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DIE SEILSCHAFT feiert GUNDERMANN in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2019 und älter 15.02.2015 18:02
von HH aus EE | 1.042 Beiträge | 2522 Punkte

Die Seilschaft feiert Gundermann (14.02.2015)

Weimar gilt als eine Stadt der Dichter und Denker. In ihren Mauern wurde am 21. Februar vor beinahe 60 Jahren GERHARD GUNDERMANN geboren. Das wäre nicht des Erwähnens wert, wenn dieser GUNI, wie er liebevoll genannt wird, nicht mit seinen Texten und Liedern zuerst mitten in das Kohle-Herz der Lausitz getroffen, und danach die Seele vieler Menschen im Osten nachhaltig berührt hätte. Dieses Berühren gab es schon zu seinen Lebzeiten, doch erst nach seinem viel zu frühen Tod im Juni 1998 ist vielen der Verlust wirklich fühlbar geworden. Die Gründe dafür finden sich in vielen unterschiedlichen Biografien des kleinen Landes, das es nicht mehr gibt. Auch wenn es heute kaum einer auszusprechen wagt, in dieser DDR wahren Menschen glücklich oder traurig, zornig oder verliebt, hatten Familie und ein Berufsleben sowie einen Alltag mit Freuden und Sorgen. Weil GERHARD GUNDERMANN davon und aus seinem eigenen Leben glaubhaft Lieder schrieb, so denke ich für mich, trifft er noch immer in die Herzen der mit ihm in dieses Land hinein geborenen Menschen. Denen vermittelt er auf diese Weise ein emotionales Zuhause, eines ohne Scham, ohne Reue und auch mit Stolz. Alles andere bekommen wir ohnehin und tagtäglich auf unser Brot geschmiert. Grund genug also, GUNDERMANN, unser Leben und uns selbst durch die Lieder von GUNDI zu feiern, ganz besonders in diesem Februartagen rund um seinen 60. Geburtstag.

Die SEILSCHAFT war die Band vom singenden Baggerfahrer und mit diesen Musikern spielte er seine schönsten Lieder für Platten und CD’s ein. Mit ihnen stand GUNDI auf der Bühne und wenn die Band dort loslegte, entstand jener unverwechselbare Sound, den man von Gundermann & Seilschaft im Ohr hatte und hat. Es mussten zehn Jahre vergehen und einen guten Anlass hat es gebraucht, ehe diese Band nach dem Tod des Barden aus dem Tagebau wieder gemeinsam auf die Bühne wollte. Ich war beim legendären „Tribut an Gundermann“ in der Columbiahalle dabei, habe ganz vorn gestanden, als Gundermann’s Seilschaft mit Christian Haase, zehn Jahre nach Gundermann’s Tod, wieder die Bühne betraten. Am 21. Juni 2008 sangen wieder tausende Kehlen seine Lieder und alle wussten in jenen Momenten, das wird nie vorbei sein. Entweder „Alle oder keiner“!

Die Weggefährten vom CÄSAR - Fanclub haben sich an diesem Abend des Valentinstages 2015 im „Entenfang“ von Torgau verabredet, auch wenn ich selbst nicht mal mehr die Reste vom Eisbein zu sehen bekam. Wir sind gemeinsam zur Kulturbastion auf der anderen Seite der Stadt gefahren, um ein Konzert zu erleben. CÄSAR’s Weggefährten machen das gern einmal, auch dann, wenn es nicht die Lieder von CÄSAR zu hören gibt. Uns eint außerdem der gute Geschmack und die Lust, gute Musik gemeinsam live zu genießen und das wiederum haben GUNDERMANN und CÄSAR gemeinsam. Gerne hätte ich gewusst, ob beide mehr miteinander gemeinsam hatten, als einige Gitarrenklänge auf der LP „Männer, Frauen und Maschinen“ (1988). Wenn ja, sollte es eine Spur geben, Simone?

Es ist das eher unbekannte „Menschenmädchen (und darum spiel’n wir heute hier)“, das den Reigen der Volkslieder eröffnet und damit der Lieder-Abend auch ein solcher wird, schiebt die SEILSCHAFT vor uns auf der Bühne noch gleich „Hier bin ich gebor’n“ zum Mitsingen hinterher. Es fühlt sich sehr gut an, wieder einmal in der Kulturbastion zu sein und hier Lieder von GUNDERMANN zu hören und ab und an auch mitzusingen. „Herzblatt“ ist so eines und die „Grüne Armee“ ein weiteres. Schon in den ersten Minuten wird die Textsicherheit der angereisten Sangesgemeinde getestet. Ich staune immer wieder, wie viele neben und hinter mir nahezu jede Textzeile mitsingen und der HAASE sitzt während dessen da vor mir auf seinem Barhocker und grinst sich eines, ebenso wie ANDY WIECZOREK neben ihm. Beide kennen das Ritual.
Da oben singt einer die Gundermann-Lieder sehr glaubhaft und auf seine Art ehrlich, denn schon der Versuch, den Lausitzer zu kopieren, müsste scheitern. HAASE verbindet die Botschaften in den Texten und schafft es, mit sparsamen Randbemerkungen deren oftmals erschreckende Aktualität ans Licht zu zerren. In solchen Momenten stehe ich da vorn und habe Gänsehaut, während „Keine Märchen mehr“ in meine Ohren dringt. Ich bin eins mit HAASE, wenn er die Frage stellt, wohin uns das Geschen in der Ukraine noch treiben könnte. Eine Antwort hat keiner und „Krieg“, von der SEILSCHAFT und HAASE dazu gesungen, hinterlässt ein beklemmendes Gefühl in mir. Dabei ist die Ballade vom Bruderkrieg, die GUNDERMANN beschreibt, eigentlich eine völlig andere und dennoch so schrecklich gleich. Warum eigentlich lassen sich immer wieder Menschenmassen, von einigen wenigen gelenkt, derart hasserfüllt aufeinander hetzen??

Ich lasse mich von der Musik in das „Niemandsland (am Ende der Welt)“ entführen und meine ist eine von vielen Stimmen im Chor von „Ich kann dich nicht mehr leiden“. Die Stimmung ist einfach großartig und das Trio vor uns – MARIO FERRARO, CHRISTIAN HAASE und ANDY WIECZOREK – scheint diese Atmosphäre hier sichtlich zu genießen. In der Kulturbastion Torgau sind sich Musiker und angereiste Fangemeinde noch wirklich nah. Uns trennt kaum eine Armlänge, keine „Sicherheitsmaßnahme“ und so kann ich jede Regung im Gesicht von HAASE aus der Nähe sehen, als der, sichtlich betroffen, von „echten Enttäuschungen, die wieder hinter falschen Fahnen und Losungen herlaufen“ spricht. Nichts wirkt künstlich oder aufgesetzt. HAASE und GUNDERMANN trafen sich nie und dennoch ist es beinahe die gleiche Faszination, die HAASE mit diesen Liedern auslöst, weil sie eben den täglichen Lebenswitz aussprechen, voller Leidenschaft sind und noch immer aus dem vollen Leben schöpfen. Zeitlos eben und voll sprühender Lebensfreude. Wenn ANDY zur Whistle greift, die Stimmung der grünen Inseln zitiert „Und musst du weinen“ erklingt, dann ist das ein Lebensgefühl, das noch immer greifbar ist und von dem ich eine Menge erzählen könnte – aus meinem Leben.

Diese „alten“ Lieder klingen noch immer ein wenig melancholisch, haben einen Touch von Folkmusik aus der großen weiten Welt und sie sind musikalisch unverwechselbar und deshalb authentisch. Die Texte von einst offenbaren einen Tiefgang, den ich heute oftmals schmerzlich vermisse, weil sie das Leben damals zartbitter, liebevoll, ehrlich und genau deshalb bis ins Detail genau spiegelten und es auch im Heute tun. Das ist die eigentliche Faszination. Und so stehe ich, gemeinsam mit Freunden vor dieser intimen Rampe in der Kulturbastion und habe beim Mitsingen vom „Gras“, das immer wieder wächst, weil die Sensen ihre Kreise ziehen, einen Kloß im Hals, während der Refrain zart meine Seele schmeichelt. Das geht mir auch so, während ich im Chor „Hei-Joh“ mitsinge und der „7te Samuarai“ zum Klang der Whistle in den Kampf zieht und beim trotzigen Chorus von „Alle oder keiner“ fühle ich mich stark und mutig. Was einfache und ehrliche Lieder doch so alles mit einem anstellen können!

So ein fröhlicher und stimmungsgeladener Abend ist nicht einfach so zu Ende, nur weil es Zeit ist und wer will schon schnell wieder raus in die Kälte? Außerdem ist die SEILSCHAFT mit HAASE am Mikrofon gerade zu Hochform aufgelaufen. TINA POWILEIT an den Perkussionen hat der Band bis hierher den Rhythmus vorgegeben und CHRISTOPH FRENZ, der Spaßvogel am Bass, hat sie getrieben und die dicken Saiten mit seinen Fingern gepeitscht, dass es eine Lust ist, ihm zuzusehen. Meist nur zu hören, hat MICHAEL NASS die Feinheiten in Schwarz und Weiß aus den Tasten gezaubert, Sahnehäubchen auf die Noten gesetzt und auch schon mal den Schalk im Nacken, wenn er zum Beispiel, gemeinsam mit ANDY WIECZOREK am Saxophon, aus dem Intro zu „Wenn ich wär“ eine alte russische Volksweise moduliert, aus der einst Paul McCartney für Mary Hopkin „Those Were The Days“ bastelte. Das Teil ist nah am Kasatschok und verleitet beinahe auch zum Tanzen. So etwas macht Vergnügen und denen vor uns sichtlich Spaß. Diese SEILSCHAFT gehört einfach auf die Bühne und CHRISTIAN HAASE ist der richtige Mann am Mikrofon. Das wusste ich schon im Juni 2008 in der Columbiahalle und da bin ich mir noch immer sicher.

Zur Mitternachtsstunde und mit der Melodie von „Brunhilde“ verabschieden wir uns alle voneinander. In wenigen Tagen würde GERHARD GUNDERMANN sechzig Jahre alt werden und eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen, weil das Bild von GUNDI - Jeans, Streifenhemd, Hosenträger und blondes Pferdeschwänzchen im Nacken - inzwischen in den Köpfen so unverrückbar festgeschraubt ist, dass ein anderes gar nicht mehr dort hinein passen würde. Also gehe ich mit genau diesem Bild hinaus in die Nacht, steige in meinen Blechfreund und mit einer Melodie im Kopf folge ich dem Strich, den mir ein alter Mann vom Straßendienst, schlecht bezahlt, über Land auf den Asphalt gemalt hat und jage, leise summend, dem Strich hinterher, denn „(der bringt uns sicher) Nach Haus“. Danke Gundi.


Noch mehr Fotos unter:
http://www.mein-lebensgefuehl-rockmusik....rt%20Gundermann

Angefügte Bilder:
Seilschaft in TG 2015 006.JPG
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www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 15.02.2015 18:04 | nach oben springen

#2

RE: DIE SEILSCHAFT feiert GUNDERMANN in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2019 und älter 17.02.2015 22:14
von toms-daddy | 99 Beiträge | 223 Punkte

danke Hartmut - die Vorfreude auf Freitag wächst - mein Ticket für die Kufa Hoyerswerda hab ich mir schon online geordert - man weiß ja nie, wie voll die Hütte in Gundis Heimat wird...

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#3

RE: DIE SEILSCHAFT feiert GUNDERMANN in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2019 und älter 21.02.2015 21:03
von Ingo | 452 Beiträge | 972 Punkte

Hier könnte es hinpassen. Heute um 19.30 Uhr (Sa.) in der Abendschau vom RBB ein kurzer Beitrag über Gundermann und ein Konzert ihm zu Ehren mit Axel Prahl & Judith Holofernes.
Wiederholung heute Nacht 4:05-4:35, Beitrag kommt nach etwa 20 min.
Ab morgen müsste es auch in der RBB-Mediathek zu sehen sein.


Alles was zu Ende ist, kann auch Anfang sein.

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#4

RE: DIE SEILSCHAFT feiert GUNDERMANN in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2019 und älter 22.02.2015 10:56
von Fällsäge | 732 Beiträge | 1578 Punkte

In der MOZ stand gestern ein Beitrag.
Intressant die Aussagen von Mario Ferraro, dem Gitarristen von Gerhard Gundermann.
Der Scan ist ein wenig ein Puzzle, aber wer es lesen will puzzelt halt

http://www.moz.de/

Angefügte Bilder:
Gundermann 1.jpg
gundermann.jpg
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