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Mein PUHDYS - Goodbye auf der Peißnitzinsel in Halle

in Konzertberichte 2015 16.08.2015 18:37
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Mein Puhdys – Goodbye auf der Peißnitzinsel
(15.08.2015)

Prolog:
Manchmal wiederholen sich Ereignisse, die man einst erlebt hat auf fast identische Art und Weise. Mir ist das passiert, und als es geschah, hatte ich ein Lächeln im Gesicht. Genau deswegen. Es gibt eben Dinge, die können nur Einem über den Weg laufen, der auch hier aufgewachsen ist, hier gelebt und seine Leidenschaften gepflegt hat. Die Gnade der heimischen Geburt sozusagen.

Ein einziges Mal in meinem bisherigen Leben habe ich bei so etwas wie einem Voting teilgenommen. Das ist inzwischen schon über 35 Jahre her und stammt aus jener Zeit, da man Freunden noch Briefe schrieb, um ihnen etwas mitzuteilen, oder zu ihnen fuhr, um etwas zu besprechen. Damals schrieb ich auf eine Postkarte, dass ich die Vroni Fischer gerne höre, dass mir die Musik von Engerling gefällt oder dass ich auch Lieder der Puhdys mitsingen kann und die Musik von Holger Biege genau meinen Nerv getroffen hat. Diese Postkarte habe ich im Sommer 1978 geschrieben und dann dem Jugendmagazin NEUES LEBEN in Berlin geschickt. Das Magazin vergab ein Mal im Jahr einen Interpretenpreis und die Leser waren aufgerufen, mit einer Postkarte abzustimmen. Es war das erste und einzige Mal, dass ich mich daran beteiligt hatte und ich weiß auch heute nicht mehr, warum. Vielleicht hatte ich einfach nur Lust darauf, weil ich mich schon immer mit Musik beschäftigt habe und selbst heute noch Konzerte besuche und Schallplatten statt CDs kaufe.

Im Jahre 1978 hießen die Gewinner Veronika Fischer, Holger Biege, Engerling, Hauff & Henkler sowie die Puhdys. Wider Erwarten bekam auch in eine Einladung zu dieser Preisverleihung an einem Tag im September 1978 in Berlin. Wir trafen uns zunächst in der Redaktion des Jugendmagazins, um von da in das Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz zu fahren. In einem Restaurant fand die Zeremonie statt. Ich hatte damals Gelegenheit, mich ausführlich mit „Quaster“ zu unterhalten und mit Holger Biege zu plaudern. Dort bin ich jedem der Puhdys zum ersten Mal in meinem Leben einzeln begegnet und hatte Zeit für Gespräche. Obwohl, zum Tanz war ich schon bei den Puhdys vor deren offizieller Gründung, damals noch ohne Wosylus und Birr. Beim Interpretenpreis habe ich mir außerdem das Cover der LP „Sturmvogel“, mit dem Vermerk „Interpretenwettbewerb ’78“, signieren lassen. Auch Veronika Fischer und Holger Biege bat ich um eine Signatur auf eines ihrer Plattencover. Für Engerling hat Gerd Leiser unterschrieben. Die Musiker waren damals wohl verhindert.

Das Besondere an dieser Begegnung? Dieser Tag war mein 29. Geburtstag und alle dort anwesenden Künstler haben sich auf ihren LP-Covern verewigt. Ein solches Ereignis vergisst man nicht mehr und in bestimmten Situationen werden die Erinnerungen daran wieder wach. Zum Beispiel mehr als 35 Jahre später in diesen Tagen.
Die Mitteldeutsche Zeitung, die auch hier ihr Einzugsgebiet hat, hatte gebeten, man solle seine ganz persönliche Puhdys-Geschichte erzählen und als Belohnung würden Freikarten winken, wenn man per Los gezogen würde. Ich habe meine Geschichte vom September 1978 aufgeschrieben, per Mail an die Mitteldeutsche gesendet und vor zwei Tagen eine Mail bekommen. Ich könne zum Konzert der Puhdys nach Halle auf der Peißnitzinsel kommen und mein Name würde auf der Gästeliste stehen. Alles nichts Ungewohntes für mich, sicherlich, aber diese Wiederholung ist schon sehr besonders und sie kann nur Einem passieren, der hier aufgewachsen ist. Die Gnade der heimischen Geburt eben. Und da musste ich lächeln.

Das Konzert:

Die Peißnitzinsel ist ein beschaulicher Flecken Natur inmitten der Saale und auch die große Grillwiese, der schöne Teich und die imposante Wasserfontäne darin sind ein wohltuender Anblick. Auf dem Weg zur Spielstätte gehe ich über eine Brücke, treffe einen Clown und stehe schließlich, mit einer Freikarte von der Mitteldeutschen in der Hand, vor der Bühne. Alles völlig entspannt und ohne auch nur einen einzigen der Anwesenden hier zu kennen. Das tut gut.

Pünktlich, kurz nach acht, kündigen sich die Herren mit ihrem Intro an und stehen dann, gut gelaunt, vor ihren Fans auf der Bühne. Auf einigen T-Shirts kann man lesen, weshalb sie heute hier sind: „Mein Leben ist der Rock’n’Roll“ steht auf einem solchen vor mir und sein Träger hat graues Haar, so wie ich auch. Sein Körper bewegt sich im Rhythmus der fiktiven Wogen, auf denen „Unser Schiff“ der PUHDYS schaukelt. Von der Bühne kracht es, Maschine ruft über die Massen hinweg und der riesige Pulk um mich herum folgt von nun an zwei Stunden lang jedem Ton, jedem Wort und jeder Geste. Wir erleben die Band in Feierlaune und nur ab und an wird sich unmerklich auch Wehmut in die Show drängeln.

Doch zunächst einmal werden die ollen Kamellen, die ich immer noch für ihre größten Würfe halte, in gewohnter Perfektion abgespult: „Geh zu ihr (und lass’ deinen Drachen steigen)“, „Melanie“ und die „Kühle Lady“. Die tanzt zudem als überdimensionale Puppe über die Bretter, zuckt lasziv im Rhythmus der Musik und lässt die Fans danach im Freudentaumel zurück. Die Show ist auf vollen Touren und die Fans strecken ihre Hände in Richtung Bühne, während es von oben herunter donnert „Wenn Träume sterben (dann wirst du alt)“. QUASTER lässt seine Gitarrensaiten glühen und mimt mit seiner Talk Box den Frampton für einen Hauch von „Show Me The Way“. Ein wenig Nostalgie für einen Evergreen der Band, wirkungsvoll mit Licht in Szene gesetzt, und eine der seltenen Momente, in denen die Stimme des zweiten Gitarristen für emotionale Abwechslung sorgen darf.

Inzwischen ist die Sonne hinter dem Bühnendach verschwunden, es ist dunkel und eine ausgeklügelte Lichtshow beginnt ihre Wirkung zu entfalten. Im Lichtkegel der Spots spulen die beiden Frontmänner MASCHINE und QUASTER ihr Repertoire ab. Passend zu den jeweiligen Songs kann man, so man ein Auge dafür haben möchte, Bilder und Sequenzen entdecken, die inhaltlich dazu passen und manchmal auch ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren. So zu erleben bei „Denke ich an Deutschland (Ich will nicht vergessen)“ oder der Uralt-Hymne „Wenn ein Mensch lebt“. Überhaupt ist das Potential, sich mit den Liedern zu identifizieren meist dann am größten, wenn die PUHDYS ihre eigenen Klassiker in den Ring werfen. So zu erleben bei „Lebenszeit“ oder wenn sie sich zu vorgerückter Stunde ihr eigenes „Alt wie Baum“ vorsingen lassen. Das sind stets jene Momente, die auch in mein eigenes emotionales Lebensgetriebe greifen und die passenden Bilder im Kopfkino, wie eben „Interpretenpreis’ 78“, dazu entstehen lassen. So ergeht es in diesen Minuten sicherlich vielen der Besucher auf dem Areal, wie in Gesprächen vor dem Konzert zu erahnen ist. Nur wer sich, aus welchen Gründen auch immer, mehr als fünf Konzerte seiner Idole pro Jahr gönnt, sollte sich nicht eitel über den nahezu ständig gleichen Ablauf da vorn wundern. Otto Normal – Besucher bekommt von alledem Erbsenzählen nichts mit und das sind sicher mehr als 4000, schätze ich vorsichtig, und denen ist das Wurst wie Pelle.

Zwei Stunden ausgefeiltes Musikerhandwerk, eine Show, die meist laut, schnell und flüssig rockt, das wollen die angereisten Fans noch einmal erleben. Spontane solistische Ausflüge leistet sich eine solche Inszenierung nicht mehr, stattdessen eine überraschend locker aufgelegte Plaudertasche von Sänger. Selbst kleine Versprecher baut der live zu einem Gag um und erstaunt dabei seinen Nebenmann am anderen Mikrofon.
Um mich herum wird beinahe jeder Refrain, lautstark und eigenwillig moduliert, mitgesungen. Das ist so üblich und jeder soll das Ereignis auf seine Weise feiern. Als dann endlich der „Ikarus“ lautstark von der Bühne brüllt und MASCHINE sein Saiten solistisch strapaziert hat, wartet die hippelige Damenwelt in den ersten Reihen darauf, für einen Ausflug auf die Bretter, die die Welt bedeuten, entdeckt und aufgefordert zu werden. Zeigefinger richten sich auf bereitstehende Schönheiten, die darauf hoffen, von der Security nach oben geleitet zu werden. Als zwei von ihnen endlich eine stromlose Gitarre über der Schulter haben und zwischen den Musikern mitrocken dürfen, sieht man ihnen das Glück auch an. Als sie gehen, verabschiedet sie MASCHINE als „Lady Gaga“ und „Madonna“ von den Bühnebrettern. Gedanklich ändere in den berühmten Spruch von Tom Hanks ab: „Ich hab’ mit den Puhdys gerockt!“ Den beiden Damen sei es gegönnt.

Einzig wirklicher Höhepunkt, aus musikalischer Sicht, ist das obligatorische Solo von KLAUS auf dem Schlagzeugpodest und ein knappes Bass-Solo während der Bandvorstellung, das kurz aufblitzen lässt, in welcher Liga ein Mann namens BIMBO tatsächlich die Bass-Saiten bearbeiten könnte. Der Bassist baut ein solides Rhythmusfundament im Einklang mit dem Schlagzeuger, hält sich aber ansonsten im Dienste des Ganzen im Hintergrund. Aber das war auch bei seinem Vorgänger nicht viel anders.

Wer an diesem Abend auf eine Überraschung gehofft hatte, lag daneben. Einer neben mir meinte, die rocken ordentlich für ihr Alter. Da konnte ich ruhigen Gewissens zustimmen und wie zur Bestätigung gab es von vorn neben dem Bekenntnis „Es war schön“ die unkaputtbare „Rockerrente“ zu hören und nach zwei Stunden deutete sich auf dem Areal das Ende, zumindest dieses Konzertes, an. Dabei ist das gemeinsame Singen der „Eisbären“ – Hymne inzwischen zum Ritual geworden, das alle zusammen mit den Altrockern feiern. Eine ihrer schönsten und eindringlichsten Kompositionen, die Geschichte vom Buch, das den Untergang des Planeten Erde im Universum beschreiben könnte, steht seit vielen Jahren am Schluss der Set-List. Noch einmal wogen die Emotionen, noch einmal breitet MASCHINE die Arme weit und beschwörend, wie die Flügel eines Adlers, aus und dann donnern zum allerletzten Mal Live-Akkorde der PUHDYS über die nächtliche Peißnitzinsel. Verbeugung, Jubel, Abgang und alles ist vorüber. Zunächst erst einmal, was die sogenannte Neu-Wortschöpfung „solistisches Bandkonzert“ der PUHDYS angeht. Aber für Überraschungen waren die Jungs ja immer gut, wie der eigene Gassenhauer „TV Show“ beweist. Nahrung genug, für Wünsche und Spekulationen, die ebenfalls zu diesem Zirkus namens Rock’n’Roll gehören. Die PUHDYS geben den Spekulationen ihrer Fans genau die Nahrung, die sie suchen.

Epilog:

Zugegeben, ich bin nicht wirklich der fanatische Puhdys-Verehrer, der neben seinen Idolen bestenfalls noch die Projekte der Kinder und Enkel gelten lässt, „Maschine“ für den besten Gitarristen und Klaus für den besten Drummer der Welt hält. Dafür habe ich schon zu viele andere Bands live erlebt, die aus dem kleinen Deutschland-Universum weit herausragen. Aber ich habe auch ein Fahrrad im Schuppen, obwohl ich nicht gern in die Pedalen trete und trotzdem fahre ich gelegentlich damit. Es spricht also nichts dagegen, noch ein letztes Mal die Altrocker live und laut zu erleben, zumal als Gast der Presse. Alles andere wäre keine Option mehr gewesen. Aber wir alle hatten Glück, denn das Wetter strotzte vor guter Laune und auch die Herren Puhdys müssen sich vorher darauf eingestimmt haben, so wie die an diesem Abend drauf waren. Es passte schlicht alles – die Freikarte, das Wetter, ich hatte einen freundlichen Begleiter, der sogar am Steuer saß, und ich habe noch einmal viele der ollen Kamellen „Made von die Puhdels“ live gehört. Mehr kann man, wenn man deren Karriere von Beginn an live und in Farbe verfolgt hat, kaum erwarten.



Am 25.08.15 gegen 04.51 Uhr durch Admin. Kundi Schreibfehler beim Datum korrigiert

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 25.08.2015 04:54 | nach oben springen

#2

RE: Mein PUHDYS - Goodbye auf der Peißnitzinsel in Halle

in Konzertberichte 2015 16.08.2015 19:26
von PMausM | 1.520 Beiträge | 3202 Punkte

Ein schöner Konzertbericht und der letzte von Hartmut von den Puhdys obendrein.


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#3

RE: Mein PUHDYS - Goodbye auf der Peißnitzinsel in Halle

in Konzertberichte 2015 17.08.2015 17:09
von Ingo | 448 Beiträge | 963 Punkte

Da kann ich nur absolut zustimmen, Petra. Hartmut, du hast mal wieder eine wirklich lesenswerte Kritik geschrieben. Aber bestimmt lesen wir von dir auch, wie die 3. Goodbye-Tour am 19.11.2019 verlaufen ist.


Alles was zu Ende ist, kann auch Anfang sein.
www.pfc-dasbuch.de
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