves und dumpfen Bass-Wummern, wie man es aus manch vorüber fahrenden Auto Jugendlicher kennt. Was ich besonders köstlich finde, ist die tolle Adaption der alten Rare Bird – Nummer „Sympathy“ als „Mitgefühl, ist was du brauchst mein Freund“ und auch die bildgewaltige Beschreibung einer Fahrt mit einem Schiff der weißen Flotte auf der Elbe als Lied vom „Möwenschiss“. Die zwei Stunden unter dem SONNENSCHIRM, die Pause nicht eingerechnet, haben es in sich und sind voll gestopft mit Abwechslung, Überraschungen und prickelnden Blicken aus bisher ungewohnten Blick- und Hörperspektiven. Die beiden Künstler JÜRGEN B. WOLFF, der mit der scharfen Stimme, und DIETER BECKERT, der das dunkle Pendant dazu liefert, sind perfekt, einer auf den anderen, eingespielt. Manchmal kann ich nur noch fassungslos staunen, wie die beiden sich ihre Textpassage hin und her jonglieren und nur dann aus dem Takt kommen, wenn sie selbst das Lachen überkommt, frei nach ihrem eigenen Motto: „Ist es der Sinn des Lebens, ständig Pläne über den Haufen zu werfen und wenn ja, über welchen?“ Einfach nur köstlich!

Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen und ich frage mich am Ende wirklich, wie die beiden das machen. Den ganzen Abend über hagelt es Pointen und Querschläger, ständig werden Worte neu miteinander kombiniert oder bekommen anderen Sinn verpasst und niemand merkt, was da für eine aufwendige Kleinarbeit hinter stecken muss, um im „sächsischen Zwischenraum der Evolution“ (O-Ton des Club Passage), dekoriert mit einem bunt und skurril bemalten Hinterhang, zwei Stunden voller Leichtigkeit und Charme entstehen zu lassen. Ich habe es die ganze Zeit über mit all meinen Sinnen genossen und wer meint, mal wieder und ohne Rezept und Medikamente, eine frische Formatierung seiner biologischen Festplatte haben zu müssen, der sollte sich dringend unter den Schutz vom DUO SONNENSCHIRM begeben. Lieber sofort oder gleich nächstes Wochenende, als weiter mit dem Unverständnis zu leben, über welchen Berg denn nun all die Pläne geworfen werden müssen. Meinen Berg habe ich inzwischen gefunden und mit dem Aussortieren der Pläne beginne ich gleich nach dem Schreiben. Mein SONNENSCHIRM ist schon aufgespannt.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 09.02.2014 19:09 | nach oben springen


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