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CHRISTOPH THEUSNER - Music For A While

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 18.12.2014 19:36
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Christoph Theusner – Music For A While (BuschFunk, 2014) 17.12.2014

Stell ’ne Kerze in dein Zimmer,
glaube an des Feuers Schimmer,
Musik dazu im Flammenschein
und versuche, gut zu sein.


Darauf habe ich in den letzten Jahren gewartet, habe still für mich auf so etwas gehofft, seitdem ich „Ten New Songs“ von Leonard Cohen und die „12 Songs“ von Neil Diamond gehört hatte. Wann wird einer aus der hiesigen Gilde Lieder aufnehmen und nur seinen Erfahrungen und Intentionen folgen? Wann wird einer diesen dämlichen Markt und dessen kommerziellen Forderungen außen vor lassen und sich nur noch auf das Wichtigste, die Musik konzentrieren, statt zu kalkulieren? Wann endlich nutzt einer diese Freiheit, nur sich selbst künstlerisch zu verwirklichen? Die Hoffnung darauf hatte ich schon aufgegeben, doch nun ist die zweite Solo-Platte von CHRISTOPH THEUSNER erschienen. Der Musiker THEUSNER und die multikulturelle Band BAYON waren sicher nie die personifizierten Rocker, aber ohne sie wäre diese Musiklandschaft um ein gewaltiges Stückchen ärmer, unvollständig. BAYON hat mir Wege eröffnet, die mich letztlich beispielsweise zu Mari Boine oder zu Kelpie geführt und auf diese Weise mein Leben reichhaltiger sowie meine Leidenschaft intensiver gemacht haben.

Der erste Ton ist der einer tiefen (Gitarren)Saite. Gezupft oder angerissenen, die Finger erzeugen ein warm klingendes Tonfundament, auf dem sich eine Tonfolge entwickelt, mit filigranem Spiel aus den drei hohen Saiten gelockt, breitet sie sich leicht tänzelnd aus. Dazu klickt im Hintergrund, rhythmisch Akzente setzend, ein dezent in das Klangbild eingebettetes Schlagen zweier Hölzer. Das ist so einfach wie genial. Die „Toccata“ eröffnet spielerisch einladend das Album, gefolgt von der ebenso leichtfüßig anmutenden „Terziano“. Die flockige Melodie erinnert mich im Stil an ein Menuett. Sie hüpft locker in Terz-Intervallen (?) über die Notenlinien. Das sind keine zwei Minuten fesselnder Tontanz, variierend sich wiederholend, zwischen beinahe Folk und Lied in klassische Strukturen verpackt. Dazu eine fast verträumt anmutende Melodie aus einer Blockflöte. Schlicht, anmutig, ein reizvoller Einstieg.

Wie im Traum, sicher auf einem schmalen Grat wandelnd, so gleiten Violine und eine Sopranstimme in schwindelerregende Höhen. Der Titeltrack „Music For A While“ klingt verlockend schön und ist opulent mit Tönen verziert, eine besondere musikalische Verlockung. So könnten die Gesänge der Elfen und Engel klingen, falls es sie geben sollte und THEUSNERs „Blues in D“ versetzt mich in eine Stimmung, die ich seit dem legendären „Albatross“ von Fleetwood Mac schon längst vergessen glaubte. Da gleitet das Saxophon, statt einer e-Gitarre, schwärmerisch gespielt von Hans Raths, über eine samtweiche Akkordfolge wie auf elegischen Schwingen dahin. Blues eben und die Töne der Gitarre gleiten einfach mit.
Morgenstille. Vom Zwitschern der Vögel lässt sich jemand zum Gitarrenspiel verleiten und zu meiner Überraschung entwickelt sich „Awake, Sweet Love“ (Erwache, süße Liebe), dank einer zauberhaft gesungenen Melodie, so ganz anders, als ich es in diesem Fall erwarte. Im klassischen englischen Stil werde ich für knapp zweieinhalb Minuten ver- und entführt. Dann ist das süße Erwachen schon wieder vorüber und man findet sich nun irgendwo, statt an der Themse, an der Seine wieder. Der Klang des Akkordeons von TOBIAS MORGENSTERN spielt mit der „Musette“ die Gewitterwolken beiseite. Alles erscheint wieder leicht, so wie der Walzertakt, flockig und unbeschwert. Einfach toll, wie zwei Musiker mit einem Akkordeon und Gitarre Stimmungen erzeugen können.

Das kurze „Allegro“ erweckt den Eindruck einer lässigen Fingerübung für Gitarre und doch verstecken sich in den eineinhalb Minuten unheimlich viele Nuancen, wie die eingestreuten Piano-Tupfer, so dass in der kurzen Zeit ein kleines Meisterwerk entsteht. In „Come, Heavy Sleep“ (Komm, tiefer Schlaf, Bild des wahren Todes), einem uralten englischen Lied für Laute, brilliert ein zweites Mal HEIKE PORSTEIN mit ihrem glockenhellen Sopran. Fantastisch, wie CHRISTOPH THEUSNER so ganz nebenbei Zeiträume und Schranken schrumpfen oder gänzlich schwinden lässt. Zur Halbzeit verleitet eine „Barcalore“ zum Schwelgen und zum Träumen beim puren Klang der Gitarre. CHRISTOPH THEUSNER erweist sich, wen wundert’s, als Meister auf seinem Instrument, dem es gelingt, das Spiel mit den sechs Gitarrensaiten tatsächlich kinderleicht, wie ein Spiel, klingen zu lassen. Besondere Kunst von einem großen Künstler dargeboten. (Was schreibe ich dann eigentlich am Ende der Rezension?) „Letter For Love“ heißt die nächste Überraschung. Ganz offensichtlich hat THEUSNER, dem ja bekanntlich Theater nicht fremd ist, einen Text von Shakespeare ins Deutsche übertragen und vertont. Das Ergebnis, ein filigranes Duett im klassischen Gesangsstil, überzeugt auf ganzer Linie und wieder schafft es der Mann aus Weimar, alle möglichen Vorbehalte, die man haben könnte, mit Musik, von leichter Hand dargeboten, beiseite zu wischen. Eingeschlossen wird dieses klingende Kleinod von eben gehörter „Barcalore“ und danach von „Abschied“, einem weiteren Solo-Glanzstück nur für eine Gitarre. Nah am Blues und mit feinen rhythmischen Tupfern garniert, deutet THEUSNER dezent eine seiner musikalischen Wurzeln an. Wie dramaturgisch geschickt diese Reihenfolge gewählt ist, sei nur noch nebenbei erwähnt.

Für eine(n) „Russischer Bossanova“ hat sich THEUSNER noch einmal TOBIAS MORGENSTERN mit dem Akkordeon eingeladen. Beide erzeugen sie eine verspielte Stimmung, schlagen dabei gleichzeitig einen Bogen, der kulturell von Lateinamerika (Gitarrenspiel) bis in die Weiten Russlands (Akkordeon) reichen könnte. Die Bilder dazu in meinem Kopfkino ähneln denen aus den Mos-Filmen in meiner Kindheit. Im „Balkan - Blues“ lässt er eine Zigeunergeige zum Spiel seiner Gitarre schwelgerische Melodiebögen zu angedeuteten Tanzschritte in die Noten malen, während das „Lied einer Kleinstadt“ ausgewanderte Seelen an ihren (meinen) Erinnerungsfetzen kleben lässt. Auch hier finde ich mich mit leichter Hand mitgenommen. Letztlich sitzen wir alle in einer Kneipe, der „La Taberna“, um im spanischen Flair und beim Klang der Kastagnetten den tanzenden Frauen zuzusehen. Vier ganz unterschiedliche Plätze, zu finden irgendwo in Europa, die in kleinen Melodien ihre liebevoll klangliche Entsprechung finden.

CHRISTOPH THEUSNER hat einige wirklich wunderschöne Lieder für BAYON geschrieben, aber „Stell dich mitten in den Regen“, mit einem Text von Wolfgang Borchert, den damals auch Reiner Schöne als „Versuch es“ vertont hat, ist in dieser Interpretation ein wahres Volkslied geworden. Natürlich hat der Liebhaber die kantige Stimme von Michael Lenhardt, dem die damalige Gesangsstimme gehört, im Hinterkopf, wenn die ersten Akkorde erklingen. Das geht mir auch so. Diese neue Version mit der Stimme von SOFIA MÜHLING transformiert die alte Melodie mit einer „modernen“ Stimme in das Heute, ohne den Charakter des Originals zu verletzen. Nur ein paar wenige alte Schnörkel fehlen mir, aber wahrscheinlich auch nur mir, weil ich persönlich so gern diesmal den Meister singen gehört hätte, so wie damals auf Gut Geisendorf.

„Für eine Weile Musik“ endet in einem elegischen Sonnenuntergang. Die warmen Töne einer Flöte schweben bei „Sunset“ zum Klang der nach Laute klingenden Gitarre und beinahe bin ich geneigt, eine mir bekannte Tonfolge, die von BAYON’s „Sommerlied“ (1976), darüber zu summen. Für jenen einen Augenblick bin ich völlig hingerissen von dieser Überlagerung und außerdem, weil mich dieser neue kleine Silberling tief in meinem Seelenleben berührt hat. Die CD „für eine Weile Musik“ ist einer der einfühlsamsten Paukenschläge, den ich jemals gehört habe. Die Musik schwingt und vibriert lange, sehr lange in mir nach.

Man legt eine neue CD ein. Basierend auf eigenen Erfahrungen hat man Klangimpressionen in seinem Hinterkopf. Beim Hören stellt man dann fest, dass man selbst viel zu enge eigene Denkschemata mit sich herum trägt. Plötzlich ist das große Staunen und Wundern da, weil einer sich traut, diese Grenzen zu negieren und sich dennoch aus allen Nähkästchen, die durch Grenzen entstehen, mit zielsicherem Händchen sowie mit viel Ideenreichtum und Kreativität zu bedienen. Der Musiker verdichtet alle seine eigenen Erfahrungen und verwirklicht dabei nur sich selbst, gerade so, als wäre es das Normalste auf dieser Welt, zwischen Stilen, Epochen, Spielweisen und Auffassungen zu pendeln. Aber genau dies macht CHRISTOPH THEUNSER und verleugnet dennoch nicht einen einzigen Augenblick sein eigenes Musikerleben und die verschiedenen Einflüsse, vom Blues bis hin zur Khmer Pentatonik, die es geprägt haben. Ganz im Gegenteil, auf das Einfache reduziert, präsentiert er all diese Inspirationen und sein vielseitiges Können, das sich auf einzigartig leichte Weise in den Kompositionen und in seinem Spiel äußert.
Irgendwie finde ich mich auf eine fantasievolle Reise mitgenommen und wie Erinnerungen bleibt die Musik der verschiedenen Orte und Plätze in mir zurück. Wie das der Musiker einfädelt und wie er die beteiligten Gäste inspiriert, die jeweiligen Stücke auszukleiden und mit ihm gemeinsam zum Glänzen zu bringen, das darf man getrost genial nennen, so wie ich es bei den beiden oben erwähnten Alben von Leonard Cohen und Neil Diamond nicht anders empfinde. Bei solchen Scheiben, wie „Music For A While“ eine ist, empfiehlt es sich, ruhige Momente für das Hörerlebnis zu wählen, um in das Erlebnis Musik mit wachen Sinnen einzutauchen. Vielleicht ja unter einem Lichterbaum?

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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