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Francis String and Friends 11.07.15 Kunsthof Mockethal in Pirna

in Konzertberichte 2015 18.07.2015 15:31
von Kundi | 2.002 Beiträge | 4582 Punkte

Fast wäre es zu diesem Bericht gar nicht gekommen, denn ich war plötzlich hart zu mir selbst und setzte mich unter Druck und zwar wollte ich erst aus dem Haus gehen, wenn ich die letzten Konzertbesuche aufgearbeitet habe. Ich hatte nämlich die Nase voll davon, denn Ereignissen bearbeitungsmäßig hinterher zu rennen. Natürlich ist das selbstgewähltes Elend, aber es ist unbefriedigend, wenn etwas liegen bleibt. In der Arbeitswoche komme ich aber nicht dazu, weil meine (Frei-)Zeit knapp bemessen ist. So hämmerte ich dann am Sonnabend meine Gedanken in die Tastatur meines Computers und versuchte einen BERLUC-Bericht zu klöppeln. Zwischendurch riefen mich noch andere Aufgaben wie der Wochenendeinkauf und die Spaziergänge mit meinem schwarzen Schäferhund-Rabauken Fino. Der Sand der Zeit rieselte dahin und gegen 18.15 Uhr war ich endlich wieder auf Stand. Damit war es aber auch höchste Eisenbahn zur nächsten öffentlichen Beschallung in Form einer Mugge aufzubrechen. Ganz bewusst hatte ich mich diesmal wieder für eine Veranstaltung im kleineren, fast familiären Rahmen entschieden und die sollte laut Plan auch noch um 19:00 Uhr anfangen.

Die 4 flinken und rollenden Gummihufe sowie die dazugehörigen mehr als 100 Motorpferde meines von einem Hersteller aus Fernost in der Slowakei gebauten Gefährts verrichteten emsig und klaglos ihre Arbeit. Das Ziel hieß Kunsthof Mockethal in Pirna und ich sputete mich. Pünktlich setzte ich in 01796 Pirna, Am Rundling 20 zur Landung an. Es war sozusagen eine Punktlandung und Zeit für etwas Smalltalk war auch noch vorhanden. Erwähnenswert ist noch, dass auch einige Musikerkollegen dieses Konzert wieder als Besucher verfolgten.
Langsam spricht sich aber nicht nur in Musiker- und Muggenpilgerkreisen herum, dass sich ein Besuch auf diesem Kunsthof lohnt. Es finden immer mehr Besucher den Weg in diesen Winkel von Pirna und das sah man auch an diesem Abend wieder. Ich mag den Laden, die Leute und die ganz entspannte Atmosphäre dort.

Das Programm von FRANCIS (D.D.) STRING UND KOMPLIZEN (laut Plakat sind daraus inzwischen FRANCIS STRING AND FRIENDS geworden) versprach einen spannenden und hoffentlich auch schönen Abend. Ich habe FRANCIS ja schon mehrmals erlebt. Ich mag den Typen als Mensch und auch seine Art Musik zu entdecken, diese zu verarbeiten und zu spielen einfach. Seine Musik bewegt etwas und sie bewegt auch in mir etwas.
FRANCIS ist ein Mensch, der mit offenen Augen durch die Welt geht und sich seine eigenen Gedanken dazu macht. Außerdem ist er Menschen gegenüber offen und aufgeschlossen. Das alles spiegelt sich auch in seinem künstlerischen Tun wider.
FRANCIS ( D.D.) STRING, der Autodidakt an der Gitarre, steht mittlerweile seit 30 Jahren auf den Bühnen des Landes. Da über ihn nicht so viel bekannt ist, möchte ich in diesem Bericht gerne noch ein paar Informationen über FRANCIS STRING loswerden. So ähnlich habe ich das schon mal getan. Aber es gibt ja auch neue Leserinnen und Leser hier.

Der aus Brandenburg stammende Gitarrist, Sänger und Komponist hat als Solokünstler, aber auch mit verschiedenen Bands und/oder Musikern sowie mit verschiedenen Projekten ein sehr breites Spektrum des riesigen Feldes populärer (Rock-)Musik beackert. Mit den BARRACUDAS und KING KREOLE aus Leipzig spielte er zum Beispiel Rock´n´Roll / Rockabilly. Mit der Band REVISION widmete er sich dem Folkrock. Er coverte BOB DYLAN, TOM PETTY, und er begann auch eigene Songs zu schreiben. Bei seinen ersten eigenen Werken bediente er sich noch der englischen Sprache. Später sang er in seiner Muttersprache. FRANCIS verwendete eigene Texte, aber auch Vorlagen und arbeitet heute auch mit Textern wie ANDREAS HÄHLE. Auch für Musikerkollegen schreibt FRANCIS hin und wieder. Sein Name hat in der Musiker-Szene einen guten Klang. Er ist das, was man anerkennend auch als umtriebigen Musiker bezeichnet.

Aufsehen erregten FRANCIS (D.D.) STRING und DIE LIEDERTOUR ungefähr seit dem Jahr 2008 mit ihrer Albrecht Haushofer Hommage auf Tour und 3 Jahre später auch auf CD. Hierbei wurden Werke aus Haushofers Gedichtband „Moabiter Sonette“ vertont. Haushofer war erst ein Nutznießer des Naziregimes (Professor für politische Geografie und Geopolitik, Diplomat im Auswärtigen, Rudolf Heß war ein Freund der Familie) und später Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur. Er hatte unter anderem Verbindung zu Angehörigen des Kreisauer Kreises und zu Mitgliedern der Widerstandsgruppe Rote Kapelle. Er wurde nach dem Attentat auf Hitler (20. Juli 1944) im Dezember 1944 festgenommen und inhaftiert. Während seiner Haft schrieb Haushofer ca. 80 Gedichte, die später als „Moabiter Sonette“ (1946) veröffentlicht wurden. Er erlebte das Ende der Nazidiktatur nicht mehr, denn er wurde am 23.April 1945 von SS-Angehörigen ermordet. Durch Programm / CD von FRANCIS D.D. STRING und DIE LIEDERTOUR wurde Haushofers Schicksal einem breiteren Personenkreis bekannt. Ja, manchmal kann so eine musikalische Initiative eben doch auch etwas bewirken und etwas gegen das Vergessen tun.

Die Musiker hatten ihre Instrumente auf der open air-(original-Carport-)Bühne aufgebaut und nach dem bei Musikveranstaltungen sehr oft üblichen akademischen Viertel bezogen sie auch ihre Plätze und begannen mit ihrer Darbietung.

Ich benutze als Einstieg mal ein sprachliches Bild: Die Musiker warfen ihre musikalischen Fertigkeiten unterschiedlicher Musikstile sowie ihr Spiellust und -laune in einen großen Kessel, FRANCIS STRING gab noch seine Lieder dazu und das Livekonzert-Feuer wurde unter sinnvollen und behutsamen Umrühren dieses Musikeintopfes kräftig angeblasen.
Um das genannte Bild zu bekräftigen, gehe ich zunächst auf die auf der Bühne agierenden Musiker etwas näher ein. Auf FRANCIS STRING (Gesang, Akustikgitarre, Mundharmonika) gehe ich an die dieser Stelle ganz bewusst nicht weiter ein. Das tat ich ja schon im vorstehenden Text und werde ich bestimmt auch noch im weiteren Verlauf tun. Mir geht es jetzt um die FRIENDS von FRANCIS STRING and FRIENDs und diese sind Anja Hawlitzki, Friedrich „Fritz“ Lucht und Christoph Keck. Was alle an diesem Projekt beteiligten Musiker eint, ist ihre musikalische Bandbreite und ihre musikalische Neugier. Erfahrungen aus Klassik, Rock, Blues, Folk, Soul, Liedermacherei, Country, Jazz usw. treffen bei FRANCIS STRING AND FRIENDS vorurteilsfrei aufeinander und werden in diesem Projekt gebündelt.

Anja Hawlitzki spielte Bratsche(auch Viola genannt) und sang einige Refrains mit. Für mich als Laien war eine Bratsche immer eine Geige. Im Prinzip ist das auch gar nicht so falsch, aber ein paar Unterschiede gibt es da doch. Die Bratsche ist etwas größer als die Violine, und sie ist etwas tiefer gestimmt. Insgesamt klingt sie auch dunkler als die Geige. Mit meinen nicht vorhandenen Sachverstand sage ich mal, dass die Bratsche klanglich so eine Art Mittelding zwischen Geige und Cello ist. Experten mögen mich jetzt bitte nicht gedanklich verhauen ;-). Anja ist Musiklehrerin (Geige, Bratsche) und sie betreut auch das zur städtischen Musikschule Guben gehörende ZupfSTreichOrchester Guben. Als Musikerin ist sie sie unter anderem bei JAN PREUß UND DIE GEHEIME GESELLSCHAFT und in der Band der Sängerin KIKI BRUNNER aktiv. Außerdem ist sie Instrumentalistin des Berliner Kammerchors LILIENFELDER CANTOREI und verschiedener Kammermusikensembles.

FRIEDRICH „FRITZ“ LUCHT ((Lap-Steel-Gitarre, E-Gitarre) ist ein wegen seiner Liebe zur Musik in Berlin gestrandetes Nordlicht. Ursprünglich kommt er aus der Rock- und Bluesszene. In Berlin hat er sich aber auch in der Countryszene einen Namen gemacht und Bands wie TENNESSEE STEAMBOAT, ROUTE 96 verstärkt. Mit der Amerikanerin GAY FRAZIER bildet er das Duo CATWOMPUS. Außerdem tritt er als FRITZ „KICK ASS“ LUCHT auch mit dem ROCK’N ROLL PREACHER aus Berlin auf.
Die Lap-Steel-Gitarre wird beim Spielen im Sitzen und auf den Knien mit den Saiten nach oben abgelegt, der Hals wird mit einem Metallstück bespielt(ähnlich dem Bottleneck-Effekt). Außerdem bemerkte ich an der rechten Hand von Fritz auch Pflaster und Haken, die man von den Zither-Spielern auch kennt (speziell der Haken am Daumen). Das brachte schon ein paar für meine Ohren ungewöhnliche Klänge zum Vorschein. Das ist aber nicht negativ gemeint.

CHRISTOPH KECK(Percussions, Schlagzeug, Gesang) aus Rostock macht das musikalische Kleeblatt mit seinem dezenten und phantasievollem Spiel komplett. Er arbeitet ebenfalls als Schlagzeuglehrer und seine livemusikalischen Aktivitäten erstreckten bzw. erstrecken sich über LIAISONG, die Band SEEFELDT, das PETER GELTAT TRIO und weitere Band (DR. BLUES AND FRIENDS, ROSTOCK COWBOYS) und andere Projekte. ER spielt unter anderem auch im PUTENSEN BEAT ENSEMBLE des von uns allen geschätzten THOMAS PUTENSEN.

Was FRANCIS STRING und seine MitstreiterInnen aus ihrem köchelnden (Musik-)Kessel servierten, war ehrliche, handgemachte Rock-, Folkrockmusik mit gelegentlichen Ausflügen in Blues, Country, Liedermacherei, und anderen Sparten der populären Musik.

Der Spaß und die Freude aller Beteiligten waren offensichtlich. STRING als Frontmann und Kopf des Projektes führte natürlich das große Wort des Sängers sowie Erzählers und Moderators und das tat er sehr persönlich, teilweise locker bis spitzbübisch, informativ und auf irgendeine Art auch liebenswert. Man hatte nämlich zu keiner Zeit den Eindruck, dass das eine One-Man-Show war. Die Musiker kommunizierten auch mit Blicken, Gesten, Worten und dem einen oder anderen Lächeln eifrig untereinander. Das ganze Ensemble „lebte“ die Mugge, anders kann ich es nicht beschreiben.

Dabei wechselten sich bei diesem Konzert nachdenkliche und heitere Momente ab. Manches war dabei wirklich sehr schwere Kost, wenn ich zum Beispiel an die vertonten Haushofer-Gedichte aus den „Moabiter Sonetten“ denke Da fuhr man mit seinen Gefühlen streckenweise wie auf einer Berg- und Talbahn. Wenn ich alleine an „Ein Heer von braunen Ratten frisst im Land…“ („Rattenzug“) denke, wird es mir schon wieder kalt, weil die braunen Rattenfänger in diesem Lande schon wieder marschieren. Auch das sehr rockige musikalische Gewand konnte das nicht kaschiere, eher verstärkte die musikalische Umsetzung meine Gedanken noch. Das Lied „Wandlung“ hatte zwar einen fast tänzerischen Schlag, aber auch dieses Lied macht betroffen. Vor dem Hintergrund der Biographie Haushofers war „Schuld“ seine persönliche Abrechnung mit sich selbst und diese Gedanken versteht man erst richtig, wenn man mal etwas in sein Leben eintaucht. Ich habe das im Internet getan und lange darüber nachgedacht.

Aber wir wollen uns auch an die lustigen Momente erinnern. Wisst Ihr was bei FRANCIS STRING ein Quoten-ZÖLLNER ist und welche Funktion dieser in seinem Programm hat? Dass FRANCIS und SCHOLLE befreundet sind, ist ja nun bekannt. FRANCIS spielt auch gerne ZÖLLNER-Lieder und zwar meistens als letztes Lied vor einer Pause oder auch zum Abschluss. Diese Lieder nennt er halt Quoten-ZÖLLNER. Wir durften am vergangenen Sonnabend zwei Lieder, nämlich „Wo ist der Hund“ und „Auf der Reise“ hören. Letztgenanntes Werk war einer der ganz großen musikalischen Gewinner des Abends, denn diese gespielte Version hatte wirklich Rhythmus und außergewöhnliche Klasse. Ich hätte nicht gedacht, dass man aus DIRK ZÖLLNERs wunderschönem Lied so etwas Neues und Andres rausholen kann.

„Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten“ dieses Dieter Nuhr - Zitat sah FRANCIS STRING irgendwo in Leipzig als Graffiti und obwohl er kein Freund der Sprühdosenfarbgestaltung hat er diesen Spruch doch sofort gedanklich behalten und für so gut befunden, dass er ihm als Inspiration für ein Lied diente und das teilte er uns in der Ansage zu dem Song auch mit.

Lustig war auch die Geschichte, wie er einen bei Gitarristen eigentlich verpönten Mundharmonikaständer kaufen wollte und er vorm Laden dann eine befreundete Musikerin entdeckte.
In mich hereingegrinst habe ich als er die Stadt F*********** als Kacknest bezeichnet hat, genau wie P****. Hihi, so eine spitze Zunge sagt mir manchmal auch zu, besonders wenn man die zuletzt genannte Stadt aus fast täglichen Erleben kennt.
Den behutsamen und zärtlichen Familienmenschen FRANCIS STRING konnte man beim „Kinderlied“ und beim von Jan Preuß gecoverten Liebeslied erahnen, besser gesagt deutlich erkennen.

Aus seiner anfänglich englischen Schaffensperiode schafften es die „Lieder“ „Drivin‘“ und „Gun“ (mit dem Extra-Hinweis, dass es kein Liebeslied ist) in das aktuelle Programm.
Auch „Es brennt“, „grün und blau“ und das wirklich grandiose „Ich sauf mich tot“ mit dem denkwürdigen Hähle-Text möchte ich hier keinesfalls unter den Tisch fallen lassen. Übrigens hingen am (Bühnen-)Himmel wirklich 3 leere Flaschen hochgeistiger Getränke als Bühnendekoration und im Scherz waren deren Neigen als eiserne Ration für die Musiker gedacht.

Als die letzte Zugabe verklungen war und ich auf dien Zeitmesser meines Sprechknochens sah, war ich baff. Wie schnell die Zeit an einem so schönen Abend doch verfliegt. Auch deswegen schreibe ich solche Berichte, um solche persönlichen Konzerteindrücke (nicht nur) für mich zu bewahren.

Die letzten Worte sind für das Ensemble sowie die Veranstalter von Tonart e.V. und Kunsthof Mockethal um Ute und Jens Nitzsche bestimmt: DANKE für diesen schönen Abend … und bis bald ;-)

Gruß Kundi

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 20.07.2015 05:12 | nach oben springen

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RE: Francis String and Friends 11.07.15 Kunsthof Mockethal in Pirna

in Konzertberichte 2015 18.07.2015 15:41
von Kundi | 2.002 Beiträge | 4582 Punkte

Fotos Teil 2

Gruß Kundi

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 18.07.2015 15:43 | nach oben springen


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