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MELANIE DEKKER (Support: Susann Großmann) im Kulturbahnhof Radeburg

in Konzertberichte 2013 und älter 27.10.2013 17:30
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Melanie Dekker – das Clubkonzert in Radeburg (26.10.2013)
Support: Susann Großmann

In den letzten drei Jahren habe ich sie drei Mal live gesehen. Jedes Mal ein wenig anders und jedes Mal mit anderen Musikern im Rücken. Als besonders emotional empfand ich jene Abende mit dem Gitarristen DAVID SINCLAIR an ihrer Seite, weil der durch sein intensives Gitarrenspiel ihren Songs das ganz besondere Flair, irgendwo zwischen Folk und Pop zu pendeln, verleiht. Auch, als sie in der Gluthitze des Stadtfestes von Dresden 2012 auf der Bühne sang, während viele Besucher Schutz im Schatten suchten, war ich dabei. Sie hat mich jedes Mal beeindrucken können. Dies, und ihr neues Album „Distant Star“ sind der Grund, weshalb ich die Kanadierin MELANIE DEKKER jetzt ein viertes Mal auf Tour in Deutschland treffen möchte.

Den Kulturbahnhof in Radeburg hatte ich vor kurzem erst für mich neu entdeckt. Es ist die rustikale und gemütliche Atmosphäre, die einem sofort das Gefühl gibt, hier zu Hause sein. Es ist, um diesen Begriff vom Bahnhof wörtlich zu nehmen, wie Ankommen und eben nicht wie Durchreise oder Warten auf den nächsten Zug. Der Ort erinnert mich an die urige Atmosphäre der MITROPA, die es beinahe in jedem Bahnhof gab und daran, dass man, im Gegensatz zu heute, ganz umkompliziert miteinander ins Gespräch kam, weil diese Kneipen meist voller Menschen waren, deren Neugier und Erwartungen man fühlen konnte. Es ist nicht N(Ost)algie, sondern ganz simple Erinnerung an eine andere Zeit, die man miteinander erlebt und durchlebt hat.

Eine solche Begegnung, und dies schon zum zweiten Male, ist die zierliche SUSANN GROßMANN, die mir mit ihrer intensiven Vortragsweise schon im Februar auffiel. Inzwischen hat sich die junge Dame sichtbar, doch vor allem hörbar, weiter entwickelt. Sie eröffnet den Abend mit einer kleinen Auswahl eigener Lieder, in denen sie ihre Gedankenwelt verpackt hat. Eine davon erzählt von einer Reise zum Meer („Open Sea“) und von der Sehnsucht, mehr von sich und von der Ferne zu erfahren. Inzwischen hat sie endlich ihre Muttersprache zum Erzählen entdeckt und so überrascht sie uns mit „Kartenhaus“, einem Song, in dem sie von Mut und Überwindung singt: „Du hebst deine Scherben auf und setzt noch ein Stockwerk drauf.“ Das ist ein Bild, in eine intensiv gesungene Melodie gekleidet, mit dem ich eine Menge anfangen kann und ich wünsche ihr, sie möge diese Linie weiter verfolgen, wenn sie von vielen gehört und von noch mehr verstanden werden möchte.

Dann steht sie, deretwegen sie alle gekommen sind, auf der kleinen Bühne. Der „Wartesaal“ ist voll und in der warmen Luft ist die Spannung zu spüren. MELANIE DEKKER setzt sich mit ihrer Gitarre auf einen Barhocker und dann singt sie als erstes von einem Liebesbrief. „Blush“ besingt jenen Zustand, den man meist frisch verliebt erfährt und meint die leichte Röte im Gesicht. Dies ist ein Lied, das ich von ihr schon öfter gehört habe und das sich bestens eignet, die neugierigen Hörer auf Kommendes einzustimmen.
Aber diesmal ist die Kanadierin mit ihrem brandneuen Album „Distant Star“ zu uns gekommen und schon der zweite Song des Abends ist eine Kostprobe daraus. Die Ballade „At The Junkyard“ (Auf dem Schrottplatz) beschreibt quasi das Gegenteil des eben gehörten, denn MELANIE singt von einer längst vergangenen Liebe, die „auf dem Rücksitz und an der Ecke geblieben ist, wo man sich tausende Mal geküsst hat“. Sie singt von Liebe als Erinnerungen und als Andenken in brillianten Farben, die nie verwelken, so wie sie sicher fast jeder mit sich herum schleppt. Diese Melodie und die noch folgenden neuen im Laufe des Abends, machen mich neugierig auf den kleinen Silberling.

Doch zunächst hören wir von ihr einige ihrer bekannten Songs, wie zum Beispiel aus „Here & Now“, mit denen die Sängerin mit einer „Stimme wie Schokolade“ auch hierzulande bekannter wurde. Lieder wie „I Said I“ oder „Until The Wind Stops Blowing’ (In Denmark)“ offenbaren ihre Gefühle oder sie erzählen von Episoden, die sie selbst irgendwo und unterwegs als Musiker erlebt hat. Sie singt das wunderschöne „We’re The Angels“ aus „Acoustic Ride“ und dabei kommt ihr warmes Timbre gut zur Geltung. Diese Art von „Liedergeschichten“ mag ich am liebsten, wie auch das sehr beschwingt emotionale „I Never Had Kissed U Yet“ aus „Revealed“, das auch gerne als Aufforderung verstanden werden darf. Vielleicht singt sie ja auch später einmal von einem Tour-Bus, der in Dippoldiswalde Aufmerksamkeit erregte und der dem kanadischen „Distant Star“ einige Aufmerksamkeit einbrachte, wie sie uns ganz aktuell zu berichten weiß.

Nach einer kurzen Pause startet sie mit einem ihrer, wie ich ganz persönlich finde, schönsten der neuen Lieder. Sie sang „Give My Heart A Home“ (Gib’ meinem Herzen ein Zuhause) schon damals in der Tante Ju von Dresden und auch jetzt geht mir der Song wieder unter die Haut. Dann steht der Hausherr bei ihr auf diese Bühne und MELANIE DEKKER darf, stellvertretend für die des Englischen Unkundigen, einigen Fragen beantworten. Die nach dem Warum, dem Woher, die sicher jeder gern fragen würde, aber wirklich interessant wird es, als man sie nach ihrem emotionalsten Erlebnis befragt und sie von ihrem Besuch als junge Sängerin bei einem Konzert von Bryan Adams vor 60.000 Leuten erzählt. Die Story hat eine überraschende Wendung und nach der darf jeder gerne fragen, wenn er die Sängerin irgendwo trifft, denke ich mir.

Etwas später lässt sie mit „Boomerang“ eine weitere Pop-Nummer, eine mit echtem Radiopotential, vom neuen Album folgen und gleich darauf mit „Like Roses“ eine weitere. In diesen Momenten reißt ihr die G-Saite. Während ihr Gitarrist das Missgeschick beseitigt, stellt sich MELANIE kurz entschlossen hinter das Piano und singt „What A Fool I Am“, Gänsehaut pur im Schummerlicht des alten Bahnhofs. Doch damit nicht genug, weitet sie doch die Situation noch ein wenig aus und schiebt mit dem leisen „Speechless“ (Sprachlos) ein Lied hinterher, das sie für ihre Mutter zum Valentinstag schrieb. Da hätte man eine Nadel fallen hören können, während die Gitarre, beinahe in der Art von George Harrison, zärtlich dazu mit den Tönen vibriert. Diese Augenblicke sind ist schön, wie ein kurzer Traum, den man genießt.
An diesem Abend im Radeburger Kulturbahnhof wird MELANIE DEKKER von zwei deutschen Musikern begleitet und dies nicht zum ersten Mal. STEFAN RAPP verfeinert den Klang der Lieder dezent und äußerst präzise, aber auch mit viel Einfühlungsvermögen für deren Stimmung. Fast unauffällig agiert THOMAS FUCHS mit den Tasten und im Interview als Dolmetscher für das Publikum. Beide sind der Kanadierin eine zu verlässige Stütze und dann auch als „Roadie“ beim Aufziehen der neuen G-Saite hilfreich. Ein kleines, aber sehr effektives Musikantenteam.

Auch über das Banjo, das MELANIE dann im Arm hält, gibt es eine kleine Episode zu erzählen, bei der ein Zollbeamter staunend erfahren muss, dass man, mit diesem Instrument und nur zwei Liedern, in Deutschland 55 Konzerte bestreiten kann. Eines davon singt sie für uns und schiebt dann noch, zum Abschluss des Abends, das etwas ältere „Meant To Be“ hinterher. Doch auch in der intimen Umgebung des alten Bahnhofgebäudes kommt die sympathische Sängerin nicht um eine Zugabe herum und so bekommen wir noch „Can’t Stop Laughing“ zu hören, das sie vor über neun Jahren schrieb. Dann ist der Abend zu Ende.
Doch eine Dame in der ersten Reihe wünscht sich noch ein weiteres Lied und dann passiert, was auch bei mir schon einmal, wie ein Deja Vu, im Konzert mit MELANIE DEKKER geschah, als ich mir von ihr noch irgend einen alten Klassiker zu hören wünschte. Diesmal aber sitzt sie ganz allein da oben und verzaubert uns alle mit einer sehr sparsamen Version des Beatles - Klassikers „Norwegian Wood“. Ich bin überrascht und zufrieden, mehr als glücklich. Es hat sich wirklich gelohnt, den Abend mit MELANIE DEKKER in der Clubatmosphäre des Radeburger Kulturbahnhofes zu verbringen. Beinahe war es, wie im Wohnzimmer einen lieben Freundin zu weilen, ihren Erzählungen zu lauschen und auch ein wenig neue Erfahrungen für sich selbst mitnehmen zu dürfen. Minuten später sehe ich den vielen Menschen hinterher, die den „Wartesaal“ in Richtung Ausgang wieder verlassen, dorthin hinaus, wo am Himmel ungezählte „Ferne Stern“ am Himmel die Nacht erleuchten.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 27.10.2013 17:33 | nach oben springen


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