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MITCH WALKING ELK & WADE FERNANDEZ live im Indianermuseum Derenbrug

in Konzertberichte 2017 06.06.2017 19:40
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Mitch & Wade live – “We will survive“ (05.06.2017)

Klar habe ich als Kind gern Indianer gespielt. Meine kleinen bunten Indianerfiguren eroberten ein Ford der Weißen, um sich anschließend wieder hinter die Couch zurückzuziehen, wo der Wald so dicht war, dass sie nicht gefunden werden konnten. Später bauten wir uns selbst einen Bogen und schossen mit ihm Pfeile ab, die wie aus Ästen schnitzten. Wir krochen durch feuchtes Gras, um uns anzuschleichen. Als Teenager las ich die Abenteuer von Winnetou, Old Shatterhand und Old Surehand, fühlte mich in deren Zeit versetzt und eingebunden. Zu Beginn der 1970er Jahre wusste ich schon wesentlich mehr über das tatsächliche Leben der amerikanischen Ureinwohner und die Musiker von REDBONE spielten mir mit „Wovoka“ und „We Were All Wounded At Wounded Knee“ den rockigen Soundtrack dazu. Was mir all die Jahre fehlte, war eine Begegnung mit einem echten Indianer, einem der selbst vom Leben dieser Menschen hätte erzählen können. Im Indianermuseum von Derenburg haben sich zwei Musiker angekündigt, Mitch Walking Elk (Cheyenne/Arapaho) und Wade Fernandez (Menomine), die beide von indianischer Herkunft sind. Sie kennen die Geschichte ihrer Völker, als auch deren aktuellen Probleme und sie singen davon in ihren eigenen Liedern!

Das Indianermuseum befindet sich am Rand von Derenburg, schon wie in die Felder geschmiegt. Die ehemalige Verkaufseinrichtung ist die Herzensangelegenheit von Esther und Thomas Merbt, die beide ihr Hobby zur Berufung machten und in dieser Einrichtung das Leben der indianischen Völker lebendig werden lassen und, im ganz wörtlichen Sinne, zum Anfassen darstellen. Hier finde ich meine Indianer als Spielzeug wieder, bestaune ich „Blauvogel“, dessen Abenteuer ich als Schulkind las, sehe das Bild von DEFA-Indianer Gojko Mitic an der Wand und die originalen Belege, die die Merbts sammelten und getauscht haben. Das Museum ist eine kleine Schatzkiste, durch die man, wie durch ein Indianerdorf, gehen kann. Während ich noch vor einer der Vitrinen stehe, ist im Seitenflügel der Klang einer Flöte zu hören. Die musikalische Reise kann beginnen.

Es ist wie ein instrumentales Einstimmen. Der Klang der Flöte ist einzigartig anders und die Melodien klingen fremd, doch faszinierend. Ehe ich mich intensiv darauf einlassen kann, singen beide mit ihren kräftigen Stimmen „They Run“, einen Song, der von den Ahnen erzählt. Sie singen von den Vorfahren, die in verschiedenen Gebieten lebten, aber eben miteinander, ohne von politischen Grenzen getrennt zu sein. Beide singen uns den „Menomine River“, die Seele des Menomine-Volkes, und wir erfahren so vom „Indianischen Garten Eden“, wo die Seelen der Vorfahren zu finden sind. Wir hören auch davon, wie Indianerland von rücksichtslosen Umweltsünden der Konzerne bedroht ist. Mich beeindruckt einer der Gesänge, die sie in der aussterbenden Sprache der Menomine singen. Dieses „Wee Hi Yooh Wee“, oder so ähnlich, klingt urwüchsig, kraftvoll und, so mein ganz persönlicher Eindruck, ein wenig trotzig und sehr kämpferisch. Man meint, den Stolz der Künstler mit den Händen fassen zu können und der Refrain dringt tief bis unter die Haut.

MITCH WALKING ELK singt mit seiner kraftvollen Stimme von „Eagle Horse“ und WADE FERNANDEZ, der Virtuose mit seiner Gitarre, fasziniert mit seinen vom Blues inspirierten Soli. Was der Mann elegant und mit Leichtigkeit aus den Saiten zaubert, deckt ein ganzes Spektrum zwischen Eric Clapton und Mark Knopfler ab und dennoch klingt das alles, für meine Begriffe, sehr indianisch, wenn beide „We’ve Got To Make Our Future Today“ singen. Sie sitzen vorn, im warmen Licht der untergehenden Sonne, und strahlen eine Menge Optimismus aus, wirken aber dennoch ernst und kämpferisch, wenn sie ihr „We Will Survive“ intonieren, das jedem anderen großen Folk-Song locker Paroli bieten kann. Eine echte Hymne.

Im Laufe des Abends greift Wade mehrmals zu einer Art doppelter Flöte, deren Töne manchem Lied eine besondere Nuance verleihen und Zeilen wie „We’re not born to die“ bekommen plötzlich eine viel tiefere Bedeutung. Es ist faszinierend zuzuschauen, wie er diese Flöte spielt und sich gleichzeitig mit der linken Griffhand auf der Gitarre begleitet. Bei dieser Art Blues bleibt so manchem die Gänsehaut wohl nicht erspart. Dann folgt wieder einer dieser mitreißenden Menomine-Gesänge, die uns in ihrer Bedeutung als „Thank You To Our Creator“ angekündigt werden. Und dann rocken sie wieder mit „Oh My My“ in der einstigen Verkaufshalle und die volle Hütte tobt und stampft gemeinsam beim „Cheese-Blues“, der uns als „Käsefüße-Blues“ übersetzt wird. Lacher und Schenkelklopfer inklusive.

Zwischen den Liedern erzählen sie Geschichten, sprechen über die Traditionen ihrer Völker, machen die Zuhörer auf ihre aktuelle Situation aufmerksam und auch darauf, dass die AIM (American Indian Movement), seit ihrer Gründung 1968, den Indianern zu neuem Selbstwertgefühl verhelfen möchte. Dessen Gründer und Führer seines Volkes, Dennis Banks, hat MITCH WALKING ELK einen Song zu dessen 80. Geburtstag, im April dieses Jahres, gewidmet. Mitch & Wade singen vom Überleben in den engen Reservaten, von der Vernichtung ihrer Völker und der Zerstörung der Umwelt. Sie meistern den Spagat zwischen Rock, Folk, Blues und indianischen Klängen und begeistern damit ihre Zuhörer. Nach fast drei Stunden Musik, inklusive einer kurzen Pause, endet dieser Abend wieder mit den Klängen der Flöte von WADE FERNANDEZ, der spielender Weise durch die Besucher zum Ausgang geht, wo beide Musiker ihre Gäste nach draußen verabschieden. Was für eine schöne und sehr persönliche Geste, die ich mir von so manchem heimischen Barden auch wünschen würde.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 06.06.2017 19:41 | nach oben springen

#2

RE: MITCH WALKING ELK & WADE FERNANDEZ live im Indianermuseum Derenbrug

in Konzertberichte 2017 07.06.2017 21:05
von Kundi | 2.002 Beiträge | 4582 Punkte

So wie Du, lieber Hartmut, habe auch ich als Kind Indianer gespielt.
Gelesen, ja geradezu verschlungen, habe ich die 6 Bücher des Romanzyklus "Die Söhne der Großen Bärin" von Liselotte Welskopf-Henrich.
Für mich sind diese 6 Bücher auch heute noch absolut lesenswert und zu empfehlen.
Karl May war in den 70er Jahren ja gerade mal nicht gelitten in der besten DDR der Welt.Gestört hat mich das damals als Kind nicht.

Indianermuseum Derenburg? Habe ich vorher nie gehört. Dank Dir ist diese kleine Bildungslücke nun auch geschlossen.
Ich lese außerdem aus Deinem Bericht heraus, dass diese Veranstaltung manchen Horizont im Bezug auf das Indianerleben damals und ganz besonders heute erweitert hat.

Vielen Dank für diese Einblicke,

Gruß Kundi


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