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LOCARNO (Kanada) in der Kulturbastion Torgau

in Konzertberichte 2016 17.05.2016 19:57
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Locarno & die Magie der Musik in der Kulturbastion Torgau (15.05.2016)

TOM LANDA ist ein wirklich sehr freundlicher Mensch und einer, der seine Musik leidenschaftlich lebt. Ich hatte Gelegenheit, ihn mit seiner Band LOS PAPERBOYS im Mai 2010 live und hautnah zu erleben. Das war in Finsterwalde und das damalige Brauhaus Radigk hatte diese intime Atomsphäre, die solche persönlichen Begegnungen geradezu herausfordert. Nach diesem Konzert kamen wir ins Plaudern und seitdem ist mir der in Mexiko geborene freundliche Halbkanadier nie mehr aus dem Sinn gegangen. In seiner Musik finden sich so ziemlich alle guten Einflüsse, die man auf dem langen Weg von Mexiko bis hinauf nach Vancouver aufschnappen kann: Folk, Blues, Swing, Americana, Bluegrass, Latin und alles auf der Basis südamerikanischer und afrikanischer Rhythmik. Dazu eine Riesenportion Lebensfreude. Diese Mixtur ist so ungewöhnlich und einzigartig, wie sie auch ansteckend ist. Zu hören ist diese Musik auf insgesamt zehn Alben der Paperboys. Danach ließ er die Arbeit mit der Band ruhen und gründete aus ihrem Musikerstamm heraus seine neue Band LOCARNO. Während die Musik von LOS PAPERBOYS auf keltisch-irischen Einflüssen basierte, verarbeitet TOM LANDA mit seinem neuen Projekt die heißen Zutaten aus Mittel- und Lateinamerika zu einem neuen brodelnden Mix, der in die Beine und in die Herzen geht.

Nach mehr als zweihundert Kilometern auf Bundesstraßen und Autobahn, endlich wieder einmal ein Konzert in der Torgauer Kulturbastion. Es ist schon wieder eine Weile her, dass ich hier vor der Bühne stand und bekannte Gesichter traf. Auch diesmal spricht mich hier jemand an, den ich nicht kenne und der dennoch eine Brücke weit zurück in meine Kinder- und Jugendjahre bauen kann. Mein Buch und mein Vater sind die Angelpunkte für ein überraschend anregendes Gespräch, das mich tief innen berührt. Dank dem Sohn eines Lehrerkollegen meines alten Herrn, der mich anspricht, um sich zu vergewissern. Musik verbindet und führt Menschen zueinander. Es fühlt sich an wie ein Zurück in die eigene Vergangenheit, ist aber ein Erinnern auf den Pfaden der Musik, verbunden mit einem Drang in eine Zukunft, wo Menschen sich gemeinsam erfreuen können, weil Musik sie zusammen bringt. Was für ein selten schöner Moment am Rande eines Konzertes und ich bin sehr, sehr dankbar, dass sich die Dinge in den letzten Jahren so entwickelt haben. -

Kurz nach 21.00 Uhr steht ein kleines Orchester auf dem ebenso kleinen Podium. Insgesamt acht (!) Musikanten teilen sich die engen Freiräume zwischen Instrumentarium und Mikrofonständern. Dass man sich trotz der räumlichen Enge ausgelassen bewegen und mitreißen kann, wird die Band wenige Augenblicke später eindrucksvoll beweisen. Gerade noch schwebte emotionale Leere im Raum, doch schon mit den ersten Tönen und Rhythmen, geht ein Ruck durch jeden Einzelnen, der heute Abend hierher gefunden hat. Plötzlich durchschneiden messerscharfe Bläser die Luft und brasilianisches Flair pumpt Adrenalin in die steifen deutschen Körper. Die Band LOCARNO heizt die lange Musiktonne der Kulturbastion an, zündet ein heißes Feuer unter dem Kessel.

Spätestens mit „El Son De Las Gracias“ (Danke für das Geschenk), dem zweiten Song des Abends, ist Druck im Kessel. Mit Violine und zwei Bläsern (Posaune und Trompete) zaubert die Band karibisches Feeling unter die Betondecke. Man könnte sich glattweg weiße Strände, Palmen und blauen Himmel vorstellen, so wunderschön klingt die musikalische Reise. TOM LANDA verführt mit viel Charme in der Stimme, verbreitet diese Sehnsucht nach der Ferne, die viele so sehr mögen. Es ist einfach nur toll.

Eine Kapelle in dieser Besetzung sieht und hört man hierzulande selten, sehr selten. Im Hintergrund wirbelt ein Drummer über die Becken und Felle und neben ihn prasselt ein zweiter Percussionsspieler mit seinen Händen über Congas und Trommeln. Außerdem bearbeitet er ein Marimbaphon, das mir nur vom Zusehen schwindlig wird. Als dritter Rhythmiker im Bunde steht der Bassist auf der anderen Seite. Vorn an der Kante setzen die beiden Bläser mit Trompete und Posaune scharfe Akzente und ein schmaler Jüngling aus Mexiko lässt seine zarten Finger wie wild über die Gitarrenbünde tanzen. Im Mittelpunkt aber stehen der Sänger und Gitarrist TOM LANDA und seine Frau KALISSA mit ihrer Geige. Die beiden lösen sich mit PEDRO MOTA, dem Jüngling an der Gitarre, am Gesangsmikrofon ab. Wenn diese acht Musikanten erst einmal in Fahrt gekommen sind, brennt einfach nur noch die Luft in der Röhre. Dann wird ein Song wie „Bailando Bajo El Sol“ auch tatsächlich zum „Tanzen unter der Sonne“, heiß, mitreißend und bestens zum Schwitzen geeignet. Einige der Damen in der ersten und zweiten Reihe lassen sich verführen und bewegen ihre Körper lasziv mit den Schwingungen der Musik. Auf und vor der Bühne entsteht ein stimmungsvolles Miteinander im musikalischen Gleichklang. Eigentlich ist das ein Sound-Mix, der in anderen Ländern Tausende vor die Bühnenkante lockt. Doch dies hier ist Deutschland, es ist Pfingsten und die meisten arbeiten stur ihre Wochenend-Freizeitpläne ab.

Die sich motivieren ließen, den Lockruf von LOCARNO zu folgen, erleben einen Hauch von Südsee und eine Band der Extraklasse. Mit einem sehr emotionalen Slow-Mambo besingt TOM „Jarocha“. Dieses Lied schrieb er für seinen nunmehr 6-jährigen Sohn. Die Nummer hüpft fröhlich über die Bühne, der Mann mit der Trompete bläst sich fast seine Lunge aus dem Hals und als man meint, der Mambo wäre am Ende, setzen die Bläser noch deftig einen oben drauf. Wir bekommen wohl gerade die Lieder der aktuellen CD „Luz & Sombra“ zu hören und die strotzen nur so vor Lebenslust, Rhythmus und schönen Melodien sowie interessanten Geschichten, von denen TOM uns erzählt. Eine davon ist „Albuquerque Disaster“, die von einem völlig aus dem Ruder gelaufenem Konzertabend in einem Zoo berichtet, das, trotz perfekter Vorbereitung und wundervollem Wetter, einer kleinen unscheinbaren weißen Wolke zum Opfer fiel.
Wir lassen uns vom wilden Spiel auf dem Marimbaphon und den Einlagen der beiden Percussionisten begeistern. Karibisches Sommerfeeling und ein wenig Hippie-Nostalgie erleben wir mit „Sunshine On Water“, dem einzigen Song des Abends in englischer Sprache: „You are my sister and brother and we are high each other“ – ein Refrain, der förmlich zum Mitsingen gemacht ist. Versuch gelungen! Wieder begeistert uns das energiegeladene Spiel auf dem Marimbaphon und der Bläser und wer ganz genau hinhörte, konnte erfahren, wo solche Stars wie Sting oder Paul Simon die Songideen für ihre Hits einst herholten. Schönen Gruß an „Die Rhythmen der Engel“ (1990).

Auf dem Höhepunkt des Abends lässt es sich die Band nicht nehmen, den Klassiker „La Bamba“ als explosive Speed-Version von der Bühne zu schmettern. Ein Feuerwerk der Rhythmen und Adrenalin für Bewegungsneurotiker. Auch ich lasse mich treiben und genieße, wie die Musiker da oben in ihrer Musik ganz und gar aufgehen. Die haben wohl neben roten und weißen Körperchen noch irgendein anderes scharfes Teilchen im Blut. Als der zweite Gitarrist, der „mexikanische Stevie Wonder“, ganz allein auf der Bühne voll Inbrunst singt und spielt, spürt man förmlich, wie der diese Mixtur aus Jazz, Swing und Werweißwas zum Glühen bringt. Auch ein Lied über einen dieser bunten Tropenvögel mit einem seltsamen Namen lockert nun die letzte Verspannung, die sich in einem strebsamen deutschen Körper eingenistet haben könnte. Es ist einfach wunderbar, sich einer Musik hinzugeben, die unter Soul, Blues und Feeling etwas anderes versteht und trotzdem das Gleiche meint. Das alles mündet in einem Inferno aus Rhythmus, viel Spaß und wirklich ungebremster Leidenschaft. Keiner will glauben, dass nach reichlich zwei Stunden purer Lebensfreude plötzlich Schluss sein soll.

Natürlich gibt es Zugaben und natürlich brennt die Hütte weiter. Aber wie sich LOCARNO letztlich von den Gästen verabschiedet, kann man nur noch an Orten wieder der Kulturbastion erleben. Ganz zum Schluss begeben sich TOM und KALISSA LANDA direkt unter die Leute, um uns hier ihr gefühlvolles „La Manta“ gänzlich pur, nur Stimmen, Gitarre und Violine, mit Tuchfühlung singen. In Momenten wie diesen spürt man, ob jemand Musik wirklich mit Leidenschaft und Herz macht. Plötzlich hast du dieses Gefühl von Intimität eines Lagerfeuers, wo die Glut gegen Mitternacht bei leisem Gesang verlischt und jemand eine wärmende Decke (span: La Manta) über deine kalte Schulter legt. DANKE LOCARNO für so viel Nähe, so viel Freundlichkeit und ein Musikfeuerwerk der Leidenschaften. Was interessiert mich das hässliche Pfingstwetter da draußen, wenn die Kulturbastion mit heißer Musik und überraschenden Begegnungen lockt. Ich werde es wieder tun, mich verführen lassen und versuchen, die Geschichten und Gedanken dahinter zu entdecken.

Ich glaube, solche Menschen wie dieser TOM LANDA symbolisieren die Zukunft der Musik und die der Welt, die sowohl medial, als auch in Wirklichkeit, immer näher zusammenrückt. Ob einem das gefällt oder nicht, die Zeichen der Zeit stehen auf Gemeinsamkeit und Miteinander. Musik ist, wieder einmal, eine der treibenden Kräfte und ein Katalysator. So brach damals die Generation der 1968-iger auf, um mit „Make Love Not War“ alles umstülpen zu wollen und dann treffen sich genau die gleichen Typen von damals bei der Musik ihrer eigenen Kinder-Generation wieder und stellen fest, die möchten auch nur eines – leben und glücklich sein. Na was für eine Entdeckung aber auch!

P.S.: Kann das jemand einmal unserem Bundes-Joachim und der steifen Mutti stecken und sie zu so einem Konzert mitbringen? Irgendwer hat mal irgendwen eine Schalmei geschenkt und beide waren glücklich danach. Kann nun irgendwer einmal unseren beiden Steinmasken eine Tube und eine kleine Trommel schenken, damit sie wieder glücklich aussehen? Kann ja auch sein, dass beide dann endlich das Volk verstehen lernen und entdecken, was Lebensfreude an der Basis bedeutet.


Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 17.05.2016 19:59 | nach oben springen


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