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TADEUSZ WOZNIAK - Sopot 1972

in Hautnah - Geschichte und Geschichten um Rock, Blues, Folk & mehr 23.07.2013 20:06
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Tadeusz Wozniak in Sopot - Gdansk im Sommer 1972 ( 21.07.2013 )

Zur abendlichen Stunde flimmert der Fernseher in einem Wohnzimmer. Ein Sänger wird angekündigt und betritt, von hinten, aus dem Bühnenuntergrund kommend, eine gewaltige große Freilichtarena. Der Mann ist ganz in schwarz gekleidet und trägt in der Hand eine einfache Gitarre. Vorn am Mirkofon steht ein Hocker, auf den er sich setzt. Dann legt er seine Gitarre auf die Knie und beginnt ganz leise Akkorde zu zupfen und noch leiser, beinahe zaghaft, erklingt eine Melodie und aus dem weiten Rund vor der Bühne brandet stürmischer Applaus auf. Ebenfalls aus dem Hintergrund kommt, langsamen Schritts, eine Mädchengruppe dazu und steigt mit ihren Stimmen in den Chorus ein. Das Lied, das ich dann zu hören bekomme, wird mich mein ganzes weiteres Leben nicht mehr loslassen. Es wird mich begleiten und in gewissen Situationen immer mal wieder mein Partner sein, so tief im Innern sitzt die Melodie. Bis zum heutigen Tag.

Das eben geschilderte Ereignis liegt 40 Jahre in der Vergangenheit. Das Wohnzimmer, in dem wir damals saßen, befand sich irgendwo in der City von Gdansk, der polnischen Hafenstadt, und die Bühne, war die von Sopot, wo auch 1972 das internationale Festival stattfand. Diesen Abend in Polen und noch einiges mehr erleben zu können, hatte ich meinem Freund Hans-Georg zu verdanken, der damals mit seinen Eltern eine Woche Ferien bei Freunden in Gdansk verbrachte und mich gefragt hatte, ob ich denn Lust hätte, während der Tage des Liederfestivals in Sopot dabei zu sein. Ich hatte und so verbrachte ich einige Tage mit Georg in Gdansk. Zeitgleich fand in Sopot das Festival statt.

Diese wenige Tage in der großen Hafenstadt waren voller Erlebnisse. Es waren schöne dabei, über die man stundenlang reden könnte, und solche, über die man als höflicher Gast und wohlerzogen, wie wir damals waren und noch immer sind, heute einfach grinsend schweigt. Nur wenn wir beide manchmal uns gemeinsam erinnern, dann möchten wir uns am liebsten noch heute auf die Schenkel klopfen, so schön war das alles und so anders damals schon, als noch niemand in den Werftanlage an einen Lech Walesa dachte. Doch ich kann schwören, die etwas andere Lebensart und Denkweise waren in dieser polnischen Familie schon ziemlich tief verwurzelt. Da hatte Lech Walesa nicht mehr sehr viel Kraft aufzuwenden.

An jenem Abend saßen wir alle vor der polnischen Röhre und schauten uns live die Konzerte aus Sopot an. Da kam also dieser junge Mann mit seiner Gitarre und sang sein Lied von „Zegarmistrz Swiatla“ (Uhrenmeister der Welt). Doch TADEUSZ WOZNIAK sang nicht, er zelebrierte dieses Lied und dirigierte mit seiner Stimme die Gefühle der Massen und die unseren vor den Bildschirmen. Es war so eindringlich, so faszinierend, dass ich von dem Song wie hypnotisiert war. Wenn jemand unbedingt einen Vergleich braucht, dann vielleicht den zu Donovan’s „Atlantis“, das ebenso intensiv beschwörend wirkt und eine Stimme, die mich im Nachhinein an Nick Drake erinnert. TADEUSZ WAZNIAK war ohne Zweifel der Star des Abends und der Liebling des Publikums.

Wir haben uns beide, Hans-Georg und ich, in diesen Tagen mit Souvenirs und neuen Schallplatten eingedeckt und natürlich haben wir auch jene Langspielplatte namens „Wozniak“ gekauft, auf der dieser Song enthalten ist. Ich habe die LP heute noch und finde sie noch immer so gut, wie vor 40 Jahren.
Darauf finden sich so wunderschöne Lieder, wie das filigrane „A Bodaj To“ (Könnte es sein), das englisch gesungen ein internationaler Hit geworden wäre, so meine Vermutung, aber auch „Ten, Ktory Pedzi“ (Der, der beschleunigt) traf haargenau des Sound und den Zeitgeist jener Jahre. Auf der Platte wirkt die damals in Polen bekannte weibliche Gesangsgruppe ALIBABKI mit. Songs wie das eben genannte „Ten, Ktory Pedzi“ oder auch das wunderschöne „Smak i Zapach Pomarasnczy“ (Geschmack und Geruch von Orangen) leben von Wozniaks Stimme und den Backing Vocals der Damen. Eines meiner Lieblingslieder ist „Zanosi Sie, Na Noc“ (Erwartungen der Nacht), das sich als einfühlsames kleines Schlaflied in meinen Ohren festgesetzt hat.

Die zweite LP-Seite beginnt wieder mit einem der typischen WOZNIAK-Lieder, die diese eigenartige Folk-Stimmung ausstrahlen. Vom Rhythmus her tanzbar angelegt, wird man bei „Leze“ (Hinlegen) dennoch das Gefühl einer leisen Melancholie nicht los, die sich dann vordergründig im nächsten Lied fortsetzt. Im folgenden „Ciche, Biala Kolysanie“ (Sanftweiße Schwingen) erlebt man die balladenhafte Stimmung noch intensiver, die den Kenner sicher entfernt an Donovan Gesangsstil erinnert und doch so typisch polnisch ist. WOZNIAK hatte eine Stimme, die ich noch heute als einzigartig empfinde, die erst in Kombination mit sparsamer Gitarrenbegleitung so richtig zur Geltung kommt. Das ist auch intensiv bei „Moj Czas“ (Meine Zeit) zu hören. Höhepunkt der Scheibe ist allerdings ihr letzter und gleichzeitig der Titelsong.
„Zegmarmistrz Swiatla“ beginnt mit dem für ihn so typischen Spiel auf der Akustikgitarre, über das er sehr emotional seine Stimme gleiten lässt. Schon nach der ersten Strophe gibt es eine Steigerung durch Hinzufügen einer Rhythmusgruppe und dann nochmals durch Chorgesang (ALIBABKI) und Bläsersektion. Das Lied endet schließlich in einem finalen gemeinsamen Schlussteil, der an Dynamik und Spannung kaum Wünsche offen lässt. Bei mir geht die Melodie noch heute unter die Haut, vor allem dann, wenn ganz zum Ende noch einmal WOZNIAK’s Stimme leise zur Gitarre ausklingt.

Der besondere Reiz dieser Musik besteht für mich noch heute darin, dass sie ganz schlicht, aber nicht banal, einfühlsam und unverwechselbar ist und deshalb auf mich sehr eindringlich wirkt. Selbst der Vergleich zu Donovan ist nur eine halbherzige Krücke, um dem Nichtkenner ein Gefühl zu vermitteln, das dennoch nur ein Fragment bleiben muss, solange man WOZNIAK nicht einmal selbst gehört oder eine Scheibe auf- bzw. eingelegt hat.
Wenn ich in der heutigen Zeit Musik von TADEUSZ WOZINAK höre, dann nur, weil sich auf meinem Plattenteller eine seiner LP’s dreht. Dann denke ich an die Tage in Gdansk, an unsere Taschen voller Schallplatten und eine Zugfahrt, bei der ich lernte, stehend im Zug zu schlafen. Immer, wenn ich mit Georg mal wieder zu einem Konzertbesuch fahre, sind auch diese Erinnerungen an Sopot 1972 und an die Musik von TADEUSZ WOZNIAK dabei. Ihr könnt ihn fragen.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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