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Der KLEINE SACHSENDREIER in der Kleinkunstbühne Q24 von Pirna

in Konzertberichte 2015 und älter 30.03.2014 19:45
von HH aus EE | 892 Beiträge | 2174 Punkte

Sachsendreier en miniature in Pirna (29.03.2014)

„Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen, drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.“ So formulierte es der deutsche Lyriker und Dichter Matthias Claudius, der von 1740 bis 1815 lebte. In unserer Zeit, also runde zweihundert Jahre später, hat sich daran nicht sehr viel geändert, nur, dass man Reisen jetzt zeitgemäß Pilgern nennt. Hut und Stock sind noch immer treue Wegbegleiter, aber dem Erzählen ist das Schreiben von Büchern und dem Slogan „Ich bin dann mal weg“ gewichen. Wenn man also etwas erleben möchte, geht man heute auf Pilgerfahrt oder man liest davon, was jemand bei seinen Pilgerreisen in die Ferne erlebt hat. Das Erzählen hat hierzulande, ganz im Gegensatz zu Schottland zum Beispiel, wo es Storyteller gibt, eher kaum eine Bedeutung. Das ist schade, denn schon im frühen Kindesalter wird man sehr von Erzählungen, Märchen und Sagen, die uns Oma, Opa oder die Mutter vorlasen, geprägt und unsere Fantasie angeregt. Auch das gehört inzwischen vergangenen Tagen an und die Gute-Nacht-Geschichten postet man heute, Lesende mal außen vor gelassen, emotionslos mit dem Smartphon.

Nur manchmal, wenn Leute daher gereist kommen, von denen man weiß, dass sie unheimlich viel in ihrem Leben erlebt haben, dann siegt die Neugier über unsere Trägheit und die falsche Eitelkeit. Wir bewegen uns selbst ein Stück, nur um denen lauschen zu dürfen, die uns aus ihrem Leben erzählen möchten. Dann wachsen der eigenen Sehnsucht plötzlich wieder Flügel und wir, die wir eigentlich im Erzählalter sind, lauschen gierig deren Erzählungen. Wir saugen jedes einzelne Wort gern in uns auf, vielleicht auch, weil wir nie den Mut, gleich gar nicht das Talent hatten, wie ein Musikant durch die Lande zu reisen. Wir haben für uns andere Wege gewählt, aber die große undefinierbare Sehnsucht ist uns geblieben. Ihr jagen wir noch immer, leise und unauffällig, hinterher und manchmal sind wir „einen kleinen Tag lang … ein kleines Märchen, ein Flötenspiel, das aus blauer Weide fiel“ * und das wir in uns zum Schwingen bringen. Dann sind wir für zwei oder drei Stunden noch einmal so, wie wir schon immer von der Schöpfung gedacht sind – unbekümmert, sorgenfrei und noch einmal jung.

Genau diese Sehnsucht hat dafür gesorgt, dass ich in Pirna gelandet bin. Hier, in der Kleinkunstbühne Q24, soll es geschehen, dass drei Musikanten aus ihrem Leben erzählen und alte Lieder aus jungen Jahren erklingen. Zwar reisen die drei sächsischen Bands noch immer live als SACHSENDREIER durch das Land, aber manchmal tun das auch drei Musiker, die zu ihnen gehörten oder noch mit ihnen aktiv sind, nur als Trio. Der Volksmund der Rocker-Generation spricht vom „Kleinen SACHSENDREIER“ und jeder Ostgeborene weiß, was und wer mit dem „Sachsendreier en miniature“ gemeint ist. Als in einem ehemaligen Kulturhaus in Munzig die Idee vom SACHSENDREIER Gestalt annahm, ahnte wohl keiner der Beteiligten, dass hier im Jahre 1997 eine Erfolgsgeschichte begann, die der seltenen deutschen Briefmarke ein musikalisches Pedant in Rock zu Seite stellen und viele Fans einer besonderen Musik begeistern würde. Die „Geschichten vom Sachsendreier“ kann der Neugierige auch im Buch nachlesen, aber es gibt Momente, in denen man sich all das von den Protagonisten erzählen lassen kann. Dieser Märzabend in Pirna ist so einer.

Bei meinem Eintreffen im Q24 ist der Saal noch leer und alle Stühle stehen ordentlich aufgereiht, doch schon eine Stunde später passt wirklich kein einziger Besucher mehr in die proppevolle Hütte. In der ersten Reihe stoßen die Knie fast an die Bühnenkante und hinter die Lehnen der letzten könnte man keine Zeitung mehr stecken. Hier hinten sitzt und steht man sogar auf den Stufen der Treppe, die zum Schankraum führen.
Das Licht geht aus und taucht den kleinen Saal in Dunkel. Vorn auf der Bühne leuchtet in Dunkelblau das Titelbild von JÜRGEN BALITZKI’s „Geschichten vom Sachsendreier“, als auf dem Piano die ersten Töne angeschlagen werden: „Über Nacht da hat sich irgendwas getan.“ In meinen Gedanken klingen die Twin - Guitars von Reform dazu und dann höre ich die Stimme von STEPHAN TREPTE „Wenn die Blätter fallen“ singen. Mir ist, als wäre es gestern gewesen. Da vorn leuchten hell seine grauen Haare, aber das Timbre und der Ausdruck sind noch immer so unverwechselbar, dass ein hörbarer Ruck im Raum zu spüren ist und die Erinnerungen gehen weit zurück in andere Zeiten …

Auch vorn auf dem Podium wird die Zeit zurück gespult. Filmsequenzen zeigen uns Bilder aus jenem Kulturhaus in Munzig und den Kreißsaal, um eine bekannte Wortschöpfung zu bemühen, in dem die drei Sachsenbands STERN COMBO MEISSEN, LIFT und ELECTRA für dieses gemeinsame Live – Projekt in die Startlöcher gingen, um ihre größten Hits, von denen einige zu wahren Volksliedern wurden, auf die Bühne zu bringen. Wir sehen Bernd Aust, Werther Lohse und Martin Schreier und hören Stimmen von Fans, die in jener Stunde dabei waren. Auch meine Erinnerungen verweilen für einen Moment im Jahr 1997, als ich den SACHSENDREIER zum ersten Mal live beim Stadtfest in Annaburg sah. Kinder, wie die Zeit vergeht!

Als STEPHAN TREPTE wenig später aus einem Stasi-Bericht über die „Beat-Kapellen sowie langhaarige und ungepflegte Jugendliche“ vorliest, ist mir, trotz aller Tragik und Boshaftigkeit, zum Lachen und so scheinen es die im Saal auch zu empfinden. Der Mann ist nicht nur ein begnadeter Sänger, sondern hat wirklich das Gespür eines Storytellers, der sogar noch mit einem erhobenen Zeigefinger und der Veränderung seiner Sprechweise, wenn es um Alkohol und Saufen geht, Lachsalven auslösen kann. In diesem Land hatten und haben wir, an den fünf Fingern einer Hand abgezählt, nur wenige schillernde Originale vorzuweisen, aber STEPHAN TREPTE ist, ohne jeden Zweifel, einen von ihnen. Der plaudert ganz locker und völlig unverkrampft über seine legendären Fehltritte auf der Bühne und im Leben, Anekdoten vom Alkohol, von Frauen und Musikerkollegen, dass es ein Genuss ist, jedes Wort einzeln mit dem eigenen Erleben abzugleichen und dem Klang seiner Stimme zu lauschen.

Als Videoeinspielung wird REINHARD FIßLER in die Musikerrunde geholt und „Der weite Weg“, vom Forscherdrang und Menschsein, angestimmt. Einer, der diese Zeiten ebenfalls bestens kennt und von ihnen erzählen kann, ist WERTHER LOHSE und wieder wandern meine eigenen Gedanken zurück zum Konzert im Jahre 1978, während WERTHER mit warmen Worten an das Schicksalsjahr der Gruppe LIFT und seiner beiden Kollegen GERHARD ZACHAR und HENRY PACHOLSKI und damit an einen der schwärzesten Tage in der Geschichte der Rockmusik ostdeutscher Prägung erinnert. LIFT hatte sich damals von, einer am Soul orientierten Spielweise, zu einer Band gewandelt, die mehr dem Liedhaften zugetan war und sich auf den Weg gemacht hatte, in Idealbesetzung Großes zu vollbringen. Genau an diese Zeiten, und das macht diesen Abend zu einem sehr speziellen, wird hier in Pirna in besonderer Weise erinnert und Werther bittet unter tosendem Applaus des heimischen Publikums TILL PATZER auf die Bühne. Mit TREPTE, PATZER und LOHSE stehen für zwei Stunden und einige seltenschöne Lieder drei einstige LIFT - Musiker auf der Bühne und wisst ihr was, mit einem Saxophon und einer weiteren Originalstimme klingt „Nach Süden“ plötzlich irgendwie noch emotionaler. Das vornehmlich heimische Publikum, so scheint mir, sieht das ebenso, während sich TILL PATZER, der stille Pirnaer, bescheiden lächelnd dafür bedankt.

Was wäre Dresden ohne ELECTRA? Mir jedenfalls würde neben den vielen Sehenswürdigkeiten und dem Dresdner Stollen eine wichtige Facette und eine Menge bleibender Lieder fehlen. Die Band um BERND AUST, der diesen Abend im Publikum sitzend erlebt, hat sich längst im Geschichtsbuch der Sachsenmetropole verewigt und Werke wie der „Dom“ haben Potential für die Ewigkeit. „Einmal ich, einmal du“, gesungen von STEPHAN und WERTHER, ist eines von vielen Liedern aus dem Fundus von ELECTRA. An den Tasten begleitet ANDREAS „Bruno“ LEUSCHNER den ganzen Abend über, souverän, witzig und einfühlsam, die beiden Sänger bei ihrem Streifzug durch die Geschichte(n). Ihm gelingt es, mit nur wenigen Anschlägen auf den Tasten, die Stimmung jedes Liedes sparsam und wirkungsvoll zu prägen sowie die Akteure sicher zu begleiten. Solche Perlen wie „Die Sage“ der STERN COMBO oder die „Sixtinische Madonna“ von ELECTRA büßen, dank seines Spiels, nichts von ihrer Faszination ein. Wenn dann noch vier Männer ihre Stimmen in perfekter Harmonie oben drauf setzen, dann ist das schon ein Erlebnis der besonderen und bleibenden Art.

Neben all diesen Liedern sind es natürlich die von Musikanten gesprochenen Erinnerungen, die einen solchen Abend zum Genuss werden lassen. Natürlich habe ich in meinem Leben viele Musiker auf der Bühne gesehen, einige kennen gelernt und selbst Episoden mit ihnen erlebt. Man schweigt lieber und genießt wissend. Wenn jedoch Musikanten selbst aus dem Nähkästchen plaudern, die Wandlung der „rockenden Keule“ zum Pfarrerschwiegersohn süffisant beschreiben und sich nebenbei selbst erklärt, warum man auch „Tritt ein in den Darm“ singen könnte, dann bleibt kein Auge trocken. Auch was „Dicke Bohnen“ mit einer Vorliebe für bestimmte Frauen zu tun haben könnten, ist des Zuhörens wert. Ich jedenfalls liebe solche Geschichten aus dem Leben und solche, die sich hinter mancher Liedzeile verbergen. Dafür sind solche Abende, wie der im Q24 von Pirna, bestens geeignet.

Dies ist der Abend der Geschichten von LIFT, ELECTRA, REFORM, der STERN COMBO MEISSEN und auch solcher mit vergessenen Namen wie STC, bei der einst ein gewisser Sänger TREPTE von einem jungen Kapellenleiter AUST abgeworben wurde, um ostdeutsche Musikgeschichte mit zu gestalten. Es ist der Abend eines Schlagzeugers, der sich einen anderen singenden Drummer aus dem Osten zum Vorbild nahm, um gleiches hinter seiner Schießbude zu machen. Beide, sowohl Kotowski, als auch Lohse, können bis heute nicht von der Musik lassen und „das ist gut so“. Auch TILL PATZER, einer der Gründungsmitglieder von LIFT und schon zu Dresden-Sextett-Zeiten dabei, bläst noch immer in die „Kanne“ und es macht ihm Vergnügen, wie man erleben kann. Es ist heute vor allem auch sein Abend. Noch einmal mit ehemaligen Kollegen einige der alten Lieder mit dem Klang von Saxofon oder Flöte zu verzieren, darf man getrost beinahe einmalig nennen. Nur 2010 in Glauchau, beim „Abend für Gerhard Zachar“, habe ich das ähnlich empfunden und schon damals hatte ich mir heimlich eine Wiederholung gewünscht. Nun ist es wieder passiert und ich bin froh, hier in Pirna dabei sein zu können.

Nach reichlich zwei Stunden Musik, aber vor allem auch vieler Worte zum Erinnern und Schmunzeln, neigt sich auch dieser Abend dem Ende entgegen. Allerdings nicht, ohne die Klassiker „Kampf um den Südpol“, „Nie zuvor“ und „Am Abend mancher Tage“ gemeinsam zu feiern. Die sind inzwischen, im besten Sinne des Wortes, Volkseigentum geworden und jeder der an ihnen beteiligte Musiker kann stolz darauf sein. Viele im Saal haben ihre Lieblingsleider, laut oder leise nur für sich, mitgesungen, weil sich die Texte und deren Bedeutungen verinnerlicht haben. Das ist in diesen Minuten überaus deutlich zu spüren und für Joachim Krause, der die Zeilen nach dem Tod von GERHARD ZACHAR und HENRY PACHOLSKI schrieb, wäre es sicher ein schöner Moment gewesen, dem Gesang des Pirnaer Chores bei „Wasser und Wein“ zu lauschen. Dieser Chor der Einheimischen und Zugereisten klatscht und tobt sich seine Begeisterung von der Seele bis dann die „Tagesreise“ endgültig den Abend beschließt.

Meine kleine Pilgerreise über Sächsische Dörfer am Elbhang, durch verschlungene Umleitungen bis nach Pirna, einschließlich einer Sonderparkgebühr für Ortsunkundige, war eines von jenen seltenen Erlebnissen, die schwer wiederholbar geworden sind. Vielen ist das durchaus bewusst und deshalb ist es wichtig, die Erzählungen, Anekdoten und Geschichten vom Muggenalltag einer selten werdenden Spezies Musikanten zu erzählen und weiter zu tragen. Zumindest aber, wie in den „Geschichten vom Sachsendreier“ und - bei aller Bescheidenheit“ - von „Mein Lebensgefühl Rockmusik“ aufzuschreiben. Seit gestern gibt es ein kleines weiteres Kapitel. Danke für’s Lesen, Weitersagen erwünscht.

* „Einen kleinen Tag lang“ – Electra, (Bernd Aust / Kurt Demmler)

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 30.03.2014 19:50 | nach oben springen


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