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RYAN McCARVEY live in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2013 und älter 07.11.2013 19:32
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Ryan McGarvey – Bluesrockpower in Torgau (06.11.2013)

Es wurde eine kurzfristige und auch spontane Entscheidung, mitten in der Woche ein Konzert in meiner Heimspielstätte Kulturbastion Torgau zu besuchen. Man hatte mir zuvor intensiv und mit viel Begeisterung von einem jungen Gitarristen aus den USA erzählt, der, ähnlich wie ein bekannter “Teufelsgeiger“, die Saiten zum Glühen, die Gefühle zum Wallen und die Körper in Schwingungen versetzen würde. Da war es noch Vormittag und meine Tagesplanung war eigentlich fest gezurrt.
Nach dem Kaffee siegte die Neugier, diesen Typen und seine Musik, die mir bis dahin unbekannt war, live anzusehen.

RYAN McGARVEY ist seit ein paar Tagen 27 Jahre jung und kommt aus New Mexico, USA über den großen Teich zu uns. Ein junger, hoffnungsvoller Gitarrist und ein Geheimtipp soll er sein, der einige Auszeichnungen abräumen und sich mit seiner modernen Spielweise von Bluesrock schon eine große Anhängerschar erobert konnte, ließ man mich wissen. Später im Konzert wird er sagen, dass dies sein vierter Gig in Torgau, einem seiner „favourite places“, mit einem fantastischen Publikum sei. Erst im vergangen Jahr 2012 erschien seine jetzt noch aktuelle CD „Redefined“ (Neu definiert) und nun ist er auch in unseren Gefilden auf Tour, um diese Scheibe live vorzustellen. Also steige ich in den kleinen Bruder vom Blechfreund und fahre durch den dunklen Herbstabend nach Torgau an die Elbe.

Für mitten in der Woche ist die gemütliche Hütte richtig gut gefüllt, als RYAN McGARVEY mit seinen beiden Bandkollegen auf die Bühne steigt, sich die Gitarre umhängt und ohne lange zu fackeln, die ersten Töne entstehen lässt. Ein kurzes und rasant gespieltes Instrumental-Stück und mir wird in diesen wenigen Augenblicken klar, an diesem Abend werden die Fetzen fliegen! Vor uns auf der kleinen Bühne steht das klassische Experience-Gespann von Hendrix: Gitarre, Bass und Drums. So definierten auch CREAM den Blues neu und so zelebrierte ihn RORY GALLAGHER, die Blues-Ikone von der grünen Insel.

Kaum ist das kurze Stück verklungen, geht es fließend zur nächsten Nummer über. Hat mich gerade eben noch das Tempo begeistert, erschlägt mich jetzt die geballte Wucht von „Blues Knockin’ At My Door“ (Blues klopft an meine Tür). RYAN McGARVEY beginnt mit einem krachenden Riff, dessen Figur vom Bass aufgenommen wird und sich dann stampfend durch die ganze Nummer zieht, während die Soli und Ausbrüche der Gitarre darauf wie wild zu tanzen scheinen. Zusammen mit dem expressiven Gesang von RYAN entwickelt sich ein kräftiges Stück Bluesrock. Ganz entfernt erinnert mich dieser Groove mit dem, vom Blues getränkten, Spiel von RYAN an die Idee von „Voodoo Chile“ aus längst vergangenen Zeiten, aber ganz und gar nicht von Gestern. Das gleiche empfinde ich bei „Downright Insane“ (Absolut verrückt), denn auch hier tobt die Gitarre über einem explosiven Rhythmusteppich und dann auch bei „Watch Yourself“ (etwa: Beobachte dich selbst).
Ganz anders hingegen, der wunderschöne Slow-Blues „Starry Night“ (Sternenhimmel) und zum ersten Mal an diesem Abend fällt, zumindest mir, die Kinnlade runter. Was dieser lang aufgeschossene Typ da vor mir an Tönen aus den sechs Saiten reißt, hatte ich eigentlich schon als verschollen abgehakt. Da zaubert einer mit seiner Gitarre, als wären die alten Heroen noch einmal auferstanden. Bei aller technischer Perfektion, die es zu bestaunen gibt, lebt diese Gitarre quasi als Teil seines Körpers, sie verschmilzt klanglich mit dem Mann, der sie spielt und seinen Blues dazu singt. Das ist von traumhaft seltener Schönheit und Authentizität. Erst das rasant gespielte „Texas Special“ vom ersten Album „Forward In Reverse“ (2007) reißt mich wieder aus meinen Fantasien heraus. Der Mann kann und will nicht verleugnen, woher er kommt. Saugeil, staubtrocken und heftig heiß, ist das kleine aber feine Instrumentalstück.

Mir gefällt, wie dieser RYAN McGARVEY spielt und auch der trocken Klang seiner Gitarre, die er, trotz aller Fertigkeiten, frisch und völlig unbekümmert, manchmal aber auch selbstvergessen bearbeitet. Das spürt man am intensivsten, wenn er sich vom Mikro verabschiedet und, wie bei „Never Seem To Learn“, in eines seiner Soli einsteigt, um die Stimmung des jeweiligen Stückes instrumental weiter zu führen. Am Bass steht ihm dabei mit JUSTIN McLAUCHLIN, ein zwar äußerlich ruhig wirkender, aber sehr intensiv zupfender Musiker zur Saite, der sich ab und an auch zu spontanen Ausbrüchen auf seinen fünf dicken Bass-Saiten verleiten lässt. Im Hintergrund sorgt LOGAN MILES NIX mit einem Wuschelkopf sowie präzisen Beats und Breaks für ein solides Rhythmusgeflecht. Zusammen mit dem einzigartigen Saitenspiel und dem, vom Soul und Blues gefärbten Gesang von RYAN McGARVEY, rockt da vorn ein wahres Powertrio auf der Bühne der Kulturbastion, so wie ich diese Konstellation aus den besten Zeiten in den 70ern in Erinnerung habe und wie sie auch in Torgau als FOOTSTEPS rockt.

Eines der auffallenden Stücke ist „Joyride“ (Spritztour) von seinem ersten Album, eine knackige Mixtur aus sattem Rock und heißen Blues und noch ein weiteres vom aktuellen Album „Redefined“. Mich begeistern die Fingerfertigkeiten des Gitarristen, die manchmal direkt vor meinen Augen in die Saiten gezaubert werden und als Gitarre und Bass mal parallel einer Melodie folgen, sind die Massen völlig aus dem Häuschen. Bei „My wSeet Angel“ singt sich RYAN förmlich die Seele aus dem Leib und das etwas längere „So Close To Heaven“ (So nah am Himmel) raubt mir durch seine pure Intensität des Gesangs beinahe den Atem. Eigentlich kann ich, der ich diesen Musiker bis dahin nicht kannte, zwischen älteren Stücken und denen des aktuellen Albums keine Unterschiede erkennen. Alles klingt aus einem Guss und ist geprägt vom druckvoll intensiven Spiel des Trios.

Es ist heiß geworden in der Kulturbastion und das dunkle Hemd des Musikers klebt nass geschwitzt am Körper. Vor der Bühne stehen wir dicht gedrängt, um dem Künstler beim Spiel auf die Finger sehen zu können und manchmal kommt er auch für ein Solo bis vor zu Kante. Eine ältere Dame, deren Alter ich dezent verschweige, wiegt sich im Takt der Musik und eine weitere neben ihr, folgt jedem musikalischen Impuls mit ihrem ganzen Körper. Ganz in sich versunken, genießt jeder auf seine Weise diese Musik und als dann zum Ende hin die instrumentale Finesse und Wucht eines weiteren Instrumentalstücks über uns herein bricht, ist die Meute völlig aus dem Häuschen. Das muss man einfach live gehört und erlebt haben.
Dann sollte eigentlich Schluss sein und die drei Musiker sagen danke für unser Erscheinen mitten in der Woche. Doch ein Mal gibt es Nachschlag und verdammt noch mal, mit diesem „Mystic Dream“, einem Glanzstück vor dem Herrn, erleben wir den eigentlichen und weit ausgedehnten Höhepunkt in der letzten Stunde vor Mitternacht. Es möge eine runde Viertelstunde sein, während der RYAN McGARVEY noch einmal alle Register seines unglaublichen Könnens und seiner Inspirationen, fast wie aus dem Hemdsärmel, zieht. Eine verträumte Melodie entwickelt sich nach und nach zu einem wahren Orkan und wer genau hörte, konnte verarbeitete Zitate eines LedZep – Klassikers und dessen vertrackt rhythmische orientalische Grundfigur erkennen. Allein dieser zehn, elf oder zwölf Minuten wegen hätte es sich schon gelohnt, diesen McGARVEY mit seiner Band zu erleben. Was für ein Sahneschnittchen und was das Schönste dabei ist, die drei da vorn haben einen Höllenspaß damit. Am Ende schraubt er die tiefe E-Saite nach unten und sich zu Boden, um den Sound-Orkan, beinahe wie olle Jimi Hendrix, als geballte Ladung ausklingen zu lassen. Dann stehe ich da und bin schlicht nur noch baff.

Kurz darauf stehen die Musiker hinter einem Tisch und signieren fleißig die gerade erst erworbenen CD’s, Fotos und Poster. Es ist typisch für die Kulturbastion, dass sich die großen und kleinen Stars nach dem Konzert genügend Zeit für kurze Gespräche mit den Fans nehmen, damit Wünsche in Erfüllung gehen und die Begeisterung ein wenig ausklingen kann. Auch ich nehme mir (wie stets) die Zeit, den Abend auf diese Weise langsam zu beenden. Diesmal mit der Gewissheit, dass der Schritt ins Ungewisse mich mit reichlich neuen musikalischen Erfahrungen beschenkt hat und ich bin mir sicher, diesen RYAN McGARVEY, der einige Stücke aus dem aktuellen Album live gespielt hat, noch einmal erleben zu wollen. Bis dahin muss die CD „Redefined“ herhalten und meinen Hunger nach deftiger Bluesrock-Kost stillen. Das Teil, sowie alles andere, kann ich Bluesfans nur wärmstens an Herz legen.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 07.11.2013 19:34 | nach oben springen

#2

RE: RYAN McCARVEY live in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2013 und älter 08.11.2013 10:17
von Kundi | 2.002 Beiträge | 4582 Punkte

RYAN McCARVEY sagte mir bisher gar nichts, aber Dein Bericht gibt uns doch einige erste Einblicke.
Ich glaube, um den Musikernachwuchs in der Sparte handgemachte Rockmusik(speziell im Bluesrock) brauchen wir uns gar nicht so viele Sorgen machen.
Es ist Klasse, was manche junge Musiker so drauf haben. Das gilt nicht nur, wie in diesem Bericht, für die amerikanische Musikszene.
Auch in Deutschland findet man da interessante Musiker und Bands, z.B.: Mike Seeber, Footsteps und andere.

Danke für Deine Eindrücke.

Gruß Kundi


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