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HÖHNE & Co. - die Freibad-Mugge von 1978

in Konzertberichte 2013 und älter 14.01.2014 18:42
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Mit HÖHNE & Co. am Badestrand – die Freibad-Mugge 1978 (03.081978)
(In Erinnerung und Gedenken an PETER GÄNSE )

Wir hatten keine staubigen Steppen in diesem Land, keine kargen Wüsten mit felsigen Bergen am Horizont. Wir hatten nur diese großen Tagebaulöcher und die Kegelberge aus Dreck sowie die Weite der Heidelandschaft, den Schraden oder die Lausitz, und dort stehen noch immer dichte Wälder und die Weite dominiert die Senken.
Die Songs vom Land weit weg hinter dem Ozean, vom staubigen „wilden Westen“ und den Bergen in Montana stammen von einem anderen Kontinent, aus einer anderen Welt. Diese Songs klingen nach Sehnsucht, nach Leid und Traurigkeit aber auch nach Ursprünglichkeit und purer Freude. Kein noch so kleiner Gedanke an Deutschland, DDR schon gar nicht – und doch!

Meine Heimatstadt Elsterwerda hatte einst, inmitten tiefster DDR-Zeiten, ein Freibad unter dem freien Himmel der Natur, das jährlich tausende Besucher und Badelustige ins Grüne lockte. Auch dann, wenn die Sonne, die auch über den Bergen von Montana aufgeht, mal nicht schien oder das Gras vom letzten Regen nass war. Irgendjemand war immer dort draußen im Freibad, um zu schwimmen oder beim Bademeister PETER GÄNSE, eine bärtige stämmige Seele von Mensch, schwimmen zu lernen. Zu ihm gingen die ganz Kleinen, wenn sie Kummer hatten, oder die Großen, wenn sie Hilfe brauchten. Wir gingen auch zu ihm, wenn wir eine Idee realisieren wollten, denn Peter, der eigentlich Alfred hieß, ließ niemals irgendjemanden im Regen stehen.

Im Bad stand ein großer Sprungturm aus Holz. Er war 6 Meter hoch und er hatte zwei Plattformen, eine in der Mitte und die zweite, für die Mutigen, ganz oben. Der war in den 70ern schon abgerissen und von zwei Brettern in 1 und 3 Meter Höhe ersetzt worden. Das Freibad hatte eine breite Wiese zum Liegen, die von hohen Bäumen begrenzt war. Auf der Gegenseite, locker 100 Meter über die Wasserfläche gesehen, befand sich hinter einer hohen Pappelreihe eine große Sandfläche. Dort „in der Wüste“ haben wir Ball gespielt oder im Sand gelegen, einen auf Ostsee gemacht, auch wenn der Sand nicht ganz so hell war. Was uns fehlte, hat die Fantasie ersetzt.

In dieses Freibad passte das Gefühl von Country & Western und den Bergen, die es hier nicht gibt. Auch wenn diese Musik aus den Weiten des amerikanischen Westens in der DDR offiziell nicht stattfand, Fans gab es dennoch viele und die warteten auf Gelegenheiten, Country & Western zu hören und zu leben. Im Jahre 1978 organisierten wir gemeinsam und mit Unterstützung von PETER das 2. Strandfest und wir hatten eine Band gefunden, die genau zu diesem Feeling passte.

HÖHNE & Co. kamen eher aus Richtung Ost(Sachsen) und waren zu jener Zeit Kult bzw. unter Fans ein Geheimtipp. ANDREAS HÖHNE und sein Partner DIETMAR BERNHARD waren im nahen Dresden zu Hause, stammen aber aus der Gegend, wo man das „Rrr“ so einmalig schön rollen kann, aus der Oberlausitz. HÖHNE und BERNHARD, zwei Neugersdorfer Nachbarskinder der Jahrgänge 1952/53, verschrieben sich schon früh den Songs der Baumwollpflücker, Farmer, Cowboys, Holzfäller und der Western Railroad, die sie bauten. Lieder, die von Liebe, Arbeit, den Menschen, ihren Sorgen und Freuden und ihren Geschichte erzählen, wie es Johnny Cash einst sinngemäß formulierte.

An diesem 3. August 1978 standen HÖHNE & Co. auf einem von uns selbst gezimmerten Holzpodest mitten im Freibad Elsterwerda und ließen diese Lieder erklingen und die hohen Pappeln an der Sandwüste rauschten dazu, als „The Night They Drove Old Dixie Down“ den nicht vorhandenen Gleisen zwischen den hohen Bäumen folgte. Für knappe zwei Stunden machten uns HÖHNE & Co. den Cash, den Nelson und die Highwaymen und, was „Old Dixie“ betrifft, Robbie Robertson & The Band.
Über die Wasserfläche wehte der weite Hauch der „Countryroads“, die John Denver und später Olivia Newton-John besangen und ein wenig amerikanische Bürgerkriegshistorie wurde mit „Johnny Reb“ lebendig.

ANDREAS „Hugo“ HÖHNE (Gitarre, Banjo, Mundi) und DIETMAR „Diete“ BERNHARD (Bass) ließen diese Musik erklingen, als wären beide direkt aus den Weiten der Prärie geradewegs ins Freibad zu uns geritten gekommen. Dazu bedienten beide außerdem mit Pauke, Bongos, Trommel und einem Waschbrett diverse Rhythmusmacher. Der dritte Mann auf dem Holzpodest, PETER „Piet“ BEHREND, gab dem Live-Sound mit seinem virtuosen Geigenspiel den letzten und perfekten Schliff, denn was wären die Western-Klänge ohne eine echte Fiddle.

Das Dreiergespann war keine reine Coverband, sondern hatte, wie alle im DDR-Rock-Zirkus damals, auch eigene Stücke im Programm. Ich erinnere mich an den Song „Dieselqualm“, der von einem Fernfahrerdasein erzählt, ebenso wie „Frühling 61“, in dem es natürlich auch um Fernweh und Liebe geht. Davon singen die Drei auch in „Walk The Line“, sie intonierten mit „Comanche“ ein Indianer-Thema und ließen es mit den absoluten Klassikern „Fireball Mail“ und natürlich „Ring Of Fire“ in der Version von Johnny Cash so richtig krachen. Der Abend war eine einzige Freiluftparty bei schönstem Sommerwetter. So etwas hatten die alten hohen Bäume da draußen noch nicht und seither nie wieder erlebt.

HÖHNE & Co. mit ihrem Gast PIET BEHREND und seiner Geige haben das alte Freiband für einen Abend in ein Gefühl von Prärie, Weite, Silbersee und Indianerfeuer getaucht, denn ein solches hatten wir zu später Stunde entzündet. Wir saßen im Kreis um die Glut, mit einem knackigen Watzdorfer in der Hand und ließen unseren Gedanken und Gesprächen freien Lauf bis in den frühen Morgen.

Noch heute gilt mein Dank dem Bademeister PETER GÄNSE, der, wie gesagt, eigentlich Alfred hieß, und der mit seiner stämmigen Figur, seinem Rauschebart und seinem einmalig sonnigen Gemüt für das Gelingen solcher Abende einfach unabkömmlich war.
Auch wenn ich schon wieder gedanklich ewig gestrige Sprücheklopfer vom immerwährenden grauen Alltag im Sozialismus faseln höre, in diesen schönen Stunden zählte die gemeinsame Freude und das gemeinsame Erleben mit Freunden – an Staatsrat, Zentralkomitee und FDJ hat damals selbst im nüchternen Zustand keiner einen Gedanken verplempert. Das machte sich mit Watzdorfer und einer Bratwurst im Bauch sowie mit Goldbrand in der Birne ohnehin nicht besonders gut. Wir waren in jenen Jahren eine verschworene Gemeinschaft, die sich mit ihrem Tun selbst glückliche Stunden bereitet hat und PETER mit seiner Frau Helene waren ein Teil von uns.

Die Geschichte von ANDREAS HÖHNE und DIETMAR BERNHARD als Musikanten in der DDR endete tragisch, wie die vieler anderer guter Musikerkollegen leider auch. Im Jahre 1986 verließen beide nach persönlichen Schikanen und ständigen Querelen die größte DDR der Welt in Richtung BRD, wo sie zum zweiten Mal mit Country & Western Music durchstarteten und als WESTERN RAILROAD ihre erste eigene LP produzierten. Das ist inzwischen auch schon wieder seit mehr als zwei Jahrzehnten Geschichte.
Seitdem und bis heute haben „Diete“ und „Hugo“ in der Szene einen klangvollen Namen und sind mit der Musik aus dem „Wilden Westen“ in den Klubs des Landes, und überall dort, wo Stimmung und auch Line-Dance angesagt sind, „on the road again“ und mit ein wenig Glück führt eine dieser Straßen vielleicht auch noch einmal in Richtung Osten, wo die alten Fans sehnsüchtig warten. Vielleicht denkt manchmal auch PIET BEHREND, der heute seine Fiddle bei HUFNAGEL in Berlin spielt, an jenen Abend im Freibad von Elsterwerda.

Diese Zeilen widme ich PETER GÄNSE, einem freundlichen Menschen und selbstlosen Freund, ohne den nichts von dem, was ich im Freibad Elsterwerda gemeinsam mit vielen gemacht und erlebt habe, jemals Wirklichkeit geworden wäre. Er wird mir auch über seinen Tod hinaus als wirklicher Freund und bester Bademeister der DDR in Erinnerung bleiben. Nur hätte ich es ihm ein Mal mehr persönlich sagen sollen, als ich noch die Chance dazu hatte - DANKE PETER.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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