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Ostrock - das Konzert in Dresden 15,11,2012

in Konzertberichte 2013 und älter 30.04.2013 21:31
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

OstRock – das Konzert in Dresden ( 15.11.2012 )

Da sitzen zehn nicht mehr ganz so frische Rocker, aneinander gereiht mit Barhockern auf der Bühne der Dresdner Messe und singen von dem „Was uns verbindet“. So viel politisches und menschliches Statement gleich zu Beginn eines Konzerts, das tat mir schon deshalb gut, weil mir mal irgendwelche Schwachköpfe erzählen wollten, Rockmusik, allen voran die Puhdys, sei nicht politisch oder zumindest sollte man nicht darüber nachdenken, geschweige denn davon reden. Und das wirklich Schöne daran, die da im Saal sitzen, verstehen, was die da vorn sagen wollen: Wir alle haben einen Traum, den wir nicht vergessen dürfen, gerade auch weil wir eine gemeinsame Vergangenheit haben, ist dieser Traum so wichtig, den u. a. auch Rockmusik transportiert. –

Es ist Kaffeezeit, als mein Telefon klingelt und eine vertraute Frauenstimme mich fragt, ob ich nicht Lust und Zeit hätte, am Abend bei „OstRock – das Konzert“ in Dresden zu sein. Ich hatte und deshalb darf ich dieses unter die Haut gehende „Was uns verbindet“ live erleben. Gleich zu Beginn kommen dann diese Gedanken über „Himmel und Hölle“, Krieg oder Frieden“, „Schwarz oder weiß“ und vom Traum, dass „unsere Kinder auch noch nach uns leben wollen“. In den folgenden fast vier Stunden, wenn die Bands ihre Songs anstimmen werden, findet sich in alten und neuen Lieder dieser Gedanke immer wieder und das empfinde ich als die eigentliche Klammer des Abends. Auch wenn und weil OSTROCK darüber steht und weil gleich zu Beginn schon mal die ersten zarten Klangfragmente von „Lebenszeit“, „Am Fenster“ und „Blauer Planet“ angedeutet werden. Alte Lieder, aktuelle Themen und klar doch, auch ein wenig Nostalgie schwingt da mit.

Nicht ganz so bei ROCKHAUS. Die Mannen um MIKE KILIAN brennen gleich zu Beginn darauf, die neuen Songs ihrer aktuellen CD „Treibstoff“ zu präsentieren. Kein Gedanke an „Bonbon und Schokolade“, dafür aber ein krachendes Gitarrengewitter und darüber die Stimme, die den frischen Treibstoff verbrennt. Im Grunde gefallen mir diese Sachen besser, als jene aus den pupertären Rotznasen-Zeiten, denn aus der lauten Göre Kilian ist ja inzwischen ein frecher Entertainer geworden, der den Nerv der „Damen und Herren“, die er zum Mitmachen beim „Russenparteitag“ animiert, punktgenau trifft. Doch irgendwie will sich mit „Bleib cool“ im Hinterkopf noch nicht Partystimmung einstellen und erst, als Mr. Kilian dann doch „I.L.D.“ aus der Kiste holt, singt der großen (Frauen)Chor „Ich, ich liebe dich“ mit. Grade noch die Kurve gekriegt, denn der Eindruck, dass alle hier sind, um „ihre“ alten Lieder zu bekommen, ist schon überwältigend und MIKE KILIAN gratuliert dem einzigen in der Halle, der wegen Rock’n’Roll gekommen ist und der hat mit voller Begeisterung drei Reihen vor uns getanzt und getobt. Klasse!

Für wenige Minuten wird die Bühne zum Verschiebebahnhof von rollerndem Equipment und dann stehen nicht Hellersdorf, nicht Mitte und auch nicht Marzahn, sondern PANKOW auf der Bühne. Für mich sind die noch immer deutscher Rock’n’Roll in Reinkultur und „Wetten, du willst“ oder eben „Rock’n’Roll im Stadtpark“ sind die Klassiker des jugendlichen Lebensgefühls jener Jahre. Hoher Wiedererkennungswert garantiert, selbst wenn diese Songs nicht als Party-Kracher daher kommen.
„Bin rumgerannt“ und „Gut’ Nacht“ berühren mich immer noch, auch ohne dass ich auffällig in den Stuhlreihen tanze. Würde wahrscheinlich auch doof aussehen und deshalb hoffe ich einfach, PANKOW noch einmal live in einem Klub erleben zu können, denn spätestens dann, wenn’s hier schön zu werden droht, müssen die abbrechen. Blöde Kiste!

Wieder werden auf der Bühne Rollcontainerchen bewegt und diesmal singen MUSIX a capella und nur mit’m Mund die Saga vom „Mont Klamott“ dazu. Nichts gegen die fünf netten Stimmchen da vorn, aber mir persönlich hätten ein paar nostalgische Videoeinspielungen auf den ohnehin vorhandenen Wänden gereicht. Manchmal ist weniger mehr und ab Reihe 20 oder so, wirkt das da vorn eher unpersönlich und verdammt weit entrückt, denn die Technik macht gerade etwas völlig anderes.

Als KARAT dann die Bühne übernimmt, wird’s dunkel im Saal und deutlich druckvoller auch. Mir scheint, jetzt stehen die Regler anders, denn der Sound ist satt und dennoch sehr differenziert, als die Klassiker „Jede Stunde“ und der „Blaue Planet“ erklingen. DREILICH Junior ist inzwischen ganz er selbst und die Band ist schlicht in Top-Form, daran gibt es, zumindest live, nicht den geringsten Zweifel. Dass in dieser Musik noch ganz anderes Potential steckt und Überraschungen bei alten Nummern nicht von vorn herein auszuschließen sind, beweist MARTIN BECKER bei den „Blumen aus Eis“ mit einer deftigen Boogie Woogie – Einlage an seinen Tasten. Es hagelt Begeisterungsstürme, als CLAUDIUS in den Saal mitten unter die Besucher stürmt, denn Rock’n’Roll ist eben auch Show und gewollte Nähe, was bei diesen Hallen-Events mit Nummerncharakter naturgemäß schnell auf der Strecke bleibt, weil die nächste Nummer hinter der Bühne schon in den Startlöchern steht.

CITY ist, wieder einmal, der etwas andere Part. Die Jungs schaffen es noch immer, mit den geringsten und effektiv eingesetzten Mitteln, den Bauch mit voller Wucht zu treffen. Auch wenn „Amerika“ inzwischen in die Jahre gekommen ist, ich bin auch „immer noch hier“! Manchmal frage ich mich sogar, warum? CITY schaffen das Kunststück, den kürzesten Weg mit Worten zu finden und sie auch noch in Ohrwürmer zu verpacken, die aus sich selbst heraus wirken. Da ist es völlig gleich, ob sie „Was wollen wir trinken“ fragen oder mit „Es ist immer noch Sommer“ provozieren. Genau diese Mixtur ist es, „die uns verbindet“ und die die Lieder von CITY so unnachahmlich machen. Zwar bin ich mit den Jungs da vorn ebenfalls in die Jahre gekommen, aber der Herzschlag tickt doch noch immer synchron und das macht mich, trotz der nur 30 Minuten und dem dann folgenden emotionalen Break, zufrieden und glücklich.

Noch einmal Rollcontainer und noch einmal MUSIX. Es ging mir wie ein paar anderen auch. Ich hab’ meine Sachen geschnappt, weil ich keinen Bock mehr auf Rumhampeln in den Stuhlreihen hatte. Das ist es, was mir am „Rocker-Stadl“, am Nummern-Programm oder auch am „scheibchenweise Rocken“ quer im Magen liegt und also hab’ ich die Nähe zum Sound und zu den anderen gesucht, die eh nur darauf gelauert hatten. In Reihe XYZ hätte ich sowieso nur noch Köpfe und die Spots darüber im Blickfeld gehabt und als Opa im Rock-Varietee steigt man nicht mehr auf die Stühle. Oder doch?

Da vorn stehen jetzt 43 Jahre plus X oder vielleicht 50 minus Y. Wer weiß das schon so genau und mal ehrlich, liebe Kaffeesatzleser, wer nimmt denn so was ernst? It’s only rock’n’roll and I like it – da gehört eine bewusst anders gesetzte Formulierung zum Geschäft, ohne dass auch gleich Philosophen der Laienuniversität bemüht werden müssen. Die mit mir da vorn stehen, diskutieren nicht darüber. Die singen einfach nur mit oder brüllen lauthals und trotzig den Refrain „ Auf Lebenszeit“ und so ganz nebenbei verschwebbern die halt auch ein wenig Bier dabei. Über mehr macht sich da keiner Gedanken! Heute Abend ist das so, morgen auch, vielleicht auch noch später. Was wirklich zählt, ist der Moment, in dem „Unser Schiff“ gerade schippert und das viele glücklich machende Gefühl, jetzt und hier dabei zu sein und mit der Ladung Adrenalin nach Hause zu kommen, um sie dann am letzten Arbeitstag der Woche wieder zu verpulvern.

Aber so weit denkt jetzt und hier keiner. Noch singt man gemeinsam „Alt wie ein Baum“, anstatt „Du hast mich tausend mal betrogen“ und trotzdem, so viel anders ist das gar nicht. Auch dass noch die „Eisbären“ geschrammelt werden und alle dabei glücklich sind, obwohl wahrscheinlich nicht mal jeder Zehnte ein Verehrer dieses Sports ist. Was soll’s, man war dabei und hat auch ganz zum Schluss noch einmal alle gemeinsam auf der Bühne gesehen. Tolles Gefühl das, kann ich nur sagen, und dass sie gemeinsam ein neues Lied singen erst recht. Es sagt, irgendwie gehören wir alle (noch) zusammen und allein dies zu wissen, war der Gang hierher wert. Von vielen zeitlos wunderschönen Liedern meiner frühen und späten Jugendjahre mal abgesehen. Aber die werde ich mir auch so immer mal wieder holen, bei Kilian, bei Herzberg, bei Pankow, Karat oder City – nur Puhdys, das kann ich nicht versprechen. So bin ich nun mal.
Ich werde mich ohnehin immer mal wieder erinnern und das muss nicht bei „OSTROCK – wie auch immer“ sein. Es geht auch anders, direkter und oder intimer. Erlebnisreich war dieser Abend allemal und von selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dafür vielleicht Geld auszugeben. Deshalb DANKE einer schönen Blondine in Dresden, die sich meiner erinnert hat. Ohne dich hätte ich diesen Abend nicht gehabt, aber so war es auch schön.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 26.12.2016 12:30 | nach oben springen


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