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Die RANDGRUPPENCOMBO aus Tübingen live in LEIPZIG,

in Konzertberichte 2016 31.12.2016 15:51
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Randgruppencombo 2016 - live im Werk 2 / Leipzig (27.12.2016)
…. und „immer wieder wächst das Gras“

Ein verrücktes Jahr geht zu Ende. Ein Jahr, voll mit schlimmen, gar schockierenden Nachrichten. Ein Jahr, in dem der Imperialismus seine hässliche Fratze offen zeigte und die Herrschenden sich wie im Tollhaus gebärdeten und die Demokratie, von der sie sprechen, ad absurdum führten. Aber auch ein Jahr mit vielen tollen Erlebnissen, beeindruckenden Momenten und neuen Freundschaften. Ein Jahr, das mich in der neuen Heimat noch einmal zum Großvater machte und so der Hoffnung den Vorrang gibt. Hoffnung möchte ich mir auch bei Musik von Gerhard Gundermann holen. Deshalb fahre ich nach Leipzig, wo die Randgruppencombo, diese exzellente Truppe aus Tübingen, zum Jahresausklang seine Lieder spielen und singen wird. Raus aus dem Grau der letzten Tage und einen erlebnisreichen Abend an das Ende dieses verrückten Jahres setzen.

Wo ein Jahrhundert lang in Connewitz Gasmessgeräte gefertigt wurden und später zu DDR-Zeiten der VEB Werkstoffprüfmaschinen produzierte, haben heute hier vielfältige kulturelle Angebote eine Heimat und eine Bühne gefunden. Die alten Mauern könnten sicher eine Menge erzählen und der alte Kran im Werk zwei hat aus seiner Perspektive sicher auch vieles gesehen. Doch nun ruht er bewegungslos auf seinen Schienen unter dem Dach. Aus seiner Kabine hätte man sicher den besten Blick auf die Bühne und das Geschehen darauf. Ich stehe in der ersten Reihe und freue mich auf die kommenden Stunden bis Mitternacht. Endlich wieder und noch einmal ein Konzert der RANDGRUPPENCOMBO.

Was immer zum Jahresende in Leipzig und Berlin abgeht und die Gundi-Fans mobilisiert, ist im Osten inzwischen Kult. Selbst in seinen kühnsten Träumen hätte HEINER KONDSCHAK nicht daran gedacht, mit zehn Musikanten plus fast vierzig Instrumenten die Lieder von Gundi zum Klingen zu bringen, Jahr für Jahr, so wie das Gras immer wieder wächst. Wer das schon einmal erlebt hat, der weiß, dass die Truppe sich und ihr Publikum in einen wahren Rausch spielen und singen kann. So viel Enthusiasmus auf der Bühne, gepaart mit den folkig rockenden Liedern voller stiller Melancholie und einem Schuss frecher Selbstironie, in der man sich selbst emotional austoben kann, das erlebt man wirklich nur sehr selten. Ein Mal dabei sein, das reicht einem nicht. Ich bin jetzt zum dritten Mal hier, den Abend in der Columbiahalle nicht mitgezählt. Jedes Mal ist ein besonderes Gefühl und jedes Mal entdecke ich etwas neu oder anders und sei es der Spielzeugbagger en miniature am Bühnenrand. Ein Fingerzeug auf den Baggerfahrer-Singer.

Kurz nach 20.00 Uhr erklingt die Melodieschleife von „Gras“. Aus dem Stand ist die Halle ein einziger Schrei und von Jubeln und Pfiffen begleitet, betreten die zehn Musiker ihre Bühne im Leipziger Süden. Da sind sie wieder, leicht verändert zwar, aber die meisten der Gesichter, die schon 2007 bei meinem Debut dabei waren, erkenne ich wieder. Es ist, als würde man nach langer Pause wieder gute Freunde treffen, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Eins, zwei drei – und schon startet der „Zweibeste Sommer“ das Konzert. Weitere dreißig werden folgen und nur ganz selten hört die Menge andächtig schweigend zu. Die meisten der Melodien werden, je nach Stimmungslage, leise oder lauthals mitgesungen. Es ist, als wäre der Katalog des Gundermann für ganze Jahrgänge Pflichtlektüre in der Schule gewesen, dem „Heideröslein“ oder dem „Brunnen vor dem Tore“ vergleichbar tief im Bewusstsein verankert. Da stehe ich mit meinen sechs Jahrzehnten plus X unter Freunden, habe Gänsehaut und Kloß im Hals, als wäre dies hier mein erstes Rendezvous. Dabei bin ich „nur“ innerlich total aufgelöst und ergriffen, weil diese Lieder auch Teil meines eigenen Lebens im Sand der Lausitz, mit den Schornsteinen am Horizont und dem Ruß auf dem Fensterbrett (bei Ostwind) sind.

Auf der Bühne rockt eine Big Band, die ihren Sound, ganz dem Charakter der Songs folgend, wechselt. Von filigran leise und solistisch, wie etwa bei „Europa“, bis hin zu der Wucht eines fetten Bläsersatzes, wie man ihn seit Blood, Sweat & Tears nur noch selten zu hören bekommt. Wie Gundi auch, agiert die Combo wie ein musikalisches Chamäleon. HEINER KONDSCHAK, der Mann hinter dem Projekt und der am Mikrofon, wuchert mit seinen Ideen wie Gundermann, um vielen seiner Lieder ein zweites Gewand überzustreifen. Bei „Wenigstens bis morgen“ taucht ein Banjo auf und beim „Hochzeitslied“ donnern gleichzeitig fünf Bläser fette Riffs ins Publikum. Das zarte „Herzblatt“ tanzt fröhlich mit einer Mandoline und „Brunhilde“ schließlich weitet sich zu einem grandiosen Chorgesang in der ganzen Halle aus. Was für schöne emotionale Momente, die immer wieder Erinnerungen in mir wecken. Eine solche ist „Und musst du weinen“, denn damals wohnte ein Ehepaar im Haus, die beide zur Schicht in die Kokerei von Lauchhammer fuhren. Die hatten beide harte Hände, beide ein hartes Herz und sie starb viel zu früh. Gundermann erlebte das hautnah auch, ebenso wie die Details am Rande der „Straße nach Norden“. Das und noch viel mehr zieht in diesen Minuten an mir vorüber, aber zum Glück gibt es ja das „Gras“, das immer wieder darüber wächst. Da bin ich eine Stimme im großen Chor der Gundermänner und Gundifrauen.

Es gibt an diesem Abend viele der Hymnen zum Mitsingen und eine feine Auswahl der leisen Lieder zum andächtig Lauschen. Das seltsame „Vögelchen (aus teuren schwarzen Apparaten)“ ist so eines, das wir flattern lassen und an diesem Abend zum ersten Mal im Programm, schippert die „Schwarze Galeere“ über die Bühnenwellen. Sie tanzt auf einem fetten knackigen Bläsersound. Was für ein ruppig schöner Song! Und dann gibt es ja noch „Ich mache meinen Frieden“. Die Randgruppencombo dehnt ihn und der Mann mit den fetten Saiten knallt ein Solo in die Halle, das der alte Kran an der Decke ins Schwingen gerät. Tosender Beifall und wenig später zeigt eine 17-Jährige, dass Becken und Felle bei Gundermann schon immer eine Sache der Frau war. Die Kleene ist echt der Hammer und bleibt cool dabei!

Für mich fühlt sich das alles wie gesungene Lebensweisheiten an, die ich quasi selbst gelebt habe: „Hier bin ich geboren“, „Alle oder keiner“, „Keine Zeit mehr“, „Einmal“ und dann dieses umwerfende Anawa-Cover von „Männern und Frauen“, das Marek Grechuta unsterblich machte. Auch in der DDR meiner Generation: „Wichtig sind Tage, die unbekannt sind, die sind wichtig“, sang er damals holprig in deutscher Sprache. Die Gefühle kann wahrscheinlich nur nachvollziehen, wer den einen, Grechuta, wie den anderen, Gundermann, kennt. Da war die Wahrnehmung deren im Westen wohl viel stärker beschränkt, als wir es ungekehrt für uns wahrgenommen haben. So gesehen ist die Combo aus dem Schwäbischen noch immer eine der seltenen Ausnahmen und nicht nur in Sachen Lebensweise und Kultur!

So ein Abend mit der RANDGRUPPENCOMBO ist zu Ende, wenn man meint, er könne jetzt beginnen, wenn der eigene Körper nach drei Stunden nicht Weigerung signalisieren würde. Es gibt so viele der Lieder, die heute noch nicht gesungen wurden. Doch die Zugaben sind, nachdem sich zehn Musiker verbeugt und bedankt haben, schon ausgesucht. „Wenn ich wär’“, „Leine los“ und „Fliegender Fisch“, das Gundi selbst auch am Schluss sang, sind ebenso schön, wie „Nach Hause“, das ich gerne noch gehört und gesungen hätte. Ganz zum Schluss erklingt „Weisstunoch“ und für mich denke ich: Ja, ich weiß es noch und ich vergesse nichts davon. Niemals! Für mich ist das alles mehr als „nur“ Lieder und Lieder singen. Es ist ein Stück von mir, ein Stückchen ICH. Es sind Lieder von meinen Sehnsüchten und Hoffnungen, von der Liebe und dem Schmerz, von unserer Jugend und von dem, was uns, älter geworden, erwarten könnte. Für mein Gefühl sind diese Lieder kleine Hilfestellungen für das Leben, für jeden neuen Tag. Das macht sie unersetzlich, einzigartig und unverwechselbar sowieso, weil wir sie singen und weil sie, so wie es aussieht, auch in der Zukunft gesungen werden, so wie das Gras eben auch immer wieder und immer wieder wächst. Dagegen ist kein Kraut gewachsen und mit dieser Gewissheit gleite ich glücklich über die nächtlichen Straßen von Leipzig direkt auf die Piste zu, wo der alte Mann vom Straßendienst, obwohl nur schlecht bezahlt, einen weißen Strich über das Land gemalt hat. Bis zum Harz, wo ich, der in Leipzig geborene und in der Lausitz Heimat gefunden, nun zu Hause bin.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 31.12.2016 15:53 | nach oben springen


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