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Helge Schneider am 13. Februar 2016 in Dortmund - Gastbeitrag von Christian Reder

in Konzertberichte 2019 und älter 16.02.2016 04:53
von Kundi | 3.250 Beiträge | 7335 Punkte

Diesen Bericht und die Fotos stellte uns freundlicherweise Christian Reder von www.deutsche-mugge.de zur Verfügung.
Vielen Dank dafür!


Helge Schneider am 13. Februar 2016 in Dortmund
Text + Fotos: Christian Reder

Auf eine Reise in die Welt des Unsinns konnte man sich am Samstagabend in der Dortmunder Westfalenhalle machen, wo HELGE SCHNEIDER mit seiner Kapelle und dem Comeback-Programm "Lass knacken, Oppa" aufwartete. Dass man für solch eine Reise selbst gut einen an der Murmel haben muss, bewiesen die Konzertbesucher (incl. mir) schon weit vor Beginn der Veranstaltung, indem sie sich in eine schier endlos erscheinende Autoschlange auf die B1 stellten, um sich im Schneckentempo auf eine der wenigen Einfahrten zu den Parkplätzen zuzubewegen. Da gibt es sicher entspannendere Zeitvertreibe an einem Samstag um 19:00 Uhr, aber es war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Nachfrage groß und die Veranstaltung keine im Kleinformat werden würde. Doch schon die Ankündigung, dass Helges Konzert in Halle 1 und nicht in einer der kleinen anderen Hallen stattfinden würde, ließ den interessierten Konzertbesucher wissen, dass das Konzert vor mehr als nur 100 oder 200 Leuten stattfinden würde. Am Parkplatz angekommen konnte man als Konzertbesucher gleich nochmals zeigen, wie kräftig man einen an besagter Murmel hat, indem man für die zweistündige Nutzung eines Parkplatzes mal eben schlappe 7,00 EUR (in Worten: sieben Euro) berappte, die der Betreiber ganz freundschaftlich aufrief. Was macht man nicht alles, nur um Helge und seiner Predigt zu lauschen?!

Durch die nicht einfache Anreise mit weitläufiger Umleitung auf einen der noch nicht überfüllten Parkplätze und dem damit verbundenen längeren Fußmarsch zur Westfalenhalle, verpasste ich dann auch prompt den Augenblick, in dem der Prophet die Bühne betrat und seine Predigt eröffnete. Von außen hörte ich bereits die ersten Lachsalven, die Schneider aus den Leuten raus kitzelte. Doch pünktlich zur ersten "Tea-Time" stand ich mit Kamera bewaffnet vor der Bühne. HELGE SCHNEIDER stellte in diesem Moment Bodo Oesterling, seinen persönlichen Teekocher und Azubi, vor, der ihm im Laufe des Abends immer wieder ein Heißgetränk und diverse Arbeitsgeräte anreichen "durfte". Kurz darauf betrat auch die Band die große Bühne und die Musiker nahmen an ihren Instrumenten Platz. Nach der Begrüßung ging es dann auch recht zügig mit dem ersten Musikstück und eingangs bereits erwähnter Reise in die Welt des Unsinns los. Das Besondere an HELGE SCHNEIDERs Programmen ist die Mischung aus gesprochenem Wort und musikalischem Vortrag. Während er zwischen den einzelnen Stücken gern weit ausholt und allerlei skurriles Zeug über die Bühnenkante wuppt, zeigt er sich gerade bei den Liedern als großartiger Instrumentalist und auch Sänger, der über ein beeindruckendes Stimmvolumen verfügt. Bei all dem Schabernack - auch während der Lieder - ist dies zusätzlich beeindruckend. Der Künstler ist wahrlich ein Spezialist im Vermischen von absurden Gedanken, leerem Gerede und sinnfreien Äußerungen. Und trotzdem ergibt alles aus humoristischer Sicht irgendwie einen Sinn und versetzt das Publikum immer wieder in Hochstimmung. Vor einem jeden Song erzählt er u.a. auch über die Entstehung des dann folgenden Stücks. Vor dem Klassiker "Katzenklo" wusste er zu berichten, dass dieses Lied inzwischen auf der ganzen Welt gespielt und gehört würde, aber hauptsächlich in Holland und den Niederlanden. In Japan gehöre das Lied sogar zum Schulstoff, allerdings mit einem anderen Text, einer anderen Melodie und von einem anderen Interpreten vorgetragen. Den Song "Katzenklo", einer seiner kommerziell erfolgreichsten Hits, hat Helge im aktuellen Programm schon an vierter Stelle seines Sets gesetzt und es vom Arrangement her sehr ausladend ausgearbeitet. Zum einen ließ er das Publikum - geteilt in einen linken und einen rechten Chor - fleißig mitsingen, zum anderen wurde das Stück mit einem tollen Gitarren- und einem von Helge selbst gespielten Solo auf dem Xylophon veredelt. Weitere Geschichten, die der blühenden Phantasie des Meisters entsprangen, waren z.B. die über seine Beobachtung, wie ein ganzes Flugzeug mittels eines 3D Druckers entstand. Das Flugzeug sei als Blatt aus einem Faxgerät gekommen, musste anschließend nur noch gefaltet werden und konnte dann richtig fliegen. Auch erzählte er von einem Beitrag, in dem es um eine Schiffstaufe ging, die von keiner Geringeren als Helene Fischer vorgenommen wurde. Sie selbst sei dabei die Flasche gewesen und sei an einem Seil befestigt vor das Schiff gesprungen. "www.mein-schiff.de II" habe das Wasserfahrzeug geheißen ... Auf ein Schiff mit so einem Namen würde Helge selbst aber nicht gehen wollen, wie er anmerkte. Schneider berichtete ferner von seiner Kindheit auf dem Bauernhof, und dass er selbst fast ein Bauernhof geworden wäre, über einen Besuch der Zaubershow von Hans Klocke, über die Vernetzung unseres Lebens mit dem Internet und dass es bald an jeder Couch einen "Major-Apparillo" geben würde, der das Aufstehen und selbst Einkaufen unnötig machen wird, und auch über die Kohle (also die von tief aus der Erde), wo sie herkommt und was man damit macht, hielt der Mann aus Mühlheim/Ruhr einen Vortrag. Dass er selbst kein Fleisch esse, sich ausschließlich von Papier - also Esspapier - und Sauerampfer ernähre, und nur ab und an mal ein Schaschlik zu sich nehme, verriet er dem Dortmunder Publikum auch noch. Ein Running-Gag, der sich fast über den gesamten Abend verteilte, war das Kokettieren mit seiner großen Sympathie für die Stadt Dortmund, wo er alles ... aber wirklich alles ... richtig toll finde. Die Stadt habe so viel Stil, wie keine andere Stadt, meinte er. Darum werde er - sobald er auch wieder etwas Zeit habe - dort einkaufen gehen, weil man hier einfach alles bekommen würde ... Handys, Brillen ... Einen Tag zuvor habe er in Würzburg gespielt, und dort sei ja nur Pack unterwegs gewesen. Er habe sich deshalb schon riesig auf seinen Besuch in Dortmund am nächsten Tag gefreut und den Leuten das dort auch so gesagt. Helge schob nach, dass er die gleiche Ansage in Würzburg über die Stadt und das Konzert davor zwar auch gemacht habe, aber dass die gelogen gewesen sei. Ebenfalls wie ein roter Faden zieht sich die Schikane des Azubis und Teekochers Bodo durch den Abend. Er hat Schneider auf Zuruf innerhalb von kürzester Zeit sämtliche Wünsche zu erfüllen und muss dabei zahlreiche Bosheiten seitens seines Chefs erdulden. Viele der Gags, über die sich Schneider teilweise selbst ein Lachen nicht verkneifen konnte, kann man gar nicht wiedergeben. Die muss man live erleben. Das Programm lebt von einer ausgesprochen feinen Situationskomik und scheinbar spontan entstehenden Gags, die - sollten sie einstudiert sein - improvisiert und aus dem Moment heraus entstehend wirken. Keiner weiß, was im nächsten Moment passiert, zumal Schneider bei seinen Geschichten auch sehr weit ausholt und gerne auch abschweift.

In Sachen Songauswahl hat HELGE SCHNEIDER für sein aktuelles Programm laut eigener Aussage nur die schönsten seiner Lieder ausgesucht. Eben schon erwähntes "Katzenklo" stand dabei ebenso auf der Setlist wie "Es gibt Reis" und "Der Meisenmann". Vom letzten Album "Sommer, Sonne, Kaktus" aus dem Jahre 2013 bekamen wir in Dortmund den Song "Nachtigall, huh" zu hören. Auf einem von Bodo bereitgestellten roten Sessel sitzend, stellte Helge vor dem Song sein Instrument, eine afrikanische Königstrommel, die nur vom König gespielt werden darf, vor. Er selbst habe sie aus einem Musikgeschäft in Aachen. Im Verlauf des Stücks wechselte Schneider von dieser Trommel zum Synthesizer und zum Flügel. Wie international er unterwegs ist, bewies der Multiinstrumentalist mit diversen Songs, die im Ausland entstanden sind, z.B. mit den Songs "Die Trompeten von Mexiko", das mit einer Tanzeinlage von Sergej Gleithmann versehen war, dem Kindereinschlaflied "Makeheia" und einem spanischen Stück in Flamenco-Tradition. Das für den Elektriker Roy Kabel komponierte Stück "Es hat gefunkt bei mir" und das am Ende des Programms eingebaute "100.000 Rosen", erneut mit Tanz- bzw. Gymnastik-Einlage von Sergej Gleithmann, sind weitere Bestandteile des "Lass knacken, Oppa"-Programms. Begleitet wird Helge Schneider von einer erstklassig besetzten Live-Band, mit ganz großartigen Instrumentalisten, die im Laufe des Abends alle ihren Platz für eigene Soli eingeräumt bekommen. Zur Band gehören der hier schon mehrfach erwähnte Sergej Gleithmann alias Volker Bertzky, der den größten Teil der Show still auf einem Stuhl am Rand der Bühne sitzt und bei "Bedarf" mit Saxophon- und Tanzeinlagen in Erscheinung tritt, Sandro Giampietro an der Gitarre, Kai Struwe am Bass, Willy Ketzer am Schlagzeug, Peter Thoms an den Percussions, Carlos Boes an den Blasinstrumenten und Rainer Lipski an den Tasten. Schneider selbst ist sich für kein Instrument zu schade und stellt sein Können dann auch an Melodica, Trommel, Xylophon, Orgel, Piano, Gitarre und Trompete unter Beweis. Die Band ist ein perfekt aufeinander eingestimmtes Kraftwerk, das die witzigen Themen ihres Chefs perfekt in Jazz, Rock und Swing kleidet. Ohne viel schmückendes Beiwerk unterhalten Schneider und Band in über zwei Stunden ihr Publikum. Auf den Verzicht einer großen Bühnenshow wurde laut Schneider bewusst verzichtet. Das wolle er nicht, dass nur wegen des Effekts "wie bei Elton John extra zwei Elefanten zum Einsatz kommen, die eine Mamba zerreißen". Das brauche er nicht. Und damit hat er recht. Helge kriegt das alleine hin!

"Lass knacken, Oppa" ist ein - wie erwähnt - über zweistündiges Programm, unterbrochen von einer 30-minütigen Pause (in der der Meister fast eingeschlafen wäre, wie er zugab), bei dem kein Auge trocken bleibt. Die Mischung aus Musik und Geplapper ist ausgezeichnet abgestimmt und führt das Publikum zudem an eine Musikrichtung, die es ohne Schneider zu großen Teilen wahrscheinlich gar nicht bei einem Konzert konsumieren würde, nämlich dem Jazz. Die Band und der Frontmann machen den Konzertbesuchern die Jazz-Musik so schmackhaft und das auf eine exzellente Art und Weise. Hier mal ein bisschen Rock, dort mal ein bisschen "Weltmusik" ... den Pop nicht vergessend ... und ruck zuck ist man wieder in irgendeiner Improvisation auf Piano, Gitarre, Bass oder Orgel eingetaucht. Das hat was und macht 'ne Menge Laune! Natürlich darf und sollte man das alles nicht ernst nehmen, was einem dort auf der Bühne geboten wird. Es ist eben der pure Spaß, es ist witzig und alles ist mit einem Augenzwinkern versehen. Aber Schneider bringt es fertig, all das auf einem ganz hohen Level umzusetzen und den Leuten ofenwarm darzureichen. Für die Art von Humor muss man einen Sinn haben. Er ist sehr speziell, man möchte behaupten "progressiv" (das hat Helge in irgendeinem Interview - glaube ich - auch selbst augenzwinkernd so formuliert), und fordert trotz aller Banalität immer die höchste Form der Aufmerksamkeit, um keine der vielen kleinen Pointen und Dummheiten zu verpassen. In dieser Form bekommt nur einer den speziellen Humor hin, nämlich HELGE SCHNEIDER. Das hat sich wohl auch schon bei der jüngeren Generation herum gesprochen, denn im Publikum befanden sich nicht nur die von manchem vermuteten "alten Säcke" und in die Jahre gekommenen Damen, sondern überraschend viel junges Publikum. Teenager, Twens ... Leute in den 30ern, die die Hochphase des HELGE SCHNEIDER Anfang der 90er gar nicht miterlebt haben können. Das Konzertpublikum in Dortmund war bunt gemischt und die Stimmung - wie erwähnt - großartig. Die offensichtlich ausverkaufte Westfalenhalle lag dem Meister zu Füßen. Er hat die Leute im Minutentakt zum Lachen gebracht ... Es gibt noch reichlich Termine für eine bunte Reise in die Welt des Unsinns (siehe Termine unten). Wenn Ihr die Gelegenheit habt, geht Helge und seine Kapelle besuchen. Vielleicht habt Ihr anderenorts ja Glück und könnt es ohne Abzockerei bei der Parkplatz-Vermietung und der Versorgung mit Speisen und Getränken (4,00 Euro für eine Cola!!!) seitens des örtlichen Veranstalters (NICHT des Künstlers) genießen. Ich wünsche Euch dabei viel Spaß und dem, der es braucht, vielleicht ein extra Paar Ersatz-Unterhosen.

Angefügte Bilder:
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zuletzt bearbeitet 16.02.2016 04:54 | nach oben springen


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