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neue CD "7" von TOXIC SMILE

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 05.02.2014 19:33
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Toxic Smile - “7” (Progessive Promotion Records, 12/2013)

1. From Inside Out
2. Barefooted Man
3. Needless
4. Love Without Creation
5. Rayless Sun
6. King Of Nowhere
7. Afterglow

Noch nicht einmal ein ganzes Jahr ist es her, dass „I’m Your Saviour“ (2011), die damals brandneue Scheibe der sächsischen Progressive-Rock-Band TOXIC SMILE, in meinem Player kreiselte. Damals habe ich den Silberling Song für Song inhaliert und weil sich die Musik so wohltuend vom Gros dessen, was man sonst aus den Medien oder von CD zu hören bekommt, abgrenzte, schrieb ich meine kleine Begeisterung in einer Rezension nieder. Danach wanderte sie zu den anderen im Regal, um kurz danach wieder für ein Konzert der Band in der Dresdener Groovestation im März 2013 heraus geholt zu werden. Seitdem hat sie, wie der Vorgänger „M.A.D.“ (2001) auch, die Signaturen der Musiker im Innern des Covers. Doch damit war es noch nicht genug, denn Mastermind MAREK ARNOLD scheint übermäßig voller Ideen zu stecken und so lag mir im gleichen Jahr auch die Musik des Projektes CYRIL in Gestalt des Konzept-Albums „Gone Through Years“ (2013), eine musikalische Adaption von H.G. Wells’ „Zeitmaschine“, vor und wieder drängte es mich, meine Eindrücke aufzuschreiben. Nun also, binnen Jahresfrist, das nächste, schlicht nur „7“ betitelte, Album von TOXIC SMILE, das beschrieben werden möchte.

Beim Betrachten des Covers fällt sofort auf, dass auf dessen Vorderseite kein Wort, dafür aber ein seltsames Gebilde und daneben ein noch seltsameres Zeichen zu sehen sind. Covergestaltung ist Kunst, wie man spätestens seit der Grafik von Klaus Voormann für die „Revolver“ der Beatles weiß, und Kunst verrät ihre Geheimnisse nicht beim ersten Betrachten, Lesen oder Hören. Sie will erobert werden, wie ein mystisches Wesen. Mystik ist auch hier im Spiel und so wird man beim Abzählen der Songs auf der Rückseite schnell erkennen, dass das letzte Zeichen wohl für die Zahl sieben steht. Von nun an kann man auch mittels dieser uralten Majazeichen, um die es sich hier handelt, beginnen, in die mystisch rockende Klangwelt von „7“ einzutauchen.

Das Album beginnt mit einem Riff, gespielt von einem, man mag es kaum glauben, 6-saitigen Bass, das unaufhaltsam in die Gehörgänge dringt, um dort als kantig treibende Figur „From Inside Out“ (Von innen heraus), sich über einem vertrackten Rhythmusgewebe wild austobend, in das Opus zu starten. Ein peitschender Bass, Piano-Tupfer und die Drums treiben sich, in Stakkatoklängen verbunden, gegenseitig vorwärts. Darüber erhebt sich der kräftige Gesang, der nur kurz vom Chorus der Gitarre abgelöst wird. Der zarte Klang einer Violine im Hintergrund ergänzt das Klangbild, ohne es aufzuweichen. Der besinnliche Mittelteil, eine kleines Sahnestück für den Sänger, mündet letztlich in einem wuchtigen „final ending“, das, von Orgelklängen getragen, das Stück heftig rockend, zum Ende führt. Danach spielen Bass und Piano miteinander und sie schichten Klänge übereinander. Es ist die Geschichte vom „Barefooted Man“ (Barfüßiger Mann), ein Stück mit Überlänge, das zunächst Raum für die Stimme von LARRY B. im ersten Teil lässt, um danach in einem Mittelteil die ganze Bandbreite zwischen Metall und Melodic-Rock instrumental auszuloten. Ein fulminantes Spiel der Möglichkeiten zu einem einzigen kompakten Intermezzo verschmolzen, eher nach Jazz, denn nach Rock klingend. Wirklich kunstvoll und zum Genießen gemacht und in abschließenden Teil findet sich dann das ursprüngliche Thema wieder, das sich am Ende effektvoll im Raum verliert.

„Needless“ (Unnötig) klingt schon deshalb etwas anders, weil hier statt der gewohnten Stimme von LARRY B., die des Gitarristen UWE REINHOLZ am Mikrofon erklingt und sich sehr harmonisch in den düster und mystisch klingen Sound einpasst. Eine stilvoller Song zwischen Ballade, Hymne und vom Jazz inspirierten Spielereien, die sich alle zu einem ungewöhnlichen, aber sehr harmonischen Ganzen fügen. Wirklich toll gemacht und dieser kleine Wechsel bringt zusätzlich Stimmung und Klangfarbe in das gesamte Werk ein. Danach ertönt eine kleine Melodieschleife, von MAREK ARNOLD am Saxophon gespielt, die mich an Gershwin erinnert und diese swingende Melodie leitet über zu „Love Without Creation“ (Liebe ohne Schöpfung). Es ist ein weiteres balladeskes Stück, das durch und durch aus der Jazz- und Swing-Stimmung der 1930er Jahre geschöpft zu sein scheint und von MAREK ARNOLD, was für eine geniale Idee, in das scheinbar abwegige Progressive-Genre, wie immer man das auch definieren möge, transformiert worden ist, um diesem Stück genau jene lässige Club-Stimmung zu verleihen, die das Hören so reizvoll macht. Getragen vom Saxophon und intoniert von Larry’s Stimme wächst sich das Teil zu einem ausladenden kleinen Meisterwerk aus, das man auf der CD einer Prog-Rock-Band eher nicht vermuten würde und dennoch genau hier hinein passt. Es dominiert die Abwechslung statt der Uniformität, so scheint das Motto zu sein.

Mit „Rayless Sun“ (Strahlenlose Sonne) sind wir dann wieder mittendrin. Die heavy gespielte Gitarre von UWE REINHOLZ korrespondiert mit den Grooves der Tasten, die sich von den Rhythmen treiben lassen. LARRY singt kraftvoll, um sich Momente später im Soundgeflecht locker treiben zu lassen. Auf dem Höhepunkt tobt sich im wilden Crescendo die Gitarre solistisch aus. Das Stück besitzt all jene Ingredienzien, die schwer rockend, aber innerlich intensiv verspielt und mit weiten Melodiebögen gespickt, den wahren Reiz des „Schwermetall“ ausmachen. Als nächsten hören wir scheinbar gedankenlos gespielt, eine Bass-Figur und urplötzlich baut sich darüber mit „King Of Nowhere“ (König des Nirgendwo) der nächste Rocker auf. Hier wird kräftig eingeheizt, parallel gespielte Gitarrenläufe wetteifern mit den Tasten und ROBERT EISFELD hinter den Drums peitscht den Beat dazu, der am Ende, immer leiser werdend, ausklingt.
Das Album schließt mit „Afterglow“ (Abendrot). Noch einmal mischen ROBERT BRENNER am Bass und die Drums vom anderen ROBERT den Sound kräftig auf, ehe sich LARRY’s Gesang, stimmungsvoll über dem Soundteppich der Tasten schwebend, erhebt. Wieder gibt es wechselnde Rhythmus-Breaks und wunderschöne Melodiebögen werden mit mystischen klingenden Soundschnipseln im Hintergrund garniert. Das letzte Stück des Albums klingt instrumental, im Wechsel der Tasten mit den solistisch tobenden Gitarrensaiten, aus. Wunderbar und sehr stimmig abgemischt, sich beinahe schon sinfonisch ausweitend, verabschiedet sich der volle Sound schon wieder aus den Ohren.

Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht gedacht, dass man in so kurzer Zeit nacheinander zwei derart komplex klingende Platten mit dieser schier unglaublichen Bandbreite von Einflüssen komponieren, einspielen und produzieren kann. Wer jedoch die Musiker genauer kennt, sollte vom Ergebnis nicht wirklich so sehr überrascht sein. Hier sind Könner am Werkeln, die ihre Musik sehr wohl im Fach „Heavy“ oder auch „Progressive“ einsortiert wissen wollen und vielleicht aber gerade deshalb dieses Muster beinahe spielerisch mit ungeraden und sich selbst verwickelten Rhythmen immer wieder aufbrechen. Die Musikalität wird spätestens beim zweiten Hören fühlbar, wenn man die vielen Einflüsse entdeckt, die sich überall verstecken oder in den abgedrehten Instrumentsoli zum Vorschein kommen. Auf diese Weise wird es nicht einen Moment langweilig, den Melodien zu folgen, im Wechsel zwischen monumentalen und liedhaften Passagen zu schwelgen oder sich einfach von den vielen Ideen begeistern und mitreißen zu lassen.

Wer also auf gar keinen Fall Musik hören will, die den typischen und vermeintlich erfolgreichen Mustern folgt, der darf hier ruhigen Gewissens zugreifen und sich am Nachfolger von „I’m Your Saviour“ erfreuen. Er wird eine Fortsetzung finden, die dort ansetzt, wo der Vorgänger aufhörte und dennoch ist diese CD weit von einem zweiten Aufguss entfernt. Auch bei „7“ wird tief in die Kiste gegriffen, um Heavy Metal flockig mit Jazz-Ausflügen aufzuwerten oder beinahe Sinfonisches und manchmal aus Mystisches weit ausufernd zu zelebrieren. Doch die Musiker von TOXIC SMILE um MAREK ARNOLD sind selbstbewusst genug und handwerklich bestens ausgestattet, um all das zu einem kompakten Sound zu verschmelzen, ohne dass er schwer und träge daher käme, sondern vielmehr nehmen sie spielerisch und mit viel Witz und Einfallsreichtum den Hörer auf eine emotionale, mystische und abwechslungsreiche Reise in ihren musikalischen Mikrokosmos mit. Eine Reise, die unheimlich viel Vergnügen bereitet und deshalb auch empfohlen wird.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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