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EUROPEAN CELTIC MUSIC FESTIVAL 2015 an der F60 bei Lichterfeld

in Konzertberichte 2015 07.06.2015 19:18
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

European Celtic Music Festival 2015
( 05.06.2015 )

Schon weit vor dem Ortseingang der kleinen Gemeinde Lichterfeld weist mir das mächtige Stahlgerüst der F60 mit seinem, in den azurblauen Himmel ragenden, Ausleger den Weg. Nach einigen Monaten der Abstinenz bin ich endlich wieder zum reinen Vergnügen in einstmals heimatlichen Gefilden. Beim Durchfahren bekannter Orte und Straßenzüge auf dem Weg hierher, hatte ich nicht einmal das so oft zitierte besondere Gefühl von Heimat. Mir ist nur intuitiv bewusst, dass ich hier quasi jede Ecke kenne. Mein einziger (stiller) Gruß gilt meinen Eltern, als die Straße am Friedhof von Elsterwerda vorbei führt. Für mein neues Leben ist dies hier inzwischen ein Ort zum Durchreisen und das auch nur, weil mich heute die F60 mit dem EUROPEAN CELTIC MUSIC FESTIVAL lockt. Der alte Stahlriese wächst gerade vor mir immer größer und größer, je näher ich komme.

Das Besondere dieses jährlichen Events ist die einmalige Symbiose von authentischer irischer Musik, von ebenso mitreißenden Tanzeinlagen und typisch irischen Gaumenspezialitäten, mit der urban rauen Umgebung des ehemaligen Tagebaus, über dem die gigantische alte Stahlkonstruktion symbolisch wie ein ebenso gewaltiges Dach thront. Auf diesem liebevoll gestalteten Gelände kann man wie in Familie miteinander feiern, entspannen und hier selten gespielte Live-Musik mit keltischen Wurzeln inhalieren. Es ist außerdem ein Ereignis, das der etwas vernachlässigten Lausitz am Rande Brandenburgs einen zusätzlichen und reizvollen Farbtupfer verleiht. Warum die Lausitzer hierher nur zu hunderten, statt zu tausenden strömen, das verstehe, wer will. Die Menschen hier sind wohl tatsächlich zu spröde, um die kleine Scholle hinter dem Haus für etwas scheinbar Fremdes zu verlassen, wenn es zu Besuch kommt. Man fährt lieber in die Fremde, doch wenn sie anreist - „Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann“ haben wir als Kinder gespielt. Inzwischen sollten wir alle erwachsen und neugierig auf einander sein.

Die CONNEMARA STONE COMPANY ist aus dem Ruhrpot gekommen. Besuch aus dem Westen, wo die Kohle schwarz ist, wie die in der Lausitz und die Lieder fast so rau und schön, wie die eines Lausitzers. Die Musiker sind dort oft auf Festivals und in Pubs zu finden, habe ich mir sagen lassen und der Mann am „Verkaufstand“ verrät mir noch ein wenig mehr über die Band und über Musik und die Musiker, die er einst erleben durfte. Thanks Keith for your warm hand and the memories you’ve parted with me.

Im Licht der untergehenden Abendsonne steigt eine bunte Truppe aus dem Ruhrgebiet auf die Bühne und gleich mit den ersten Klängen weiß ich, West oder Ost sind nur Himmelrichtungen und Musik ein verbindendes Gefühl. Die Jungs um den Frontmann DINO, im Schottenrock, lassen von Beginn an die Schwarte krachen: deftig, derb, rasant und ungemein dynamisch! Eine eigenwillig kräftige Mixtur aus keltischen Elementen und Rock vom Feinsten. Gitarren, Fiddle und Flöten ergeben im Verein mit Bass und Drums eine Mischung, die die Company selbst als Celtic Rock definiert. Die Jungs um DINO SERCI vermischen in ihren Liedern gekonnt Traditionelles mit modernen Zutaten. Ihre Version von „Dunmore Lassies“, ein Paradestück (Reel) für Flöte, Mandoline und Fiddle begleitet an diesem Abend die Sonne in die Nacht. Doch auch in eigenen Liedern wie „Soarsa“ gelingt es CONNEMARA STONE, genau diese Stimmung zu vermitteln. Da haben sie mit mir leichtes Spiel, als sich die Trommeln und Stimmen zu einem hymnischen Chorus vermischen. Dank des ungemein freundlichen Briten Keith darf ich mir nun dieses Opus auch zu Hause anhören.

Doch die „Jungs von der Ruhr“ können es auch richtig krachen lassen, wie sie uns mit „Ready For The Storm“ beweisen. Die Stimmung vor der Bühne ist jedenfalls prächtig und ein „alter Bekannter“ tanzt barfuss seinen eigenen Rhythmus auf das Podest vor der Bühne. Das tat er schon im Jahr zuvor und in dem davor auch. Jeder lässt sich hier ganz nach eigenen Wünschen von den Klängen inspirieren und ehrlich, so manchen beneide ich um seine Fähigkeit, hier einfach seine Leidenschaft rauszulassen, sie auszuleben und sich seiner Musik beim Tanz hinzugeben. Da steckt wohl auch in mir so eine kleine Schaumbremse.

Manche der Songs atmen gar einen Hauch Mystik, wie das herrliche „Leprechaun“, bei dem die Flöte ihr Spiel federleicht über den deftigen Rhythmus der Gitarre und Drums schweben lässt, ehe es dann bei „Dancing On A Rainbow“ mit DINO’s kräftiger Rock-Stimme zu einem wahren Orkan verschmilzt. Das Auditorium ist begeistert und lässt sich von der CONNEMARA STONE COMPANY gar zu zaghaften Sangeskünsten („Na Na Na“) hinreißen und als dann die Sonne endgültig versunken ist, brodelt die Stimmung erstmals auf dem Höhepunkt. Und genau in diesen Momenten lassen die Jungs mit einem alten Kracher von Slade („Far, Far Away“) noch einmal richtig die Sau raus, ehe sie sich (vorerst) von der Bühne verabschieden. Mit „Uisge Beatha“ schieben sie dann doch noch einen nach. Die Flöte und die Fiddel tanzen dabei einen wilden Reigen mit den Trommeln und in meiner Erinnerung greift eine (stein)alte Dame namens „(Hey Hey), Mona“ diesen markanten Rhythmus exakt auf. Überraschung auf ganzer Linie und große Klasse!

Was wäre das CELTIC MUSIC FESTVAL ohne seine Galionsfigur HENK „Troubadur“ HULZINGA aus den Niederlanden? Wahrscheinlich nur die Hälfte, denn der Mann begrüßt Gäste, plaudert laut und deftig, während er vorher, zwischendurch und danach mit stimmungsvollen Songs zwischen „Molly Malone“ und „Wild Rover“ unsichtbare Fäden zur Festivalidee spinnt. Der „Troubadur“ ist hier inzwischen eine Institution und so ein Abend ohne ihn kann sich wohl niemand wirklich vorstellen. Jedenfalls klappt die Kommunikation zwischen Bühne und Auditorium dank seiner ungezwungenen Darbietungen bestens, wenn hunderte Kehlen, gemeinsam wie ein Chor, auf sein „Dankeschööön!“ mit einem ebenso lauten „Bitteschööön!“ reagieren. So war es schon immer, also auch in diesem Jahr, das auch diesmal wieder die wilden Tänze zu Jigs & Reels auf dem Podium staunend erleben lässt. Eine bessere Einstimmung auf die nachfolgenden Konzerte kann ich mir gar nicht vorstellen. Mit ihren temperamentvollen und leidenschaftlichen Showeinlagen zu Rhythmen und Klängen aus Schottlands Bergen und Irlands grünen Hängen entführen die Tänzer aus Cottbus und Berlin auch 2015 die vielen Schaulustigen im weiten Rund in eine andere Bewegungswelt.

In die wilde Gegend der Lausitz, mit dichten Wäldern, dunklen Seen und den riesigen Bergbaulöchern, passt eine Gestalt wie Robin Hood sicher gut hinein. Diese Wegelagerer versteckten sich, nahmen den Reichen und gaben den Bedürftigen von ihrer Beute ab. Die Gesetzlosen werden in Irland RAPPAREES genannt und genau so heißt auch eine Band, die heute hier zu Gast ist. Diese irischen „Wegelagerer“ nehmen sich für ihre Musik, was immer sie, sowohl aus der irischen Tradition, als auch von aktuellen Trends, gebrauchen können und versetzen diese energiegeladene eigene Mischung sowohl mit ihrer Begeisterung, als auch mit der typischen Leichtigkeit irischer Lebensweise. Damit begeistern sie, wo auch immer sie auftreten, ihre stets größer werdende Fangemeinde. In ihrer Heimat traut man ihnen inzwischen zu, in die Fußstapfen der legendären Pogues treten zu können und genau diese Kunde hat mich letztlich bewogen, auch in diesem Jahr das EUROPEAN CELTIC MUSIC FESTIVAL an der F60 bei Lichterfeld zu besuchen. Mich begeistern die lebensfrohen Lieder der Dubliners und die hektischen Songs der Pogues und vielleicht kann ich ja hier unter der F60 für mich eine neue Leidenschaft hinzu fügen, wie schon im Jahr zuvor mit Mànran auch.

Zu spätabendlicher Stunde übernehmen THE RAPPAREES ein bestens aufgelegtes Auditorium, um es nun endgültig musikalisch zu ver- und entführen. Wer noch aus früheren Zeiten die weiche Variante in Gestalt der irischen Sands Family in Erinnerung hat, der sieht sich heute Abend der rauen Inkarnation in Gestalt von fünf flapsigen jungen Typen von der grünen Insel gegenüber, die, gerade der Kneipe um die Ecke entstiegen, vor Energie, Lebenslust und Spiellaune zu platzen scheinen. Gleich zu Beginn machen sie ohne Umschweife klar, wohin die Reise jetzt gehen wird. Kraftvoll männliche Gesänge von „Bring The Clear Bottle Out!“, zunächst noch a capella und in Zeitlupe gesungen, lassen aufhorchen. Kurzer Break und dann bricht die Hölle los. Plötzlich bekommt der Song den Speed eines Sprinters und die FolksParty den Rausch irischer Pub-Atmosphäre. Pure Ausgelassenheit und wilde Hatz paaren sich mit Dynamik, Leichtigkeit und Perfektion. Die Musik der RAPPAREES und ihr Spielwitz packen mich aus dem Stand und haben mich später auf der Piste immer noch immer fest im Griff.

Da vorn steht ein schlaksiger Typ mit seiner Fiddle und einem Bart im Gesicht. Um den Geigenbogen wehen die ausgefransten Rosshaare und am Steg der Geige hat sich der Staub vom Kolophonium wie Schnee abgesetzt. Ich kann nicht genau sagen warum, aber wenn KEVIN MAWDSLEY seine Stimme erklingen lässt, erinnert er mich verdammt noch mal an Shane Mac Gowan von den Pogues, ungestüm irisch eben. Wenn er die Tunes, Jis & Reels zum Leben erweckt, meint man, ihn mit der Fiddle tanzen zu sehen. Auch Sänger und Gitarrist JOSEPH McKEAGUE begeistert mich ungemein. Vor allem aber dann, als er mit seiner hellen Stimme gefühlvoll von den „Belfast Mountains“ singt. Da hat er sich tief in die romantische Ecke meines Herzens gedrängelt und nachdem er noch „Hope“ sang, habe ich ihn dort nicht mehr heraus gelassen.

In eigenen Songs wie „Randalstown Rambler“ oder „Lowlands“ besingen sie Plätze der irischen Heimat und lassen dabei auch mal ein Banjo erklingen. Den ganz besonderen Groove aber bekommt die Musik der RAPPAREES an diesem Abend vom Spiel der Bodhran, der irischen Rahmentrommel. Der Klang der Trommel fügt sich fast unmerklich aber harmonisch in das Spiel der Band ein, dass man sie erst richtig bemerkt, wenn sie solistisch gespielt wird. Dann wird plötzlich aus Basstönen und Beats auf der Bühne ein gleißendes Feuerwerk mit Funkenflug. EAMON ROONEY spielt mit dem unscheinbaren Instrument, zelebriert eine verspielte Leichtigkeit, als gäbe es nichts Einfacheres auf dieser Welt. Doch der Schein trügt, denn beide Hände realisieren gänzlich unterschiedliche Bewegungen und zaubern daraus einen Sound, der ein ganzes Drummer-Orchester ersetzt. Das Publikum kocht, tobt und ist total begeistert.

Inzwischen hat sich der Platz vor der Bühne in einen brodelnden Kessel verwandelt. Die RAPPAREES sind längst zu Höchstform aufgelaufen, Saiten und Felle glühen und am Bühnenrand versammeln sich die leer getrunkenen Whiskeygläser und Becher. Der lange JOSEPH verlässt seinen Platz am Mikrofon, steigt hinab zu den Tänzern und dreht sich fröhlich springend mit Gästen aus vorderen Plätzen beim Tanz in die Nacht hinein. Die Stimmung ist großartig. Im Gesicht von Andrè Speri kann man das Glück ablesen. Der Abend hätte kaum besser laufen können, nur noch etwas voller hätte das Rund im Jahre 2015 sein können, als THE RAPPAREES ihre Abschiedshymne „Outlaw Rapparees“ in die Nacht an der F60 bei Lichterfeld schmettern. Doch Ende heißt hier nicht gleichzeitig Schluss. Der „Troubadur“ bittet nun die Jungs aus dem Ruhrgebiet auf die Bühne zu den Iren, um gemeinsam alte Gassenhauer wie „Whiskey In The Jar“ und die wunderschöne Ballade „Will You Go Lassie Go“ zum Abschied zu singen. So stimmungsvoll klingt dieser wunderschöner Abend am See unter der illuminierten F60 aus und ich nehme für mich einige unvergessliche Momente, angenehme Begegnungen sowie richtig gute, bisher unbekannte Musik als Erinnerung mit auf die Piste und nach Hause.

Ob nun THE RAPPAREES in die Fußabdrücke der Pogues treten werden, weiß ich zwar immer noch nicht, aber ich glaube schon, dass sie sowohl deren Tradition und auch die der Dubliners würdevoll und mit neuen Ideen weiterführen können. Da bin ich mir jetzt wirklich sicher. Und wer mir das nicht glauben möchte, dem empfehle ich dringend einen Besuch des EUROPEAN CELTIC MUSIC FESTIVALS im kommenden Jahr und wer bis dahin nicht warten kann, je eine Scheibe der CONNEMARA STONE COMPANY und eine CD der RAPPAREES aus Belfast. Ich jedenfalls werde mir für das nächste Jahr im Besucherbergwerk F60 eine Ecke zuweisen lassen, bringe mir Luftmatratze und Decken mit, um dann beide Tage bei toller Musik, berauschenden Tänzen und frischem Bier durchfeiern zu können.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 07.06.2015 19:22 | nach oben springen

#2

RE: EUROPEAN CELTIC MUSIC FESTIVAL 2015 an der F60 bei Lichterfeld

in Konzertberichte 2015 08.06.2015 19:43
von Holger | 196 Beiträge | 541 Punkte

Ja, es war ein wirklich berauschender Abend inmitten der Lausitzer Sandbüchse. Und diesmal spielte auch das Wetter mit, ansonsten ist dieser Veranstaltungsort ähnlich wie das Millionengrab Lausitzring dafür berüchtigt , immer bei Veranstaltungsevents mit wenig einladendem (milde ausgedrückt) Wetter zu glänzen. Aber diesmal paßte es, auch ganz tolle Versorgung mit einem hervorragendem Irish Stew.

Woran liegt das, daß der Besuchszuspruch auch an so einem wolkenlosen Sommerabend eigentlich enttäuschend war? Im März hat das Team der F 60 schon eine geplante Veranstaltung zum St. Patricks Day in Lauchhammer wegen zu geringem Interesse im Vorfeld abgesagt. Man will wahrscheinlich hauptsächlich Ballermann, wenn die Ankündigung nicht danach aussieht, geht man nicht hin.

Musikalisch waren die Bands vom feinsten, wobei mir die Songs der Live-CD "Dragonfly" der CONNEMARA STONE COMPANY aus früheren Jahren , die ich auch an diesem Abend erworben habe, noch mehr ansprechen als das am Freitag gehörte. Sie ist sehr dudelsacklastig mit einem besonderen Finale des alten schottischen Abschiedssong "Auld lang syne".

Hartmut hat den Abend wieder in einem wunderbaren Bericht zusammengefaßt., es folgen noch ein paar Bilder und ein Veranstaltungstipp. Ein weiteres Irish-Folk-Festival gibt es am 18.07.15 auf Schloss Weesenstein.



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