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10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 19.09.2020 19:07
von genitiv64 | 185 Beiträge | 426 Punkte

10. Erzgebirgische Liedertour rund um Olbernhau, 13.09.2020

Der Tipp kam von pmausm. Und von Stefan Gerlach beim Konzert von Wind Sand und Sterne. Ein Mitstreiter in Form meines Nachbarn war schnell gefunden, und so ging es am 13.09.2020 nach Olbernhau. Auf der Fahrt nach Olbernhau wurde mir mal wieder bewußt, wie vielfältig doch unser Land ist. Da startet man im Flachland, und rund 40 km später ist man umgeben von Bergen und Wäldern. Ein Parkplatz in Olbernhau war schnell gefunden. Die Frage, wo müssen wir hin, war schnell beantwortet. Ein Mitorganisator gab bereitwillig Auskunft. Nachdem wir auf dem Weg waren, gab es kein Verlaufen mehr. Es war alles hervorragend ausgeschildert. Der Pfeil wies den Weg. Wir wurden beim Start mal gefragt, wo es zur Liedertour geht, da gaben wir zur Antwort, wir laufen auch nur den anderen hinterher.

Der Einstieg für uns war der Spielplatz Bärenbach Als erstes wurde ein Bändchen erworben, 5 Euro. Es waren auf alle Fälle eine Menge Leute auf den Beinen. Ich kann und will nicht alle aufzählen, wer als Band oder Musiker teilgenommen hat, ich möchte heute nur mal ein paar Eindrücke schildern. Am Bärenbachspielplatz spielte der Bandoneonverein Carlsfeld. Ab und zu singe ich zu Hause für mich, bin auch bei mir zu Hause im Volkschor zu Gange, und da dachte ich mir, schaue doch mal auf die Noten. Was sah ich da? Eine für mich vollkommen wilde Notation. Inzwischen weiß ich, viele machen es sich einfach. Die Gitarristen haben für sich die Tabs entwickelt, die Schlagzeuger haben was eigenes, sogar die Bandoneonspieler haben etwas für sich entwickelt. Das Leben schreibt die wildesten Geschichten. Aber dort ging es gleich mit Songs im Dialekt los. Das Erzgebirgische, mir gefällt es. Und wie dort in den Songs das Leben widerspiegelt wird, das ist es. Hatte ich bis vor ein paar Jahren von Volksmusik die Vorstellung, das ist das, was im Fernsehen Sonnabend Abend, oder Sonntag Abend läuft, das ist keine Volksmusik. Das ist Verarsche. Das was zur Liedertour geboten wurde, das ist Volksmusik. Und da muss ich noch was sagen, was ich bei uns im Volkschor gemerkt habe. Die Ansprüche sind da hoch. Da wird um jeden halben Ton gerungen, da wird geprobt, bis die richtige Tonart gefunden ist, bis der Takt stimmt, und bis das Ende mit dem Dreiklang steht.

Wir hielten uns nicht so lange an jeder Station auf, denn wir wollten ja die gesamte Strecke ablaufen. Aber so 15 – 20 min blieben wir an jeder Station stehen, um zuzuhören. An der Schutzhütte Bärenbach war die nächste Station. Dort spielten gerade die Moosbacher, mit Waschbrett und Gitarre. Ich kann mich erinnern, es wurde Wu de Walder haamlich rauschen gespielt. Also gefühlt 5 mal habe ich diesen Song auf der Tour gehört. Der Punkt ist der, es klang immer anders interessant und wurde nicht langweilig, diesen Song zu hören. Noch vor ein paar Jahren habe ich die Nase gerümpft, wenn ich nur den Namen Anton Günther gehört habe. Das war falsch. Denn der Günther Anton, der hat Songs geschrieben, da ging es um Zeitpolitik, um Religion, um Leben und Sterben, Naturverbundenheit, Songs, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben.

Weiter ging es zur Ornamentpflanzung. Auf dem Weg dahin musste ich feststellen, die Jeans, das war nicht die richtige Wahl, und die Jacke und das Hemd hätte ich im Auto lassen können, es wurde immer wärmer. Dort spielten De Ranzen und De Hundshübler Konzertinafreunde, Songs im Dialekt. Mal kurz reingehört, und weiter ging es.

Was wir erleben durften, das war wieder Erzgebirgsfolk. Lieder im Dialekt. Das ist richtig gut anzuhören. Mir gefällt diese Sprache. Das Land, wo der Opa der Op ist, die Oma die Om, wo der Bruder der Brud ist und die Schwester die Schwest ist, wo es die Mamm und den Papp gibt, und wo die Fischeln aus der Bichs kommen. Das hat gar nichts mit Heimattümelei zu tun.
Nächste Station war die Kreuzung Hand. Dort machten wir erst mal Pause, die Schnitten wurden ausgepackt und die Thermoskanne aufgeschraubt. Dort wurde es international. Wir konnten uns das Duo Toter Mohn anhören. Da dachte ich, das Mädel kann ja singen. Das könnten alle anderen auch, aber hier hörte man, das man es mit einer ausgebildeten Stimme zu tun hat. Jedenfalls wurde es Yiddish mit „Bay Mir Bistu Sheyn“.

Am kalten Kober spielten Ina Schirmer, Heiner Stephani und die Hauskapelle. Da machte schon das Anmoderieren Spaß beim Zuhören. Von da ging es steil bergab wieder Richtung Olbernhau. Zuvor war mir schon aufgefallen, dass viele auch mit dem Fahrrad teilnahmen. Na ja, ich finde wandern bei dieser Veranstaltung besser. Auffällig viele e-Bikes waren unterwegs. Als ich Kind war, da gab es Fahrräder mit einem Hilfsmotor. Muss das sein, e-Bike? Ich weiß es nicht, es ist nur ungewohnt, wenn relativ junge Menschen mit einem Affenzahn einen Feldweg hochfahren, der vielleicht 25 % Steigung hat. Das ist für mich Schmu. Andererseits finde ich jeden Morgen eine Ausrede, warum ich die 5 km nicht mit dem Rad auf Arbeit fahre. Da wäre ein Fahrrad mit Hilfsmotor eine gut Alternative. Ich denke noch mal drüber nach.

Jetzt kam der Ort, auf den ich mich besonders gefreut hatte. Der Kupferhammer Saigerhütte, Folkrock mit Stefan Gerlach und Christoph Rottloff. Aber wie es der Zufall wollte, sie spielten noch ein Lied und machten erstmal Pause. Na ja, auch kein Problem. Statt dessen ging es mit Isabelle Ulbricht & Thomas Häntsch weiter, natürlich im Dialekt. Und das Besondere hier war, als Instrument kam eine Kettensäge zum Einsatz. Sie war entschärft, es konnte also nichts passieren. Wenn man weiß, dass Isabell Ulbricht sonst mit der Kettensäge Holzskulpturen erstellt, da relativiert sich das alles wieder.
Weiter ging es zum Kraftwerk Saigerhütte. Dort war gerade Pause. Auch wenn es dort leckere Sachen vom Grill gab, und auch ein frisches Bierchen getrunken hätte werden können, wir ließen es links liegen. Ein kurzer Abstecher ins Kraftwerk wurde gemacht, und die Dampfmaschine bewundert. So lange haben wir uns da auch wieder nicht aufgehalten, denn es war schon 14 Uhr und die restlichen Stationen wollten wir auch noch erleben.

Als nächstes war die Pföbe dran, da gab es wieder Zeugs im erzgebirgischen Dialekt zu hören. Mein Gefühl für Raum und Zeit hatte sich aufgelöst. Trotz Karte hätte ich nicht sagen können, wie weit es noch war. Aber irgendetwas in mir wollte nicht so richtig weiter. Aufgeben ist nicht, habe ich mir gesagt, ein Tee, der letzte in der Thermoskanne, wurde getrunken, und es wurde wieder erträglich.
Der nächste Punkt auf dem Weg war das Schaal-Denkmal. Pmausm hat auf einem „befreundeten“ Portal schon darüber berichtet, dort gab es die Gaengl Band. Die hatten entweder schon Pause, oder waren schon fertig, wir durften „Unfolkkommen“ erleben. Originell und lustig. Dort blieben wir auch etwas länger um zuzuhören.

Auf dem Weg zum Anton-Günther-Stein kamen wir an einem Feld vorbei. Was dort wuchs, das betrachte ich in meinem Garten als Distel, und reiße dieses Unkraut raus. Ich wusste wirklich nicht, was das war. Aber zum Glück standen dort ein paar Einheimische, und ich quatschte sie einfach mal an. Es ist die Karde, nicht Karte, oder auch Karte mit babbschen d. Die Wurzel wird als Heilpflanze verwendet, und es gibt diverse Rezepte, wie sie aufbereitet wird. Die Blütenköpfe wurden früher von Webern zum Aufrauen der Stoffe verwendet. Wieder was dazugelernt. Am Anton-Günther-Stein war der Bandonionverein Carlsfeld e.V. und Is Barggeschrei, leider war gerade Pause, also weiter ging es.

Zum Schluß kamen wir zur Frankwarte. Dort gab es etwas ganz Besonderes zu erleben. Georg Schroeter & Marc Breitfelder, zusammen mit Michal Mueller. Ein Piano/Orgel, eine Mundharmonika und eine Zither. Blues mit einer Zither, das geht. Wenn man denkt, und dabei denke ich an mich, das eine Zither was Altbackenes ist, dann hatte ich mich mächtig geirrt. Aber diese Einstellung hätte bei mir spätestens dann vorbei sein sollen, als ich das erste Mal Lydie Auvray im Fernsehen gesehen hatte. Die spielte das Akkordeon, das hatte nichts Angestaubtes an sich. Dieser Michal Mueller spielt die Zither, er zelebriert den Blues. Das swingt, das prickelt, das schwebt, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll.

Gegen 16 Uhr, nach rund 6 Stunden war es dann vorbei. Wir hatten es geschafft. Keine Blasen, kein Rücken, kein Muskelkater, meine Handy App sagte 14 km. Es war schön. Ich habe Hochachtung vor den Organisatoren. Der Weg muss klargemacht werden, die Bands eingeladen werden. Helfer müssen organisiert werden, der Weg muss ausgeschildert werden. An jeder Station gab es einen Tisch mit Helfern, an dem ein Bändchen erworben werden musste. Aber was sind schon 5 Euro für solch eine Veranstaltung. Glücklicherweise war schönes Wetter, fast schon zu warm. Es tat der ganzen Sache keinen Abbruch, dass man seine Verpflegung selber mitbringen sollte, auch wenn es an manchen Stellen etwas zum Essen kaufen gab. Mir wurde mal wieder vor Augen geführt, wie schön es doch bei uns zu Hause ist. Es gab ein paar einzigartige Ausblicke auf Olbernhau. Auf der Fahrt dahin ging es durch ein paar Orte, wo wir wieder mal hin sollten, und einfach nur mal die Natur genießen. Oder mal ein technisches Denkmal besuchen. Oder mal wieder eine Veranstaltung in der Baldauf Villa in Marienberg besuchen, haben deren Mitarbeiter doch das Ganze organisiert. Und es muss ja auch bezahlt werden. Und das ist gerade in diesen verrückten Zeiten besonders wichtig.

Was sonst noch hängen, ein paar Bands, die jetzt auf der To do Liste meines Lebens gelandet sind, ein paar neue Punkte, die irgendwann mal abgehackt werden müssen, Roter Mohn, Unfolkkommen, Michal Mueller …..

Die 11. Liedertour ist erst einmal vorgemerkt, mal seh´n.

zuletzt bearbeitet 20.09.2020 09:49 | nach oben springen

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RE: 10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 19.09.2020 19:38
von genitiv64 | 185 Beiträge | 426 Punkte
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#3

RE: 10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 20.09.2020 09:48
von Kundi | 3.211 Beiträge | 7247 Punkte

Ich habe mich riesig über diesen Bericht vom "musikalischen Wandertag" m Erzgebirge gefreut.
Die Erzgebirgische Liedertour hat mittlerweile ja schon Kultstatus.

Herzlichen Dank für diese schönen Eindrücke in Wort und Bild, lieber Andreas.

Gruß Kundi


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#4

RE: 10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 21.09.2020 19:26
von Holger | 256 Beiträge | 698 Punkte

Andreas, da hast Du einen sehr schönen Bericht geschrieben.
Wir hatten uns auch auf den Weg gemacht und waren zum ersten Mal dabei, waren mit der liedertourerfahrenen Familie Meissner verabredet und haben die gesamte Strecke gemeinsam absolviert. Wie lange sind wir nicht mehr in dieser Gegend gewesen, das ist schon nicht mehr wahr. Es war ein tolles Erlebnis, so viele fröhliche und zufriedene Menschen unterwegs. In Olbernhau war an diesem Tag die Welt in Ordnung. Ein paar Bilder habe ich noch beizusteuern.



Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 21.09.2020 19:39 | nach oben springen

#5

RE: 10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 22.09.2020 18:30
von PMausM | 1.805 Beiträge | 3831 Punkte

Hallo Ihr beiden Mitwanderer, ganau so war es, wie ihr es beschreibt. Für mich war es die 4. Erzgebirgische Liedertour und es war die beste. So perfekt organisiert und so viele gut gelaunte Musiker und Wanderer. Ich glaube, nach dem wir nun so viel im Netz darüber erzählt haben, ist es schon kein Geheimtipp mehr. Sollten mal Freunde von hier nächstes Jahr Lust haben, 15.08.21 ist der nächste Termin. Die Strecke geht rund um Marienberg.
Solltes es mal von Usern von hier Interesse geben, gemeinsam macht es noch mehr Spaß. Meldet euch dann einfach. Voraussetzung ist: gut zu Fuß.

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#6

RE: 10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 26.09.2020 19:19
von genitiv64 | 185 Beiträge | 426 Punkte

Habe da mal eine "Playlist" zusammengestellt, für all die, die nicht dabei sein konnten.



Video wurde am 1. September 2020 gegen 08:30 Uhr durch Admin. Kundi ordnungsgemäß eingebettet

zuletzt bearbeitet 01.10.2020 08:33 | nach oben springen

#7

RE: 10.Erzgebirgische Liedertour, Olbernhau, 13.09.2020

in Konzertberichte 2020 01.10.2020 08:18
von PMausM | 1.805 Beiträge | 3831 Punkte

Ich mach mal Filmchen von Genitiv im Player


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