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LAYLA ZOE - die schiere Urgewalt des Blues - live in Torgau

in Konzertberichte 2013 und älter 26.09.2013 19:05
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Lay Zoe – wenn Blues die Seele verführt ( 25.09.2013 )

Meine Generation mit DDR-Wurzeln hat eine Menge verpasst. Das ist unbestritten. Auch und vor allem, was Rockmusik angeht. Manchmal tut das noch weh, aber manchmal erkennt man darin auch eine Chance. Noch lebe ich, der Schrebergarten, wenn ich denn einen hätte, würde verkrauten und Reiseveranstalter hätten, mit Opas wie mir, ständig leere Busse. Mich zieht es noch immer zu den Wurzeln, statt zum Frühbeet und ich brauche Adrenalin, statt Jogging. Mich locken Folk, Blues, Boogie und all die anderen Verführer und diese Typen, die nach Rock’n’Roll riechen, wie der Blueser einer ist. Sie brauchen nicht schön, aber sie müssen ehrlich sein.

Da steht eine vor mir, mit einer Löwenmähne, wie einst Maggie Bell von Stone The Crows, mit einem Gesicht, wie die Madonna von da Vinci, und die versetzt mich in einen Zustand, als hätte ich gerade erst mal zwei Lebensdekaden auf dem Buckel. Plötzlich weiß ich wieder, Rockmusik ist doch Sex und Leidenschaft. LAYLA ZOE kommt aus Kanada und wird dort liebevoll „Canada’s Darling Of The Blues“ genannt. Die Medien glorifizieren sie schon als „Janis Joplin der Neuzeit“ und die Fans verliehen ihr den Ehrentitel „Firegirl“, ob ihrer roten Haare, aber wohl auch ihrer hitzigen Show wegen. Wenn all das einem aus den neuen, verwendeten Ländern zu Ohren kommt, dann muss er auf die Piste, hin zur Kulturbastion Torgau an der Elbe. Ich kann nicht anders.

Da steht sie nun vor mir, schlank, zierlich und ihr rotes Haar wallt bis weit über die Schulter, auf die mich Sekunden später der Blueser tippt. Sie hat die Lederschuh ausgezogen, ihre Augenlider mit blauem Lidstrich verdecken den Blick in ihr Herz und dann beginnt sie zu singen. Kraftvoll, laut, leise, wispernd und rauchig stöhnend, so jubelt sie uns „Glory, Glory, Hallelujah“ ganz und gar a capella um die Ohren. Sie hat noch keine Minute gesungen, die Reihen neben und hinter mir sind stumm, ich ringe um Fassung und ich könnte heulen vor Glück! Was soll nach diesem Einstieg jetzt eigentlich noch kommen?

Schon mit den ersten kraftvollen Tönen von „I Choose You“ (Ich wähle dich) ist klar, der Einstieg war „nur“ ein wenig Zurückhaltung, etwas Locken. Jetzt lässt es die Gitarre richtig krachen und der Groove wälzt sich heiß und heavy über die Köpfe hinweg. Was für eine Powernummer und wir bekommen eine erste Ahnung davon, was LAYLA ZOE für eine außergewöhnliche Stimme über uns hereinbrechen lässt. Mit dem dann folgenden Song „In Her Mother’s House“ (Im Haus ihrer Mutter) setzt sich dieser Eindruck fort. Ihre Stimme vermittelt viel Gefühl, treibt sich selbst in die Höhen und lässt sich wieder tief fallen, während die Gitarre diese Stimmung mit einem deftigen Solo gekonnt übernimmt. Schwerer Blues-Rock vom Feinsten, dem sie mit „Gemini Heart“ eine beinahe fast zerbrechliche leise Blues-Nummer entgegen setzt. Alles Songs von ihrer aktuellen Scheibe „The Lily“, die sie live und am Stück präsentiert und wieder steht sie vor mir. Ihr Körper schwingt lasziv im Rhythmus, die Augen sind geschlossen und sie haucht, stöhnt und schreit den Blues tief aus ihrem Innersten heraus.

Der Vergleich zu Janis Joplin kommt nicht von ungefähr und ich stelle mir vor, dass dereinst auf die gleiche ungestüme Weise Maggie Bell über die Bühnenbretter getobt sein muss. LAYLA ZOE gibt sich ganz und gar, von den Füßen bis zum roten Haarschopf, ihren Songs hin und wenn, wie bei „Pull Yourself Together“ (Reiß’ dich zusammen), der Boogie Woogie tobt, dann explodiert das kleine Energiebündel. Sie hüpft, sie wiegt sich und lässt das Haar beim Headbanging links und rechts, oben und unten wehen und ich weiß wieder einmal, Alter ist nur eine Zahl, das Herz und die Seele aber bestimmen, wie alt oder jung ich mich fühle. Während ich dem lang gezogenem Titelsong ihrer aktuellen Scheibe „The Lily“ lausche, mich dem Rausch der Emotionen überlasse, muss ich tief in mir an die andere Lily zu Hause denken. Es passt einfach alles, auch dann, wenn sie übermütig tobend einem ihrer Idole mit „Hey, Hey, My, My“ Tribut zollt und die Gitarre trockene rotzige Riffs aus den Saiten krachen lässt. Staubtrockener Blues aus den Hinterhöfen der Unterprivilegierten: „Rock’n’Roll will never die“, singt die Meute mit ihr den Blues der Trotzigen.

Und wieder überrascht mich die zierliche Lady, als sie nach der Pause ein zweites Mal a capella in den Abend startet. „War“ (1969), ein Anti-Kiegs-Song der Temptations, aber von Edwin Starr zum Welthit gemacht, klingt von ihr live gesungen noch viel intensiver, bedrückender und mit spürbarer Wut reißt sie sich diese Hymne förmlich vor uns aus dem Leibe. Was für ein Energiebündel!

Es folgen weitere Stücke der aktuellen Scheibe. „Why You So Afraid“ bewegt sich auf einem vorwärts treibenden Boogie-Groove und wieder steigert sich LAYLA in die Nummer hinein, während die Gitarre von JIM LAAKS an der Seite verzwickte Läufe in die Bünde zaubert. Auch mit „Never Met A Man Like You“ (Niemals traf ich einen Mann wie dich) stampft der Boogie-Blues auf die Bühnenbretter und der Swing lugt durch den Türspalten an der Seite. GREGOR SONNENBERG zupft, bis die vier dicken Saiten glühen und ganz hinten gibt HARDY FISCHÖTTER den Beat und Drive vor. Über allem aber tobt und röhrt eine Stimme voller Seele, schwarz wie die Nacht da draußen, aber einer weißen Kehle entrissen. Das ist fantastisch und die Gitarre neben ihr kreischt und jammert, dass es eine wahre Freude ist, sich in diese Melange fallen zu lassen. Die Menge wogt, wiegt sich in den Hüften und wir alten Männer deuten an, was Headbanging hätte sein könnten, wären die Haare noch lang genug. Irgendwann steigt die zierliche Rock-Lady von der Rampe nach unten und sie wird eine von uns, mitten unter uns. Zum Greifen nah!

Auf dem Höhepunkt der Show haucht und schreit sie eine Hymne an ihren „Father (Can You Hear Me)“ in ihr Mikro. Jetzt ist die Nähe zu Janis Joplin weder zu übersehen und gleich gar nicht zu überhören. Während sich überall bei mir kleine Härchen aufrichten, verlässt sie das Podest und die dreiköpfige Band kann zeigen, was purer Blues ist. „Give It To Me“ (Gib’s mir) wird ein Mini-Jam, bei der sich vor allem JIM LAAKS mit seiner Gitarre so richtig, bis zur Ekstase, austoben kann. Es ist schon beeindruckend, keine drei Meter vor so einem Gitarrenhexer zu stehen und zu sehen, wie dessen Finger über die Bünde tanzen und Klänge entstehen.

Was wäre Blues ohne Seele, und Rockmusik ohne die Prise Sex? Keine Ahnung, aber ich will’s auch nicht wissen. Statt dessen grinst die Kleine da vorn anzüglich und schmeißt sich dann dem „R And R Guitar Man“ an den Leib, zu Füßen und, jeder ahnt, wohin noch. So schön sexy, so hingebungsvoll erotisch und dennoch verschmitzt lächelnd, habe ich noch nie Blues geboten bekommen. Die Nummer ist heiß und heiß ist das Solo, das JIM in die Saiten drückt, während vor ihm LAYLA brennt, schwitzt und stöhnt, bis man meint, die eigene Schädeldecke spüren zu können. Und wie im wahren Leben auch, ist nach einem solchen Höhepunkt auch hier Schluss, denn alles ist gespielt, gehaucht, getan und erlebt.

Da steht den ganzen Abend eine vor mir, nicht eine Sekunde still oder steif, keine Nuance zu leise oder keinen Kick zu laut. Eine, die sich Tatoos in die Haut stechen ließ, die die Nähe zu ihren Idolen wie Muddy Waters, Frank Zappa, Janis Joplin, Neil Young oder Bob Dylan körperlich werden lassen, wie sie mir nach dem Konzert verriet. Da lebt eine den Rock’n’Roll und den Blues, so, wie ich glaube, ihn oder der Blueser hätten erleben zu können, hätten wir beide damals eine Chance gehabt. Doch solche Gelegenheiten sind manchmal nicht endgültig aus und für immer vorbei. Manchmal kann man sie noch einmal haben und, weil man(n) nun ein wenig erfahrener und reifer ist, sie auch ganz anders genießen.
Wer nicht dabei war, sondern einem ausgeleierten Federvieh, vielleicht vor der Glotze oder gar mit Vip-Einladung, huldigte, der hat zwar eine(n) Berg zwitschern hören, aber ganz sicher eine richtig großartige und ehrliche Stimme, wie es sie nur ganz selten gibt, verpasst. Ein zweites Mal wollte ich darauf nicht verzichten müssen, denn die Kulturbastion in Torgau an der Elbe ist mir näher, als dieser Demenzschirm vor dem Sofa.

Mehr Fotos kann man hier sehen: http://www.mein-lebensgefuehl-rockmusik....e%20in%20Torgau

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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