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LATERISER - Alles auf Null (2016)

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 26.05.2016 19:49
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

The Lateriser – Alles auf Null (Backdoor Booking, 2016) 26.05.2016

Inmitten der Aufnahmen zu ihrem ersten Album hatte es bei den drei Musikern von THE LATERISER auf einmal „klick“ gemacht. Einige Leute hatten der Band gesteckt, dass sie zwar ein geiles Brett und heißen Blues spielen, ein Großteil der Energie aber in den englischen Texten, in den Worten fremder Sprache, einfach stecken bleibt. Auch ich hatte mir erlaubt, beim Rezensieren ihrer EP „Trailer James“ (2014) auf diesen Umstand hinzuweisen. Die Band aus Oelsnitz hat danach alles noch einmal über den Haufen geworfen, völlig neu überdacht, um „alles auf Null“ zu setzen. Vielleicht hat man sich unserer (ost)deutscher Bluestradition besonnen. Was beim zweiten Anlauf entstanden ist, kann der Neugierige nun beim Debut „Alles auf Null“ anhören, kann es bestaunen und sich am Endergebnis erfreuen. Der Blues im Osten (Deutschlands) ist mit THE LATERISER und ihrem Erstling wieder ein Stück lebendiger, jünger und vielseitiger geworden.

Ein verzerrtes Gitarrenriff aus dem quäkendem Radio, das neugierig macht, dann plötzlich ein Ruck, Volldampf und ein fetter Sound knallt aus den Boxen in den Raum. „Alles auf Null“ kommt druckvoll, mit Gitarre, Bass & Drums, in die vier Wände. Eine Stimme, wie ein erlösender Schrei, erzählt für uns Geschichten aus dem Leben, wie sie täglich vor unseren Augen zu entdecken sind. Dies ist kraftvoller Blues mit all seinen deftigen Zutaten, die Seele und Beine bewegen. Was uns der Titelsong verspricht, saftigen Blues-Rock aus einem Guss, hält das Power-Rock-Trio LATERISER die ganze CD über bis zum letzten Ton, ohne wenn und aber, durch.

Der Opener „Alles auf Null“ öffnet die Ohren für zwölf spannende Liedgeschichten in Blues-Rock und Boogie. Zu hören ist eine Hommage an Altmeister und Gitarrengott Jimi Hendrix, dem mit „Verloren als junger Held“ gekonnt Tribut gezollt wird. Einfühlsam zitieren LATERISER aus „Voodoo Chile“ und spielen sich nah an ihr Idol heran. Mit Liedzeilen wie „gefangen in seiner Welt“ lassen sie ahnen, wie intensiv sich die Musiker mit dem Thema beschäftigt haben. Gleich darauf ist „Der Igel“ Inhalt einer eher selten erzählten Tragödie, die leider immer wieder geschieht und ein abgefahrenes Gitarrensolo imitiert die „Schreie in der Nacht“, beschreibt den tragischen Moment auf den Straßen instrumental.

Hinter wirklich jedem Song kann man entweder eine echte Geschichte vermuten oder Botschaften entdecken, die Gitarre, Bass und Drums wirkungsvoll in Szene setzen. So besticht das „Denkmal“ mit einer überaus bissigen Botschaft und dem atemberaubenden Spiel parallel gespielter Gitarrenläufe. Ohne mögliche Vorbilder zu verleugnen, folgt das Trio hier eigenen Intentionen und man glänzt wenig später mit Südstaatenfeeling und Funk-Adaptionen („Auf zur Sonne“). Wer, so wie meine Generation, die Musik der Blues-Helden ostdeutscher Herkunft im Blut hat, freut sich ganz besonders, eine Story wie die vom „Kunden“ zu hören, eine Hohelied auf eine kleine Massenbewegung, deren Vertreter in der DDR „von Ort zu Ort getrampt“ sind, um bei Monokel & Co. aufzuschlagen. Der „Kunde“ kommt gerade und deftig rockend, in fetten „Kraftblues“ verpackt, um die Ecke. Hier haben THE LATERISER offensichtlich ein richtiges zweites „Kundenlied“ geschaffen und erzählen ein paar Tracks weiter mit dem „Backseat Blues“ sogar noch eine zweite Geschichte aus diesem Milieu. Einfach wunderbar.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten begeisterten gestandene Hard-Rocker immer wieder mit einer ihrer einfühlsamen Balladen. Was THE LATERISER mit ihrer emotionalen Ballade „58“ erzählen, braucht sich da nicht zu verstecken. Eine einfache Gitarre und eine intensive Stimme reißen sich hier gemeinsam ihren Seelenschmerz aus dem Herzen und berühren mit Melodie und Worten, dass einem schwindlig werden kann:

„Wieder mal von Dir geträumt, bin mit Tränen aufgewacht.
Wir waren in einem Baum vereint, doch ein Blitz hat uns umgebracht.“


Bei so viel faszinierender Poesie und einem simpel eingängigen Slow-Blues, kann einem schon einmal warm ums Herz werden. Dabei ist diese starke Nummer nicht die einzige ihrer Art, denn mit ihrem „Weis(s)er Mann“ haben die drei Musiker ein völlig anderes Thema mit vergleichbarer Emotionalität angepackt und umgesetzt.

Immer wieder überraschen die Songs mit eingängigen Riffs und einem Feuerwerk an Ideen. Beinahe möchte man staunen, mit welcher Leichtigkeit ein heavy stampfender Boogie tänzelt („Schwarz auf Weiß“) und einem wirklich ein Gefühl vom „Spiel auf brennendem Eis“ vermittelt wird, so dass man sich in die Geschichte tief hinein versetzt fühlt, wenn die Gitarre sich über den Akkordfolgen austobt: „Mein Leben ist zu kurz, ums mit dir durchzustehn.“ Da stimmt einfach alles, so wie die Geschichte von einem der sich „Abgebrannt“ fühlt, fast schon weh tut, wenn der nahe Tod thematisiert wird: „Nach der Asche kommt keine Glut.“ Hut ab, dass die Band sich auch solch einem Thema vom Rande der Gesellschaft widmet und es so öffentlich macht, es aus dem Dunkel zerrt. Respekt, meine Herren!

Über die Dauer der ganzen CD teilen sich kerniger Blues-Rock, stampfende Boogie-Kracher sowie sehr einfühlsamen Balladen die Spielzeit zu beinahe gleichen Teilen. Damit ist sowohl für Abwechslung, als auch für Spannung sowie durchgängig hohen Hörgenuss gesorgt. Obwohl die Gitarre als Instrument in jedem Song dominiert, fügt sie sich mit ihrem abwechslungsreichen Spiel harmonisch in den äußerst druckvollen Sound ein. MARTIN FANKHÄNEL zupft, wie man so schön sagt, ein wirklich geiles Brett und füllt dieses Spiel mit seinem Gesang kraftvoll inhaltlich aus. Mit diesem Sound, den er mit MARTIN RUDOLPH am Bass und BENJAMIN NAGEL, Schlagzeug, in die Rillen gepresst hat, sollte er jeden noch so sturen Zweifler überzeugen können. Die drei Musiker schlagen, in übertragenem Sinne, eine ganz feine Klinge und lassen ihre Altvorderen hoffen, dass der Staffelstab zukünftig weitergetragen werden kann. Jeder der zwölf Songs steckt voller Kraft, Energie und abwechslungsreicher Poesie, wie man es heute nur noch selten zu hören bekommt. Am Ende der CD steht mit „Dieser Brief“ noch einmal eine der lyrischen Nummern, die noch lange nachklingt.

Alle Songs haben eine überschaubare Länge und vielleicht zeigt der Silberling auch deshalb nirgends Ermüdungserscheinungen. Die Texte sind griffig und poetisch, sie zeugen von Beobachtungsgabe und Sensibilität, ein Thema nicht zu verformen. Alles ist liebevoll, engmaschig und feinsinnig gestrickt, da passt nirgendwo nicht mal ein Blatt dazwischen. Blues in ganz unterschiedlichen Facetten und Farben, ganz locker, leicht und dennoch kantig gespielt, ohne dabei das Gefühl zu vermitteln, alles nur darauf ausgerichtet zu haben. Ich bin jedenfalls rundum begeistert!

Wenn das kleine Kunstwerk dann noch in einer geschmackvollen Verpackung steckt, wo Meister Dürer quasi mit Meister Edison kommuniziert, um die Idee dahinter deutlich zu machen, dann darf man so etwas auch Art-Work, also Cover-Kunst, nennen. Und auch von dieser Umsetzung bin ich begeistert. Nur schade, und das ist wahrlich der einzige Wermutstropfen, dass der „Backseat Blues“ keinen Platz mehr auf der Vinyl-Variante gefunden hat, die es nämlich auch gibt. Um die Zukunft (ost)deutscher Bluesmusik muss man sich inzwischen wieder etwas weniger Sorgen machen, denn THE LATERISER stehen mit anderen jungen Bands des Genres, wie der JORIS HERING BLUES BAND oder den derzeit pausierenden FOOTSTEPS, auf einer Stufe. Ich bin neugierig, womit uns das Trio aus Oelsnitz in den kommenden Jahren überraschen wird. Kaufen? Unbedingt!

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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