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PaulePOND CD/DVD "Gemälde einer Vernissage - Live im Stahlwerk"

in CD-, DVD- und Buchveröffentlichungen 09.11.2014 08:10
von HH aus EE | 832 Beiträge | 2031 Punkte

Gemälde einer Vernissage – Elektronik in Klassik (06.11.2014)

Wolfgang Paule Fuchs / Pond & die Brandenburger Sinfoniker
Crossover-Konzert „Gemälde einer Vernissage – Live im Stahlwerk“ (PONDerosa Records, 2014)


Ein gestandener Rockmusiker trifft auf einen der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Maler, den unsere Zeit kennt. Ein guter Freund hatte die Idee, beide zusammenzubringen. Beide wählen sie auch die Gemälde aus. Nicht irgendwelche, sondern solche, die repräsentativ sind und einige, die bisher als verschollen galten. Der Musiker möchte die Bilder zum Klingen bringen, will die Botschaften vertonen. Nach 18 Monaten schöpferischen Arbeitens können die „Gemälde einer Vernissage“ auf CD gepresst und mit einem Konzert uraufgeführt werden. Es ist ein Konzert der ganz besonderen Art, denn Klassik trifft auf Elektronik und umgekehrt werden digitale Klänge in analoge Stimmungen versetzt. Diesmal hat ein Orchester das elektronisch gedachte Werk adaptiert und der Hörer muss entscheiden, ob das Experiment als gelungen betrachtet werden kann. Im „Normalfall“ kennen wir rockenden Adaptionen von Klassikvorlagen, doch in diesem Fall ist das Original ein Rock-Opus, noch dazu ein elektronisches, und die Adaption spielten die Musiker eines Orchesters ein. Die Präsentation dieses Events liegt uns jetzt auch als DVD vor.

So ungewöhnlich, wie das Zusammentreffen der Akteure, Sinfonieorchester trifft auf ein elektronisches Tastenarsenal, so außergewöhnlich ist auch die Spielstätte. Das Industriemuseum in Brandenburg mit seinen alten technischen Anlagen zur Stahlverarbeitung verschafft der Performance eine zusätzliche Dimension des Erlebens und Empfindens, in die der Sehende zu Hause schon vorher oder, als Bonus, nach dem Anschauen und dem Hören eintauchen kann. In diesem Fall habe ich es vorgezogen, mich vorher mit diesen Eindrücken auszustatten und erst dann in das musikalische Erleben einzutauchen.

WOLFGANG „Paule“ FUCHS lehnte sich gedanklich an die „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski an. So wie dieser die „Promenade“ schuf, hat sich PaulePOND eine „Ouversage“ geschaffen, mittels derer die drei Teile des Werkes klanglich miteinander verbunden sind. Die „Ouversage“, ein Wortgebilde aus „Ouverture“ und „Vernissage“, dient dem Hörer als Phase der Einstimmung, um sich nacheinander den drei Teilen „Frühe Jahre“, „Leben“ und „Glauben“ zuzuwenden. Der Komponist und Arrangeur LARS J. LANGE übernahm die Aufgabe, die Vorgabe in eine Partitur zu verwandeln und diese in die Hände des Dirigenten MICHAEL HELMRATH zu legen, der sie mit den Brandenburger Symphonikern klanglich zum Leben zu erweckte.
Das Grundthema der „Ouversage“ bildet die Tonfolge es*c*d*d*e, die quasi die Initialen des Malers SITTE versucht, in Noten eine Entsprechung zu geben. Dieses Thema findet sich in allen drei Teilen der „Ouversage“ in variierter Form wieder, so dass der sehende Hörer zu Hause das Ganze nie aus den Augen und Ohren verlieren kann und dem schreitendem Rhythmus folgend, eines der Gemälde nach dem anderen in Ruhe betrachten, sich aber gleichzeitig der musikalischen Veredelung hingeben kann.

Die frühen Jahre (1943/44)
Nach dem Ausklingen der „Ouversage I“ findet sich der Hörer vor eine Hausfassade in Italien versetzt, unter dessen Putz die 1944 entstandenen und vom Meister „Vergessenen Bilder“ entdeckt wurden. Die drei Zeichnungen bilden als Komposition eine Einheit, in der diese Skizzen durch verschiedene Motive und Stimmungen, die erste leichtfüßig verspielt und die andere etwas verträumt melancholisch, wieder einzeln auftauchen und den Auftakt zu einer Bilderreise eröffnen.
Drohende Posaunensignale, die wie Sirenen heulen, und Marschrhythmen läuten nun den „Totentanz des Dritten Reiches“ ein. Der Komposition ist eine bedrohliche Stimmung unterlegt, die sich am Ende selbst zu verschlingen scheint. Der Musiker zeichnet musikalisch ein düsteres Szenario für eines der schlimmsten Geschehen, das alles und jeden vernichten kann und genau das spiegelt, was uns auch der Maler vermitteln möchte.
Dem gegenüber strahlt die „Totenmaske meines Großvaters“ nahezu friedliche Ruhe aus, die von den Klängen der Hörner und Flöten dominiert wird. Mit sparsamen Mitteln wird eine Atmosphäre von Stille und Besinnung erzeugt, während die Kamera die vollständige Szenerie als Totale und die Notenblätter als stimmungsvolle Details zeigt, eingebettet in eine Stimmung aus klingender Andacht.

Leben
Die „Ouversage II“, geradezu andächtig von Violinenklängen umgesetzt, geleitet uns mit einer neuen Variation von es*c*d*d*e zur „Rückgabe des Apfels“. Die drei Göttinnen Hera, Athena und Aphrodite streiten um die Gunst, den Apfel von Paris zugesprochen zu bekommen. Die Violinen „spielen erregt“, Klarinetten und Flöten übertönen deren Spiel und letztlich trumpfen Hörner und Posaunen kräftig auf. Mit einfachen Mitteln wird der Streit der Damen hörbar und ebenso schlicht münden die Klänge zum Schluss in Harmonie, die Rückgabe des Apfels an Paris symbolisierend. Der helle und klare Ton der Röhrenglocken beendet den Streit.
Das musikalische Thema der „Familie am Sonntagmorgen“ wirkt wie eines jener Kinderlieder, fröhlich und verspielt, mit denen wir eine glückliche Kindheit im Schutz der Familie in der Erinnerung haben sollten. Die einprägsame Tonfolge steigert sich zum Schluss hin immer mehr, erhält unterschiedliche Klangfarben, das Orchester variiert von leise bis zum Crescendo, zwischen hellen und kräftigen Tönen, und assoziiert so individuelle und glückliche Momente im Familienleben.
Im gleichmäßig stampfendem Beat, polyrhythmisch einem Fließband nachempfunden, so erleben wir jetzt die „Montagearbeiter“. Beinahe starr symbolisieren Posaunen sich ständig wiederholende Abläufe und atonale Akkorde lassen uns eine riesige Werkhalle und die innewohnende Hektik nachempfinden. Wenn die Kamera uns dann die Totale der ehemaligen Werkhalle zeigt, verstärkt sich dieser Eindruck zusätzlich.
„Das Unheil begehrt Einlass“ mit düsteren Synthesizer Signalen. Hektisch reagieren die Streicher und deren Unruhe übernimmt das ganze Orchester, in dessen harmonischer Klangbreite sich letztlich das Drohende in der Musik wieder auflöst.

Glauben
In sich ruhend, verbreitet die „Ouversage III“ eine düster-harmonische Stimmung, die einerseits eine gewisse Gelassenheit verbreitet und dennoch knisternde Spannung mit sich führt. Dem Hörer gibt der Musiker Neugier mit auf den weiteren Weg.
Das „Warschauer Paar“ fordert Aufmerksamkeit, symbolisiert durch harte Anschläge der tiefen Tasten, auf dem e-Piano erzeugt. Die Stimmung ist tragisch, sie schließt das Leiden, das aus dem Bild schreit, in die Klänge ein und trägt sie bis zu den Glockenschlägen am Ende.
Ein Schlag der (Sturm)Glocke läutet düster den langen Leidensweg von „Biko“ ein und fordert unsere Aufmerksamkeit. In lang gedehnten ausufernden Harmonien fühlen wir den Weg seines Leidens nach, der erst sehr spät in aufkeimende Hoffnung mündet.
„Kathrin trommelt“ verstrahlt, im krassen Gegensatz zu „Biko“, Lebensfreude und Energie pur, die sich mit allen Orchesterinstrumenten, einem Lauffeuer vergleichbar, fortsetzt und optimistisch weiter getragen wird.

Mit dem „Tryptichon“ empfängt den Hörer ein besonderes (Klang)Gemälde. Bestehend aus einem zentralen Mittelteil, dem „Höllensturz in Vietnam“, wird es von zwei kleineren, der „Vietnamesin“ und dem „Trommler“ zu beiden Seiten, also zu Beginn und am Schluss, flankiert. Fernöstliche Klangfolgen und Rhythmen stellen uns die „Vietnamesin“ vor. Klanglich taucht der Hörer in eine fremde Welt ein, die sich exotisch klingend harmonisch zu geben versucht, sich aber als eine Welt voll Unheil, Schmerz und Leiden entpuppt, wenn sich aus dem Orchesterklang der „Höllensturz in Vietnam“ abzeichnet, in dem nun der volle Klang des Orchesters, weit ausladend, zum Tragen kommt und in einem wilden Crescendo der Schlaginstrumente kulminiert. Nur ein dumpfes Grollen bleibt, in das hinein die Zitate des „Stars Spangled Banner“ als Klangfetzen verstrickt sind. Diese Stimmung nimmt der „Trommler“ in sein Spiel auf, um die Botschaft vom nahenden Unheil als Warnung zu verkünden.

„Im Namen Gottes“ lässt durch die Gegensätzlichkeit der Ausdrucksformen, Streicher vs. Bläser, die Widersprüchlichkeit des Geschehenen erahnen, das in Vietnam von „Gottes eigenem Land“ ausging. Dem gegenüber stellen der Komponist und Arrangeur das Hoffen auf zukünftige Erkenntnis und vor allem menschliche Vernunft in einem hymnischen Schlusspart dar, der zudem, einer achtungsvollen Verbeugung gleich, die „Promenade“ von Mussorgski zitierend einschließt.

Als Zugabe darf sich der Hörer über eine effektvoll neu arrangierte Orchesterfassung „Planetenwind“ erfreuen, womit sich quasi der erfolgreiche Schaffensweg des experimentierfreudigen Komponisten WOLFGANG „Paule“ FUCHS noch einmal in dieser komprimierten Version spiegelt.

Wir als Hörer und Zuschauer werden im Heimkino noch einmal Zeuge eines überaus ungewöhnlichen Konzertereignisses und dürfen es genießen. Das Orchester stellt sich einer Herausforderung, die alles andere, nur nicht Alltagsgeschäft ist und bewältigt diese mit Bravour. Die „Gemälde einer Vernissage“ stellen in der dargebotenen Gesamtheit – Komposition, Arrangement, Thematik, Visualisierung plus Kollaboration mit dem elektronischen Instrumentarium – eine gelungene interaktive Performance dar. Dem Rezipienten bleibt die Wahl, in welchem Maße er sich der jeweiligen Komponenten bedient, um das Klangerlebnis für sich selbst zu komplettieren. Den Gemälden selbst kann man sich schon vorab oder auch hinterher widmen, man kann aber auch völlig auf sie verzichten und sich, mittels eigener Vorstellungsgabe, selbst Bilder im Kopf malen. Man wird, wie bei guter Kunst gewollt, auch zu Hause noch zum Akteur. Die Macher nehmen uns sehendes Auges mit, verstricken uns in Emotionen und sie beziehen uns dadurch in den klingenden multimedialen Prozess ein. Zu Hause hat man den Genuss noch einmal und, ganz nach Belieben, auch öfter. Experiment gelungen, Glückwunsch den Beteiligten und unbedingt weitersagen!

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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