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MICK JAGGER - ein Jugendidol ist 70 geworden

in Bands, Musiker, Musikstile 26.07.2013 07:47
von HH aus EE | 849 Beiträge | 2070 Punkte

Mick Jagger ist 70 und nichts ist „All Over Now“ ( 26.07.2013 )

Mit locker 63 Lenzen darf man schon mal an seiner eigenen Lebenslatte zurück blicken. Wenn ich ab und an diesen Blick riskiere, lande ich meist, statt im Kindergarten oder der Grundschule, in meinen Jahren an der Penne. Das ist eine Ziellandung in den 1960er Jahren und wer damals ein Teenager war, hat automatisch Musik in den Ohren. Zwei Songs aus jener Zeit sind „Little By Little“ und das ruppige „It’s All Over Now“ (Jetzt ist alles vorbei). Es sind knappe Meisterwerke, die zeigen, wie die ROLLING STONES damals angefangen haben, mit den Kompositionen anderer ihren eigenen Weg zu finden. Kein Wunder also, dass beide Lieder auf meiner ersten Tonbandspule, von insgesamt 33, die ich noch besitze, zu hören sind. Mein Bandgerät „Qualiton“ habe ich auch noch und deshalb kann es schon mal vorkommen, dass so ein altes Band bei mir im Keller Krach macht. Dann denke ich an jene Jahre und fühle mich auch für Momente dort hinein versetzt, während MICK JAGGER in mono aus der alten Kiste plärrt. Der war damals gerade Anfang 20 und sein Gesang ein Stück dessen, was unser Lebensgefühl ausmachte, ohne dass wir davon bewusst eine Ahnung gehabt hätten.

Mein erster Stones-Hit war nicht „(I Can’t Get No) Satisfaction“. Mein wirklich erster Song der Stones, den ich möglicherweise vergöttert habe, hieß “Tell Me” (1964) und der war gleichzeitig auch die erste Single der ROLLING STONES mit einer Jagger/Richards – Komposition. Doch das wusste ich damals noch nicht. Ich wusste nur, das Teil klingt anders, als alles, was ich bis dahin als Beat-Musik kannte, denn es brach aus allen gängigen Mustern aus und roch nach Blues. Man brauchte schon etwas mehr, als nur drei Akkorde, um damit die Mädchen Gitarre spielend betören zu können. Aber wenn, dann hat es auch funktioniert.

Von spätestens da an war ich das, was andere einen Stones - Fan nennen würden, nur dass ich mich dafür nicht auch von den Beatles, Kinks, Byrds, den Who oder den Small Faces verabschiedet hätte. Ich konnte das alles auf ein Mal und freute mich über jeden neunen Song, den die ROLLING STONES auf Single pressen ließen, damit ich ihn im Radio hören konnte. Einer von vielen, die noch folgen sollten, war „Under the Board Walk“, von dem ebenfalls diese ganz besondere Faszination ausging. Der Song wurde, so kann ich mich erinnern, im Rias und SFB eine kleine Ewigkeit gespielt. Dank meines Vater, der eine weltweite Korrespondenz in Sachen Briefmarken pflegte, hatte ich damals auch bald meine ersten Autogrammkarten von den ROLLING STONES und einigen anderen Gruppen. Nur sind sie bis heute ohne Autogramm geblieben.

Als nacheinander „Out Of Our Heads“ (1965) und „Aftermath“ (1966) kamen, dachte ich, so würde das ewig weiter gehen: „Gotta Get Away“, „Heart Of Stone“, „Mother’s Little Helper“, „I Am Waiting“, „Backstreet Girl“ und natürlich die 11 und eine halbe Minute Nachhauseweg „Goin’ Home“. Das waren die ROLLING STONES, die mich in den vier Jahren Penne im Monatsrhythmus mit neuen Songs, von „Ruby Tuesday“ bis „Paint It Black“ überraschten. Unter dem Einfluss der „SGT. Pepper“ von den BEATLES schufen die ROLLING STONES 1967 „Their Satanic Majesties Request“ (Ihre satanischen Majestäten lassen bitten) und verpassten dem Klapp-Cover der Scheibe eine 3D-Karte zum Ansehen.
Während ich die BEATLES wegen ihrer Suche nach immer neuen Inspirationen und Anregungen liebte, mochte ich die ROLLING STONES wegen ihrer vielen Variationen auf den Blues und MICK JAGGER war es, der dem restlichen Universum rotzfrech seine Zunge zeigte. So, wie der sich gab, wie wir ihn mit seinen dicken frechen Lippen im Beat-Club erlebten, so versuchten wir auch ein wenig zu sein.

Dafür musste mein Schuster unter meine guten Schuhe höhere Absätze basteln, so wie sie die fünf Londoner Jungs auch trugen. Das lief sich bescheuert, war aber egal. Meine Haare ließ ich wachsen bis zu dem Moment, da sie mir ein Haareschneider, passend zur Uniform der NVA, wieder abschnitt. Das änderte nichts daran, dass man in den Kasernenstuben von Berlin trotzdem ganz gut AFN hören konnte. Meine Stars waren bei mir und was ich nicht hören konnte, hat mein Vater mit dem „Qualiton“ für mich zu Hause aufgenommen. Bis zum jenem 3. Juli im Jahr 1969, ich war in einer Pioniereinheit in Mahlow stationiert, war meine Welt, trotz der Uniform, halbwegs in Ordnung.

Die Nachricht vom Tod des blonden Gitarristen BRIAN JONES erwischte mich kalt mitten im Sommer und in den Rieselfeldern südlich von Berlin – Scheiße im doppelten Sinne. Noch mit ihm an der Gitarre hatten die ROLLING STONES „Beggar’s Banquet“ (1968) veröffentlicht und schon Ende 1969 schoben sie „Let It Bleed“, mit MICK TAYLOR an der Gitarre, hinterher. Der Frontmann und Boss der Band hatte in diesen schwierigen Zeiten den Laden im Griff und den richtigen Nachfolger, dokumentiert auf „Get Yer Ya-Ya’s Out“, an der Angel. Bis heute zählen diese drei Scheiben für mich ohne irgendwelche Einschränkungen zu dem Besten, das die „rollenden Steine“ je auf Platte pressen ließen. Für BRIAN JONES gaben sie am 5. Juli 1969 im Londoner Hyde Park ein ohnehin geplantes Konzert und MICK JAGGER rezitierte, ihm zum Gedenken, vor 250.000 Fans „I’m You’s, She’s Mine“, entließ hunderte Schmetterlinge in die Luft und sang zum ersten Mal live „Honky Tonk Woman“. Die Show ging weiter.

MICK JAGGER führte seine rockende Blues-Kapelle in die 1970er Jahre, die Zügel des Unternehmens fest im Griff haltend, von Erfolg zu Erfolg. Mit „Sticky Fingers“ (1971) und „Exile On Mainstreet“ ein Jahr später, folgten zwei weitere, vom Blues und dem feinen Gitarrenspiel TAYLOR’s, geprägte Studio-Alben, die bis heute den allerhöchsten Ansprüchen genügen. Die Platte mit dem Reißverschluss – Cover hatte ich mir schon zu tiefsten DDR – Zeiten für satte 120,00 (in Worten: einhundertzwanzig) Mark zugelegt. Erst viel später hatte ich das Glück, die eigentliche Originalausgabe, mit der Blechdose und den vom Blut verschmierten Fingern auf dem Front-Cover, in meine Sammlung zu stellen.
Dennoch konnten JAGGER & Co. nicht verhindern, dass in jener Zeit ihr Stern langsam zu sinken begann, obwohl sie mit „Black And Blue“ (1976) sowie „Some Girls“ (1978) noch einmal zwei sehr kompakte Platten vorlegen konnten. Die Tourneen der ROLLING STONES rund um den Globus wuchsen sich mehr und mehr zu gigantischen Show-Unternehmen aus und die Einnahmen sprudelten.
Künstlerisch jedoch, so jedenfalls noch heute mein Eindruck, schien der Zenit überschritten. Die fünf Platten der 1980er Jahre waren nicht mehr mein Ding, nicht mehr das, was ich von den ROLLING STONES erwartete. Zu groß war die Kluft zu den früheren Meisterwerken und der Zeitgeist, dem sie hinterher zu rocken versuchten, war inzwischen auch ein anderer geworden.

Das muss wohl auch MICK JAGGER so gesehen haben, denn mitten in den 1980er Jahren überraschte er mit seiner ersten Solo-LP „She’s The Boss“ (1985) und legte gleich zwei Jahre später mit „Primitive Cool“ (1987) noch einmal nach. Während ich mir die Stones-LP’s der 80er später, der Vollständigkeit halber, zugelegt hatte, haben die Solo-Scheiben des Stones-Shouters nie den Zugang in meine kleine Sammlung gefunden. Ich kaufe keine Platte nur des Namens wegen, sondern nur, weil mir die Musik darauf gefällt oder eben nicht. Da waren mir seine früheren Ausflüge in das Filmgeschäft mit dem Streifen „Performance“ von 1968 und dem Song „Memo From Turner“ wesentlich lieber. Dieser Song musste unbedingt zwischen meine anderen Singles.

Wäre der politische Kehraus nicht gekommen, hätte ich sicherlich die ROLLING STONES irgendwann für mich persönlich abgehakt und die Musik aus ihren frühen Jahren im stillen Kämmerlein genossen.
Die schöne Jagger-Grafik (siehe Foto), die mir eine Freundin geschenkt hatte, würde meine Wand zieren und die Autogrammkarten in einer Kiste schlummern. Statt dessen saß ich mit meinem Freund Hans-Georg am 22. Mai 1998 im Berliner Olympiastadion, um für satte 144,00 DM (!) mein erstes und einziges Konzert der ROLLING STONES live zu sehen. Damals erlebte ich eine frisch und dynamisch rockende Band und einen Frontmann, der agil und souverän über eine ganze Konzertlänge die Massen begeisterte und die Spannung vom ersten Song an, es war „Satisfaction“, bis zum allerletzten Ton am Schwingen hielt. Das war nicht weniger als großartig, ja überwältigend und ich beschloss, mir diese Eindrücke von der damaligen „Bridges To Babylon - Tour“ und dem Konzert in Berlin zu konservieren. Eine Steigerung konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Inzwischen geht mir der Spaß bei Preisen im dreistelligen Euro-Bereich verloren. Die Erinnerungen dagegen habe ich kostenlos abgespeichert.

Das ist nun auch schon wieder 15 Jahre her und die ROLLING STONES, mit ihrem nunmehr dritten Gitarristen RON WOOD, leben, von tiefen Falten verziert, noch immer und sie rocken weiter. Ich hätte mir 1964, also vor nunmehr fast 50 Jahren, nicht vorstellen können, dass „die größte Rock’n’Roll Band der Welt“ als Opas noch immer auf eine Bühne steigen würden, um ihre alten Songs live zu spielen. Vorn an der Bühnenkante singt und tänzelt noch immer dieser kleine große Typ herum und kein Uneingeweihter kämme auf die bescheuerte Idee, dass der sieben Dekaden auf dem Buckel haben könnte. Hat er aber!

Wie man in weiteren 70 Jahren am Ende dieses Jahrhundert über MICK JAGGER schreiben wird – ich weiß es nicht. Aber man wird es sicher tun und zwar nicht als Randnotiz. Man wird über einen großen Künstler sprechen und einen, der Zeitgefühl, Träume und Sehnsüchte der Menschen eingefangen und mit seinem Partner KEITH RICHARDS, als Glimmer - Twins, und seiner Rock-Band ROLLING STONES in zeitlos wunderschöne Songs gegossen und in die Herzen von Millionen Fans gebrannt hat. Das macht ihn dann vielleicht einem Shakespeare oder Stevenson gleich, auch wenn ich natürlich weiß, dass der „Street Fighting Man“ ebenso eine Illusion ist, wie Jim Hawkins aus der „Schatzinsel“. Aber genau das ist ja eben der Reiz und die eigentliche Faszination, zu wissen, dass man könnte, auch wenn sie trotzig singen „You Can’t Always get What You Want“.

Meine liebe ehemalige Kollegin Anke, die mit mir in den 70ern ein Büro teilte, wird sicherlich nicht recht behalten. Sie meinte einst, die Stones würde man in 20 Jahren vergessen haben. Sie wird es aushalten müssen, dass die ROLLING STONES mit ihrer Kultfigur MICK JAGGER noch immer eine ruppige Spur hinterlassen und die Fans sich in tiefer Ehrerbietung vor einem 70-jährigen knackigen Rocker verneigen, der alles andere, nur nicht alt ist, denn „es ist noch lange nicht vorbei“, obwohl sie die Liedzeile „It’s All Over Now“ schon in den frühen 1960er Jahren in Vinyl pressen ließen. Deshalb meinen herzlichen Glückwunsch zur runden 70, Sir MICK JAGGER, and grateful congratulations to one of my greatest rock’n’roll heroes ever.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 26.07.2013 07:48 | nach oben springen

#2

RE: MICK JAGGER - ein Jugendidol ist 70 geworden

in Bands, Musiker, Musikstile 26.07.2013 18:07
von Mary | 208 Beiträge | 466 Punkte

Wie kann es anders sein, ein "alter rollender Stein" wird 70 und Hartmut schreibt dazu...
Ich habe die Rolling Stones zwei Mal erleben dürfen, beim dritten Mal machte Keith Richards einen Strich durch die Rechnung, die Karten hatten wir ja schon für das dritte Event.
Es sollte nicht sein...
Nun werden die "Urväter" des Rock immer älter..., spielen trotzdem noch hin und wieder.
Happy Birthday Mick!!!

im Netz gefunden:

http://www.gmx.net/themen/unterhaltung/m...tones#.A1000019


"Ihr lacht weil ich anders bin. Ich lache, weil Ihr alle gleich seid."
Kurt Cobain
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#3

RE: MICK JAGGER - ein Jugendidol ist 70 geworden

in Bands, Musiker, Musikstile 28.07.2013 09:59
von Kundi | 2.015 Beiträge | 4611 Punkte

70 Jahre - und kein bisschen leise. das macht mir auch Hoffnung
Ich habe die Stones 2003 in Leipzig gesehen und da hat Herr Jagger (damals mit 60 Jahren) eindrucksvoll bewiesen, dass er fit wie ein Turnschuh ist.Die ROLLING STONES
setzen live immer noch Maßstäbe und allen voran der nimmermüde Frontmann.

HAPPY BIRTHDAY, Mick.

Gruß Kundi


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