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JÜRGEN KERTH 21. Mai 2009 Rock- und Bluesfestival Altzella

in Konzertberichte 2018 und älter 29.05.2020 14:20
von Kundi | 3.241 Beiträge | 7315 Punkte

Ich bin wieder mal in den Keller meiner Festplatte geklettert, um nach alten Schätzen zu buddeln. Dabei bin ich fündig geworden. Die heutige Seite aus meinem persönlichen Muggenpilger-Geschichtsbuchist datiert vom 21. Mai 2009 und dort hatte ich meine Gedanken und Fotos zum Auftritt von JÜRGEN KERTH beim Rock- und Bluesfestival 2009 in Altzella konserviert.

Bitte beachtet bei den Zeitangaben im Text, dass sie den unveränderten Stand von damals haben. Auch wenn dieser Bericht sich etwas unbeholfen liest und die Fotos ebenfalls nicht so toll sind, so sind es doch genau solche Erlebnisse, Gefühle und Eindrücke, die unbedingt zu meinem Muggenpilger-, Konzertnomaden und Konzertgänger-Leben gehören. Vielleicht mögen sich ja auch einige Leserinnen und Leser mit mir erinnern.


Eigentlich wollte ich zum Männertag eine kleine Konzertpause einlegen. Wir hatten sowieso eine kleine Familienfeier an diesem Tag, und manchmal verzichte ich da schon auf ein Konzert. Ganz kurzfristig habe ich mich dann aber doch entschieden, Richtung Nossen ins Kloster Altzella zu fahren. Dort findet nämlich zur Zeit das 7. Rock- und Bluesfestival statt (21. und 22. Mai 09).
Im Rahmen dieses Festivals sollte am Herrentag nämlich auch Jürgen KERTH spielen, und da Jürgens Auftritt bereits für 16.30 Uhr geplant war, kam mir an der heimischen Kaffeetafelplötzlich in den Sinn mal eine Weg-Zeitberechnung zu machen: eine knappe Stunde hin, 2 Stunden Mugge, eine knappe Stunde zurück. Ich könnte also zum Abendbrot zurück sein. Da gab es für mich kein Halten mehr, und schon war ich mit meiner Kalesche auf den Weg ins Kloster Altzella in Nossen.

Als ich ankam, war auf dem Festivalgelände schon ein reges Treiben zu verzeichnen. Das Festival hatte bereits gegen 11.00 Uhr angefangen. Ich muss schon sagen, dass das Klostergelände mit Park, intakten Gebäuden, aber auch Ruinenfragmenten eine malerische und beinahe romantisch anmutende Kulisse bildet. Das Treiben der Bluesfans und die Angebote, Verkaufsstände, Bühnen fügten sich harmonisch ein. Das schöne Wetter wirkte sich ebenfalls auf die Besucherzahlen und die relaxte und lockere Atmosphäre aus.

Ein paar Freunde waren auch schon anwesend. Diese zweitägige Musikveranstaltung war sehr gut organisiert, hatte sehr günstige Preise und das Publikum war bunt gemischt. Sogar Familien mit Kindern waren anwesend. Großartig, was die Festivalorganisatoren dort auf die Beine gestellt haben.

Seit einigen Jahren wächst im Kloster Altzella beinahe still und leise ein wunderbares Rock- und Bluesfestival heran, welches bei einigen Fans schon einen festen Platz im jährlichen Tourplan hat. Es findet immer um den Feiertag Christi Himmelfahrt, oder wir ihn nennen, um den Männer- oder Herrentag, statt.

Das Klostergelände liegt nur wenige Kilometer entfernt von der Bundesautobahn 4 (BAB 4) entfernt und ist somit mit dem Kraftfahrzeug sehr gut zu erreichen. Die Musikauswahl trifft den Geschmack vieler Leute, die aus der Kunden-, Tramper- und Blueserszene der späten 70er bzw. frühen achtziger Jahre stammen. Aber auch die nachgewachsene Generation Musikfans ehrlicher, handgemachter Blues- und Rockmusik ist in Altzella nicht zu übersehen. Gute Musik, vernünftige Preise und eine offene, lockere Festivalatmosphäre verbinden halt.

Obwohl gestern Männertag war, sah man trotzdem keine Horden von volltrunkenen und grölenden Männern in Altzella. Natürlich gehört zu so einem auch das eine oder andere Bier. Aber es blieb alles im vernünftigen Rahmen. Coole Mugge, ordentlich gekühltes Bier, schönes Wetter und viele Gleichgesinnte ringsherum, was braucht man an so einem Feiertag denn mehr?
Wenn man die spielenden Kinder sah und hörte, überall die Menschen aller Altersgruppen im friedlichen Miteinander sah, konnte man fast an ein riesiges Familienfest denken. Das Festival im Kloster Altzella ging tatsächlich sehr angenehm familiär und entspannt über die Bühne.

Meine Vorfreude auf JÜRGEN KERTH war riesig. Der Altmeister aus Thüringens Landeshauptstadt zählt zu den besten Musikern, die dieses Land zu bieten hat. Wenn er zu seiner Gitarre greift und ihr die schönsten Töne entlockt, dann schnalzen Fans und Experten reihenweise vor Begeisterung mit der Zunge. KERTH hat einen ganz unverwechselbaren Gitarrenstil entwickelt. Ob große Open air-Bühne oder kleiner Club, man gebe KERTH etwas elektrischen Strom für Instrument, Mikrofon sowie für Anlage und etwas Licht, dann spielt er 2 oder 3 Stunden auf seine unverwechselbare Art. Mit Leidenschaft und Herzblut bringt er die Körper seiner Zuhörer zum Tanzen, Köpfe zum Mitnicken und manche Menschen sogar zum Mitsingen.

Dabei ist JÜRGEN in all den Jahren immer sich selbst und seiner Heimatstadt Erfurt treu geblieben. KERTH hat einfach sein Ding durchgezogen. Seine Fans hat er dabei nie vergessen. Ich erinnere mich an ein Konzert vor ca. 3 Jahrzehnten in der Bautzener “Krone“ da hat er nach dem Konzert sein Merchandising selbst aus dem Koffer verkauft und dazu hat er noch intensive Gespräche mit den Fans geführt. Keine Minute war ihm für sein Publikum zu schade. Das ist übrigens auch heute noch so.

Das Konzert begann unspektakulär und überpünktlich. Die Musiker nahmen ihre Plätze auf der Bühne ein, griffen zu ihren Instrumenten und schon gings los.
Die Veranstalter waren voll im Zeitplan und JÜRGEN KERTH spielte ab etwa 16.20 Uhr ca. 2 Stunden mit einer Viertelstunde Pause dazwischen. Der Altmeister aus Thüringen wurde auf der Bühne von seinem Sohn Stefan am Bass und Heiko Jung am Schlagzeug begleitet.

Der erste Titel "Komm herein" klang schon wie eine Einladung und bereitwillig folgte ich dem Meister der 6 Saiten für die nächsten 2 Stunden in sein Reich aus Tönen und Noten. Diese handgemachte und ehrliche Musik spricht für sich selbst. Wer ihr einmal gelauscht hat, wird immer wieder zu KERTH-Konzerten kommen.
Die drei Musiker sind gut aufeinander eingespielt, und sie boten auch auf dem Gelände des Klosters Altzella wieder Musik der Spitzenklasse. Ihr Können und ihre langjährige Bühnenerfahrung verschmolzen zu einem Ganzen.

KERTHs Sohn und Bassist Stefan spielt sonst auch bei der Thüringer Band ACOUSTICA, und zwar ziemlich heitere Rhythmen. Heiko Jung ist ein vielseitiger Jazz-, Rock- und Blues-Drummer, der in mehreren Bands Spuren (u. a. Matthias Bätzel-Trio, Veronika Fischer-Band) hinterließ bzw. hinterlässt. Er wurde während der Ostrock in Klassik-Tour 2007/2008 auch im Deutschen Filmorchester Babelsberg gesichtet

Mit seiner alten Gitarre aus dem Hause MIGMA (ausgesprochen Musikinstrumentenhandwerkergenossenschaft Markneukirchen im Vogtland). Mit seinem Saiteninstrument aus Markneukirchen ist JÜRGEN seit Jahrzehnten auf den Bühnen des Landes unterwegs. Seine Gitarre sieht zwar sehr ungewöhnlich und abgenutzt, beinahe schäbig aus. Aber dieser erste optische Eindruck täuscht. Das Aussehen einer Gitarre allein sagt nämlich noch lange nichts über deren Klang und die Fertigkeiten ihres Besitzers aus. KERTH hat die Gitarre durch diverse Umbauten seinen Wünschen und Vorstellungen angepasst. Für dieses Instrument, welches in der Musikwaffenschmiede Markneukirchen gefertigt und in Erfurt durch KERTH optimiert wurde, müsste man eigentlich einen 6-Saiten-Waffenschein für KERTH ausstellen. Jedes Mal, wenn er den Stecker einklinkt wird er eins mit seiner Migma und dieses untrennbare Duo fabriziert bei jedem Konzert ein Dauerfeuer aus Rock, Blues, Reggae, Swing und sonstigen Einflüssen. Das Aussehen einer Gitarre allein sagt noch lange nichts über deren Klang und die Fertigkeiten ihres Besitzers.

Spätestens mit dem zweiten Lied „Komm zurück" war das Publikum von KERTH und seiner Musik gefangen. Man bedenke dabei, dass es sich hier um einen Festivalauftritt, noch dazu am Nachmittag, handelte, und das Publikum auch deswegen kein reines KERTH-Publikum war. Doch Jürgen, Stefan und Heiko überzeugten mit musikalischem Können, Leidenschaft und wunderbaren Liedern.

KERTH klingt live nie stereotyp oder abgedroschen. Er spielt seine Solos aus dem Bauch heraus, wie es ihm gerade einfällt. Deswegen klingen seine Songs auch bei jedem Konzert ein wenig anders. KERTH-Musik ist handgemachte Musik mit Seele.

Auch bei diesem Konzert war ich wieder total begeistert und fasziniert von dem, was ich hörte und sah. Die Mischung aus Blues-, Reggae-, Jazz-, Soul- und Rockelementen ist ja auch typisch für KERTH und absolut zeitlos. Natürlich spielte KERTH bekannte Lieder wie "Ich liebe die Eine" (hier besingt er seine legendäre Migma) oder "Oh wie würd‘ ich euch beneiden".

Doch auch das grandiose "Gloriosa" kam zu Gehör. Dieses Lied ist dem Erfurter Dom und seiner großen Glocke, der Gloriosa, gewidmet. Diese Glocke im Mittelturm des Doms ist die größte mittelalterliche freischwingende Glocke der Welt. Dieses mächtige Klanggerät mit einem Gesamtgewicht von über 10 oder 11 Tonnen war zum Beispiel auch Vorbild für die große Kreuzglocke der Dresdner Kreuzkirche.
Irgendwie passte das Lied auch hierher, handelt es doch von der Glocke des Erfurter Doms und auf dem Festivalgelände waren wir ja sozusagen auch auf geweihten Bodennämlich dem Gelände eines ehemaligen Klosters. KERTH schlug diesen Bogen von Erfurt nach Altzella geschickt, indem er den Text in der letzten Strophe leicht abgewandelt sang, statt "und die Glocken der ganzen Stadt stimmen da mit ein" sang er "und die Glocken von Erfurt bis Altzella stimmen da mit ein".

Höhepunkt für mich war wieder das sehr berührende Lied "Oma hilf". Dieser Text hat es in sich, weil er eigentlich einen Hilferuf eines einsamen, unverstandenen Kindes darstellt. KERTH macht selbst aus solchen, kleinen Alltagsgeschichten faszinierende Bluesgeschichten. In diesen Texten erkennen sich die Menschen mit ihrer Umgebung wieder.

KERTH ließ die sechs Saiten seiner Gitarre wieder in verschiedenen Spielweisen erklingen und kleidete so nach meinem Verständnis Gefühle wie Freude oder Trauer in Töne.
Selbstverständlich wollten die Konzertbesucher noch "He, junge Mutti" hören. Auch diesen Wunsch erfüllte der sympathische Erfurter dem begeisterten Publikum. Dieses Alltagslied ist heute noch ebenso aktuell wie vor ungefähr 30 Jahren.

Natürlich forderten die Leute auch noch ein paar Zugaben. Die gab es selbstverständlich. Doch andere Bands wollten später auch noch auf diese Bühne. Deshalb räumten die 3 Männer dann ziemlich schnell die Bühne.

Ich machte mich nach der Mugge aus familiären Gründen fix auf dem Heimweg. Pünktlich zum Abendbrot flog ich wieder daheim bei unserer kleinen Familienfeier ein.

Gruß Kundi

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 29.05.2020 19:51 | nach oben springen

#2

RE: JÜRGEN KERTH 21. Mai 2009 Rock- und Bluesfestival Altzella

in Konzertberichte 2018 und älter 29.05.2020 19:16
von PMausM | 1.805 Beiträge | 3831 Punkte

Ich war dabei. Ist eine schöne Erinnerung. Dieses Jahr ist das Festival leider ausgefallen.

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#3

RE: JÜRGEN KERTH 21. Mai 2009 Rock- und Bluesfestival Altzella

in Konzertberichte 2018 und älter 30.05.2020 16:30
von SN-Nittel | 316 Beiträge | 697 Punkte

Danke Kundi für den "alten"Bericht....also du warst auch früher mal in Altzella.
2009 war eines der wenigen Jahre wo ich nicht dort war. Es hatte seinen Grund. Der Termin fiel auf das schwedische Mönsteras Blues Festivalen. Hm...Schweden hat gesiegt.
2009 war aber Altzella noch ziemlich klein....und noch ein Geheimtipp der "Blues"Szene....das änderte sich nach 2012 schlagartig.
Mittlerweile gehört es zu den grössten Bluesevents Ostdeutschlands. Nur leider ist dieses Jahr alles anders.









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zuletzt bearbeitet 30.05.2020 16:32 | nach oben springen


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