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CD: Johan Meijer - "Zeitenwechsel" (Überlänge - Lesen auf eigene Gefahr!)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 16.12.2013 19:39
von HH aus EE | 849 Beiträge | 2070 Punkte

Johan Meijer – „Zeitenwechsel“ (Nederossi 2013)


01. Bald anders 10. Verzicht
02. Skipper Klemens 11. Jenseits der Brücke
03. Papa, erzähl noch mal 12. Insel im Roten Meer
04. Der Wind (Al vent) 13. Utopie
05. Prager Frühling 14. In meines Vaters Land
06. Kapital 15. Übers Ohr gehauen
07. Sterben für Ideen 16. Der Ort Europa
08. Breite Gasse 17. Leicht verschrammt
09. Fanfare von Hunger und Durst


Ein Wort zuvor:

Bei einem Konzert der SEILSCHAFT im Freiberger Tivoli, das war im Oktober 2012, kam der Niederländer JOHAN MEIJER auf die Bühne und sang, gemeinsam mit der Seilschaft, die „Schwarze Galeere“. Seine Art, diesen alten Song von Gundermann zu singen, ging mir unter die Haut. Per Mail fragte ich beim Sänger an und erhielt von ihm eine signierte CD voller Lieder des lausitzer „Bagger-Sängers“, aber gesungen vom Holländer, der den Gundermann persönlich nicht kannte und auch das Land nicht, in dem er lebte und über das er Lieder schrieb. Aber es schien ihm wohl wichtig, sich mit dessen Erfahrungen zu beschäftigen und daraus eigene Texte mit einer anderen Poesie zu weben, die dennoch ihre Herkunft nicht verleugnen.
Diese neuen Interpretationen gingen mir mitunter sehr nah und, nur für mich allein, begann ich eine Rezension über „Hondsdraf“ zu schreiben. Es hat ein halbes Jahr gedauert vom ersten Versuch bis zur fertigen Beschreibung. Zu sehr hatten mich beim Anhören und Begreifen die Songs auf Holländisch in ihren Bannkreis gezogen. Da entdeckte einer den Gundermann für sich neu und nahm mich als Hörer mit auf eine andere Entdeckungsreise.
Meine Rezension bei der „Deutschen Mugge“ las auch JOHAN MEIJER. Ich bekam Post von ihm mit einem liebevollen Schreiben an mich, dass ihm meine Kritik gefallen hätte und eine neue CD war auch anbei. Als Geschenk, wie er schrieb, und nicht mit dem Zwang, eine weitere Rezension schreiben zu müssen. Und dann saß ich doch wieder und schrieb. Natürlich kann Herr Meijer nichts dafür.

Keine Rezension, nur ein paar Gedanken:

Hatte es mir der singende Holländer schon mit seinen Gundermann-Lieder auf „Hondsdraf“ ziemlich schwer gemacht, so ist der Einstieg in „Zeitenwechsel“ auch alles andere als leicht, will sagen, keine geistige Schonkost. Hören allein genügt hier nicht, denn der Liedersinger hat ein Kollektion gänzlich unterschiedlicher Kompositionen quer durch die europäische Geschichte auserwählt, weil sie alle auf sehr spezielle Weise Zeiten des Umbruchs dokumentieren. Er hat sie alle für sich vereinnahmt und ihnen sein eigenes Gewand verpasst, das mitunter weit über die Vorgaben des Originals hinaus geht. Da empfiehlt es sich, vor dem Hören auch zu lesen oder zu suchen, um zu verstehen. Die simple Laufzeit der CD reicht dafür, wieder einmal, nicht aus.

Das Abenteuer beginnt schon mit „Bald Anders“, denn als ich gelesen und noch gar keinen Ton gehört hatte, bin ich erst einmal zu meinen Vinyl-Platten gegangen und habe OUGENWEIDE, die faszinierend wunderbar deutsch singende Folkband aus Hamburg, gesucht. Also hörte ich „Bald Anders“ und bald danach das gleiche Stück anders noch einmal, nämlich von JOHAN MEIJER interpretiert. Was für ein Erlebnis, das ich jedem, der sich an diesen „Zeitenwechsel“ heranwagt, empfehlen kann und wer dann noch den „Simplicissimus“ lesen wird, merkt vielleicht, wie sich Geschichte(n) wiederholt. Das ist mir nämlich beim Hören von „Skipper Klements Morgengesang“ genau so gegangen, denn fast scheint mir, dass Gundermann auch ein Zeitgenosse von Thomas Münzer hätte sein können, so sehr erinnert mich die Stimmung des Liedes und die andere Interpretation von JOHAN MEIJER an den singenden Baggerführer aus der Lausitz. Ob nun gewollt oder nicht, so ein Deja Vu ist wirklich verblüffend. Zwei wunderschöne alte Melodien gleich zu Beginn und ganz und gar nicht aus dem Gestern.

Da schmeicheln sich beschwingt zirpende Gitarren in die Ohren, man meint sich tanzend bewegen zu müssen, wenn „Papa, erzähl’ noch mal“ von den Wahrheiten der Geschichte berichtet, „wie sie aus Spaß die wilde Sau raus ließen, um allen Diktatoren den Lebensabend zu vermiesen“. Da fühlt man sich doch wohl, wenn die Bösen der Geschichte(n) angezählt werden, doch wenn zum Ende dann vom Sterben der „verfaulten Toten“ gesungen wird „in Damaskus – und immer noch in Kabul“ wird einem plötzlich der „Zeitensprung“, vom Beginn der 1990er Jahre bis heute, bewusst und die Fröhlichkeit bekommt einen ziemlich faden Beigeschmack, denn gerade hatte ich aus dem aktuellen Afghanistan ein paar Bilder gesehen.
Ganz ähnliche Gedanken überfallen mich bei „Der Wind (bläst uns ins Gesicht)“ und auch hier mag sicher jeder selbst seine Parallelen suchen. Unsere jüngere Geschichte ist voll davon und von ihren beeindruckenden Liedern auch, so wie beim „Prager Frühling“, dessen Geschehen mit diesem Lied wieder in Erinnerung gerufen wird. Damals bekam ich von einem Briefpartner aus Prag nur eine schlichte Postkarte geschickt und darauf der Schriftzug „Potschemu – Warum?“. Das Gefühl von damals war beim Hören des intensiven Piano-Spiels wieder allgegenwärtig und die Fragen auch.

Woran nur erinnert mich dieses „Kapital“? Nein, nicht wirklich an das dicke Buch, eher habe ich einen Österreicher vor meinem geistigen Auge und verdammt, dieser Gesangsstil passt wie die erhobene trotzige Faust gen Himmel und dann ist auch der Gedanke an das Buch wieder da. So ein Gedanke muss man erst einmal bekommen und dann entdecken, wo dieser Song seinen Ursprung hat. Dann ist diese Version von JOHAN erst recht ein großartiger Tritt in den Arsch eines Diktatoren. Mein lieber Herr Meijer!

Georges Brassens’ „Sterben für Ideen“ entwickelt fast eine beswingt tänzerische Leichtigkeit, die mittels Piano flockig zu rhythmischen Körperbewegungen verleitet, wie so manche Idee eben auch, um dann beinahe ernüchtert zu meinen: „Doch nicht mit Eile.“ Beinahe verspielt, mit französischem Flair und einem Flötenspiel, Anderson lässt grüßen, kommt die „Breite Gasse“ daher. Bei diesem, einer meiner Lieblingsstücke, benutzt der Interpret barocke Muster und verführt auf diese Weise quasi doppelt – sinnlich und nachdenklich, denn auch die „Breite Gasse“ ist mehr, als nur ein Stück Musik und zum Hören sowie Lesen gleichermaßen empfohlen.
Je weiter ich in die Lieder hinein höre, desto intensiver fesseln mich die Inhalte und die begleitenden Texte, die deren Verstehen erst richtig möglich machen. Als ich die alte Ballade „Fanfare von Hunger und Durst“ beim Hören der CD erreicht habe, bin ich bereits vollständig in der Stimmung der Scheibe gefangen und genau dieses Stück erwischt mich dann auch tief im Innern. Hier stimmt schlichtweg alles. Ich fühle mich mit all meinen Gefühlen an die Hand und mitgenommen. Sowohl die Poesie, als auch deren Umsetzen durch die Musik, geben mir die Gewissheit, irgendwo zwischen Dylan und Brel, zwischen Protest und Liebe, in die Mitte genommen zu sein, um den Idealen meiner (und Meijer’s?) Jugend, von Musik getragen, hinterher zu hängen. Wir waren meistens eben nicht nur bloß aufmüpfig, wir wollten auch wirklich ändern und wir hatten eine Idee. Glaube ich zumindest ganz fest.

Wer die Musik von Mikis Theodorakis mag, liebt auch diese Melodie. Die warme Stimme von JOHAN MEIJER macht aus „Verzicht“ ein schlichtes und sehr emotionales Lied, das tief unter die Haut geht „mit viel Herz und Hauch voll Leidenschaft und Sehnsucht“. Zum Wegträumen schön ist der Klang der Buzouki und voll warmer Melancholie die Stimmung. Auf Piano-Tupfern, leichtfüßig und dynamisch kommt „Jenseits der Brücke daher“ und entwickelt sich nach und nach zu einem frohen und robust wirkenden Stück aus einer anderen Zeit. Aus einer anderen Zeit kommt auch „Insel im roten Meer“ und trotzdem kann ich dieses „auf der Insel sein“ fühlen und auch die Vorstellung, dass anderen ein ganzes Land fehlte und mir nur ein paar Straßenzüge, ist mir nicht fremd. Mit diesem Lied greift der Sänger tief in die Seeler vieler Menschen, die diese (Zeiten)Wende erlebt und gelebt haben, noch immer mittendrin stecken.

Für mich ist „Utopie“ ein bitterböses, ja sogar anklagendes Stück Musik. Es klingt nüchtern, ganz und gar unpoetisch, könnte man meinen, denn die Schönheit der Poesie versteckt sich hier zwischen den scheinbar sachlich formulierten Statements, doch der „Rest ist Utopie“ und Utopie ist immer auch Fantasie und die genau lockt der Sänger, wenn wir uns einlassen, auch aus uns heraus. Den Ärger vergessen und Mut entwickeln, sich den Ungeheuern in den Weg zu stellen – Utopie eben, aber machbar auch, wie viele Brüche in der Zeit uns lehren. Zu solcher Art Botschaft passt natürlich ein Lied von Gerhard Gundermann wie die Faust aufs Auge. „In meines Vaters Land“, wo so vieles einfach nur anders gelaufen und gekommen ist, wo auch Menschen lebten, mit dem Glauben an Wunder und sich doch schon fast verloren glaubten. Wieder einmal packt JOHAN MEIJER den Gundermann an der Seele und zeigt uns damit ganz viel Herz.

Manchmal gibt es Momente, da zerfetzt es einen innerlich. Man weiß warum und kann es nur schwer erklären. Mir geht’s bei „Übers Ohr gehauen“ so, denn ich höre eine direkte Linie vom wütenden „My Generation“ der WHO, dem sarkastischen „Street Fighting Man“ der STONES bis zum anklagenden „No Man’s Land“ von ERIC BOGLE. Das böse deutsche Pendant singt uns JOHAN MEIJER mit diesen Zeilen und spannt dabei einen weiten Schirm über so viele Zeitenwechsel – Hoffnungen geweckt und doch schon wieder „über’s Ohr gehauen“. Und alles im Namen Freiheit, von Vietnam bis Afghanistan. Dieses zarte Trommelfeuer aus einer gefühlvoll gezupften Gitarre und einer marschierenden Trommel ist ein echter Knaller. Wie damals den „Universal Soldier“ der BUFFY SAINTE-MARIE, könnte auch hiervon Europa und die Welt mehr gebrauchen.

Wer „A Place Called England“ von MAGGIE HOLLAND kennt, der kann sich gewiss auch mit „Der Ort Europa“ als quasi Erweiterung der Folk-Ballade anfreunden. Mir selbst gefällt die gesungene Metapher von Europa als „Parkplatz von arroganten Typen“, weil sie genau das Machtzentrum in den Banken und deren Handlanger in den Abgeordnetenstühlen trifft. Noch mehr gefällt mir allerdings die Vision, das Europa der Zukunft als das zu erkennen, „was ihr mit Kopf und Händen tut“ und statt der Parkplätze und Gewerbeflächen Orte entstehen zu lassen, „für alles, was wächst und piept“. Bei mir triff der Holländer damit auf offene Ohren, mit der Idee, wie er das Lied von MAGGIE HOLLAND weiter spinnt und einen Blick in die Zukunft wagt. Irgendwie, so sagt mir mein Herz, muss es doch möglich sein, hier grundlegend etwas zu verändern, oder? Auch wenn der Sänger in seinem letzten Lied “Leicht verschrammt“ gleich zu Beginn davon singt, „vielleicht zu alt für revolutionäre Träume“ zu sein und dann doch feststellt, dass er nur „leicht verschrammt“ durch die Zeiten kam und wem er das verdankt. Für revolutionäre Träume, aber vor allem für deren friedliche Umsetzung, wäre ich dabei, wenn es um das Einfangen von ein paar frischen Schrammen geht. Die alten gefallen mir schon lange nicht mehr.

Nach dem letzten Ton:

Ich habe siebzehn ganz unterschiedliche Lieder von gänzlich verschiedener Herkunft gehört, aber alle von einer Stimme gesungen und neu interpretiert. Der Titel „Zeitenwechsel“ assoziiert natürlich sofort jenes Wort, dass der ostdeutsch Geborene als „Wende“ erkennt und damit eine radikale, aber friedliche Veränderung in seinem Land meint. Dass diese politische Wende auch eine wirtschaftliche werden würde, wollten ganz viele hier. Dass sie sich wirklich nur noch den Interessen des Marktes fügen und dem Kapital dienen würde, ahnten sie nicht, obgleich das von der ersten neuen Stunde an klar war. Noch weniger aber ahnten die westlich von uns Lebenden, dass diese Wende auch die ihre werden würde, ob sie denn nun wollten oder nicht. Ich kenne nur ganz wenige, denen auch das klar war. Doch genau davon, dass sich Europa, auch infolge dieser (Zeiten)Wende, radikal verändert, singen diese Lieder, die JOHAN MEIJER hier mit sehr viel Akribie ausgesucht und mit noch mehr Fingerspitzengefühl neu interpretiert hat. Beinahe nebenbei erkennt man die Länder, einem Mosaik verschiedener Flecken gleich, von denen hier gesungen wird und die, früher oder wohl eher später, das wirkliche Haus Europa bilden könnten, wenn … und auch davon singt uns JOHAN MEIJER. Genau diese Ehrlichkeit macht ihn, zumindest mir, so unheimlich sympathisch und die Vision von einem ehrlichen Europa, die er singend zu skizzieren versucht, auch. Da bin ich ganz bei ihm.

Mir ist keine weitere CD-Einspielung, kein weiteres Folk- oder Rock-Album bekannt, dass sich auf so unkomplizierte Weise mit dem Thema Europa beschäftigt, so leichtfüßig und aufrichtig aufmunternd, ohne dass man die aufwendige Kleinarbeit, die hinter dem Entdecken stecken muss, fühlen kann. Allein dafür gebührt JOHAN MEIJER und seinen Mitstreitern für die CD „Zeitenwechsel“ großer Respekt und für die künstlerische Umsetzung eine tiefe Verbeugung. Mir machen die Lieder Mut und sie teilen mit mir die Hoffnung, dass nicht Parkplätze, Fresshallen und ein Netzwerk von Korruption unsere Zukunft bestimmen werden, sondern Menschen, denen der Umgang miteinander und Perspektiven für alle wichtig sind. Für diesen Traum vom „Won’t Get Fooled Again“ (Nicht mehr verarscht zu werden), den JOHAN MEIJER hier mit den Liedern anderer und auf so gänzlich unterschiedliche Weise besingt, bin ich auch gern ein „ewig Gestriger“, ein Romantiker oder „maybe I’m a dreamer but I’m not the only one“, wie John Lennon in „Imagine“ sang. DANKE, lieber Johan.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 16.12.2013 20:54 | nach oben springen


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