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STEVE WINWOOD live in Berlin

in Konzertberichte 2013 und älter 13.07.2013 20:43
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Steve Winwood live – Perfektion in Bescheidenheit ( 12.07.2013 )

Wäre ich persönlich gezwungen, die letzten 50 Jahre Rockmusik, so wie ich sie ganz persönlich erlebt, gehört und geliebt habe, auf einen einzigen Namen zu reduzieren, bei dem man kein weiteres Wort als zusätzliche Erklärung hinzufügen müsste, dann wäre ein Name meiner ersten Wahl sicher STEVE WINWOOD.
Wenn man bereits vor seinem 15. Lebensjahr musiziert, mit Jazz, Blues und Pop experimentiert hat, ist das schon sehr besonders. Wenn man deshalb im Alter von 15 Jahren von einem Profi gefragt wird, um in dessen Band mitzumachen, ist das außergewöhnlich. Wenn man dann noch mit dieser Band und als Sänger aus dem Stand einen Welthit landet, dann ist das schon mehr als selten. Bis heute hat der bescheidene Mann, bei allem, was er in diesen fünf Jahrzehnten gemacht hat, seinen hohen Anspruch nicht ein einziges Mal nach unten korrigiert. Spricht jemand heute von oder über STEVE WINWOOD, meint er Rockmusik auf allerhöchsten Niveau, sowohl textlich, als auch musikalisch. Alles andere lässt der Mann, mit dem ewig jugendlichen Lächeln, nicht zu.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass all die Bands, Projekte und Konstellationen, bei denen er beteiligt war, einen außergewöhnlichen Stellenwert in jedem Rock-Lexikon einnehmen. Gleich ob die legendäre SPENCER DAVIS GROUP, TRAFFIC, BLIND FAITH oder die Zusammenarbeit mit STOMU YAMASHTA oder gar als Studiomusiker bei JIMI HENDRIX, stets war er auf der Suche nach Ausdruck und frischen Formen und beinahe nebenbei entstanden zeitlose Songs wie „I’m A Man“, „A Hole In My Shoe“ oder „Well Alright“, die letztlich alle in beinahe gerade Linie zu seinen Projekten als Solist führten. Immer blieb STWEVE WINWOOD authentisch und stets war er, trotz allen Suchens und mancher Wandlung, der, dessen Musik unverwechselbar klingt und den seine Fans liebevoll Stevie nennen.

Als ich ihn im Juni 2010 gemeinsam mit ERIC CLAPTON auf der großen Bühne der O2 in Berlin live erleben durfte, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Mit den beiden stand quasi die Legende BLIND FAITH (blindes Vertrauen) auf der Bühne und natürlich spielten sie deren große Songs im Jubelsturm ihrer Fans. Im Gewitter-Sound der Hammond-Orgel erklang „Gimme Some Lovin“ und als Höhepunkt zelebrierten die beiden aus dem fernen „Electric Ladyland“ den wilden Rausch von „Voodo Chile“, beinahe so, wie ihn HENDRIX mit WINWOOD an der Orgel im Studio erschaffen hatte. Dar war ich mit meinen reichlich 60 Lenzen glücklich wie ein Teenager, der den ersten Kuss von seiner heimlichen Liebe bekommen hatte - ein unvergesslicher Augenblick des Glücks.

All diese Zeiten und Erlebnisse sind Vergangenheit und doch stehe ich wieder in Berlin vor einem Plakat mit dem Konterfei von STEVE WINWOOD darauf und halte ein Ticket in der Hand. Im Innenhof vom Admiralspalast treffen sich beim Bier all jene, die wohl das gleiche erlebt und gefühlt haben müssen, wie ich. Die Atmosphäre ist entspannt locker und beim Einlass fühle ich mich wie inmitten einer großen Familie. Von meinem Platz in der zweiten Reihe habe ich einen guten Blick auf die Bühne, zumal die nette Dame aus Hamburg vor mir, die extra für diesen Abend angereist ist, tief im weichen Polster ihres Stuhles versinkt.

Pünktlich nach dem letzten Gong betreten die Musiker der Band die Bühne und als auch er aus dem Dunkel tritt, brandet ein Beifallssturm durch die alten Gemäuer des ehemaligen Metropol – Theaters. Ein bescheidenes Lächeln und schon verschwindet STEVE WINWOOD hinter seiner Hammond. Mit den ersten Tönen der Orgel auf dem langsam anschwellenden Perkussionsklängen fühle ich mich wie in ein längst vergangenes Gefühl versetzt und als dann auch noch die zarten Töne einer Flöte erklingen, könnte man meinen, TRAFFIC sei aus der Gruft wieder auferstanden, so frisch klingt „Rainmaker“ (Regenmacher). Vom ersten Moment an ist es ein Spiel der Töne miteinander, ein sich Verbinden und Umschlingen, denen die originale Vorlage des Traffic - Klassikers dazu dient, den heißen Grooves und Klängen viel Raum zu geben. So ist es auch kein Wunder, dass der Klassiker nahtlos in einen noch älteren hinein fließt. Ohne es wirklich zu bemerken, hat die Orgel von STEVE WINNWOOD das markante Intro von „I’m A Man“ aufgenommen und dennoch klingt der Song eher nach Traffic, denn wie damals von der Spencer Davis Group. Von jetzt an wird das Konzert zu einer Erlebnisreise und wir im prunkvollen Saal werden mitgenommen bei „Can’t Find My Way Home“ (Kann meinen Weg nach Hause nicht finden).

Bei den ausgefeilten und verspielten langen Instrumentalpassagen, so wie man sie aus Traffic - Zeiten kennt, sollte man eigentlich tanzen, den Rhythmus aufnehmen und mit den Melodien schwingen, statt in tiefen Sesseln zu versinken. Aber ich spüre das Vibrieren der Sitzreihe unter mir und sehe, wie sich Köpfe wiegen, die sich in den Rausch des „blinden Vertrauens“ bei „Had To Cry Today“ (Musste heute weinen) locken lassen um mit „den Jungs auf hohen Absätzen und deren glimmenden Funken“ (Low Spark Of High Heeled Boys) einen Tanz zu vollführen. Es ist einfach irre, wie das alles zirpt und schwingt!

Vor uns agieren vier Musiker, die mit ihren Instrumenten ein filigranes, fast federleichtes Klangbild entstehen lassen, das keinem festen Muster, sondern eher den Intentionen des Augenblicks zu folgen scheint. Der Mann hinter dem Schlagzeug, RICHARD BAILEY, sowie EDISON DA SILVA hinter seinem umfangreichen Perkussionsarsenal, sorgen für differenzierte und stimmungsvolle Grooves, auf den sich der Alleskönner PAUL BOOTH mit seinen Saxophonen, Klarinette und Querlöte sowie der aus Brasilien stammenden Gitarrist JOSE NETO, solistisch austoben können und zuweilen berauschend schöne Soli zaubern. Diese multikulturelle Band fungiert wie ein Schmelztiegel, sie rockt, sie groovt und sie gibt dem stillen Star am Bühnenrand genügend Möglichkeiten, seine eigenen Songs leben und pulsieren zu lassen. STEVE WINWOOD wiederum lässt seinen Musikerkollegen genügend Raum, um sich auf ihren Instrumenten zu entfalten und die Songs zu verzieren.

WINWOOD selbst entlockt seiner Hammd-Orgel die uns so vertrauten Klänge, bringt sie zum Swingen und wagt lockere Ausflüge in Jazz - Gefilde. Wenig später hat er seine Gitarre in den Händen, um uns mit „Light Up Or Leave Me Alone“ (Brenne oder lass’ mich allein) zu entführen, so als stünde TRAFFIC von einstmals auf der Bühne.
Der Multiinstrumentalist wechselt die Instrumente, als wäre nichts leichter als das. Von den Tasten der Orgel auf die sechs Saiten der Gitarre, von da zur Mandoline mit ihren vier Saiten und dann erklingt einer der schönsten Songs, die er jemals schrieb: „Back In The High Life Again“ (Wieder zurück im vollen Leben) ist auch live gespielt zum Träumen schön und man kann nur staunen, wie die Stimme des Mannes sich noch immer in die Höhen schwingt und in all den Jahren so gar nichts an Faszination eingebüßt hat. Vor allem bei „Higher Love“ ist das bis ins letzte Detail zu spüren.

In schlappen 90 Minuten sind gerade einmal zehn Songs nicht einfach so nach Setlist gut gespielt, sondern genussvoll, manchmal minutenlang, in allen Feinheiten einem sachkundigen Publikum förmlich geschenkt worden. Es ist wie ein 10-Gänge-Menü, das ein Meisterkoch mit einfachen Mitteln seinen Fans serviert und seine Freude daran hat, wie sie jeden Happen des schlichten Meisterwerkes einzeln in sich aufsaugen. Bis zu diesem Moment hat das Konzert eine stetig Steigerung erfahren und Meister WINWOOD weiß natürlich, um die Dramaturgie solcher Abende.

Nach dem Dankeschön kommen die Hits und mit ihnen die markante Bassfigur aus den frühen 60er Jahren. „Keep On Running“ und der ganze Saal antwortet: „Hey, hey hey!“ und ich mittendrin, so um die gefühlten 16 Lenze jung. Aus dem umfangreichen Traffic - Katalog folgt das wunderschöne „Dear Mr. Fantasy“ und ein entfesseltes Gitarrensolo von STEVIE, der dabei greifbar nah vor mir steht. Auf dem Höhepunkt und als Rausschmeißer dann endlich der Aufschrei „Gimme Some Lovin’ (Every Day)“.
Was bin ich in diesen Momenten glücklich!

Mag sein, dass der Name STEVE WINWOOD nicht so oft die Nummer 1 der Chartlisten ausfüllte, wie Michael Jackson, und auch nicht so viele Besucher zu Konzerten lockt, wie Robby Williams. Mag alles sein. Doch kaum einer hat selbst, von eigener Hand und aus kreativen Antrieb heraus, innovativ so viele Stile und Facetten in seine Musik einfließen lassen, wie er, und sie zu einem unverwechselbaren Neuen verschmolzen, wie er. Kaum einer hat dabei so wenig auf den eigenen Ruhm geschielt und die Posen gepflegt, wie er. Dieser Mann war und ist Garant einfach für Musik, die aus sich selbst heraus fließt, nur sich selbst und denen, die sie lieben, genügen darf und nur dem eigenen Herzschlag folgt. Fast nebenbei hat er so Rock-Geschichte geschrieben. Für mich ist der kleine bescheidene Mann ein Synonym für allerfeinste Musik und ganz sicher ist er auch einer der einflussreichsten Rockmusiker und Künstler der letzten vier Dekaden. Wenn schon mal der Begriff vom „Superstar“ benutzt und auch ausgefüllt werden soll, dann bitte er, STEVE WINWOOD, so wie er mit seinen grauen Koteletten und einer Jeans ohne Konfektionsgröße da vor uns steht und die Musik einfach nur fließen lässt. Es ist wirklich ein schönes Gefühl, mit dieser Musik aufgewachsen zu sein und jetzt, gemeinsam mit ihr, langsam in den Adelsstand des reifen Lebens einzutreten: Ich bin „back in the high life again, all the doors I closed one time will open up again“. So ist es.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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#2

RE: STEVE WINWOOD live in Berlin

in Konzertberichte 2013 und älter 14.07.2013 00:18
von Fällsäge | 693 Beiträge | 1490 Punkte

Eigentlich bin ich ja im Urlaub. Aber heute komm ich nicht in den Schlaf. Meistens lese ich dann ein Buch, aber heute hab ich an Hartmut seinen Bericht Gefallen gefunden.
Steve Winwood kenn ich zwar vom Namen her, aber viel mehr Hintergrundwissen habe ich nicht. Jetzt bin ich besser informiert. Danke Hartmut

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