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SARAH LESCH (Support: ByeBye) in der Factory, Magdeburg

in Konzertberichte 2017 11.05.2017 07:42
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Sarah Lesch live in der Factory – viel Spaß, Opa! (08.05.2017)
Support und Begleitung: Duo ByeBye aus Leipzig

Sie ist eine von jenen noch jungen Künstlern, geboren 1986, die mich mit ein paar gesungenen Zeilen mitten im Herzen trafen und meine Gefühle binnen Bruchteilen von Sekunden aufwirbelten. So etwas passiert mir nicht mehr all zu oft. Gleiche Gedanken, gleiche Ablehnung und die gleichen Ideale. All das, obwohl uns über 40 Lebensjahre trennen. Wir kennen uns nicht und dennoch war mir so als ob: „Empört euch, dass Hänschen nicht ist, was er sein soll, sondern nur, wer er nunmal ist!“

Ich habe diesen blödsinnigen Scheiß mit meinem Wunsch nach schulterlangem Haar, Schlaghosen und Beatmusik durch. Daran musste ich mich sofort erinnern, als ich zum ersten Mal ihr Lied „Testament“ entdeckte und wie sie es verteidigt hat. Damit hatte SARAH LESCH aus dem Stand meinen Respekt und ich wurde neugierig auf die Frau, die auf Saiten und auf der Tastatur der Gefühle gleichermaßen spielen kann. Ich wollte sie live erleben.

Heute ist der 8. Mai, der Tag der Befreiung, wer sich noch erinnert. Die vordergründig lauten Töne hört man an solchen Tagen nicht mehr. Leise allerdings auch nicht und das ist falsch, weil wir damit beide, die lauten und die leisen, anderen überlassen, denen sie nicht gehören. Man darf die braunen Zeiten Hitlerdeutschlands nicht vergessen, gleich gar nicht unter den Tisch kehren und diejenigen, die heute unbequeme, weil nicht gleichlautende, Fragen stellen, nicht einfach als Pack abtun! Mit solchen Gedanken in der Birne fahre ich heute nach Magdeburg. Für mich die einzige Chance, SARAH LESCH zu hören und mir eine junge Bestätigung zu holen, dass man auch mit 67 so sein darf, wie man sein möchte. Anders!

Zunächst verfahre ich mich gründlich. Falsche Abfahrt, falsche Seitenstraße, Sackgasse. Nachdem ich endlich richtig abbiege, stehe ich mitten in Magdeburg im Nichts. Nichts als Brache, Schutt, Zäune und ein Gebäude, das, würde es eine Einkaufmeile blockieren, längst abgerissen und ersetzt wäre. Herzlich willkommen in der Subkultur namens Factory! Davor jugendliche Vertreter der Subkultur und aus dem Hintergrund der Ruf: „Viel Spaß, Opa!“ - Ich bin da, aber bei weitem nicht angekommen. Will ich das jetzt wirklich oder fahre ich wieder weg? Ein bereits gekauftes Ticket und meine Neugier hindern mich daran. Drinnen, im Dunkel der Winkel und des Underground, werden meine Zweifel größer und mir ist wie Schrumpfen. Der kleine Klub mit der niedrigen Decke, den Säulen und schwarzen Wänden presst mich auf, gefühlt, auf einen Mete klein zusammen. Plötzlich spüre ich, dass ich nicht hierher gehöre. Dennoch habe auch ich mich in einem solchen Ambiente einstmals wohl gefühlt. Nur der Herr mit dem Bart und irgendwie auch aus dem Raster fallend, ermuntert mich schweigend, zu bleiben. Der Name SARAH LESCH ebenfalls.

Als es endlich an der Zeit ist, steht auch sie da vorn. Aber nur um anzukündigen, dass jetzt gleich zwei Musiker, mit denen sie nachher gemeinsam spielen wird, uns ihre eigenen Lieder vorstellen möchten. Das leise Stöhnen meiner Füße geht im lauten Jubel der vor mir sitzenden Teens und Twens unter, als das Leipziger Duo ByeBye – die heißen wirklich so – das Podium betritt. Eine Konzertgitarre und eine Akustische sowie zwei Stimmen. Plötzlich ist es still und nach den ersten zwei Minuten klappt mir ganz langsam die Kinnlade runter. Es knallt, es zuckt, es groovt, es harmoniert, es ist überzeugend und es ist so etwas von perfekt, was die Sänger und Gitarristen OLIVER HAAS und TIM LUDWIG da von sich geben. Es ist schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich Vergleichbares gehört habe. Für mich fühlt es sich an, als wären Pension Volksmann in eine andere Jugendkultur hinein wiedergeboren. Diese Lieder sind dem prallen Leben entrissen und in eine Sprache gepackt, die von denen, die da vor dem Podium dicht an dicht hocken, auch verstanden und aufgesogen wird. „Du siehst so gut aus“ ist eine perfekte Symbiose von Gitarrenrhythmik und sprachlichem Groove, ohne in Plattheiten abzugleiten, damit es stimmig wirkt. Man taucht ein in Wortwitz und rasante Spieltechnik, die sich ergänzen: „(Ich will weg, ich leg’ ab, ich mach’ die) Leinen los“ und „alles, was als Sehnsucht beginnt, schnell an Bedeutung gewinnt“. Plötzlich finde ich mich wieder und es ist einfach nur – Pardon - geil! Nach einer reichlichen Handvoll Lieder und einem überaus gelungenem Auftritt (oder doch eine Performance?) treten beide ab, bauen um und machen eine schnelle Metamorphose zur Begleitband von SARAH LESCH durch.

Die steht plötzlich da vorn. Kein Scheinwerferkegel, nur dumpfes Licht. Sie ist zu meiner Überraschung klein und verdammt schmal, mit einem Turban aus Rasta-Locken auf dem Kopf. Darunter ein zierlich wirkendes Gesicht mit Piercing in den schmalen Lippen. Alles nicht mein Fall und dennoch: Was ist sie doch für eine Erscheinung! Ich habe keine CD von ihr, gleich gar nicht Vinyl und im Fernsehen habe ich auch noch nichts von ihr gesehen. Warum auch!? Was ich jetzt in diesen ersten Minuten zu hören bekomme, ist mit solchen Medien nicht kompatibel. Es stellt Fragen und es spricht Zustände und auch Augenblicksaufnahmen an, die unbequem sind, ja provozierend auf Heile-Welt-Bürger wirken. Genau so wie damals lange Haare und das „Yeah, Yeah, Yeah“ zu lauter Gitarrenmusik. Als sie „Das mit dem Mond“ singt, beginne ich eine neue feine Lyrik für mich zu entdecken, die bei mir den Platz einnimmt, den die „Söhne aus Mannheim“ nicht bekommen haben und auch nicht werden.

Staunend registriere ich, wie die jungen Leute auf dem Boden jedes Wort, jedes Geste und Nuance in sich aufsaugen und sie zurück geben. Sie sehen glücklich aus, sie lachen und ich meine, dass sie sich gerade verstanden fühlen. Ich entdecke mich da unten vor mir wieder, während SARAH LESCH eine kleine Geschichte von Flüchtlingen im Mittelmeer erzählt und dann eines der beiden Lieder singt, das auch ich kenne. Es ist das vom „Kapitän“, der in dem einen Land als Held gefeiert und in dem anderen als Gesetzesbrecher behandelt wird. Beide Länder, Deutschland und Italien, sind Mitglieder der EU. Die da singt, macht die Idee vom geeinten Europa in vier Minuten durch ein Lied lebendig. Anderen gelingt es nicht zu überzeugen, solange die mit Krücken, Hinterlist und Schulden pokern, um Macht zu erlangen oder zu behalten. Solange es denen nur um Macht und deren Erhalt geht, bleibt das Europa aller Menschen nur eine Fiktion, eine leere Phrase. Deshalb hören die hier im Club wohl lieber auf die Sängerin und deren Träume, die sie realisiert sehen wollen!

Dann singt sie „Das mit dem Mond“ und „Einmal noch“ und von den „Plejaden“. Ich stehe dabei und vergesse den Schmerz, der sich zwischen Fuß und Hüfte ausdehnt. Irgendwie, empfinde ich, spannt sich hier ein Bogen von den Protestliedern der 1960er Jahre, die Poesie eines Gundermann streifend, bis in unsere Neuzeit und es sind die jungen Wilden, die ihn aus dem Bauch heraus artikulieren. Das tatsächlich live mitzuerleben, hier wo sie unter sich und ohne Bevormundung sind, sie keine Regeln kennen, außer die ihren. Diese Minuten machen einem alten grauhaarigen Rocker Mut und lassen ihn demütig werden. Vielleicht habe ich doch einiges richtig gemacht und ich denke an meine Kinder.

Diese zierliche Frau stellt, zumindest textlich, nahezu alles in den Schatten, was ich aktuell kenne. Sie ist in ihrer Wortwahl kompromisslos, sie kommt sofort auf den Punkt und so entsteht eine eigenwillig schöne Lyrik, rau, zärtlich und ungemein emotional. Beginnt sie zu singen, können ihre Worte wie eine Feder streicheln oder wenn notwendig, wie eine Rasierklinge, alles aufritzen, dass es schmerzt. Seitdem ich ihr „Testament“ kenne und es jetzt live zu hören bekomme, jagt mir diese ganze Bandbreite von Emotionen durch den Körper. Ich denke an meine Enkelkinder und prompt habe ich feuchte Augen. Bei all dem ist es völlig ohne Bedeutung, ob sie ihre Gedanken in ein schlichtes Lied, oder wie später, in einen knackigen Blues kleidet. Man merkt es nicht, weil sie zum Hinhören zwingt. Diese zierliche Person in ihrem viel zu dünnen Kleid, mit den Riesenschuhe an den Füßen, ist der absolute Hammer und ich ahne, sie weiß es längst. Um mich zu begeistern, braucht es auch dieses kleine Lied über die Beatles nicht mehr, das liebevoll und mit Abstand, eine andere Zeit in mir wiedererweckt. Das wäre nicht nötig gewesen, denn sie hat mich längst mit ihrer eigenen Kreativität und Kunst begeistert. Ganz zum Schluss „Einmal noch“, ein Vorgriff auf ein neues Album im Sommer, und dann verschwindet die Lieder singende Pop-Prinzessin hinter einer dunklen Tür und ward nicht mehr gesehen. Punkt, Ende!

Einige Minuten später bin ich mit den verbliebenen Fans und der Technik-Crew allein im „schwarzen Loch“ der Factory. Die einen warten auf ihr Idol, ich besänftige meinen Bewegungsapparat, der mich noch tragen muss. Diesen Abend zu verarbeiten, wird dauern. Manche Konzerterlebnisse können mich sehr piesacken und klingen nach. Manchmal Stunden, manchmal auch Tage. Das wird diesmal genau so sein, eher noch intensiver, weil es kein Erinnern an die Musik meiner Jugendjahre war. Ich denke, in Abwandlung eines etwas älteren Zitates, dass ich heute bei einer Facette der nahen Zukunft Gast sein durfte. Sie heißt SARAH LESCH.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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#2

RE: SARAH LESCH (Support: ByeBye) in der Factory, Magdeburg

in Konzertberichte 2017 12.05.2017 05:34
von Kundi | 1.994 Beiträge | 4566 Punkte

Es ist doch gut, dass immer wieder neue Talente auf den Bühnen erscheinen.
Über SARAH LESCH konnte man schon viele positive Kommentare lesen bzw. hören.

Danke für Deine Einblicke in Wort und Bild, lieber Hartmut.

Gruß Kundi


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#3

RE: SARAH LESCH (Support: ByeBye) in der Factory, Magdeburg

in Konzertberichte 2017 14.05.2017 19:21
von PMausM | 1.524 Beiträge | 3211 Punkte

Jetzt habe ich das alles gelesen. Hartmut, ich fand Sarah auf FB auch klasse, aber hin getraut hätte ich mich nicht. Prima, dass du den Weg dort hin gefunden hast und mal aus deiner Sicht für uns ein Feedback da gelassen hast.


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