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Im stillen Gedenken an IAN McLAGAN (ex Small Faces)

in Bands, Musiker, Musikstile 29.12.2014 17:40
von HH aus EE | 840 Beiträge | 2050 Punkte

Ian McLaggan zum Gedenken
(12.05.1945 – 03.12.2014)

Vielleicht hätten sie neben den Beatles und den Stones das dritte Monument der britischen Beat- und Rock-Generation werden können. Doch ihre blanke Lust an Pup-Glückseeligkeit und deftigen Gelagen verhinderten längere Studioarbeit und ausgefeilte Live-Auftritte. Sie waren einfach nur ungeschliffen, rau und kantig wie Rohdiamanten und wollten sich nicht glätten oder auf Hochglanz polieren lassen. Die SMALL FACES waren so brachial gut, dass es schon zu spät war, als sie es bemerkten. Den für sie vorbestimmten Platz nahmen stattdessen THE WHO ein und schrieben Rock-Geschichte. Der Sänger und Gitarrist der SMALL FACES, Steve Marriott, verließ die Gruppe, um bei HUMPLE PIE mitzumischen. Die anderen drei Restmitglieder um Keyboarder IAN McLAGAN verstärkten sich mit dem Neuzugang Rod Stewart als Sänger sowie den Gitarristen Ron Wood, beide von der Jeff Beck Group, und nannten sich nun nur noch THE FACES. Dennoch blieben sie die fröhlichste Saufgemeinschaft des Rockzirkus.

Die SMALL FACES um Sänger Steve Marriott und Keyboarder Ian McLagan waren meine heimliche Liebe. Diese raue Blues-Stimme Stimme und das laszive Orgel-Spiel von McLaggan verliehen der Band eine brillante Einzigartigkeit, die man sonst nirgends hören und bewundern konnte. Songs wie „All Or Nothing“, „Here Comes The Nice“, „Tin Soldier“ und das gleißende „Lacy Sunday Afternoon“ trafen das Gefühl jener Jahre auf den Punkt und sie taten es im typischen Cockney-Slang von London, der den Songs eine zusätzliche und schillernde Facette verlieh. Als sie dann auch noch das Konzept-Album „Odgens’ Not Gone Flake“ (1968) mit dem Märchen vom „Happiness Stan“, der auf der Suche nach der fehlenden Hälfte des Mondes war, veröffentlichten, glaubte ich die vier Musiker der SMALL FACES auf dem Rock-Olymp angelangt. Nur die Beatles hatten mit ihrer „STG. Pepper“, ein Jahr zuvor und als erste, etwas Ähnliches zustande gebracht. Doch das Plattencover der SMALL FACES, einer runden Tabakdose nachempfunden, setzte dem Kunstobjekt Langspielplatte endlich das Sahnehäubchen auf. Die Band aber war, ebenso wie die Beatles mit „STG. Pepper“, nicht in der Lage, das Werk als Ganzes live auf die Bühne zu bringen. Das Ende war vorprogrammiert.

Wenn man sich mit dem Abstand von 45 Jahren heute solche Perlen wie „Afterglow“ oder „Itchycoo Park“ anhört und dabei besonders auf das Spiel der Tasten achtet, fragt man sich unweigerlich, was aus den SMALL FACES noch hätte werden können. Steve Marriott war noch für ein paar Jahre mit Humble Pie erfolgreich. Er verstarb 44-jährig 1991 infolge eines selbstverschuldeten Schwelbrandes im eigenen Haus. Ronnie Lane erkrankte frühzeitig und starb nach langem Kampf 1997 an den Folgen der Erkrankung. Kenny Jones ersetzte 1978 den ein Jahr zuvor verstorbenen Drummer der WHO und starb 1997 an den Folgen einer Lungenentzündung. Dennoch schafften es die SMALL FACES in den nur fünf Jahren ihrer Existenz, den weiteren Verlauf der Geschichte des Rock für immer eine ganz besondere Nuance zu verpassen und als Band unsterblich zu werden.

Nur dem Keyboarder IAN McLAGAN gelang der Sprung in das neue Jahrtausend. Bereits im Jahre 1979 veröffentlichte er sein erstes Solo-Album „Troublemaker“, entschied sich aber nach dem zweiten Album wegen Mangel an Verkaufserfolgen für eine Karriere als Studio- und Begleitmusiker-Musiker und „verschwendete“ sein Talent für andere und im Hintergrund. Er war bei Joe Cocker, Bob Dylan und Bonnie Riatt zu hören und er begleitete die Rolling Stones bei vielen ihrer Konzerte rund um den Erdball. Wer außerdem die frühen Sachen von Rod Stewart liebt, der sollte sich das Orgelspiel von IAN McLAGAN auf dessen frühen Klassikern wie „Maggie May“ oder „You Wear It Well“ anhören und ein wenig staunen.

Seit Mitte der 1990er Jahre lebte er in Austin, Texas und lieh manchem der dort tätigen Musiker sein Können und seine Erfahrung. Als Begleitmusiker von James McMurtry sah ich IAN McLAGAN live im Januar 2009 im Real Music Club von Lauchhammer. Damals war er so alt, wie ich jetzt bin und sowohl seine Stimme als auch sein Spiel klangen noch immer so verdammt ungeschliffen und kraftvoll, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich war unheimlich begeistert und habe ihm spätabends nach dem Konzert von meiner frühen Liebe für die SMALL FACES erzählt. Danach bat ich ihn um ein Foto, worauf er mir sinngemäß antwortete: „An old rocker and his old fan – why not?“ Natürlich habe ich mir auch einige LP-Cover und Fotos signieren lassen und bin dann, stolz wie ein Teenager, mit meinen Schätzen in die Nacht entschwunden. Das Foto mit IAN McLAGAN hat bei mir seitdem einen Ehrenplatz. So ganz im Stillen hatte ich gehofft, er würde bald wieder einmal, vielleicht mit einem anderen Musiker aus Austin in Texas, zu uns über den großen Teich kommen, um seinen Fans hier zu begegnen.

Es hat nicht sollen sein. Wieder einmal hat sich (m)eine Hoffnung zerschlagen. Schon am 3. Dezember dieses alten Jahres verstarb IAN McLAGAN, mit nur 69 Jahren, an den Folgen eines am Tage zuvor erlittenen Schlaganfalls. Jetzt sind die „Kleinen Gesichter“ wieder vereint und werden ganz sicher „dort oben“ alles aufmischen. Mir allerdings fehlen sie und ein älterer, grauhaariger Rock-Fan ist in diesen Stunden sehr traurig, aber auch glücklich, weil er von sich sagen kann, die wildesten und sicher auch turbulentesten Zeiten, die mit den SMALL FACES, miterlebt zu haben: „Wat’cha Gonna Do About It“.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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