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In Erinnerung - CZESLAW NIEMEN - "Ode To Venus" (1973)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 15.03.2014 19:54
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Czeslaw Niemen – Ode To Venus, CBS 1973 (15.03.2014)
(In Erinnerung und stillem Gedenken an einen großartigen Musiker, Sound-Pionier und Künstler.)

Die Fachwelt ist sich einig, dass CZESLAW NIEMEN einer der wichtigsten Musiker Polens war, ganz sicher auch eine Ausnahmeerscheinung und Rock-Pionier nach internationalen Maßstäben. NIEMEN war jemand, der seinen eigenen Weg Schritt für Schritt vorwärts ging, vom Beat und Soul in seinen frühen Jahren inspiriert, bis hin zu beinahe freier Experimentalmusik mit Elektronik nach ganz eigenen Vorstellungen in den späteren Jahren. Jede seiner Platte war ein neues Erlebnis und eine andere Erfahrung, die „Enigmatic“ mit dem legendären Kerzen-Cover wurde gar zum Kultobjekt einer ganzen Generation im Osten. Der Westen hat sie schlicht verschlafen. Ausruhen gab es bei NIEMEN nicht und wer, so wie ich 1973 in Dresden, ihn jemals live auf einer Bühne erlebt hat, wird die Eindrücke, aber vor allem wohl den Klang seiner Stimme, niemals wieder vergessen können. Noch Jahre später hatte ich stets das Gefühl, dass dieser Mann mit seiner Auffassung von Musik vielen seiner Zeitgenossen um einiges voraus musiziert hat. Das in diesem Jahr 1973, als ich CZESLAW NIEMEN & Band live erleben durfte, erschienene zweite, in englischer Sprache eingesungene Album „Ode To Venus“, war auch das letzte, das er mit dem Trio SKRZEK, APOSTOLIS & PIOTROWSKI bei der CBS veröffentlicht hat. Nach dieser Tournee mit NIEMEN gingen die drei als SBB erfolgreich ihren eigenen musikalischen Weg weiter, der nicht minder interessant und erfolgreich werden sollte.

Auf dem Album „Ode To Venus“ (Ode an Venus) griff NIEMEN teilweise auf ältere Kompositionen zurück, die er völlig neu einspielte und sie mit englischer Lyrik versah. Wer genau hinein hört, wird bald bemerken, dass es viele Parallelen zu „Marionettki“, aus dem er Teile entlehnte, gibt. Die Musik allerdings ist deutlich durchsichtiger geworden und spürbar mehr von einer Symbiose aus Rock und Jazz beeinflusst. Die kantige Musizierweise frühere Alben ist hier eher einem progressiven Touch gewichen, den CZESLAW NIEMEN expressiv mit Orgelkaskaden und Vokalstilistik prägt, die sich aber, trotz der freien Ausflüge, niemals verlieren, sondern überschaubar und reizvoll bleiben, weil man ihnen in jedem Moment folgen kann. Das Titelstück „Ode To Venus“ eröffnet genau auf diese Weise und entführt den Hörer gleich zu Beginn in eine Klang- und Musizierwelt fernab jeglicher bisher gewohnten Normen. Das gilt selbst noch und erst recht 40 Jahre nach deren Veröffentlichung. Man muss wirklich zuhören wollen, ansonsten scheitert der ungeübte Hörer schon an diesem ersten Stück und wird keinen Gefallen, zum Beispiel am expressiven Gitarrenspiel sowie an den Klängen der Hammondorgel und am Weiterhören haben.

Das darauf folgende kürzere Stück „Puppets“ ist von schlichter Melodieführung geprägt, die vom Spiel eines Pianos getragen und von NIEMEN’s expressiven Gesang, dominiert wird. Die Instrumentierung nimmt den Sound später folgender Platteneinspielung vorweg, ohne dass die Absicht war. Das längste Stück dieser Platte ist „From The First Major Discoveries“ (Von der ersten großen Entdeckung) und, wie der Titel schon vermuten läst, sehr experimentell angelegt, ohne sich im instrumentalen Spiel zu verlieren. In dezenter Bass - Begleitung, gespielt von JOZEF SKRZEK, und mit der Unterstützung von ANTYMOS APOSTOLIS’ Gitarrenspiel lässt sich NIEMEN zu ganz eigenen vokalen Spielereien und Ausbrüchen verleiten, die sich später im ausdrucksstarken Spiel von Gitarre und Percussion auflösen und irgendwo, zwischen Rock, Jazz und Blues, stilvoll enden. Das ist einfach nur grandios gemacht.

Die zweite Seite eröffnet mit „What Have I Done“, sehr verspielt und äußerst frisch, um dann, ähnlich wie beim Titelstück, die expressive Stimmung der Hammondorgel auszuweiten und NIEMENS’s Gesang einfach und leicht darüber hinweg gleiten zu lassen, um schon wenig später wieder in das vertrackt inszenierte „Fly Over Fields Of Yellow Sunflowers“ ( Flug über ein Feld von gelben Sonnenblumen ) zu münden. NIEMEN selbst scheint hier aus seiner Stimme das Maximum des Möglichen an Umfang und Klangbreite herausholen zu wollen, was mitunter zu beinahe fremd anmutenden Tönen führt. Das ist heftig virtuoser Jazz-Rock, von leidenschaftlich und sakral anmutenden Gesangsparts unterbrochen und getragen vom exzellenten Instrumentalspiel der Band. Diese Stimmung setzt sich mit „What A Beautiful Woman Your Are“ fort und auch hier glänzt die Band SKRZEK, APOSTOLIS, PIATROWSKI mit expressiv gespielten und perfekt aufeinander abgestimmten Instrumentalparts.

„A Pilgrim“ wirkt durch den arabisch anmutenden Gesang, den exotischen Rhythmus sowie durch das Spiel von Bass und die Einwürfe der Mundharmonika eigenartig, beinahe fremdartig und dennoch sehr emotional. Einmal mehr kann NIEMEN hier stilvoll demonstrieren, über welch einmalige und markante Stimme er verfügt und wie er mit diesem wunderbaren Geschenk der Natur umzugehen versteht. Das ist sehr beeindruckend und fast unwirklich zauberhaft. Die Platte endet mit einem ziemlich gewöhnlich wirkenden „Rock For Mack“, der aber am Ende spüren lässt, dass die Musiker auch die ganz normale Rock’n’Roll - Tastatur gnadenlos gut und effektiv beherrschen.

„Ode To Venus“ hat vielleicht nicht ganz so viel Glanz und ist nicht ganz so ausdrucksstark dem Stil seiner beiden polnisch gesungenen Vorgänger nachempfunden, begibt sich dafür aber deutlicher und wirkungsvoller in die Randbereiche, um sich dort emotional und auf allerhöchstem Niveau auszutoben. Wer bereit ist, sich mit den Songs dieser Scheibe dorthin zu begeben, wird zeitgemäße Ausübung von Fusions-Rock erleben, als wäre der gerade erst gestern so entstanden. Sowohl damals, vor 40 Jahren, als auch Jahre später, hätte diese Scheibe, und mit ihr der Künstler, eine viel größere Aufmerksamkeit verdient, weil deren beider Bedeutung sicher bis in heutige Tage nachvollziehbar ist. Geprägt ist diese außergewöhnliche Einspielung von einem breiten Spektrum der Klangvarianten und von verschiedenen Intonationsmöglichkeiten eines CZESLAW NIEMEN, die noch heute zu berühren vermögen. Auch dann, wenn man weder den Künstler kennt, noch die englische Sprache beherrscht. Diese Musik von damals ist zeitlos und wird ganz sicher die Zeiten überdauern. NIEMEN starb am 17. Januar 2004, vor nunmehr zehn Jahren, in Warschau an Krebs.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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#2

RE: In Erinnerung - CZESLAW NIEMEN - "Ode To Venus" (1973)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 17.03.2014 16:18
von PMausM | 1.517 Beiträge | 3195 Punkte

Ich hab da ein Erlebnis beizusteuern. War im Sommer in Polen, essen in einem Freiluft Restaurant. Das Radio lief - es kam nicht Niemen, sondern "Wichtig sind Tage, die unbekannt sind". Mir huschte ein Lächeln übers Gesicht Polnische Mitbürger, die in der Nähe saßen, merkten das. Plötzlich hoben sie den Daumen. Man verstand sich. Musik verbindet.


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