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Simon Wahl - solo acoustic guitar - 28.07.2016 in Ahlbeck

in Konzertberichte 2016 31.07.2016 08:25
von Kundi | 2.002 Beiträge | 4582 Punkte

Diesen schönen Konzertbericht schickte uns unser Freund und Forenmitglied Tom's Daddy. Er hat sich während seines Ostseeurlaub einen talentierten Gitarristen angesehen und angehört.
Vielen Dank für deine Eindrücke in Wort und Bild, lieber Jens.


Gute(r) Wahl - oder: Django Reinhardt meets Eminem
Simon Wahl - solo acoustic guitar - in Ahlbeck 28. Juli 2016

Mein Musikgeschmack ist sehr vielfältig. Ich mag die vertrackten Arrangements von Porcupine Tree oder die Wucht von Nightwish, Deutschsprachiges von Subway to Sally oder Thomas Natschinski, Instrumentales von Andreas Vollenweider oder Schiller ... immer abhängig von meiner momentanen inneren Befindlichkeit. Dabei lasse ich mich gern auch überraschen und nehme begierig Infos von deutsche-mugge.de oder mission-buehnenrand.de auf - mal sehen, ob ich etwas davon erleben kann und ob es mich auch erreicht.

Seit einigen Jahren gönnt sich meine Familie in der ersten Schulferienwoche (im Land Brandenburg) einen Kurzurlaub in Ahlbeck auf Usedom. Das Schöne daran ist: man kennt inzwischen nicht nur die Gastgeber, sondern auch das Personal in Uwes Fischerhütte oder im Supermarkt, das Negative daran: man kennt auch die Qualität dessen, was abends musikalisch so in den Biergärten oder auf der Seebrücke geboten wird, den Ablauf vom Sommerfest Ende Juli, die Reihenfolge der Händler auf der Promenade ... und in diesem Jahr hatte ich so gar keine Lust auf „Amsterdam“ oder „Die schwarze Rose“ ... auch die „Trampelfüßchen aus Berlin“ ( Stamping Feet ) als Opener des Sommerfestes zogen mich nicht mehr so magisch an wie noch 2012. „Alles schon gehört, alles schon gesehn“ - wie City einst richtig bemerkten.

Aber in den Kirchen der drei Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin gibt es in jedem Jahr einen Konzertsommer mit interessanten Angeboten: da gibt es Klezmermusik, Gospelchöre, Musik für Harfe, Querflöte und Fagott, „The Aberlour´s“ mit Celtic-Folk´n´Beat, Gerhard Schöne, Ralf Benschu & Jens Goldhardt., ein Konzert für Trompete und Orgel - und am 28. Juli stand in der Ankündigung:“ Konzert für Gitarre mit Simon Wahl: Die One Man Band“.

Hm - das machte mich neugierig. „One Man Band“ - gut , das kann ein Vollblutstraßenmusikant sein wie Micha aus Dresden, der als Mr.Campfire unterwegs ist und mich immer wieder mit seiner Musikalität und seiner Natürlichkeit begeistert, das können aber auch solche Leute sein, die ... naja das sagte ich ja schon mal ein paar Zeilen vorher... vorsichtig formuliert: mein musikalischer Anspruch - auch an mich selbst - liegt da deutlich höher... aber Letztere würden ja kaum in einem solch ehrwürdigen Haus wie der Evangelischen Kirche zu Ahlbeck spielen.

Okay, also die Suchmaschine angeworfen, http://www.simonwahl.com gefunden: geboren 1989, aufgewachsen in Bonn, Studium der klassischen Gitarre, 2015 schloss er sein pädagogisches und künstlerisches Konzertgitarrenstudium bei Prof. Michael Langer an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz mit Auszeichnung ab, wohnt jetzt in Wien. Dazu einige Clips auf https://www.youtube.com/user/Simonwahl89 angeklickt - meine Augen, meine Ohren und mein Interesse wurden zunehmend größer und der Termin flugs in den Kalender eingetragen. Eine kurze Mail an Simon gesendet wegen einer Fotoerlaubnis - innerhalb von 12 Stunden kam die positive Antwort und eine Sitzplatzreservierung - was will man mehr. Wegen der Besonderheit der Spielstätte und dem Charakter des Konzerts habe ich mich aber dann doch auf nur einige wenige Bilder von meinem Sitzplatz aus entschieden.

Um es kurz zu machen: ein knapp 27jähriger Musiker, bewaffnet nur mit einer handgefertigten Akustikgitarre aus ganz speziellen argentinischen Hölzern, einem Stimmgerät und einer kleinen Aktivbox verzauberte knapp 80 Minuten das Publikum mit seiner atemberaubenden Spieltechnik sowie lakonischen Kommentaren zu den Kompositionen und - sehr zu meinrr Freude - einigen Erläuterungen zur Spielweise. Kein Looper, kein Multieffektgerät, kein Drumcomputer, weder buntes Licht oder Laser oder Nebel- dafür eine unheimlich perkussive Art der Darbietung. Der Musiker und sein handgefertigtes Instrument wurden quasi eine Einheit. Der Korpus der Gitarre mutierte zu Bassdrum, Snare und Toms, mit dem Daumen wurden die Basslinien gespielt, während im Fingerpicking-Style (also gezupft, ohne Plectrum) Begleitung UND Melodie gespielt wurden, alles zeitgleich. Das war ganz großes Kino!

Es wurde funky geslappt (also die tiefen Saiten auf das Griffbrett geschlagen oder so stark gezupft, dass sie förmlich zurückknallen) wie einst Mark King von Level 42, die tiefe E-Saite wurde auf Drop-D runtergestimmt, es gab einige open tunings ( also nicht die klassische EADGHE-Stimmung). In für mich in kaum nachzuvollziehenden Bundlagen erklangen mitten im laufenden Spiel Flageoletts (also Obertonschwingungen, die Saiten werden dabei nur mit den Fingerkuppen berührt, ohne sie fest in den Bund zu drücken), wunderschön eingebaut bei „Leo“, einem Lied für seine Schwester.
Simon spielt ein einem Höllentempo Hammerings mit der Greifhand - mir blieb echt die Spucke weg. In der Tradition von Django Reinhardt oder Leo Kottke wurde hier gepickt, was das Zeug hält.
Verblüfft war ich über Simons Akustikversion von Electric Gipsy - ja na klar kennt man als Gitarrist diese Komposition von Andy Timmons, dessen Hommage an Jimmy Hendrix, mit vielen Bendings und Verzierungen. Doch ich hätte nicht gedacht, dass diese Komposition rein akustisch funktioniert - chapeau!
Im Laufe des Abends spielte Simon sehr melodische eigene Werke sowie Bearbeitungen von Fremdkompositionen und wagte sich nach einem kleinen feinen Beatlesmedley (All you need is love mit Kapodaster auf dem 7. Bund und Eleanor Rigby ohne Kapo) an - aufgepasst - Eminem. Richtig gelesen. War nicht ganz so mein Ding, aber die Herangehensweise und die Umsetzung (wie spiele ich auf einer Akustikgitarre eine FieldSnare) waren schon interessant.

Das Konzert endete mit der wundervollen Eigenkomposition „September“ - Wie, schon vorbei? Das war nicht eine Minute langweilig, das muss man erst mal wirken lassen. Leute, der Junge ist erst 27 Jahre alt! Und nach dem hier Erlebten erklärte sich mir auch sein rappelvoller Tourplan....

Nach diesem Konzert hatte ich erst recht keine Lust auf die, die immer lacht oder auf die Frage, warum sie nicht nein gesagt hatte. Ich ging runter an die Ostsee, die Sonne tauchte gerade unter - das passende Bild zum eben gehörten Soundtrack. Besser geht es nicht.

Danke, Simon, für diesen Abend!
Es gäbe sicher noch vieles zu erwähnen, aber wer liest schon gern einem Hungrigen eine Speisekarte vor - hingehen und genießen- und wer es kann: BUCHEN!!!


Grüße von

Toms Daddy

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 31.07.2016 21:57 | nach oben springen

#2

RE: Simon Wahl - solo acoustic guitar - 28.07.2016 in Ahlbeck

in Konzertberichte 2016 02.08.2016 04:56
von Kundi | 2.002 Beiträge | 4582 Punkte

Auch das finde ich so schön an unserem Hobby, dass man immer wieder Neues entdecken kann.
Man muss nur offenen Auges, offenen Ohres und offenen Herzens durch die Welt gehen. Einige von uns, wie im hier vorliegenden Fall unser Freund Jens (Tom's Daddy), tun das
und wir können alle davon profitieren.

Vielen Dank für diesen stimmungsvollen Bericht aus Ahlbeck.

Gruß Kundi


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