#1

ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 26.06.2013 19:35
von HH aus EE | 832 Beiträge | 2031 Punkte

ANAWA – „Korowod“, Polen, Muza SXL 0752, 1971 ( 26.06.2013 )

Mir ist mal wieder nach Erinnern. Nicht an Episoden oder Ereignisse aus meinem Leben, sondern viel mehr an einen der bedeutendsten polnischen Künstler, der Rockmusik in unserem Nachbarland wesentlich geprägt hat. Immer öfter habe ich das Gefühl, dass wichtige Dinge, die einst das Leben hierzulande interessant und facettenreich gemacht haben, entweder einfach verwischt oder auch vergessen werden. Doch sie gehören zu unserer Lebenskultur, haben viele von uns mit ihrer Musik und Kunst geprägt und werden deshalb noch immer, wenn auch still, leise und heimlich, von vielen verehrt. Einer bin ich und deshalb möchte ich an eine der schönsten Platten erinnern, die ich mir damals gekauft habe.

Pop und Rock waren in Polen etwas früher da, als bei uns, etwas wilder, abwechslungsreicher auch und außerdem sehr tief in der Kultur und Folklore des Landes verwurzelt. Rock aus Polen war originell und, was die wenigsten wissen werden, textlich mindestens ebenso pfiffig und scharf, wie später die Bands in der DDR auch.
Einer von ihnen war MAREK GRECHUTA. Ursprünglich ein Student der Architektur, gründete er schon frühzeitig, zum Ende der 1960er Jahre, gemeinsam mit anderen Kommilitonen das Kabarett ANAWA (etwa: vorwärts, voran), das sich in den Folgejahren zu seiner Begleitband entwickelte. Als Höhepunkt dieser Zusammenarbeit erscheint 1971 in Polen das Album „Korowod“ (Prozession).

„Korowod“ ist, musikalisch gesehen, eine faszinierende Mischung aus Folk, Klassik, Jazz und dem, was man als progressiv in der Rockmusik einstufte, elektronische Effekte inbegriffen, wie sie zum Beispiel in der Einführung „Widziec Wiecej“ zu hören sind. Trotz dieser scheinbaren Überbelastung mit Stilen und Inspirationen, strahlt das Album von Beginn an eine ganz eigenwillige stimmungsvolle Leichtigkeit aus. Die Schwierigkeit besteht sicher darin, dass man im ersten Moment nicht bereit ist, sich der Diktion der fremden polnischen Sprache zu öffnen. Da hatten es zum gleichen Zeitpunkt Bands aus Westeuropa deutlich leichter, obwohl deren Sprache mindestens ebenso viele nicht verstanden haben und bis heute auch nicht wirklich verstehen. Manchmal haben Vorurteile eine ungerechtfertigte Macht.

Ungeachtet dessen, hatten ANAWA und MAREK GRECHUTA zu Beginn der 1970er Jahre und in Folge des Albums „Korowod“ (1971) eine große Anhängerschar in der DDR. Irgendwie haben wir damals gespürt, dass in diesem Nachbarland, wie in anderen auch, musikalisch eine Revolution im Gange war, zu deren herausragenden Vertretern neben NIEMEN, BREAKOUT oder SBB auch ANAWA gezählt werden muss. Uns faszinierte gerade die Vielfalt der Mittel und das Aufbrechen in Grenzbereiche, wie wir es von ELP, YES oder GENTLE GIANT auch kannten.
Richtig populär wurden GRECHUTA & ANAWA jedoch, nachdem sie im Rundfunk der DDR die Chance bekamen, einige ihrer Lieder in deutscher Sprache neu zu produzieren. Vor allem „Dni, Ktorych Nie Znamy“ wurde als „Wichtig sind Tage, die unbekannt sind“ ein Kultsong, ebenso wie „Swiencie Nasz“ als „Unsere Welt“ zu einer Hymne avancierte, in der die Sehnsucht nach einer besseren Welt, die uns damals unbewusst beschäftigte, besungen wurde. Hier der eigene Versuch einer Deutung:

Unsere Welt – gebt uns viele gute Tage
Unsere Welt – lass uns schlechte Feuer löschen
Unsere Welt – gib’ uns Freunde, die wir suchen
Unsere Welt – lass uns schwere Tore öffnen
Unsere Welt – lass uns viele Freunde finden

Beim Hören des Albums wird man bemerken, dass sich die Stücke von Mal zu Mal steigern, immer intensiver und stärker im Ausdruck werden und das allseits bekannte „Dni, Ktorych Nie Znamy“ kommt gar als leichtfüßiges Lied mit eingängigem Chorus daher. Das war damals so herausragend und fast schon experimentell, dass es heute schon wieder klassisch und von daher zeitlos schön wirkt. Wenn man bedenkt, dass gerade dieser Song wochenlang einschlägige Wertungssendungen anführte, wird einem schmerzlich der Qualitätsverlust bis zu heutigen Zeiten deutlich vor Augen und Ohren geführt.

Das ganze Album wirkt heute auf mich wie eine längst vergangene Landschaft und ein Leben darin, das es so nicht mehr gibt: reich, vielgestaltig, zauberhaft, ausgelassen, suchend und natürlich ganz und gar unangepasst. Die Scheibe gipfelt letztlich in ihrem Titelsong „Korowod“ auf der zweiten LP-Seite, einem länger ausgedehnten Werk, das all die einzigartigen Fragmente der ganzen Platte noch einmal komprimiert und sie spielen lässt. Nichts von all dem wirkt aufgesetzt oder gekünstelt. Alles fließt dynamisch ineinander und verschmilzt zu einem wunderbaren Ganzen aus Klang, Gesang und Sprache.

Aus heutiger Sicht muss man konstatieren, dass MAREK GRECHUTA mit seiner Band ANAWA der Zeit weit voraus war, als Visionäre in Wort und Musik bleibende Werke schuf, die selbst heute, vierzig Jahre später, noch immer erstaunlich frisch und komplex erklingen. Alles ist möglich und nichts wird dem kommerziellen Streben oder blanken Populismus der Charts untergeordnet. Damals umschreibt MAREK GRECHUTA seine Musik als „moderne Romantik“, obwohl sie natürlich wesentlich mehr war und bis heute ist. Die LP „Korowod“ kann man im Rückblick bedenkenlos neben die Produktionen von Pink Floyd, King Crimsen und der anderen Avantgardisten der beginnenden 1970er Jahre stellen, ohne dass sie verblassen würde. Das wenigstens im Rückblick zu erkennen und als solches zu akzeptieren, haben Musiker aus Polen, wie MAREK GRECHUTA, der leider im Oktober 2006 verstarb, schon lange verdient.
In ihrem Heimatland Polen werden sie, NIEMEN, NALEPA oder eben GRECHUTA, als nationale Helden verehrt und wir hier, die wir in der ehemaligen DDR ihre Musik gehört haben, sollten uns wenigstens in großer Ehre und Achtung ihrer und ihrer Musik erinnern. Wir sollten ihr Andenken und Werk ebenso bewahren, wie das unserer eigenen Helden. Irgendwie, so denke ich heute, gebietet das auch unsere Herkunft und die Erfahrungen, die wir damals gemacht haben.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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#2

RE: ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 26.06.2013 19:56
von 0815 | 79 Beiträge | 178 Punkte

Also ich seh das auch so, die Künstler aus Polen waren wenig bekannt bei uns (mal von 2 + 1 und den Roten Gitarren abgesehen), die tschechischen und ungarischen waren viel bekannter. Letztlich waren sie deswegen aber nicht schlechter. Das Hauptproblem war vielleicht auch ihr Nationalstolz, denn die meißten sangen nicht in Englisch oder Deutsch, nein, sie sangen in Polnisch. Und wer verstand das hier schon .....
Wo hingegen im Kessel Buntes von Zsuzsa Konc bis Jiri Korn alles deutsch trällerte ....
Ist aber eben alles lange her ....

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#3

RE: ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 26.06.2013 20:55
von Ingo | 448 Beiträge | 963 Punkte

Mensch Hartmut, ich glaub ich muss langsam doch mal meine osteuropäischen Songs anhören, die mir ein guter Freund mal zur Verfügung gestellt hat.
Bisher muß ich zugeben hab ich noch nicht einmal reingehört in die CD, die er auch für mich gleich mitkopiert hat.
Bei deinen Ausführungen kann man einfach nur neugierig werden. Danke immer wieder für deine Inspirationen, die für dich selbst Erinnerungen sind.
Meine allererste Single war übrigens nicht von den Puhdys, sondern die Roten Gitarren mit "Weißes Boot" und "Piratenlied". Find ich beide noch heute toll.
Hier mal alle deutschen Songs, die ich von ANAWA habe. Falls dir was fehlt, mail an mich und mp3-Datei an dich.

01. WICHIG SIND TAGE, DIE UNBEKANNT SIND 3:45 1973
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Marek Grechuta / dt. Kurt Demmler )
02. UNSERE WELT 6:05 1972
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Marek Grechuta / dt. Ingeborg Branoner )
03. GLAUBE DARAN 3:55 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Leszek Moczulski / dt. Gisela Steineckert )
04. FÜHL UND VERSTEH 7:20 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Leszek Moczulski / dt. Bernd Maywald )
05. WENN DU NUR WILLST 3:05 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Leszek Moczulski / dt. Kurt Demmler )
06. DICH GAB ES SCHON 3:10 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Leszek Moczulski / dt. Bernd Maywald )
07. KANTATA 5:51 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Jan Zych / dt. Kurt Demmler )
08. DER SEILTÄNZER 4:00 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Leszek Moczulski / dt. Kurt Demmler )
09. SPIELE DER KINDHEIT 2:59 1974
( Jan Kanty Pawluskiewicz - Leszek Moczulski / dt. Klaus Kühne )


Alles was zu Ende ist, kann auch Anfang sein.
www.pfc-dasbuch.de
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#4

RE: ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 26.06.2013 21:31
von Hans | 50 Beiträge | 116 Punkte

Lieber Muppet,

-grins-

Ist schon komisch, dass da einer lebt, der uns ein wenig durchschaut hat und uns eine Bank zimmern will ...

Ich darf hier aus meiner Moderation von vorigem Freitag zitieren in den "Erinnerungen und Geschichte(n)":

"Marek Grechuta starb am 09.10.2006. Er lernte als Kind Klavier spielen und machte sein Abitur am Kunstgymnasium. Danach ging er Mitte der 1960-er Jahre nach Krakau, um Architektur zu studieren. In Krakau gründete er mit dem Komponisten Jan Kanty Pawluśkiewicz das Kabarett Anawa. Das Kabarett ging später auf in der gleichnamigen Begleitband Grechutas. Zusammen mit der Band Anawa und insbesondere dem von Kurt Demmler ins Deutsche übertragenen Titel "Wichtig sind Tage, die unbekannt sind" wurde er auch in der DDR bekannt. 1972 verließ Grechuta Anawa und gründete die Band WIEM (deutsch: "Ich weiß"). 1976 begann er eine zehn Jahre lange Zusammenarbeit mit dem Krakauer Kabarettkeller Piwnica pod Baranami."

Nun kann der Mensch nicht alles haben und trotz meiner relativ großen Musiksammlung habe ich leider von Anawa nichts im Original als LP. Das dies ein "Manko" ist, ja das weiß ich schon lange. Nur meine Interessen lagen nun mal bei Niemen mit 29 LP, Breakout mit 11 LP und SBB mit 6 LP in Originalsprache. Das kann man heute bereuen, traurig darüber sein oder einfach akzeptieren. Ich neige zu letzterem... -lächel-

Und gerade deshalb danke ich Dir, dass Du hier Marek ins "richtige Licht" gerückt hast.

Hans

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#5

RE: ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 27.06.2013 22:51
von Fällsäge | 682 Beiträge | 1467 Punkte

Ich muß ehrlich sagen,
da kann ich nicht viel mitreden, aber interessant zu lesen, was so paar Kilometer weiter in Sachen Rockmusik passierte.
Ich hab vor paar Jahren ein Buch über osteuropäische Bands gelesen.
Hartmut, hast du da nicht auch was zu beigesteuert?

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#6

RE: ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 28.06.2013 15:28
von HH aus EE | 832 Beiträge | 2031 Punkte

Mein lieber Ulli,
unsereiner ist ja schon glücklich, wenn solche Beiträge wirklich bis zum Schluss gelesen werden und dann auch noch, im Idealfall, neugierig machen. Meist schreibe ich ja über Dinge, Künstler oder Musik, die ich aus meinen „wilden Jahren“ kenne und da kann ich nicht automatisch erwarten, das sich jeder für mein Geschreibsel interessiert. Wenn doch, um so schöner und das Buch, das Du sicher meinst, habe ich auch lesen – „Es brennt der Wald – Die Rockszene im Ostblock“, von Christian Hentschel und Gerd Dehmel. Ich selbst benutze manchmal einen zweibändigen Buchkatalog aus Polen, um mir fehlende Informationen zu besorgen: „PolskiRock“, Warschau 1997 vom Verlag Res Publica Press. Dazu braucht man allerdings etwas Zeit, denn die beiden Wälzer gibt es leider nur in polnischer Sprache.

Ich selbst beschreibe die meisten Sachen so, wie ich sie ganz persönlich erlebt habe und das muss nicht zwangsläufig mit den Erfahrungen anderer übereinstimmen. Es gibt da noch so ein paar Ideen und wenn es die Zeit und Lust erlauben, fällt mir sicher wieder so etwas ein. Mal sehen und dann gucken.


www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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#7

RE: ANAWA - "Korowod" (Polen, Muza, 1971)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 03.07.2013 23:22
von Fällsäge | 682 Beiträge | 1467 Punkte

Genau, das Buch meine ich," Es brennt der Wald"
Mir war so, auch deinen Namen dort im Impessum gelesen zu haben?

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