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Lesung von Hartmut Helms am 05.04.13 bei "Querformat e.V." Dresden

in Konzertberichte 2013 und älter 01.05.2013 10:35
von Kundi | 2.003 Beiträge | 4584 Punkte

Die nachfolgend farblich geschriebenen Beiträge sind aus dem Jahr 2011 und 2012. Ich habe sie hier eingestellt, um euch über den Verein "Querformat e.V. " Dresden zu informieren.

Eigentlich bin ich ein friedvoller und harmoniebedürftiger Mensch, aber manchmal platzt auch mir die Hutschnur, kalte Wut steigt in mir auf und dann muss ich mich irgendwo auskotzen. Das wird in diesem Konzertbericht gleich geschehen. Deshalb stelle ich zunächst eine Warnung an den Anfang meiner heutigen Ausführungen: wer nichts von meinen Gedanken zu sozialen Brennpunkten, Hartz IV, Niedriglöhnen, Rettungsschirmen und anderen Problemen wissen möchte, sollte die nachfolgenden Zeilen also nicht lesen. Ich kann einfach nicht nur über Friede, Freude, Eierkuchen schreiben, wenn es mich innerlich zerfetzt.

Ich fuhr also am vergangenen Sonnabend zu einem Konzert nach Dresden-Prohlis. Das tat ich in der Vergangenheit schon öfter und ich habe hier auch von den verschiedenen Muggen sowie von den veranstaltenden Vereinen und deren engagierten Bürgern berichtet.
In den Plattenbauten von Prohlis wohnen viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite leben. Der Anteil an Arbeitslosen(über 20 %) und Hartz IV-Empfängern (über 30 % der Einwohner) ist im Vergleich zu anderen Stadtteilen der sächsischen Landeshauptstadt überdurchschnittlich hoch. Diese Zahlen machen betroffen Wer es sich leisten kann, zieht weg aus Prohlis. Auf Grund der preiswerteren Mieten für Wohnraum bleiben die einkommensschwachen Mitmenschen zurück und dieses Wohngebiet wird in der Gegenwart als sozialer Brennpunkt eingestuft. Mitte der 80er Jahre lebten hier fast 30000 Menschen. Heute wohnen weniger als 15000 Leute in diesem Stadtteil. Davon sind mehr als ein Drittel Rentner.

In unserem Grundgesetz kann man nachlesen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist(Artikel 1 Absatz 1) und dass sich das deutsche Volk auch zu den Menschenrechten bekennt (Artikel 1 Absatz 2). Auch das Sozialstaatsprinzip ist im Grundgesetz (Artikel 20 Absatz 1 sozialer Bundesstaat) festgeschrieben. Bei der Hartz IV-Gesetzgebung und ihrer Anwendung habe ich da so meine persönlichen Zweifel. Die Menschen werden meiner bescheidenen Meinung nach diskriminiert, entwürdigt, und vom gesellschaftlichen Leben nahezu ausgeschlossen. Das Allerschlimmste daran ist, dass auch noch Kinder von Hartz IV betroffen sind. Was hat die ganze "Hartzerei" gebracht? Man hat einen Keil in die Bevölkerung getrieben und den sozialen Frieden gefährdet in dem man eine Neiddebatte zwischen Arbeitnehmern und Leistungsempfängern entfachte. Es wurde nichts erreicht, außer dass der Niedriglohn-Sektor und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse ansteigen. Das allgemeine Lohngefüge sinkt und viele Geringverdiener leben in ständiger Angst auch das Wenige noch zu verlieren. Wer davon profitiert dürfte klar sein. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Da werden in Berlin von der Politik komfortable Rettungsschirme für Banken und den Euro geknüpft, doch die bedürftigen Menschen unserer Gesellschaft lässt man an einem höchst unzureichenden, mehrfach notdürftig geflickten Fallschirm fast ungebremst ins soziale Loch fallen. Da könnte ich schon kotzen.

Ich hole heute gedanklich mal weiter aus und trotzdem weiche ich gar nicht mal so weit vom Thema ab, denn die von mir besuchte Veranstaltung war ein Soli-Konzert für den Verein Querformat e.V., einem Selbsthilfeverein für sozial und finanziell Benachteiligte.
Prohlis mag zwar ein sozialer Brennpunkt sein, aber es gibt dort eben auch die Menschen, die die Schnauze voll davon haben alles klag- und tatenlos hinzunehmen oder nur an sich selbst zu denken. Es sind zum großen Teil Leute, die selbst von Billigjobs, Arbeitsplatzverlust, Hartz IV und damit im Zusammenhang stehenden Problemen betroffen sind oder waren. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer eigenen Erfahrungen haben sie für sich und andere Betroffene durch die Vereinsarbeit Wege aus der Einsamkeit, der Hoffnungslosigkeit sowie Isolation durch Armut und/oder Krankheit gesucht und gefunden. Manche dieser Frauen und Männer hatten vorher kein Selbstvertrauen und keinen Lebensmut mehr. Sie hatten mit sich und der Umwelt abgeschlossen. Im Verein konnten sie sich gegenseitig Kraft geben und voneinander lernen. Manches heutige Hilfsangebot der Vereinsleute klingt für Außenstehende sicher sehr unspektakulär, aber für Betroffene und Hilfesuchende ist ein Beratungsgespräch oder die Begleitung zu Ämtern und Behörden vielleicht der letzte Rettungsanker oder der erste Schritt zurück in ein menschenwürdiges Leben. Die Hilfs- und Unterstützungsangebote von Querformat e.V. wurden und werden ständig erweitert. Sie reichen von der Vermittlung gemeinnütziger Ehrenamtstätigkeiten, über Hilfe bei der alternativen Berufswegeplaung, über Breitensportangebote bis hin zu Entspannungs- Motivations- oder Kommunikationstrainings. Auch soziokulturelle Veranstaltungen werden angeboten, um Rückzugs- und Isolationstendenzen entgegenzuwirken. Über den Kunst- und Kulturverein IDEE 01239 e.V. habe ich in der Vergangenheit
schon berichtet. Beide Vereine arbeiten sehr gut zusammen, organisieren gemeinsame Veranstaltungen und nutzen im Stadtteilforum auch gemeinsame Räume. Sie verstehen sich nicht als konkurrierende Vereine sondern als Partner. Für mich als Außenstehenden sind die Übergänge fließend.

Querformat e.V. geht aktiv in die Öffentlichkeit. Beispielsweise gibt es ein Beratungsbüro, Mietertreffs sowie Kaffee- und Selbsthilfetreffs. Jeden Donnerstag wird auch ein Sozialmenue gekocht und für einen symbolischen Euro angeboten. Für manchen Bedürftigen ist das die einzige ordentliche Mittagsmahlzeit. Das Logo von Querformat ist der StehaufMensch, eine Anlehnung an das Stehaufmännchen aus der Kinderzeit. Ich denke, dieses Sinnbild vom immer wieder Aufstehen und sich nicht Unterkriegen lassen ist zugleich Programm. Übrigens war auch das Solidaritätskonzert für mich so ein Zeichen. Dem Verein wurden von der Stadt notwendige finanzielle Mittel nicht gewährt bzw. wurden diese gekürzt, aber die Leute steckten den Kopf nicht in den Sand, sondern sie suchten einen alternativen Weg. Statt eines geplanten Festivals mit acht lokalen Bands führten sie nun dieses Benefizkonzert durch. Muss ich an dieser Stelle eigentlich betonen, dass ich der Meinung bin, dass die Stadtoberen in dieser Angelegenheit in meinen Augen gänzlich versagt haben? So einem Verein kürzt man doch nicht die Geldmittel, sondern unterstützt diesen doch lieber zum Vorteil für die Stadt und für die Menschen. Wenn das Geld knapp ist, kauft man die neue Büroeinrichtung inklusive Ledercouch für den Amtsleiter X. oder den neuen Dienstwagen für den Bürgermeister Y. eben ein Jahr später und dann ein paar Nummern kleiner ein.

Bei nächster Gelegenheit klopfen diese Leute sich in der Öffentlichkeit selbst auf die Schulter, weil sie „klug“ Haushaltsmittel einsparen oder halten Sonntagsreden in denen sie mehr bürgerschaftliches Engagement und Eigeninitiative einfordern und selbstverständlich ihre Unterstützung dabei anbieten. Bei so vielen Worthülsen und heißer Luft bekomme ich dann regelmäßig wieder Brechreiz. Mich macht so was richtig wütend, wenn Entscheidungsträger der Verwaltung Menschen und Vereinen, die sich im Interesse der Gesellschaft für ihre Mitmenschen ehrenamtlich engagieren die finanziellen Mittel kürzen oder streichen. Meiner Meinung nach ist Steuergeld nämlich gerade in diesen Bereichen sinnvoll und richtig angelegt. Ich wollte euch mit diesen Zeilen ganz gewiss nicht langweilen, aber wenn ich über ein Solidaritätskonzert berichte, gehören meiner Meinung die Hintergründe dazu. Schließlich leben wir nicht im luftleeren Raum, sondern sind alle Teil dieser Gesellschaft. Außerdem war ich das nach meinem Gefühl den handelnden Personen wie Manuela, Lutz, Alina oder Conny und all den anderen Helfern des Vereins, den teilnehmenden Musikern und nicht zuletzt mir selbst bzw. meinem Seelenfrieden irgendwie schuldig.


Das schrieb ich also vor einem Jahr und wie sieht es heute aus? Auf keinen Fall besser, denn Querformat ist im Frühsommer auch noch unverschuldet obdachlos geworden, das heißt konkret, dass der Verein derzeit auch über keinerlei Vereinsräume verfügt. Die GAGFAH Group stellt dem Verein jetzt eine renovierungsbedürftige 3-Raum-Ladeneinheit in Prohlis auf dem Wege des Sponsorings zur Verfügung. Der Verein möchte die Räume in Eigenregie vorrichten, benötigt aber auch dazu Geld. Ebenso sind die monatlichen Betriebskosten in Höhe von 215 Euro noch aufzutreiben. Hilfe aus Politik und Verwaltung ist nicht in Aussicht. Die genaue Situation könnt ihr auf der Webseite www.querformat-dresden.de >>>> News>>>> Konzept Kontaktzentrum Querformat e.V. (26.08.2012) nachlesen.

Das muss man sich mal vorstellen, in der Landeshauptstadt Dresden ist für allerlei Firlefanz Geld da und wird mit vollen Händen ausgegeben (siehe der beabsichtigte Neubau des Konzertgebäudes an Stelle des Kulturpalastes), aber für diesen Verein sind von der Stadt nicht mal 215 Euro im Monat drin um die Betriebskosten zu decken. Mich macht das unsagbar wütend!! Aber die Mannschaft um Manuela und Lutz Stein lässt sich nicht unterkriegen und das imponiert mir mächtig. Die Leute werfen die Flinte nicht ins Kornfeld, sondern kämpfen weiter. DAS nenne ich bürgerschaftliches Engagement und sich für die Mitmenschen in den Dienst einer Sache zu stellen Davon sich können die ganzen Entscheidungsträger der öffentlichen Verwaltung der Landeshauptstadt Dresden und die tatenlosen Politiker mehr als eine Scheibe abschneiden.


April 2013:
"Querformat e.V." hat nun sein neues Objekt in der Herzberger Straße 6 in 01239 Dresden bezogen und nutzbar gemacht. Mit unermüdlichen Einsatz wird weiter an der Einrichtung der Räume gearbeitet. Dabei gingen und gehen Einzelne bis an den Rand ihrer gesundheitlichen Kräfte. Da Querformat e.V. jetzt in einem normalen Platten-Wohnblock residiert, können in diesen Räumen zwar keine Konzerte mehr stattfinden(wegen der Lautstärke, um die anderen Mieter nicht zu belästigen), aber es finden dort schon Lesungen statt. Für Konzerte wird es allerdings in der Zukunft auch wieder Lösungen geben (PlattenSpieler auf Tour).

Ich habe mich persönlich für alle Beteiligten sehr darüber gefreut, dass die Vereinsleute als einen der ersten Autoren unseren Freund Hartmut Helms eingeladen habe. Es war Ehrensache, dass wir bei diesem Termin anwesend waren. Lissi und ich brachen am 05. April rechtzeitig Richtung Dresden auf. Wir waren nicht die einzigen "Verrückten", die die Veranstaltung besuchten. Mary und Tina waren auch zugegen. Etwas später tauchte sogar noch unser Freund Ulli aus den Brandenburger Wäldern in Dresden auf. Das muss man sich mal vorstellen, der Kerl ist extra nach Dresden gekommen, um an der Lesung teilzunehmen. Das verschlug nicht nur mir kurzzeitig die Sprache. Im Publikum waren außerdem auch sächsische Musiker und weitere Freunde von Hartmut zu finden.

Die Plätze in der ersten reihe waren wieder mit persönlich gehaltenen Schildern für die "Verrückten" reserviert. An so einen Service könnte ich mich glatt gewöhnen
Hartmut erzählte an diesem Abend wieder aus seinem Leben und über sein Buch "Mein Lebensgefühl Rockmusik". Obwohl ich ja erst im Februar seine Lesung im Seelsorgezentrum des Uniklinikums besucht hatte, waren die Stunden auch diesmal zu keiner Sekunde langweilig. Das liegt sicher auch daran, dass Hartmut frei erzählt und sich bei seinem Vortrag von seinem Gefühl leiten lässt. In diesem kleinen Rahmen war es für ihn auch sicher angenehmer zu sprechen. Die Leute sassen nah dran am Podium und er konnte so besser in die Gesichter der Zuhörenden schauen. Es entwickelte sich ein ganz lockerer Gedankenaustausch, denn Hartmut bezog das Publikum mit ein und er reagierte auch auf Zurufe. Natürlich zeigte er auch wieder einiges an Schallplatten und Fotos aus seiner umfangreichen Sammlung. Seine engen FreundInnen erhielten am Ende der Veranstaltung sogar noch jeder ein persönliches Geschenk. Im Anschluss an den offiziellen Teil ging das Fachsimpeln und Erinnerungen austauschen noch lange weiter.

Einen ganz herzlichen Dank möchte ich an dieser Stelle den sympathischen Leuten vom "Querformat e.V." Dresden und selbstverständlich auch Herrn Hartmut Helms (HHausEE) für diesen kurzweiligen und informativen Zeitvertreib aussprechen.

Gruß Kundi

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 02.05.2013 22:36 | nach oben springen


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