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Im Bett mit Udo am 12.06.15 in Bischofswerda

in Konzertberichte 2015 15.06.2015 13:43
von Kundi | 1.993 Beiträge | 4564 Punkte

Ich fahre nach Schiebock, sagte ich am Freitagabend. Allen in meiner Umgebung war damit klar, dass ich nach Bischofswerda fahre. Nur sagt hier niemand Bischofswerda, für uns ist das eben Schiebock. Für die Herkunft des Beinamens Schiebock gibt es verschiedene Erklärungen. Mir gefällt die Herleitung vom Schiebbock eigentlich sehr gut. Ein Schiebbock war ein einrädriger Holzschubkarren mit dem Bauern und Handler früher ihre waren, Erzeugnisse transportierten um zum Beispiel zum Markt zu gelangen. Draus wurde im Laufe der Jahre der Begriff Schiebock für Bischofswerda. Heute ist der Schiebbock so etwas wie ein symbolisches Wahrzeichen der Kleinstadt, die auch Tor zur Oberlausitz genannt wird. Lange Jahre war die etwas über 11000 Seelen zählende Stadt sogar Kreisstadt. Erst die Kreisreform 1994 beendete diese herausgehobene Stellung.

Bischofswerda hatte und hat mehr zu bieten als man denkt. Ein kleiner Tierpark, ein Kulturhaus, der legendäre Eastclub, der Butterberg und vieles mehr. Hier wurde sogar mal Erstliga-Fußball gespielt. Die damalige BSG Fortschritt Bischofswerda spielte in den 80er Jahren zwei Spielzeiten in der DDR-Oberliga. Der Trägerbetrieb Fortschritt Landmaschinen gibt es zwar nicht mehr, aber der Fußball rollt immer noch in Bischofswerda. BFV 08 ist der Name des Nachfolgevereins und die abgelaufene Saison war sehr erfolgreich, der BFV war Sieger der Landesliga (Sachsenliga) und steigt damit jetzt in die Oberliga auf.

Doch bleiben wir mal bei Schiebock, denn ich muss ja jetzt irgendwie die Kurve zum Bericht bekommen. In der Kleinstadt werden alljährlich zum Stadtfest Schiebocker Tage auch „Weltmeisterschaften im Schiebbock-Rennen“ durchgeführt. Das war am zurückliegenden Wochenende wieder der Fall. Natürlich gab es auch an allen 3 Tagen auch interessante Kulturbeiträge. Mich interessierte besonders der Freitag.
Das Stadtfest in BIW (BIW war das amtliche KFZ-Kennzeichen des Landkreises Bischofswerda) finanziert sich u.a. durch Sponsoren, Bürgerengagement und Losverkäufe. Den Organisatoren gelingt es dabei immer wieder tolle Events auf die Beine zu stellen und der Erfolg gibt ihnen auch Recht. Als ich am Freitagabend auf dem Marktplatz erscheine, ist dieser bestens mit feierwilligen Bürgerinnen und Bürgern gefüllt. Sogar das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite. Zahlreiche Getränke- und Versorgungsstände waren rund um den Platz gruppiert und niemand brauchte lange auf Nachschub zu warten. Für die Künstler wurde wirklich eine große und sehr gut ausgestattete Bühne mit allerfeinster Technik aufgebaut.
Die Kapelle, die mich nach Bischofswerda lockte, existiert seit dem Jahr 2013 und trägt den neugierig machenden Namen Im Bett mit Udo(http://www.imbettmitudo.de) Ich verrate jetzt sicher kein Geheimnis mehr, dass es sich hierbei um eine Formation handelt, die sich mit der Musik von Udo Lindenberg beschäftigt. Der Bandname signalisiert für mich ja schon Nähe, Vertrautheit und Liebe zu uns Udo und seinem musikalischen Werk. Der Bühnenaufbau mit einem wie flüchtig hingeworfenen Haufen Kissen und den links und rechts platzierten kleinen Tischchen mit Lampen deuteten auch einen Hauch heimische Atmosphäre an.

Ich war ja schon an junger Bengel im Bett mit Udo. Nee, nicht, was ihr vielleicht denkt *grins*. Ich meine nur seine Musik, die ich damals oft von meinem Kassettenrecorder hörte. Udo war einfach einer der Größten für uns. Seine Schallplatten waren in unserem Kreisen Goldstaub und sie wurden zu astronomischen Preisen vertickt. Natürlich wurden die Lieder von Freund zu Freund auf die Kofferheulen mit kassettenteil überspielt. Der Wortakrobat Udo war unangepasst, musikalisch war bei ihm alles von der Ballade bis zum Hardrock-Kracher zu hören und der Mann sang in unserer Muttersprache. Zumindest im Westteil war er damit damals ein Vorreiter. Man kann auch sagen, dass Lindi mit seinem Wortwitz, seinen Wortneuschöpfungen die deutsche Sprache revolutionierte und entkrampfte. Das gilt übrigens für beide deutsche Seiten. Der Mann sang einfach wie ihm der Schnabel gewachsen war mit Worten von der Straße, die jeder versteht. Udo war und ist Kult. Ich liebe viele seiner Lieder. Der Mann mischte sich auch in die Gesellschaft ein, er war ein Friedensaktivist und Freidenker. Manchmal kam er uns auch ein bissel durchgeknallt vor, aber das war sensationell gut. Dass unsere Politikerkaste ein sehr gespaltenes Verhältnis zu uns Udo hatte, machte ihn noch interessanter. Als Lindenberg am 25. Oktober 1983 bei einem FDJ-Friedenskonzert im Palast der Republik spielte und das sogar im DDR-TV gezeigt wurde, kniete ich in einer Kaserne des VEB Gleichstritt vor dem Fernsehgerät. Als Udo dort von einer fest zugesagten DDR-Tournee sprach, hatte ich Hoffnung. Aber bis ich den Kerl endlich mal live erleben konnte, dauerte es bei mir noch Jahre.
Mein erstes Buch im goldenen Westen war die Lindenberg-Biografie „El Panico“, die ich bei Bertelsmann in Kronach kaufte. Die Verkäuferin dieses Buchclubs hatte wohl Mitleid mit mir Kind aus der anderen deutschen Welt, denn ich konnte diesen begehrten Lesestoff ohne Clubmitgliedschaft erwerben. Auch einige Lindenberg-Tonträger erwarb ich in den spannenden Wochen nach der Grenzöffnung. Ich habe den großen Meister mit dem Hut in meinem Leben drei Mal live gesehen(Mitte der neunziger Jahre bis zur Jahrtausendwende). Das waren drei besondere Konzerte für mich. Zum Beispiel die „Belcanto-Tour“ mit dem Filmorchester Babelsberg im Kulturpalast Dresden oder die erste Tour mit dem wiedervereinigten original-Panikorchester in der alten Eissporthalle zu Dresden werde ich immer in sehr guter Erinnerung behalten. Das waren sehr emotionale Stunden für mich.

Ich gönne Udo Lindenberg auch seinen Höhenflug, den er 2008 mit dem Album „Stark wie zwei“ antrat. Auch wenn Udo in den letzten Jahren meiner Ansicht dem Weg zum Hofrocker gefährlich nahe kam („Angela, das merkel ich mir“) und sich außerdem in der Öffentlichkeit extrem selbstinzeniert, ist und bleibt er einer meine Helden. Aber ich breche jetzt das Stochern in meinen alten Geschichten ab, sonst schlaft ihr beim Lesen noch ein.
Auf geht’s jetzt mit ein paar Zeilen zur Band Im Bett mit Udo und ihrem Auftritt in Schiebock. Die aus 5 Musikern bestehende Kapelle hat mich von der ersten bis zur letzten Sekunde durch die Bank weg überzeugt und beeindruckt. Die Herren hatten sich bei der Erarbeitung ihres Programmes den Liedern von Udo Lindenberg sehr behutsam und mit Fingerspitzengefühl genähert. Die ausgewählten Lieder wurden neu arrangiert und in eigenständige, (elektro-)akustische Versionen umgewandelt. Dabei blieben die Originale deutlich erkennbar und trotzdem konnte man neue Töne hören.

Ich war sofort gefesselt von Im Bett mit Udo. Ihre Mugge war eine einzige Liebeserklärung an Udo Lindenberg und das mit Augenmaß, musikalischen Gespür sowie einer Portion Witz. Der ganze Abend in Schiebock war wirklich vom Gesamtpaket her Spitze. Wir erlebten eine tolle Show, die von der Musikdarbietung und dem Sound her super war und die mit Lichtshow und den Videoeinspielungen sensationell auf dem Punkt genau abgestimmt war. Im Bett mit Udo war für einen Fan wie mich einfach ein Fest für die Sinne. Dabei erlebten wir in den reichlich 90 Minuten Spielzeit viele Überraschungen. Das bezog sich auf die genannten Effekte, die Umsetzung der Lieder und auch auf die Auswahl der gespielten Songs.

Natürlich gibt es Lieder, die muss man wohl in so einer Show spielen wie „Mädchen aus Ost-Berlin“, „Horizont“ oder „Sonderzug nach Pankow“. Das ist auch völlig okay. Aber über die hammermäßige Muggenpilger-, Konzertnomaden-)Ballade „leider nur ein Vakuum“ habe ich mich riesig gefreut. Das Stück ist für mich von der Grundaussage her ein bissel das ehemals westdeutsche Gegenstück zur Kunden-, Blueser- und Tramper-Hymne „Bye, bye Lübben City“. Wenn man beide Texte vergleicht, haben wir damals unser Hobby in unterschiedlichen Grenzen doch ziemlich ähnlich er- und durchlebt.

Wunderschön rüber kam auch „Sie ist 40“. Das Lied war ja damals auch auf der bei Amiga erschienen Langspielplatte drauf. Lindenberg hat wirklich ein absolutes Fingerchen für emotionale Balladen, das stelle ich immer wieder und gerne fest.
Aber auch „Unterm Säufermond“ vom Lindenberg- Album „Gustav“ war für mich ein absolutes Highlight. Diese Beschreibung der Nachtstunden eines einsamen Trinkers in seinem Hotelzimmer stellte meine Nackenhaare sofort in „hab acht“-Stellung und pellte meine Haut sofort zu Gänsepelle als wenn Udo himself das Lied in BIW gesungen hätte.

Etwas zackiger ging es bei „Reeperbahn 89“ (das Lied von der 1989er Scheibe „Bunte Republik Deutschland) ab. „Moskau ist 'ne Wahnsinns Hully Gully Stadt,
die mir wie ein Hammer an die Mütze fliegt. Und Olga von der Wolga schwebt über'n Roten Platz
bis die Sichel sich verbiegt“ – ich könnte mich heute noch beeimern über solche findigen und originellen Textzeilen. Diese Lieder wieder mal zu hören machte einfach Freude.

„Rudi Ratlos“ leitete Frontmann Stefan Ziem sogar mit dem Spiel auf der Geige ein. Die Kinder vor der Bühne amüsierten sich prächtig über seine Geigenkünste. So zog ein Lied nach dem anderen seine Kreise in unseren Gehörgängen und in unseren damit verbundenen Erinnerungen. Bei Udo –Liedern habe ich so viele Erinnerungen an Ereignisse, Erlebtes und Erfahrenes, dass ich fast mein ganzes Leben mit Lindenberg-Liedern beschreiben kann.
„Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ schluchzte es von der Bühne. Wer hat je ein innigeres Trennungslied gehört??? „Ein Herz kann man nicht reparieren“ kam zwar etwas flotter daher, aber auch das war ein Volltreffer.

Beim Club der Millionäre“ setzten sich die Herren Musiker zur Tarnung coole Sonnenbrillen auf Die Bemerkung, dass sie an diesem Abend übrigens auch „nur für 2 Millionen Euro“ spielen würden, zauberte mir das nächste Grinsen ins Gesicht. Als der Frontmann Stefan irgendwann die Bühne verließ, um auf den Tischen der Biertischgarnituren zu singen, war auch das allerletzte Eis gebrochen.
Die Leute genossen die Show sichtlich, leider scheinen die Bischofswerdaer allgemein aber etwas zurückhaltender zu sein. Doch Beifall bekam die Kapelle immer reichlich. Das Mitsingen besserte sich auch von Minute zu Minute und irgendwann tanzten auch ein paar Mädels vor der Bühne.

Übrigens waren die Musiker der Band auch keine heurigen Hasen, sondern gestandene Profis. In Im Bett mit Udo steckt wirklich geballte musikalische Erfahrung.
Sänger Stefan Ziehm zum Beispiel war in den 80er Jahren die Stimme der Amateur-Band Rockteam aus Frankfurt Oder. Vor vielleicht 3 oder 4 Jahren gab es mal ein Bandprojekt namens Zeitzeugen, welches sich der Geschichte der deutschsprachigen Rock-und Popmusik in Ost und West widmete. In dieser Band spielte er unter anderem mit Sven Hertrampf von Stamping Feet. Ziehm hat wirklich Entertainer-Qualitäten und ihm gelingt es auch gut bei kecken Äußerungen die Balance zwischen wahren. Das hat schon alles Niveau.

Holger Jagsch (Gitarre, Gesang, Djembe) kennen wir schon von Rosalili her. Aktuell ist er auch Livemusiker bei Bell, Book & Candle. Basser Henry Walter war unter anderem schon bei Rosalili, Lucilectric, Moonflower und Loop Moss am Bass zu finden. Thomas Glatzer (Gitarre, Piano arbeitete ebenfalls schon für BB & C und für WENZEL. Schlagzeuger Moritz Schubert aus Quadenschönfeld(da war doch was? Genau, seine Eltern sind unter uns alternden Musikfans auch nicht gänzlich unbekannt…) spielte einst bei CHICORÉE mit Dirk Zöllner. Außerdem werkelte er damals schon bei einzelnen Titeln von den Amiga-Langspielplatten von Hans die Geige und Michael Barakowski „Rampenlicht“ mit. Auch auf dem 1996er Album „Zugvögel“ seiner Mutter Katrin Lindner war er zu hören.

Ich muss euch unbedingt auch noch mitteilen, dass Im Bett mit Udo auch eifrige Ausflüge in andere Musikrichtungen unternahmen. So hörten wir einige musikalische Passagen, die kubanisch oder karibisch anmuteten Auch be-Swing-te Klänge waren zu vernehmen. Spannend war in dieser Hinsicht auch die letzte Zugabe „Mädchen aus Ost-Berlin“. Das Lied begann und endete mit Motiven von Led Zeppelin’s „Stairway to Heaven“.
Es war ein großartiger Konzertabend und ich hoffe, dass ich bald mal wieder Im Bett mit Udo feiern kann. Im Februar 2016 sind sie zum Beispiel im Q 24 zu Pirna. Den Stadtfestorganisatoren von Bautzen, Hoyerswerda und anderen Städten sowie den Veranstaltern von Konzerten in unserer Region kann ich diese Kapelle nur eindringlich ans Herz legen.


Gruß Kundi

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zuletzt bearbeitet 16.06.2015 00:39 | nach oben springen

#2

RE: Im Bett mit Udo am 12.06.15 in Bischofswerda

in Konzertberichte 2015 15.06.2015 13:54
von Kundi | 1.993 Beiträge | 4564 Punkte

Fotos Teil 2

Gruß Kundi

Angefügte Bilder:
zuletzt bearbeitet 15.06.2015 13:59 | nach oben springen

#3

RE: Im Bett mit Udo am 12.06.15 in Bischofswerda

in Konzertberichte 2015 15.06.2015 14:04
von Kundi | 1.993 Beiträge | 4564 Punkte

Noch ein paar Fotos gefällig??

Gruß Kundi

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zuletzt bearbeitet 15.06.2015 14:09 | nach oben springen

#4

RE: Im Bett mit Udo am 12.06.15 in Bischofswerda

in Konzertberichte 2015 15.06.2015 18:48
von PMausM | 1.517 Beiträge | 3195 Punkte

Echt illustre Runde, die da mit Udo im Bett ist.


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