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PETER POST - 2CD "Wachablösung" - Bob Dylan in deutsch

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 05.02.2016 11:28
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Peter Post – Wachablösung, Bob Dylan Songs auf Deutsch
(von Bob Dylan autorisiert; 2015 Cactus Rock Records / Ram’s Horn Music) (04.02.2016)

Ob es stimmt, weiß ich nicht, aber ich denke mir, dass beinahe jeder Musikliebhaber sich seine eigene (Be)Deutung von oder Sicht auf die Musik Dylan’s gesucht und manchmal auch gefunden hat. Diesen Gedanken entdecke ich beim Lesen der Songauswahl wieder. Sicher hätte ich anders gewählt, die drei Alben „Saved“, „Shot Of Love“ & „Infidels“ rangieren bei mir nicht so weit vorn, aber bei der Auswahl von Möglichkeiten, ist das auch nicht verwunderlich. Außerdem glaube ich, dass man sich von Kritiken, die man irgendwann mal gelesen hat, bei einer persönlichen Auswahl nicht beeinflussen lassen sollte. Die sind auch nur persönlich, wenn überhaupt. Wichtig war mir stets, welches Gefühl ich spüre, wenn Musik und Worte an mein Ohr gelangen und was es in mir bewegt. So gesehen, bin ich sehr neugierig zu erleben, wie sich Dylan’s Musik mit deutschen Wortgebilden anfühlt und ob es mich anregt.

So wie die Geschichte eines Outlaws, eines Rastlosen möglicherweise, der sich auf seiner Wanderung (oder Flucht?) in ein Zigeunermädchen verliebt, eine heiße Nacht verbringt (ihre Haare sind glatt, auf dem Kissen, auf dem sie liegen), aber bald schon weiterziehen muss, weil er spürt, dass dies hier kein Platz zum Bleiben ist. Auch sie ist nur eine rastlos Suchende, so wie ihr Vater und auch wie die Mutter eine ist. Nach einer letzten Tasse Kaffe, „Einem letzten Becher“, zieht er weiter, ins Tal hinab. So die Originalstimmung, die ich hier zum Einstieg auf wunderschöne Weise ins Deutsche übertragen finde. Sogar die schmachtende Fiddle, die das ganze Album „Hurricane“ (1976) färbt, findet sich wieder. Ob Meister Dylan beim Komponieren bewusst die Akkordfolge von „Greensleeves“ im Ohr hatte, um sie einzubauen und damit die historische Komponente von einer ähnlichen Story in den Song zu spiegeln, ist mir unbekannt. Die Idee aber ist reizvoll und käme dem Mysterium Bob Dylan entgegen. Kann sein, auch deswegen hat dieser PETER POST den „letzten Becher“ an den Beginn gestellt.

So und so ähnlich ziehen sich die Parallelen beim Hören durch die zwei Silberlinge. In den allermeisten Fällen treffen die deutschen Texte harmonisch mit der Musik, die detailverliebt den Vorlagen folgt und dabei versucht, den deutschen Zeilen Raum zum Entfalten zu lassen, in den Ohren aufeinander. Ein schönes Beispiel dafür ist die Ballade „Senor (Fabeln von der Yankee-Macht)“, ein interessantes Lied von „Street Legal“ (Staßenzulassung, 1978). Dylan reiht hier Verse aneinander, die eigentlich oder scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die Brücke dazwischen ist die Ansprache an den „Senor“ (Ich sehe die Welt versiechen, den bösen Drachen, ich kann ihn riechen). Sowohl Dylan als auch sein deutscher „Mittler“ lassen dem Hörer die Möglichkeit, ihren eigenen Intentionen zu folgen. Das macht die Stärke des Originals und der Übertragung aus. In ähnlicher Weise geht POST mit dem Titelsong seiner ganz persönlichen Auswahl um, den er in „Wachablösung“ eindeutscht und so die verworrene Geschichten vielleicht etwas verständlich macht. Da bin ich durchaus auch auf seiner Wellenlänge.

Eines der weniger authentischen Beispiele, aus meiner Sicht, ist „Frau im Bunde“ (Covenant Woman), ein Song aus „Saved“ (Gerettet, 1980). Diese Version wirkt (auf mich) aufgesetzt. Sie wirkt auf mich einfach anders, löst nicht das gleiche aus, wie die Stimme des Meisters. Den Grund dafür habe ich vergeblich gesucht, schließlich reden wir über Eindrücke und Gefühle. Auf der zweiten Scheibe geht es mir beim Hören von „True Love“, diesmal gar in englischer Sprache, was ich als Stilbruch empfinde, ähnlich. Auch bei „Erlaubnis zum Mord“ (Licence To Kill) rücke ich ab. Einfach nicht mein Ding.

Aber, und das ist die eigentliche Botschaft, dem Künstler sind ein paar echte Perlen gelungen, denen er so etwas wie einen neuen Charakter schenkte. Schon der Start mit „Einen letzten Becher“ hat mir so einen Gänsehautmoment beschert und meine Erwartungen ziemlich hoch gehangen. Vielleicht wäre es gut gewesen, aus diesem Grund und der Dramaturgie wegen, diesen Song später einzuordnen? Da ich die Gedanken und Intentionen des Künstlers nicht kenne, ist das nur eine Vermutung. Aber auch die Ballade von „Lenny Bruce“ („Shot Of Love“, 1981) ist schon als Original ein wunderschönes Lied und eine versteckte Kampfansage dazu. Diese Atmosphäre lebt auch hier weiter und wie im Original leitet das Klavierspiel die Worte durch die Melodie. Keine Spur von christlichen Botschaften, dafür die Hommage für das Recht auf freie Rede, für die Lenny Bruce letztlich stand. Ähnlich stimmungsvoll die deutsche Beschreibung eines Sommertages. „Im Sommer“ perlt aus den Boxen und erfrischt mit dem Spiel der Mundharmonika. Das Beeindruckende von „Every Grain Of Sand“ sind die Bilder, die Meister Bob mit seinen Worten gelingen und die auch in „Jeder Korn aus Sand“ ihre Entsprechung in unserer Sprache finden.
Selbst „Ein Schatz wie du“, das wir als „Sweetheart Like You“ von „Infidels“ (1983) kennen, bekommt alle Ecken und Kanten zum Diskutieren mit auf den deutschen Weg: „Weißt du, eine Frau wie du sollte zu Hause sein.“ Auch diesmal, so empfinde ich, ist die Stimmung der Vorlage auf den Punkt getroffen. So inspiriert kann man sich in aller Ruhe auch auf „Die meiste Zeit“ („Most of The Time“ – „Oh Mercy“, 1989) und „Liebesmüde“ (Live Sick“ – „Time Out Of Mind“, 1997) einlassen. Letzteres beinahe lasziv im Americana-Style, sehr düsterschön und glaubhaft vorgetragen.

Bei den ganz frühen Songs, also jenen, die ich mit Erinnerungen aus meiner Sturm- und Drangzeit in Verbindung bringen kann, habe ich auch beim zweiten und dritten Durchlauf kaum Zugang gefunden, mit Ausnahme von „Leben verschwendet“ („One Too Many Mornings“ – in etwa: Ein Morgen zu viel). Einen Grund dafür, wenn überhaupt, könnte ich nur auf emotionaler Ebene liefern. Die plätschern nur dahin und berühren mich nicht. Schade. Das werden andere Hörer wahrscheinlich anders empfinden, bei mir aber ist es so. Wer herausfinden möchte, was ich meine, der lasse sich von ENGERLING „Es kommen andere Zeiten“ („The Times They Are A-Changing“) vorspielen. Da kommt jener Biss durch, jene Verschlagenheit und zu frühe Altersweisheit, die wir am amerikanischen Rock-Poeten so mögen. Und die englisch gesungene Version von „True Love“ („Street Legal“) fällt bei mir vollständig durch, wie die „Erlaubnis zum Mord“ auch. Es ist einfach die Art, wie PETER POST versucht, eigene Zeilen und die Gedanken dahinter, zu vermitteln. Ich kann damit nichts anfangen, es trifft und berührt mich nicht. Sorry, ist einfach so.

Jedoch, und das ist die nächste positive Nachricht, entlässt mich die Doppel-CD mit zwei emotional sehr berührenden Liedern. „Der Mann im schwarzen Gewand“ klingt authentisch und hat auch diese beklemmende Atmosphäre, die auch, und da noch sehr viel intensiver, das abschließende „Noch nicht dunkel“ („Not Dark Yet“, 1997) ausstrahlt. Da macht er die Vorlage ganz und gar zu seinem eigenen Ding. Darin könnte ich versinken, ganz großes Kino über intensiv spartanischem Gitarrenspiel. Zurück und die drei Minuten noch einmal, weil das Original ja doppelt so lang ist. Ein Bad in Emotionen: „Hier gebor’n und werd’ hier sterben, ohne dass ich’s will“, singt die brüchige Stimme und, „es ist noch nicht dunkel, aber bald ist es soweit.“ Da fesselt er mich voll und ganz, bin ich fast den Tränen nah. Klasse!

Tage nach dem Hören entlässt mich die Sammlung zwar nicht gerade verunsichert, aber dennoch ein wenig irritiert. Nicht weil ich nicht den Dylan gefunden hätte, den man hofft zu begegnen, sondern mir ist so, als käme da manchmal nur eine konstruierte deutsche Kopie und singt. Das Verrückte daran ist, es liegt nicht einmal an den neuen Texten, sondern am Gesamteindruck. Es fehlt mir schlicht dieses besondere Gefühl, die Bestätigung von etwas Unbeschreiblichen, das mir ein Song von Bob Dylan vermitteln kann. Nicht völlig fertig, aber eine Möglichkeit, was draus zu machen. Dabei gibt es einige wirklich inspirierende Momente auf beiden Scheiben, von denen ich kaum wirklich genug bekommen könnte. Doch die sollten, für meinen Geschmack, viel öfter und komprimiert, auf nur eine Scheibe gepackt, vorkommen. Das hätte den Nachgeschmack, mehr haben zu wollen, als das Gefühl, endlich durch zu sein.

Ein letztes Wort zu Aufmachung. Die beiden Silberlinge kommen in Form eines Büchleins daher. Darin, wunderschön und geschmackvoll gestaltet, ein 30-seitiges Booklet mit allen Texten zum Nachlesen. Da stecken viel Aufwand und Liebe sowie die beiden CD’s in der letzten Einbandseite drin. Letzteres ist sicher gut gemeint, funktioniert aber nicht wirklich. Geht sogar kaputt, wenn die CD’s öfter gewechselt werden (müssen). Allerdings wirkt das dem optischen Gesamteindruck nicht im Geringsten entgegen. Beim dem Preis – ein Schnäppchen. Bei dem Inhalt – erst recht. Es lohnt, ganz gleich, wie es für den einzelnen am Ende ausgehen wird.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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