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KONZERTANTE FRAGMENTE

in Konzertberichte 2020 und 2021 10.02.2021 19:58
von HH aus EE | 1.042 Beiträge | 2522 Punkte

Konzertante Fragmente
(Ein liebevoller Blick zurück für all jene, die damals gern dabei gewesen wären, aber leider noch nicht geboren waren.)

„Es war da eine Zeit“, sang vor vielen Jahren Klaus, der sich Renft nannte, da hatte man weder eine kleine Digitalkamera, noch ein Smartphon und an so etwas wie Internet war nicht einmal ansatzweise zu denken. Kaum jemand kam auf die Idee, während eines Konzertes die Band zu fotografieren. Man lebte, genoss diesen Augenblick und machte sich keine Gedanken um den nächsten Tag. Die Wende wartete noch Lichtjahre entfernt, Arbeitsplatz und die nächste Lohnzahlung waren sicher. Der Mangel prägte das tägliche Leben nur scheinbar, mit Ideenreichtum und Kreativität wurden eventuelle Mängel schöpferisch umschifft. Das sind jedenfalls meine Erinnerungen. Außerdem spielte an jedem nächsten Wochenende irgendwo eine Combo zum (Jugend)Tanz oder eine namhafte Band gab in der Nähe ein Konzert. Dort fuhr ich hin, meist mit der Bahn oder mit meiner blauen „Schwalbe“, und erlebte einen einmaligen Abend. Aber – siehe oben – keine Fotos als Erinnerung, sondern im günstigsten Fall eine signierte Autogrammkarte oder ein ebensolches Poster. Einige dieser Ereignisse möchte ich nun, trotz mangel- und bruchstückhafter Erinnerungen, hervorkramen und sie als Fragmente präsentieren. Das hatte ich schon lange im Hinterkopf. Dank der langen Corona-Wochen habe ich diese Idee nun wieder auf dem Schirm. Drehen wir also das Rad der Geschichte um ein paar Jahrzehnte zurück:

Damals war ich Jahrzehnte jünger, mein Haar noch dicht und rabenschwarz, doch meine Leidenschaft war schon damals die Rockmusik. Im Frühsommer 1975 brachte ein Kumpel die Nachricht mit, dass in Belgern, unweit von Torgau, die britische Glam-Rock-Band MUD ein Konzert geben würde. Mud waren zwar nicht meine erste Wahl, aber in jener Zeit des Rock’n’Roll-Mangels - siehe oben - nahm ich alles mit, was auch nur halbwegs nach Rockmusik klang. Ohne Karte und mit viel Lust an einem Abenteuer, fuhr ich mit Gisbert, der einen Wartburg sein eigen nannte, über Riesa und die Elbe nach Belgern. Das kleine Städtchen wirkte wie ein aufgewühlter riesiger Ameisenhaufen. Uns gelang es tatsächlich, das aufgewühlte Durcheinander nutzend, das Konzertgelände nahe dem Elbeufer zu betreten. Die Anlage war überfüllt und wir drängelten uns bis zum Boxenturm am linken Bühnenrand vor. Hier erlebten wir die aufgeheizte Stimmung in den vorderen Reihen hautnah und leider auch, wie leere Flaschen auf die Bühne geworfen wurden. Der Konzertbeginn verzögerte sich dadurch und die Unruhe wuchs. Als die vier Musiker von MUD, im hellen Glitter-Outfit, auf die Bühne kamen, änderte sich die Stimmung leider nicht. Ganz im Gegenteil. Als erneut leere Flaschen auf der Bühne und dort vor den Füßen der Musiker aufschlugen, unterbrach der Veranstalter das gerade begonnene Konzert. Die Herren MUD verließen darauf die Bühne und wir standen ziemlich ratlos seitlich davor. Würde das Konzert fortgesetzt werden und vor allem, wann? Als lange nichts mehr geschah, entschlossen wir uns schließlich, zu gehen, ohne ein vollständiges Konzert gesehen zu haben. Ob es überhaupt bis zum Ende gespielt wurde, weiß ich bis heute nicht und wo die paar Fotos geblieben sind, die ich mit meiner Pouva Start geknipst hatte, entzieht sich auch meiner Erinnerung.

Wahrscheinlich 1977 oder 78 erfuhr ich von einem Konzert, das die ungarischen Rocker von SKORPIO in Großenhain, oder war es doch Riesa, geben würden. Ich besaß die erste LP der Band und hatte den Frontmann bereits als Mitglied von Locomotiv GT bei einem Konzert in Dresden 1973 erlebt. Ich war also neugierig und wollte nun auch seine neue Band live erleben. Wie und mit wem ich schließlich zum Konzert gelangte, weiß ich heute nicht mehr, aber an die Stimmung im Saal sowie das Geschehen auf der Bühne kann ich mich noch bruchstückhaft erinnern. Mich haben das lockere Agieren und der klare Sound der Ungarn beeindruckt und außerdem die Perfektion des versierten Bassisten und Sängers KAROLY FRENREISZ. Der stand keinen Augenblick still und sprühte nur so vor Energie, die er auf sein Instrument übertrug und beim Gesang zum Ausdruck kam. Das war Rockmusik aus dem Bauch heraus und wieder voll dorthin zurück zu mir. Diese ungebremste Spielfreude und der sichtliche Spaß an der Musik haben mich ungemein beeindruckt. Nach dem Konzert ließ ich mir Autogrammkarten und Poster von den Musikern signieren und mit dem Bassisten gab es Gelegenheit, zu reden, da Karoly Frenreisz ganz gut deutsch sprach. Auch deshalb habe ich diesen Abend, wenn auch nur teilweise, in sehr guter Erinnerung behalten, nur eben – siehe oben – davon keine Fotos gemacht. Warum ich meine LP-Hülle zum Signieren nicht mitnahm - keine Ahnung.

Ganz ähnlich sind meine Erinnerungen an ein Konzert von GENERAL, ebenfalls aus Ungarn. Auch hier bin ich mir nicht mehr sicher, ob es in Großenhain oder Riesa stattfand. Ich hatte mir gerade die neue Scheibe der Band gekauft, die inzwischen mit härteren Rock-Klängen auf sich aufmerksam zu machten versuchte und auf die drei Chor-Damen verzichtete. Ich nahm das Plattencover, fuhr zum Konzert und fand mich in einem nur zur Hälfte gefüllten Saal wieder. Darüber war ich damals sehr überrascht und vielleicht hat sich deshalb dieses Bild in meinem Kopf so verfestigt. Davon ließen sich die Musiker aber nicht beeindrucken und lieferten ein richtig stimmiges Konzert ab. Ganz besonders ist mir der Sänger KAROLY HORVATH in Erinnerung geblieben. Ein blonder Lockenkopf mit einer rauen Rock-Röhre, der ständig mit seinem Mikrofonständer, der statt eines festen Stativs am unteren Ende eine ovale Platte hatte, so dass der Ständer bei jeder Berührung schwankte. Dieser „Tanz mit dem Mikrofon“ hat mich damals ungemein fasziniert, weil so ein Show-Element für mich völlig neu war. Nach dem Konzert bin ich zu den Musikern gegangen und habe ich mir das Plattencover und ein Poster signieren lassen. Die sind bis in heutige Tage, vierzig Jahre später, in meiner Sammlung geblieben. Ein gemeinsames Foto zu machen, kam mir leider nicht – siehe oben – in den Sinn.

Ein Konzert der besonderen Art erlebte ich im Januar 1978 in Großenhain. Das weiß ich deshalb noch genau, weil ich zum Glück noch das Ticket besitze. Die BEATLES REVIVAL BAND war für ein Konzert im Capitol angekündigt und da ich damals (wie heute) ein großer Fan der Fab Four war, nahmen mich Freunde zu diesem Konzert mit. Der Saal war bis auf den allerletzten Platz gefüllt und ich mittendrin. Diesen seltenen Abend habe ich mit all meinen Sinnen genossen und mich an jedem Song erfreut, ob nun aus der Frühphase oder späteren Jahren, das war egal. Die meisten konnte ich sogar mitsingen, denn schon damals kannte ich fast alle Beatles-Texte, zumindest aber ihre Refrains, auswendig und die meisten sind ja ohnehin Ohrwürmer. Die vier deutschen „Beatles“ trugen, soweit ich mich richtig erinnere, die typischen blauen Anzüge auf der Bühne. Weil sie in englischer Originalsprache sangen, war die Illusion, zumindest für mich, nahezu perfekt. Als zum Schluss noch einmal richtig Stimmung aufkam, stellte ich mich, so wie einige andere auch, auf meinen Stuhl, um besser sehen zu können. Leider nicht lange, denn die Ordner sorgten dafür, dass alles „gesittet“ und sitzend stattfand. Heute denke ich trotzdem sehr gern an das schöne Erlebnis, auch wenn – siehe oben – keine Fotos davon entstanden sind.

Und dann gab es noch, zwei Jahre vor der radikalen Zeiten- und Besitzerwende, das Berlin-Jubiläum und auf einmal so viele Konzerte von Musikern und Bands, dass ich keine Möglichkeiten hatte, überall dabei zu sein. Dylan sah ich mit Freunden in Berlin und Cocker mit der gleichen Meute in Dresden. Als wir das Angebot bekamen, auch noch gemeinsam nach Cottbus zu fahren, um den „Schüttel-Stefan“ im Konzert zu erleben, haben wir zugegriffen. Keine Ahnung, ob wir in der Stadthalle, im Theater oder sonst wo ankamen, es wurde ein fröhlicher Abend, denn der SHAKIN’ STEVENS hat für uns gesungen. Eine Rock’n’Roll-Band, Bläser, ein Chor mit drei hübschen Damen plus der smarte Shaky. Es hat Spaß gemacht, wir haben wild gefeiert und sogar zwischen den Stuhlreihen getanzt. Hätte ich eine Knipse dabei gehabt, es wären viele schöne Fotos geworden, doch leider – siehe oben. Als Souvenir habe ich mir ein Faltposter mitgebracht, wie ich auch eines vom Dylan- und vom Cocker-Konzert sowie einigen anderen besonderen Events aufbewahre. Erinnerungen sind doch schön! Auch wenn sie nur noch aus Fragmenten bestehen, sie sind da und sagen mir, was ich alles in jenen Jahren, in jenem Land, erlebt habe und wie sie unser „graues“ Leben bunter gemacht haben. Nur schwarz und weiß war es nicht.

P.S.: Den Kommentar von Kundi und seine Meinung sowie Ergänzungen dazu im "Sonntagsvormittagsgespräch" per Telefon werde ich vermissen. Du fehlst, verdammt nochmal!!


www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 10.02.2021 20:03 | nach oben springen

#2

RE: KONZERTANTE FRAGMENTE

in Konzertberichte 2020 und 2021 11.02.2021 19:47
von ove | 140 Beiträge | 323 Punkte

Wie immer ein interessanter Text von dir...
Selten hab ich im Forum auf Beiträge geantwortet, aber immer interessiert gelesen, manchmal auch Wochen später.

MUD mit Flaschen beworfen... Warum? Schade um das ausgefallene Konzert.
Hab mir meine MUD-CD rausgekramt: "The Best Of MUD", wieder einmal nach langer Zeit angehört und die Musik genossen... Cool.
Irgendwie brauch ich immermal einen Anstoß, um Musikperlen neu zu erleben.
Danke!

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#3

RE: KONZERTANTE FRAGMENTE

in Konzertberichte 2020 und 2021 12.02.2021 14:47
von SN-Nittel | 329 Beiträge | 724 Punkte

Hallo Hartmut, ein schöner Beitrag von Dir. Von sowas lebt ein Forum, aber wie schon geschrieben. Die Decke ist allgemein zu dünne hier.
Deine Erinnerungen sind ein teil Musikgeschichte von dir und von der Zeit. Die hat jeder. Egal ob es da Fotos gibt oder nicht, wenn es noch im Kopf ist und du es niedergeschrieben hast (für dich und Andere) ist es gut so.
Mich interessiert aber auch warum die bekannte Gruppe "Mud" mit Flaschen beworfen wurde? Es war doch zu Ostzeiten eigentlich ein seltenes Ereigniss so eine Band zu erleben?

Besonders jetzt schaut man gern auf die alten Zeiten zurück. ich bin zwar Blues,Folk,Rock und Hippie Fan aber trotzdem ein Kind der 80iger und mag es immer noch. Auch wenn es damals bestimmte "rivalisierende" Szenen gab, war das Feeling einmalig und die Musik echt gut. Überfüllte Dorfsäle und Jugendclubs Feitags bis Sonntags und das ausufernde, Party+Musikleben war wirklich einmalig. Da gab es noch das "Wir" Gefühl und Musik wurde gelebt. Das ging irgendwie bald verloren und jetzt ist irgendwie alles Tod. Die Politik, Verantwortliche und und und ....wollen so Menschenfreundlich sein und sind genau das Gegenteil. Leben ist anders.

Es war ein Genuß deine Zeilen zu lesen....

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