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HC SCHMIDT liest VILLON im Papermoon zu Halberstadt

in Konzertberichte 2015 29.06.2015 19:26
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

HC Schmidt, Scotty & Villion im Papermoon
(27.06.2015)

Es gab sie auch schon im Mittelalter, die schillernden Paradiesvögel, satirischen Querulanten und die, die der Gesellschaft einen Spiegel vor die Nase hielten. Der einfache Mann liebte deren Worte, deren Musik oder andere schöpferischen Akte und denen an der Macht sind sie, auch heute noch, suspekt. Deshalb macht es Sinn, sich der Klassiker dieser Gattung Künstler zu erinnern und deren Nachlass zu pflegen. Der Franzose FRANCOISE VILLON (1431-1463) war so ein Paradiesvogel und HC SCHMIDT, der Sänger, Sprecher und der Altrocker des deutschen Ostens, bewahrt das Erbe vom „Bukowski des Mittelalters“ in lebendiger Form für uns auf. Er liest, nein, er zelebriert dessen Texte, und lässt sich dabei von einem Zauberer der Improvisationskunst auf den Tasten kongenial begleiten: ANDREAS „Scotty“ BÖTTCHER.

Das gemütlich-urige PAPERMOON in Halberstadt hätte an diesem Abend voll sein müssen. Schon des leckeren dunklen Gerstensaftes wegen und weil man annehmen darf, dass derbe ehrliche Worte das Volk interessieren. Was denen die heimische Glotze Besseres zu bieten hätte, wird mir wohl auf ewig ein Geheimnis sein: „Gegart im Sud, erhitzt und gefroren, in diesem Saft soll man mich Lästerzunge schmoren.“ (frei by Villon). Es gibt andererseits Leute, die kommen extra aus Castrop-Rauxel hierher gedüst, nur um endlich mal HC Schmidt zu erleben.

Doch erst einmal begibt sich ANDREAS BÖTTCHER zu den Manualen, um ihnen, zunächst schwirrend zarte Töne zu entlocken, die aufmunternd frisch in eine ausgedachte Melodie, oder das, was ich dafür halte, münden. Der Einstig ist geschafft. HC SCHMIDT begrüßt seinen Partner „Scotty“, setzt sich an den kleinen Tisch, um uns Villon’s „Ballade von seiner dicken Margot“ und einem „Kabuff, in dem sie beide wohnen“ darzubieten. Nach dem Anhängsel habe ich das erste Mal geschmunzelt:

„Sehnt ihr in dieser tristen Zeit euch sterbenskrank
nach einer warmen, weichen Ruhebank,
dann, meine Herren, seid ihr uns willkommen
in dem Kabuff, in dem wir beide wohnen.“


Diese Zeilen spricht HC in ein Klanggewebe hinein, das, passend zur Stimmung der Textpassagen des jeweiligen Verses, von „Scotty“ in freier Improvisation gewoben wird. Ich will es einfach nicht glauben, aber es ist tatsächlich weder geplant, noch vorher abgesprochen. Nur wenn man beide sehr genau bei ihrem Tun beobachtet, spürt man, wie sie fast unmerklich miteinander kommunizieren. Jedoch erst, als „Scotty“ sich zusätzlich einen Bass über die Schulter hängt und den zu den „Lästerzungen“ singen und stöhnen lässt sowie zusätzlich mit den Tasten Klänge erzeugt, fällt mir die Kinnlade runter. Dieser unscheinbare Musikantentyp vor mir, spielt mal eben locker so manchen Großen der Branche einfach etwas „an die Wand“. Mein lieber Herr Gesangsverein!

Auf diese Weise wird der ganze Abend von beiden Künstlern gestaltet. HC SCHMIDT gestikuliert und malt auch schon mal mit seinen Händen zusätzlich Handlungen in die Luft. Was er nicht ausspricht, kann man bestens an seiner Mimik ablesen. ANDREAS, „der Scotty“, lässt immer wieder Klanggebilde neu entstehen, die, wie in einem guten Film, die jeweilige Stimmung gut unterstützen oder zusätzlich Spannung auf- und abbauen können. So wie diese wunderschöne „Spieluhr-Figur“ am Ende, mit der er einfühlsam die „Ballade von der Mäusefrau“ ausklingen lässt. Derweil sitze ich fast wie ein Kind, mit offenen Ohren, Augen und beinahe auch Mund, staunend in der ersten Reihe. Einfach nur fantastisch, diese beiden. Schon muss ich ein zweites Mal schmunzeln.

Wenn man bereit ist, die Worte und Klänge auf sich wirken zu lassen, entdeckt man vielleicht auch ein wenig sich selbst in den Zeilen aus vergangenen Jahrhunderten oder gar einen Nachbarn aus heutigen Tagen:

„Ich hab den Hetzhund endlich satt,
der mich durch die verfaulten Wälder treibt.
Ich bin ein ganzes Jahr schon unbeweibt.“


Während die Abendsonne durch die Fenster dringt und die Fassaden oben auf dem Domplatz bemalt, überrascht uns HC SCHMIDT mit einer Kiste, die er draußen auf dem Gang sah und nun wie ein Cajon benutzt. Wieder spielen sich beide die Rhythmen zu und wieder muss ich schmunzeln, weil das Spiel zweier erwachsener Menschen-Kinder auch mir Freude bereitet.

Ich kannte Villon bisher nicht und ich kenne die Verse nicht, die HC SCHMIDT von ihm liest. Aber mir macht es Spaß, die Typen dahinter zu entdecken und deren Gedanken, die HC so emotional spricht, nachzuvollziehen. Da steckt so viel Frivoles dahinter, so viel Wahrheit darin und sie offenbaren auch die oftmals herbe Sprache und das Denken mancher Zeitgenossen, dass ich mir wie auf einer Reise zu gänzlich unterschiedlichen Plätzen vorkomme. Dort klingt und rauscht es jedes Mal neu und auch so geheimnisvoll, dass diese zwei Stunden Villon und improvisierter Musik fast schon zu schnell vergehen. Letztlich kann ich mir gar nicht alles merken, was ich amüsant finde oder mich bewegt und dennoch bleibt einiges haften, das ich mir für spätere Vorhaben vielleicht nutzbar machen werde:

„Gehet bitte nicht vorüber hier an diesem Ort
und legt bei euren Heiligen ein gutes Wort
für meine müde Seele ein.
Ich will's euch vorkaun, was ihr beten müßt,
nachdem ihr euch bekreuzigt habt und Gott die Hand geküßt.“


So oder so ähnlich soll es auch in dreißig (oder mehr) Jahren durch mich geschehen. Ich habe also noch ein wenig Zeit und muss noch einige Verse solcher Art kennenlernen, um schließlich die richtigen für mich auswählen zu können. HC SCHMIDT mit SCOTTY und diesem Villon jedenfalls haben mich ein Stück reich beschenkt, zumal mir als Zugabe noch der Tom Waits mit der „Waltzing Matilda“ gesungen wird. Was da einige Halberstädter verpasst haben und wenn die es wüssten! Auf dem Weg zurück in die heimischen vier Wände genieße ich noch den Anblick alten Gemäuers, das mir in der Abendsonne seit einiger Zeit das Gefühl gibt, hier zu Hause und glücklich zu sein. Auch Dank von Erlebnissen wie diesem hier im Papermoon.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 29.06.2015 19:27 | nach oben springen


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