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NAEHRING & ALTMANN am 23.10.14 live in Magdeburg

in Konzertberichte 2014 25.10.2014 20:03
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Naehring & Altmann – zwei ganz frei ( 23.10.2014 )

Fährt unsereiner heutzutage zu einem Konzert, vornehmlich eines von Künstlern aus den populären Musikbereichen, dann weiß er ziemlich genau, was er dort auf der Bühne, neben den Künstlern, noch alles erwarteten kann: Boxen als Back-Line aufgestellt, dicke Boxen an den Seiten, Mikrofone, Geräte, Kabel & Co. und einen Mixer im Raum sowieso. Ohne digitale Ausstattung keinen Ton, schon gar nicht Klang. So ist das nun einmal, denkt man sich, und diese Ausstattung macht ja auch einen Teil dessen aus, wenn uns alle so fasziniert. Doch manchmal sehne ich mich auch nach dem reinen, puren Klang von Instrumenten und nach Musikern, die mir beim Eintauchen in ihre Klangwelten alle Türen öffnen.

Wenn HERMANN NAEHRING sein ganzes Arsenal an Klanginstrumenten auf eine Bühne stellt, dann ist kaum noch Platz, irgendwo einen Fuß, geschweige denn eine Box, dazwischen zu stellen. „Ich kenne keinen in diesem Land“, sagt WARNFRIED ALTMANN, der Saxophonist und Komponist, in den wenigen Begrüßungsworten, der es versteht, mit einem solchen umfangreichen Arsenal an Klangerzeugern zu musizieren.“ Da sehen seine eigenen beiden Saxophone vor dem umfangreichen Perkussionsarsenal fast schon klein und verloren aus.
Die Musik von NAEHRING „verfolgt“ mich mein ganzes Leben hindurch, seitdem ich auf der dritten LP der Natschinski-Gruppe „Wir über uns“ (1972) seine „Trommelbüchse“ entdeckt hatte. Immer wieder einmal tauchte er kurz auf, um zum Beispiel mit seiner Solo-Scheibe „Großstadtkinder“ (1985) ein von Kritik und Publikum gleichermaßen hoch gelobtes Achtungszeichen zu setzen oder gemeinsam mit der Gruppe L’ART De PASSAGE im Wendejahr 1989 mit „Sehnsucht nach Veränderung“ das erfolgreichste Jazz-Album der DDR unter die Leute zu bringen. Inzwischen stehen bei mir mindestens zehn Platten im Regal, an denen NAEHRING beteiligt war. Doch ihn auf der Bühne zu erleben, wie er, oftmals mit ganz profanen Mitteln, eine Welt voller Klang eröffnet, in die hinein WARNFRIED ALTMANN mit seinem Saxophon, je nach Stimmung, zarte oder auch schräge Farbtupfer und Melodiefolgen einbettet oder improvisiert, das erst ist für mich der eigentliche Genuss, seine Musik zu hören.

Das Konzert beginnt fast unmerklich. Leise und behutsam klingt es aus dem Hintergrund nach vorn. Verschiedene Becken und Gongs beginnen zu vibrieren und ganz allmählich steigert der Musiker die Intensität. Die Klänge werden lauter, das Metall und die Felle werden jetzt kräftig bearbeitet und der Klang des Saxophons schwebt darin, einem warmen Glanz vergleichbar. Als die Spannung, wie bei einem „Choral“ ihren Höhepunkt erreicht, ist nach einem Break wieder für einen Moment Stille im Raum, ehe der erste Beifall aufbrandet. Dieses Wechselspiel der Spannungen werden wir an diesem Abend, hier in der Alten Feuerwache von Magdeburg, noch öfter erleben.

Eines seiner Markenzeichen ist NAEHRING’s Spiel mit der großen japanischen Trommel, der Taiko. Vor dem wuchtigen Instrument sitzend, trommelt er aus dem Korpus beinahe zärtlich anmutende Töne heraus, die sich nach und nach zu einem gewaltigen Wirbel ausweiten. Der ganze Raum scheint dann zu vibrieren und die druckvollen Klänge landen direkt in meinem Bauch. In diese, scheinbar ziellosen Wirbel, taucht ALTMANN mit seinem Saxophonspiel ein und staunend merke ich, wie sich aus dem Zusammenspiel melodische Tonfolgen entwickeln, denen der Saxophonist, frei improvisierend, ganz unterschiedliche Stimmungen gibt, die letztlich, immer höher werdend, fast schon in einem Schrei zu enden scheinen. Das ist einfach nur faszinierend und immer wieder ein Erlebnis. Alles sieht so herrlich leicht und verspielt aus und dennoch weiß ich, dass da eine Unmenge an Übung und Können dahinter versteckt sein muss. Später werden wir am gleichen Instrument ein Stück Jazz-Improvisation mit dem Titel „Shinto“ erleben und wieder werden die wuchtigen Trommelschläge einen kleinen Orkan im Raum entfachen.

Auf der anderen Bühnenseite steht noch so ein „Wunderding“. Das Marimbaphon mit seinen vielen Holzplatten, die wie bei einer Klaviatur angeordnet sind, ist ein weiteres Markenzeichen für die Musik von HERMANN NAEHRING. Spätestens jetzt, wenn er die vier Stöcke mit kleinen Filzkugeln am Ende, langsam über die Platten gleiten lässt, ahnt man ein wenig von der hohen Kunst, so ein Instrument spielen und beherrschen zu können. Da stehen sich beide Musikanten gegenüber, nur durch dieses hölzerne „Klopfbrett“ getrennt, und beginnen sich Melodiefacetten zuzuspielen und staunend stellt der Laise dann fest, wie daraus eine bekannte Melodie entsteht. Jeder hat sie schon gehört, jeder kennt sie und doch erfahre ich erst nach dem Konzert, dass dieser Jazz-Standard „Black Orpheus“ heißt. Wieder etwas gelernt und eine andere Version gehört!

Wer meint, die Musik von Schlaginstrumenten und Saxophon müsse zwangsläufig laut sein, wird sich überrascht finden. Beinahe zärtlich haucht WARNFRIED ALTMANN ein „Preludium“ von J.S. Bach, vom Meister für ein Cello geschrieben, in sein Saxophon. Die schöne Melodie gleitet nahezu elegisch durch den Raum, denn der Musiker lässt sie sich ausschwingen und voll entfalten. Hinter einem indischen Tonkrug sitzend, den er rhythmisch mit den Handflächen bearbeitet, nimmt HERMANN NAEHRING die Melodie auf und lässt Bach, welch irrwitzige Vorstellung, auf hohlem Ton weiter klingen. Nach einem kurzen und schnellen Rhythmus-Intermezzo hat der Spaß ein Ende und wir im Saal unser Vergnügen am Spiel der Beiden. Im zweiten Teil des Konzertabends werden wir erleben, wie eine „Sarabande“ von G.F. Händel am Marimbaphon in ähnlich zauberhafter Weise entsteht, das Saxophon mit ihr zu spielen beginnt und es sich in freier Improvisation wieder teilweise auflöst, um am Ende doch wieder in voller Kompaktheit zu klingen. Man muss schon selbst erleben, welches Vergnügen beide Musiker dabei haben und wie sich der Spaß auf ihr Publikum überträgt.

Sicher ist es normal, dass man über die klangliche Vielfalt und Wirkung der japanischen Taiko staunt und den Klang des eindrucksvollen Marimbaphons genießt, jedoch sind die eigentlichen Hingucker die unscheinbaren Klangerzeuger. Unter den Händen von HERMANN NAEHRING erzeugen Klangschalen schwirrendes Rauschen und ein Geigenbogen bringt gar eine Trommel zum Singen. Wenn sich dann die schwirrenden und zirpenden Klänge zart vereinen, meint man für einen Moment, im Konzert bei Tangerine Dream zu sein. In die knisternde Atmosphäre hinein lauschen wir den leisen Tönen, die beide nach und nach mit weiteren Facetten ergänzen. Irgendwann entdeckt man dann, wenn sich die Lust zum Improvisieren austobt, mittendrin einen Jazz-Standard wie „Take Five“ oder man meint, aus dem Saxophon eine Melodie wie bei einem orientalischen Schlangenbeschwörer herauszuhören.

Beide Musiker kennen sich schon viele Jahre, sind bestens aufeinander eingespielt und verstehen sich auf der Bühne nahezu blind. Der Titel über dem Programm „Zwei und frei“ versucht, dies einzufangen. Beide bewegen sich musikalisch völlig frei, die Grenzen von Jazz und die Klammern der Klassik lösen sie in ihrem Spiel auf, sie lassen Vokalisen und Töne ineinander gleiten und verschmelzen sie mittels Rhythmik und Klang. Ihre Lust am Spiel überträgt sich unweigerlich als Genuss beim Hören auf ihre Gäste und die Zuhörer. Besseres kann Musikern und Besuchern nicht widerfahren, als reichlich zwei Stunden einmal nur die puren Klänge zu erleben, das leise Vibrieren der Pausen zu genießen und in einem Break, jemanden passend dazu, niesen zu hören. Da musste ich still in mich hinein lachen und die im Saal hielten für einen Moment den Atem an - die Welt ist Klang, gleich woher er kommt.

Dieses zwanglose Miteinander zu erleben, macht die Sinne wieder frei, vielleicht am Tag danach die Klänge in der Natur für sich neu zu entdecken. Jedenfalls geht es mir gerade wieder so und das habe ich zwei Musikern zu verdanken, die frei und zwanglos genug sind, ein wenig anders – aber eigentlich völlig normal – die Klänge dieser Welt in sich aufzusaugen und neu zu interpretieren. Man sollte mehr Mut aufbringen, denke ich mir, auch einmal neben der „normalen“ Spur andere Klänge zu entdecken, um seinen eigenen Orientierungssinn für gute Musik wieder neu zu justieren. NAEHRING & ALTMANN wären dann ganz sicher eine gute Adresse und mein „Geheimtipp“ für Neugierige.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 10.11.2014 05:13 | nach oben springen

#2

RE: NAEHRING & ALTMANN am 23.10.14 live in Magdeburg

in Konzertberichte 2014 26.10.2014 18:57
von Drachenuli | 706 Beiträge | 1517 Punkte

Ich habe Hermann Naehring ca. 1981 mal live in Leipzig erlebt, war auch zu tiefst beeindruckt. Den Namen hatte ich schon fast wieder vergessen, bis ich von Dir, wieder drauf gestossen wurde.
Würde ich auch gerne mal wieder erleben.
Uli.

zuletzt bearbeitet 10.11.2014 05:13 | nach oben springen


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