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MIKE HARRISON (ex-Spooky Tooth) - live 02.10.2007

in Konzertberichte 2013 und älter 22.12.2013 19:40
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Mike Harrison und das lange Warten auf Wind (02.10.2007)

MIKE HARRISON, der englische Rock-Sänger mit der markanten Blues-Stimme, ist schon verdammt lange im Rock’n’Roll - Zirkus unterwegs. Dennoch kennen die meisten vermutlich nicht einmal seinen Namen. Bereits 1965 gründete er seine erste eigene Band, THE V.I.P.s, aus der im Jahre 1967 THE ART hervorging, in der auch ein Organist namens KEITH EMERSON die Tasten der Orgel drückte. Diese kunstvolle Musikergemeinschaft spielte mit „Supernatural Fairy Tales“ eines der schönsten Psychedelic-Alben der Rock-Geschichte ein, auf dem sich mit „Think I’m Going Weird“ ein Welthit versteckt hielt. Auch das wissen heute nur noch einige wenige.

Im Jahre 1967 komplettierte der Amerikaner GARY WRIGHT die Band, die sich von da an SPOOKY TOOTH nannte und 1968 ihre erste LP „It’s All About“ veröffentlichte. Den einzigen Hit dieser Platte „Sunshine Help Me“ spielten sie noch bis in heutige Tage, wenn sie denn mal auf der Bühne standen. Das wirkliche Markenzeichen der Platte aber war eine herausragende Cover-Version von „Tobacco Road“. Mit ihrem ganz eigenen Gespür, äußerst exaltiert, feinfühlig und ideenreich ausgefallene Songs anderer Künstler mit zähflüssig kompakten Orgelklängen und schwermütig lyrischen Blues-Gesang in Kombination mit einer zweiten klagenden Falsett-Stimme neu zu interpretieren, haben sich SPOOKY TOOTH auf ewig in die Rock-Analen eingraviert.

Neben der Harrison/Wright-Nummer „Waiting For The Wind“ und dem Beatles-Cover „I Am The Walrus“, die beide in England und Deutschland zu Hits avancierten, schockten sie die Rockwelt mit Geräusch- und Klangcollagen auf dem nächsten Album „Ceremony“ (1970), dessen Cover-Gestaltung Negativkritiker zusätzlich inspirierte. Nach einer ersten Trennung der Band und einer kurzzeitigen Re-Union sowie zwei weiteren Alben, war endgültig und für lange Zeit Schluss.

Heute sind sich Musik-Gurus, Kritiker und Fans einig darin, dass SPOOKY TOOTH eine der wichtigsten Bands der Rock-Geschichte überhaupt sind und bleiben werden, auch wenn sie immer unterschätzt wurden. Ich gehöre seit den Zeiten von THE ART zu denen, die MIKE HARRISON’s Blues-Stimme lieben und bei der Musik von SPOOKY TOOTH regelmäßig Gänsehautgefühl bekommen. Auch heute noch. Eher zufällig bekam ich im Herbst 2007 mit, dass eben dieser MIKE HARRISON mit eigener Band und einem neuen Album auf Tour war und ein Termin im Brauhaus Radigk Finsterwalde, quasi um die Ecke, stattfinden würde.

Es war ein diesig kalter Abend, dieser 2. Oktober 2007. Ich bin schon sehr zeitig losgefahren, in der Befürchtung, einen guten Platz zu verpassen. Erste Überraschung – der Saal war noch gähnend leer. Zweite Überraschung – die Band saß mit dem Engerling-Manager GERD LEISER, den ich aus früheren Zeiten kannte, gemütlich vor der Theke beim Abendessen. In einem Anflug von Selbstüberschätzung bin ich einfach zu ihnen hin und habe die Herren direkt angesprochen. Ich hatte ein freundliches und kurzes Gespräch in deutsch mit Gerd Leiser und einen angenehmen Small-Talk in englisch mit MIKE HARRISON. Nach diesen kurzweiligen Minuten besaß ich die Widmungen auf meinen Mitbringseln und die Möglichkeit eines gemeinsamen Fotos mit einem meiner Jugendidole. Man muss eben nur auf den „richtigen Wind warten können“, auch wenn das mehr als dreißig Jahre gedauert hat.

Der musikalische Teil des Abends war zunächst vordergründig den Songs der neuen CD „Late Starter“ gewidmet, auf der man einen gereiften und allseits überzeugenden Soul & Blues – Sänger mit seinen vielen Nuancen erleben kann. Der weiße Blues-Mann hat sich steinalte Klassiker vorgenommen und gestaltet das Konzert zunächst vorwiegend mit deren ganz individueller Interpretation, aber im aktuellen und eher rockigen Gewand, so wie sie auch auf der CD zu finden sind. Songs wie „Out Of The Rain“ und „Fool In Love“ überzeugen mit Druck und Stimmgewalt, aber auch mit einfühlsamen Arrangements. In jeder Phase spürt man die Reife eines „alten“ Hasen, der im Gefühl hat, wo die Songs ihre Seele versteckt halten und wie man sie hervorlocken und neu erstrahlen lassen kann.

Meine Lieblingsnummer auf der CD ist der alte Klassiker „I’ve Got Dreams To Remember“, den MIKE HARRISON live wie ein Gebet zelebriert, sich dabei voll und ganz in die Botschaft fallen lässt. Ihm scheint völlig egal zu sein, dass da nur 30 oder 40 Leute stehen und wohl auch nicht wirklich begreifen, wer da vor ihnen steht und so seelenvoll den Blues singt. Da hat wohl in den letzten Jahren, dank Bohlen und Castings, in Deutschland nicht nur die Allgemeinbildung, sondern auch das musikalische Verständnis, gelitten.

Je weiter der Konzertabend intensiver wird, desto lauter rufen einige laut nach den Klassikern von SPOOKY TOOTH. Man erwartet natürlich, dass „Waiting For The Wind“ (Warten auf den Wind) erklingt und wir bekommen endlich diese schwermütig deftige Hymne aus den 1970ern zu hören. Harrison schiebt noch „Better By You, Better Than Me“ hinterher und zelebriert „That Was Only Yesterday“. Routiniert wird der Höhepunkt immer noch ein kleines Stück weiter geschoben, die Stimmung ausgereizt, um dann endlich „I Am The Walrus“, die alte schräge Beatles-Nummer, genüsslich langsam, wie einen sich zäh steigernden Orgasmus, auszukosten. Da stehen ich ganz dicht beinahe neben ihm und singe die Zeilen aus meinen Jugendjahren laut mit: „I am he as you are he as you are me and we are all together.“ Und beinahe fühle ich mich wirklich wie „auf einem Cornflake sitzend“, so schön ist das zu erleben.

Ich steh’ die ganz Zeit etwas seitwärts mit gutem Blick auf den Mann am Mikrofon, kann ihn direkt erleben und auch manchmal seinen dankbaren Blick erhaschen. Wirklich schön, dass wir vor dem Konzert Gelegenheit zum Plaudern hatten! Nach dem Konzert von MIKE HARRISON bin ich noch einmal in die Garderobe gegangen und habe mich persönlich von einem meiner Jugendidole verabschieden können. So viel Aufmerksamkeit und Freundlichkeit von einem, der die Rolling Stones, Humple Pie, Chris Farlowe und all die anderen Giganten meiner wilden Jugendjahre persönlich kannte und kennt, ist mir bisher nur selten passiert. Diesen besonderen Moment mit MIKE HARRISON habe ich in mich aufgesogen und ich bin sehr dankbar dafür, das auch wirklich erlebt zu haben.

Das anschließende Konzert mit ENGERLING hab’ ich wissentlich geschwänzt, denn Boddi und Band werde ich sicher noch öfter auf einer Bühne erlebe. Im Hochgefühl des Erlebten bin ich nachts nach Hause gefahren und habe hier noch einmal den Klängen von „Spooky Two“ gelauscht.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 26.12.2016 12:24 | nach oben springen


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