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The CANNONS - Irish Folk im Kulturbahnhof Radeburg

in Konzertberichte 2013 und älter 20.10.2013 19:00
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

The Cannons live im Radeburger Kulturbahnhof (19.10.2013)

Am 31. Dezember 2012 gaben die DUBLINERS, nach 50-jähriger Bandgeschichte, ihr letztes Konzert. Zuvor war im April des gleiches Jahres mit BARNEY McKENNA das einzig noch verbliebene Ur-Mitglied der irischen Folk-Legende gestorben. Trotz seines hohen Alters und von Krankheit gezeichnet, sprühte Banjo-Barnie, wie er von Freunden und Fans genannt wurde, bis zuletzt vor Energie und Humor bei den Live-Auftritten der Band. Davon konnte ich mich bei einem Konzert im November 2010 in Dresden überzeugen und ich bin wirklich sehr dankbar, ihn danach noch für Momente getroffen zu haben. Die DUBLINERS werden, so wie die legendären SEEKERS zuvor in Amerika auch, unvergessen bleiben, und auf einen Stern auf der „Walk Of Fame“ können sie auch locker verzichten. Sie leben in den Herzen der Menschen weiter.

Doch manchmal liest man eine kurze Notiz und meint, seinen Augen nicht trauen zu können. Gleich um die Ecke, im sächsischen Radeburg, würde SEAN CANNON, der Mann mit dem trockenen Humor, einen Clubauftritt mit seinen beiden Söhnen haben. Ein DUBLINER zum Anfassen und die Aussicht, wieder die alten irischen Kneipenlieder und Balladen, die unverwechselbaren Jigs & Reels zu hören, da konnte ich nicht zu Hause bleiben. Den kleinen Bruder vom Blechfreund gesattelt, raus auf die Piste, zwei Mal über die Kreisverkehrungen von Radeburg und dann war, etwas versteckt gelegen, der kleine aber feine Kulturbahnhof an den Gleisen gefunden. Was für ein Kleinod!

Wenn man zu früh ist und dennoch hinein darf, verteile ich gedanklich Pluspunkte. Drinnen vergesse ich das Frösteln draußen und glaube meinen Augen nicht zu trauen. Es ist urgemütlich zwischen alten Sitzmöbeln, neben blanken Holzbalken im Raum und unter der Decke, wo irgendwo in der Ecke ein Uromasofa zum Flegeln verleitet. Es riecht wirklich nach dem veralteten Bahnhofs-Flair und wenn jetzt der Schaffner zum Kartenknipsen, mit einem Locher in der Hand, durch eine Tür käme, wäre das Bild für mich komplett. Fehlt nur noch so eine hölzerne Reichsbahnsitzbank aus einem 1960er Bummelzug.
Dafür schmeckt das dunkle Bier, das die Zeit bis zum Beginn schwinden lässt.

So etwas wie eine freundliche Ankündigung erlebt man nur noch selten und die erregte Begeisterung des Hausherren überträgt sich unmerklich auf mich. Momente später kommt ein grauhaariger Mann durch die Reihen, mit seinen beiden Söhnen im Schlepptau, und dann steht dieser SEAN CANNON in Person vor uns. Im nächsten Monat wird er seinen 73. Geburtstag begehen und ich frage mich, wie die irische Whiskysorte gegen Alterung wohl heißen mag.

Bei den ersten Tönen von „Banks Of The Roses“ ist die Frage entschieden, denn es geht in dem Song um einen Mann, der sich zwischen einer Frau oder einem Gläschen, mehr oder weniger, entscheiden muss. Er entscheidet sich für eine „Bank aus Rosen“ und bleibt weiterhin dem Whisky treu. Eine weise Entscheidung. Eine der typischen irischen Balladen rund um Liebe, Frauen und Kneipe, deren Flair so einzigartig auf uns wirkt und mit „Black Velvet Band“ – „ihr Haar fällt ihr über die Schulter, gehalten von einem schwarzen Seidenband“ – geht es auch gleich weiter. Eines jener fröhlichen Lieder, deren Faszination man sich einfach nicht entziehen kann. Als dann noch „Rare Old Mountain Dew“ folgt, ist wohl auch der letzte Besucher auf Betriebstemperatur angelangt und bei mir kommt die Erinnerung an RONNIE DEW, den anderen Ur-Dubliner mit den Nägeln in der Stimme, hinzu.

Es ist schon berauschend, SEAN CANNON’s helle Tenorstimme singen zu hören. Links neben ihm sitzt sein Sohn JAMES CANNON, der ebenfalls Gitarre sowie Mandola spielt, und auf der anderen Seite sein jüngerer Bruder, ROBEDRT CANNON. Beide unterstützen mit ihren warmen Baritonstimmen ihren Senior, bekommen aber auch Gelegenheit, ihre eigenen Ambitionen singend zu verwirklichen. JAMES singt die Geschichte von „Nancy Whisky“ und wenig später ROBERT die von „Jack Stewart“. Alle drei zusammen wiederum singen uns von „Liverpool Lue“. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die drei Stimmen gefärbt sind und wie sehr sie doch wieder gemeinsam Stimmung erzeugen, wenn sie die alten irischen Weisen, wie „Kelly The Boy From Killane“ oder gar „Durahm Gaol“ in Gälisch, mit ihren so typischen Harmonien, gemeinsam erklingen lassen. Da meint man Folk berühren zu können und das Gefühl, in den Gesang einstimmen zu wollen, ist manchmal übermächtig. Aber so mancher Text ist mir fremd und der Wunsch, das Ereignis ganz bewusst genießen zu wollen, siegt sogar öfter über meinen Knipser.

Zwischendurch offenbart JAMES CANNON seine Begeisterung für Johnny Cash mit dem alten „Folsom Prison Blues“ und später am Abend mit „Ring Of Fire“. ROBERT hingegen überrascht mich mit seiner Hingabe, alte Lieder von Hank Williams und Bob Dylan zu interpretieren. Wir hören „Girl From North Country“ und was mich besonders begeistert, ist die Art der beiden CANNON Söhne, den gecoverten Songs ihr so ganz und gar eigenes Gefühl zu verpassen, die Melodien einfach und ehrlich zu den ihren zu machen. Da hat ihnen wohl der Vater sowie sein Umgang mit den unterschiedlichen Folks-Liedern eine Menge mit auf den eigenen Weg gegeben.

Zu Beginn der zweiten Hälfte erlebe zumindest ich, der ich hier kein Stammbesucher bin, eine kleine Überraschung, als der Hausherr auf die Bühne kommt, um den drei CANNONS im Gespräch einige Fragen zu stellen, quasi stellvertretend für sein Publikum. Nicht jeder ist der englischen Sprache kundig und nicht jeder sucht persönlichen Kontakt nach dem Konzert. Auf diese Weise erfahren wir einiges interessantes aus dem Leben der Musikantenfamilie und ich bekomme Gelegenheit, mir eines meiner Lieblingslieder zu wünschen. Dieser alte Folksong ist mir über all die Jahre meines Lebens zu einem Synonym für verpasste oder nicht erkannte Gelegenheiten, wie zum Beispiel die Schönheit des Geigenspiel, geworden. So lasse ich mich tief in meinen Stuhl und die aufkommenden Gefühle fallen, während THE CANNONS vor mir, dreistimmig und a capella gesungen, das zum Heulen schöne „Will You Go Lassie Go“ intonieren:

“If my true love she were gone
I will surely find another
Where the wild mountain thyme
Grows around the blooming heather.
Will ye go Lassie, go?”


Obwohl ich gern singen möchte, bleiben mir diese Töne im Hals stecken, irgendwie wird mir heiß und die Augen feucht. Zum Glück hat all dies niemand bemerkt, weil man Gefühle, zumindest im Dunkeln, schlecht sehen kann. Doch mit dem wilden Gesang von “Biddy Mulligan” landen mich die CANNONS gedanklich wieder im Kulturbahnhof von Radeburg und bei „Dirty Old Town“ lasse ich mich von deren Fröhlichkeit, wie andere auch, doch zum Mitsingen anregen. Zwischendurch jubelt SEAN CANNON, wie mir scheint, gänzlich ohne ein Mal Luft zu holen, einen Jig vom „Courtin’ In The Kitchen“ und beim anschließenden „Jambalaja“ brennt dann die Luft in der Hütte lichterloh. Spätestens jetzt ist auch der Moment gekommen, jene beiden Songs zu Gehör zu bringen, mit denen wohl die meisten in den deutschen Landen die legendären DUBLINERS in Verbindung bringen. Es folgen „Whisky In The Jar“ und dann noch „The Wild Rover“ und bei beiden gelingt es den „Erben von Roberto Blanko und Andrea Berg“ nicht, im richtigen Moment die Rhythmik, die so ganz und gar nicht deutsch ist, mit beiden Händen zu erwischen. Au weia, einigen sind wohl doch die 4/4-Takte in Fleisch und Blut über gegangen, so dass die wirklichen Treffer sich in Grenzen halten. Der Stimmung macht das zum Glück gar keinen Abbruch. Der einstige DUBLINER und seine beiden Söhne werden gefeiert und bejubelt.

Die Hütte ist jetzt durchweg in Feier- und wahrscheinlich auch Bierlaune, was zur Folge hat, dass die drei CANNONS nach den beiden Gassenhauern und einem letzten Song noch nicht von der Bühne kommen. Als sie sich dann endlich nach dem „Irish Rover“ verabschiedet haben und auch schon vom Podest gestiegen sind, kann sie ein einzelner und älterer Konzertgänger doch noch bewegen, nicht ohne die berühmte „Molly Malone“ zu gehen. Es ist kaum zu glauben, aber SEAN CANNON, JAMES und ROBERT steigen noch einmal auf das Podest zurück und singen, „für den Gentleman hier vorn“, die schöne alte Weise, die in der Stadt Dublin längst zum Volkslied wurde, und die von den alten DUBLINERS fast immer zum Ende eines Konzerts gesungen wurde. Es wird wieder eine Version a capella und noch einmal gelingt es den drei Vollblutmusikanten, einen bisher unbekannten Klangtupfer zu setzen. Respekt, meine Herren, das macht Euch so schnell keiner nach. Weder was diese Reaktion betrifft und schon gar nicht, deren feine Gesangsleistung! Ein faszinierend intimer und berauschend schöner Konzertabend ist zu Ende.

Im gemütlichen Ambiente des Radeburger Kulturbahnhofes muss man nicht sofort nach draußen hetzen, um in sein Auto zu steigen. Einige nutzen die Möglichkeit, das erlebte Clubkonzert mit einem Glas Wein ausklingen zu lassen oder mit den Künstlern einige Worte zu wechseln. Letzteres nutze auch ich noch und erfahre, dass man im kommenden März gern noch einmal hier wäre. Mein erster Besuch hier wird also, auch des abwechslungsreichen weiteren Programms wegen, nicht mein letzter gewesen sein.
Am Rande von Radeburg, beinahe überwuchert von einem klotzigen Gewerbegebiet und tangiert von der überschnellen A13 zwischen Berlin und Dresden, habe ich eine neue Perle der Kultur für mich entdeckt. Sie erinnert mich an meine alte „STUBE“ in Elsterwerda und daran, dass ein schöner Live-Abend noch immer besser und gehaltvoller ist, als ein missbrauchtes Federvieh vor der Glotze zu rupfen und die Selbstverherrlichung deutscher „Superstars“. Lasst uns wieder zurück zu den Wurzeln kommen und ehrliche, handgemachte Kunst, statt Fast-Food-Verblödung, zu bevorzugen. Dieses Land kann mehr Niveau und Geist gebrauchen, jede Wette, und das nicht erst seit „Pisa“!

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 20.10.2013 19:44 | nach oben springen

#2

RE: The CANNONS - Irish Folk im Kulturbahnhof Radeburg

in Konzertberichte 2013 und älter 20.10.2013 20:01
von Holger | 196 Beiträge | 541 Punkte

Hartmut hat den tollen Abend wunderbar beschrieben, das war wirklich Folkmusik vom feinsten.

Mit den Liedern kommt auch immer wieder die Erinnerung an WACHOLDER. Es sind nun mehr als 5 Jahre seit Ihrer Abschiedstournee vergangen, die Mitglieder der letzten Besetzung haben alle eigene aktuelle Projekte, die man in den nächsten Wochen in der Region Brandenburg/Sachsen besuchen kann :

02.11./19:00 Uhr KO KOKOTT mit seinem Heine-Programm auf dem Steinitzhof bei Drebkau.

08.11./20:00 Uhr SCARLETT O und JUERGEN EHLE mit Lieblingsliedern im Club Passage in Dresden

16.11./19:30 Uhr KIES KIESSLING mit "Auf der Brücke- Na mosce" - Lieder in dt. und sorbischer Sprache in der TheaterNative in Cottbus.

Noch ein paar Bilder von gestern :

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#3

RE: The CANNONS - Irish Folk im Kulturbahnhof Radeburg

in Konzertberichte 2013 und älter 22.10.2013 04:57
von Kundi | 2.000 Beiträge | 4578 Punkte

Den Veranstaltungsort Kulturbahnhof Radeburg (http://www.bahnhof-radeburg.de) kannte ich bisher noch nicht. Scheint ja ein interessanter Laden zu sein, wenn man eure Berichte liest und die Fotos betrachtet.
Wenn THE CANNONS im März nächsten Jahres wirklich wieder dort auftreten, wäre ich gerne dabei, wenn es sich zeitlich einrichten lässt.

Danke für eure Berichterstattung.

Gruß Kundi


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