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Zeit-lose Songs mit dem STEFAN SAFFER TRIO in Halberstadt

in Konzertberichte 2015 25.10.2015 17:28
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Zeitlose Songs mit Stefan Saffer
(24.10.2015)

Heute Nacht wird die Zeit umgestellt. Dämliche Formulierung, sagt mein Hirn, die Zeit ist da, genau so wie die Sonne und die Planeten, die um sie kreisen. Völlig wurscht, wie wir unsere Zeiger stellen und mein Körper bestätigt diese Erkenntnis. Bei Tieren ist das nicht anders und die Pflanzen scheren sich auch einen feuchten Kehricht darum, was ein paar Schlaumeier, sprich Dummköpfe, sich ausgedacht haben. Vielleicht sollte sich mal einer finden, der sich in der Politik unbeliebt machen und bei unserer Bevölkerung einkratzen möchte. Dann hätten wir endlich wieder Natur und Zeitmessung im Einklang und die Politik ein Problemchen weniger. Das sollte überzeugen können, sogar sture Politikprofis, und ich musste das endlich mal loswerden, ehe ich zum Konzert in die längste Nacht des Jahres fahre.

Auch diesen Namen hatte ich nie zuvor gehört: STEFAN SAFFER. Beinahe scheint es, als wäre ich in diese Stadt gezogen, um ständig neue Überraschungen zu erleben und noch immer bin ich unsicher dabei. Also setze ich mich still auf meinen „Stammplatz“ direkt vor den Spiegel, zum Tresen nur einen Schritt und die Tür im Blick. An mir muss quasi jeder vorbeigehen. Ich bin der Stolperstein, den keiner kennt. Über den Künstler des Abends habe ich vorab gelesen, die Euphorie in den Worten gespürt und nun sitze ich neugierig, mein eigenes Spiegelbild im Rücken und ein dunkles Bier in der Hand, und will mich überraschen.

Die ersten Töne schmecken nach Country und der Rhythmus ist holprig, wie aufgewirbelter Staub der Landstraße. Wenn jetzt noch einer mit ’ner Fiddle um die Ecke käme, wäre die Stimmung fast perfekt. Es geht um „Singers & Players“ und darum, diese aktuelle CD von STEFAN SAFFER vorzustellen. Der Franke aus Leipzig singt gleich zu Beginn von den Typen auf der Straße und gebrochenen Herzen, wie es in diesen ur-amerikanischen Folk-Songs üblich ist. All sein Gefühl packt der Mann vor mir in seine Lieder und eine zarte Frauenstimme, sowie das dezente Spiel eines Akkordeons aus dem Hintergrund, unterstützen ihn. Ich brauche eine Weile, um mich einfangen zu lassen, aber in das sehr einfühlsam gesungene „House Of Rain“ lasse ich mich dann doch locken, um wenige Minuten später mit Dolly Parton’s „If Tearsdrops Were Pennies (And Heartaches Were Gold)“ still mich für dahinzuschmelzen. Einfach nur schön, dieser Klassiker.

Inzwischen hat sich STEFAN SAFFER locker gesungen. TORALF, „The Angelman“, ist der Mann im Hintergrund, wahlweise mit Banjo, Mandoline oder Akkordeon agierend. Er unterstützt mit seinem akzentuierten Spiel den Charakter der Songs. In dem Moment, da sich beide richtig warm gespielt haben, reißt dem Gitarristen eine Saite. Es ist die Gelegenheit für TORALF, „The Angelman“, sich solistisch, mit zart orientalischen Flair und dann wieder „Bei mir bist du schön“ zitierend, mit seinem Akkordeon zu präsentieren. Ungewollt, aber durchaus passend und die Stimmung befördernd, ist so eine gerissene Saite, wie sich im Laufe des Abends wiederholt zeigen wird. Als mit neuer D-Saite stimmungsvoll von den „Railroads & Riverboats“ gesungen wird, ist die Stimmung gelöst und frisches Bier im Glas. Prost!

Just in diesem Moment findet STEFAN SAFFER einige passende Worte zu dem Thema, das uns alle irgendwie bewegt und diskutieren lässt. Keiner in diesem Land kann jetzt einfach so weiter machen, wie bisher. Gleich gar nicht die Politik, die von den Ereignissen getrieben, am liebsten dennoch immer noch „wir schaffen das“ spielen möchte. Doch wenn hunderttausende Füße tausende Kilometer laufen und ihr Recht, gleich auf welchen Straßen und Wegen, einfordern, ändern sich nicht nur Zeiten. Auch Menschen müssen sich ändern! Kaum ein Song passt besser in diesem Moment, als Bob Dylan’s „The Times They Are A-Changing“, das der Folk- und Rockpoet bereits 1964 schon 1964 ( frei übersetzt) sang:

„Blockiert ihr Politiker nicht jede Tür, denn wer aufhält, wird verletzt werden. Die Schlacht da draußen wird an den Fenstern rütteln und Wände erschüttern, denn es kommen andere Zeiten.“

Vielleicht sollten sowohl Merkel als auch andere Europaparlamentarier, falls überhaupt jemals, endlich einmal dem jungen Bob Dylan zuhören! Ich jedenfalls kenne die Botschaft seit Jahrzehnten auswendig und spüre sie, als ich sie leise für mich mitsinge. Ohne es zu wissen, erfüllen mir die drei Musikanten damit einen Wunsch und schieben mir mit ihrer Version von „The Weight“ gleich noch einen hinterher. Den kenne ich ebenfalls aus jenen frühen Jahre mit der „Music From Big Pink“ (1968) und auch davon könnte man stundenlang Geschichten hören und Lieder singen. Eine sehr emotionale Erinnerung, die ich in diesen Minuten still hörend genieße.

STEFAN SAFFER schreibt und singt eigene Lieder in der Tradition derer, die in Amerika schon immer vom Wandern über Landstraßen, Reisen mit der Bahn und von endlos langen einsamen Nächten und der Liebe erzählten, die ihre Songs über den Kontinent von „coast to coast“ trugen. Der Songschreiber aus Leipzig spannt einen Bogen von Woody Guthrie bis hin zu Springsteen und versucht, die kleinen und großen Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen. Ein solcher Song ist „New Railroad“, die jene „mit den Ketten zwischen den Füßen“ erbauten und den er, mit Banjo- und Gitarrenbegleitung, sehr authentisch durch den Raum rattern lässt. In diesen Momenten gefällt er mir am besten, steckt er tief in seinen eigenen Geschichten, wie „Number On The Wall“ ebenfalls eine ist. Als er zu vorgerückter Stunde gar einen Walzer ankündigt, findet sich ein Paar, das sich im Dreivierteltakt zu „Evangeline“ leicht durch den engen Raum schwingt, wie einst die Dampfer majestätisch elegant an den Ufern des Mississippi vorüber schipperten. Für mich ist es das Bild des Abends, das mich in die Morgenstunde des nächsten Tages begleiten wird und vom fernen Ufern winkt mir das „Galway Girl“ zu, von dem die drei Musiker, einer alten irischen Volksweise gleich, zum Abschied singen.

Für einige ist der Abend jetzt zu Ende. Diejenigen, die bleiben, erleben STEFAN SAFFER mit seinen zwei Musikern, LIANE und TORALF, bei drei weiteren Songs in Höchstform. Während TORALF seiner Mundi schluchzende Boogie-Chorusse entlockt, steht STEFAN über den Dingen, sprich auf einem Stuhl, und lässt den Rocker aus sich heraus. Die verbliebenen Gäste erleben im Papermoon einen stürmischen Ausklang und ich darf mich über eine uralte Weise der Carter Family freuen, die ich in der Version der Nitty Gritty Dirt Band am liebsten mag. „Will The Circle Be Unbrocken“ ist eine ultimative fröhliche Hymne zum Abschied, die wir gemeinsam singen: „There’s a better home a waiting in the sky lord, in the sky.“

Auf den nächtlich leeren Straßen von Halberstadt habe ich diese Melodie noch im Kopf, als mich ein rot aufblinkendes Licht im Rückspiegel höflich aber nachdrücklich auffordert, anzuhalten. Ehe ich noch tiefgründig nachdenken kann, was ich in dieser einen Stunde zu viel angestellt haben könnte, blättert ein Polizeibeamter in meinen Papieren, weist mich auf einen defekten Scheinwerfer hin und fragt, ob ich Alkohol getrunken hätte. Meine Stimme sagt unaufgefordert JA, vor vier Stunden, und zum ersten Mal in meinem Leben darf ich pusten. Na toll! Am liebsten würde ich jetzt diese dämliche Zeit wieder schnell zurück drehen, aber da sehe ich schon die 0,00 auf dem Display – Ätsch! War es doch wieder ein schöner Abend und zu Hause angekommen, trinke ich noch einen Absacker auf die Natürlichkeit der Zeit, auf die anderen Zeiten, die kommen sollen, und dass sie endlich menschlich für jeden sein mögen.



Redaktionelle Änderung auf Wunsch des Themenerstellers vorgenommen am 26.10.15 gegen 18:02 Uhr durch Admin. Kundi

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 26.10.2015 18:03 | nach oben springen


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