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LEONARD COHEN ZUM 80. GEBURTSTAG

in Bands, Musiker, Musikstile 21.09.2014 09:38
von HH aus EE | 822 Beiträge | 2006 Punkte

Lieder in Zeitlupe - Leonard Cohen zum 80. Geburtstag (21.09.2014)

Auf meinem Plattenteller dreht sich eine Schallplatte, eine Vinylscheibe. Das Cover in einem blauen Touch mit weißen Konturen darauf, die zwei Gesichter hervortreten lassen. Die Nadel senkt sich und die ersten Töne erklingen. Mein Ohr schmeichelt eine zarte Frauenstimme, die vom „geheimen Leben“ singt und dann plötzlich, mindestens zwei Oktaven tiefer, haucht eine intensive, ruhige und in einem sonoren Timbre vorgetragene Quintessenz von Stimme die Weisheit von Lebensdekaden in den Raum. Hier zelebriert der Meister der stimmlichen Zeitlupe, LEONARD COHEN, eines von seinen „zehn neuen Liedern“ (2001). Noch immer bekomme ich Gänsehaut, egal ob er vom „Vogel auf dem Draht“ oder von „Tausend Küsse tief“ singt. Es haut mich immer noch um, der Musik wegen und wegen der leisen Gewalt seiner Worte.

Als ich im Jahre 1968, das Abitur gerade erst in der Tasche, zur Fahne eingezogen wurde, hatte mich sein „So long, Marianne“ über eine verloren geglaubte große Liebe hinweg getröstet. Es war auch das erste Mal, dass ich ihn singen hörte und mir war, als könne dieser Sänger unheimlich tief in mein Herz hinein schauen. Das Gefühl, verstanden und mitgenommen zu werden, haben mir seine Lieder immer wieder und in den unterschiedlichsten Situationen meines Lebens geschenkt. Je mehr ich von deren Inhalten zu verstehen meinte, desto faszinierender wurde die Songwelt des COHEN für mich und die Neugier wuchs.

Die „Songs Of Leonard Cohen“ waren auch die erste Langrille, die ich Anfang der 1970er Jahre auf den Plattenteller legen und hören konnte. Nun erzählte diese unheimliche Stimme in meinem Zimmer und glockenhelle Frauenstimmen füllten dazu den Hintergrund aus und die Pausen, die er bewusst schwingen lässt. Dieses Stück Melancholie, Weltschmerz und eingefangener Zeitgeist ist mit dem Lied von „Suzanne“, dem über „Marianne“ und den „Sisters Of Mercy“ (Schwestern der Barmherzigkeit) ein Spiegelbild mancher Sehnsüchte geworden und gleichzeitig sein Einstieg in die Pop- und Rockwelt. Von da an setzt er seine Maßstäbe und schenkt der Welt immer wieder neue faszinierende Texte, in traumhafte Melodien für die Ewigkeit gegossen. Dabei meint er sicher nicht alles so tierisch ernst, wie es so mancher aus seinen Worten interpretiert. Mir kommt er inzwischen vor, wie einer, der auf der Suche ist und die anderen mittels seiner Lieder daran teilhaben lässt. Dann präsentiert er dem Hörer Fragen und Gedanken, die Antworten kann er selbst finden, muss er aber nicht. Dass er dabei seine Worte zu Bildern werden lassen kann, ist wohl die eigentliche Kunst des Kanadiers, der zunächst ein Schriftsteller werden wollte und dies auch mit u.a. „Beautiful Loosers“ (1966) erfolgreich unter Beweis stellt. Seine Lieder sollten ihm die Freiheit bringen, sich als Schriftsteller betätigen zu können. Doch wie das so manchmal ist im Leben, hat auch ihn der Erfolg, seine Lieder selbst zu singen, spätestens seit seinem Auftritt beim Newport Folk Festival 1967 in eine andere Richtung gelenkt. Zum Glück für uns alle.

Von diesen Erfolgen künden all seine Platten, bis einschließlich „Death Of A Ladies Man“, die er in den 1970er Jahren veröffentlicht. Sie dokumentieren außerdem seine Suche nach Ausdrucksformen, nach Möglichkeiten und neuen Anregungen. Erst mit „Recent Songs“ (1979) kehrt er wieder vorsichtig zu seinen Wurzeln und damit zu Folkeinflüssen zurück. Auf dieser Platte finden sich zwar keine Songs, die ein großer Hit hätten werden können, dafür ist die Scheibe in jeder Hinsicht künstlerisch vollendet und sie enthält mit „The Lost Canadian“ gar einen Song, der zweisprachig gesungen, tief in die Seele des Künstlers COHEN blicken lässt. Mit dem Folgealbum „Various Positions“ setzt er noch einen drauf. Im Spannungsfeld zwischen Selbstironie, man bewundere „Hallelujah“, und einem Hauch von Humor, zu entdecken in „The Captain“, ist ein abwechslungsreiches und stilvolles Album entstanden, das ich bis heute immer wieder gern höre.
Wenig später, im Jahre 1992, kann man auf seinem Album „The Future“ (Die Zukunft) gar miterleben, dass LEONARD COHEN die überschwängliche Begeisterung und den Freudentaumel nach dem Fall der Berliner Mauer ganz und gar nicht teilen möchte, ja sogar mit bitteren Worten begleitet: „Don’t dwell on what has passed away or what is yet to be. The wars they will be fought again.“ „Klebe nicht an dem, was vorüber ist oder was die Zukunft bringen mag. Es wird wieder Kriege geben.“, hört man ihn im hymnischen „Anthem“ singen. Fast möchte man über die Weitsicht eines weisen Mannes ins Heute erschrecken, ist sie doch so unheimlich gegenwärtig. Das hat wohl LEONARD COHEN auch so gesehen und so ist es dann auch folgerichtig, dass sich der Sänger in den darauffolgenden Jahren sogar in ein Kloster, und damit von der Welt, zurückzieht.

Doch knappe zehn Jahre später ist er mit eingangs beschriebenen „Ten New Songs“ wieder da, so als wäre er nie weg gewesen. Nur klingen seine Lieder jetzt noch entspannter, so als wären sie wie Wein, irgendwo in Abgeschiedenheit liegend, reif geworden. Niemals zuvor klang seine Stimme so brüchig und wiederum zart. Das Album fließt wie süßer schwerer Wein in die Sinne und wirkt dort, zumindest bei mir, wohlig und betörend. Beim Hören habe ich mir damals gewünscht, dies möge bitte nicht sein finales Alterswerk bleiben, denn von der Sorte Lieder kann die Menschheit durchaus noch ein einige mehr vertragen.
Mein Wunsch ist vom Meister erhört worden und 2012 kam er mit „Alten Ideen“, aber neuen Liedern. Es ist die Liedersammlung in Slow Motion und voller Entschleunigung inmitten einer hektisch flachen Popmusik-Welt und genau das macht diese Musik so herausragend. Ich glaube inzwischen, für einige Dinge im Leben muss man erst einmal einiges gesehen, gehört und erlebt haben, um sie formulieren, formen und dann auch noch loslassen zu können. Wie zur Bestätigung dieser Erkenntnis, beschenkt er uns nun zu seinem 80. Geburtstag mit „Popular Problems“, hypnotisiert er seine Fans mit entrückter Schlichtheit in Blues und kniet sowohl symbolisch, als auch in Konzerten, vor den Menschen nieder. Das hat COHEN Gott voraus!

Fast nebenbei sei erwähnt, dass ungezählte Künstler weltweit den Kanadier ihr Vorbild nennen oder ihm Referenz erweisen, indem sie sich seiner Lieder annehmen, um sie neu zu interpretieren. Für ein ganzes Album gar hat sich JENNIFER WARNES, die eine enge Freundschaft mit dem Grandseigneur aus Kanada verbindet, einige seiner Lieder ausgesucht. Im Nachhinein gilt „Famous Blue Raincoat“ von 1986 mit seiner großen Bandbreite an unterschiedlichen Stimmungen, man genieße das grandiose a capella – Stück „A Singer Must Die“, als ihr persönliches Meisterwerk. Doch auch jüngere Künstler Kanadas, wie etwa SERENA RYDER, wagen sich an COHEN und schaffen es den „Sisters Of Mercy“, vom Album „If Your Memory Serves You Well“ (2006), frischen Glanz zu verleihen.

Einstmals sangen Simon & Garfunkel „I am a rock, I am an Island“. Der Sänger und Dichter LEONARD COHEN ist mit seinen nunmehr 80 Lenzen dieser Fels in der Brandung, an dem man sich, manchmal müde geworden von der täglichen Dauerberieselung durch die Medien, orientieren kann, der einem festen Halt gibt. Dazu braucht es keiner salbungsvollen Reden oder großen Gesten. Es genügen einige wenige Töne eines vom Alter leicht gebeugten Mannes im feinen Anzug und mit Hut. Ihm würde ich wirklich gern meine Reverenz erweisen, mit dem Typ, dessen Lieder ein Teil meiner Seele geworden sind, möchte ich sehr gern alt werden „Almost Like The Blues“.


Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
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#2

RE: LEONARD COHEN ZUM 80. GEBURTSTAG

in Bands, Musiker, Musikstile 23.09.2014 11:05
von Kundi | 1.862 Beiträge | 4277 Punkte

Eigentlich weiß ich viel zu wenig über LEONARD COHEN. Deshalb habe ich Deine Zeilen auch mit besonderen Interesse gelesen.
Natürlich kennt man viele seiner Lieder, allen voran " „Hallelujah“ und "The Captain". Es ist unbestritten, dass er ein ganz großartiger Künstler ist.
Ich persönlich verbinde mit COHEN aber besonders "The Partisan". Auch wenn das Lied nicht von ihm selbst ist und aus der Zeit des 2.WK stammt, ist es für mich ein sehr emontionales Lied. Es geht zu Herzen und ist ein meiner Meinung nach sehr ergreifendes Anti-Kriegs-Lied und ein Bekenntnis zur Freiheit.

"Der Wind, der Wind weht.
Er weht über die Gräber.
Die Freiheit wird bald kommen,
dann werden wir aus dem Schatten treten"

DANKE für Deine Geburtstags-Laudatio, lieber Hartmut.


Gruß Kundi


zuletzt bearbeitet 23.09.2014 11:31 | nach oben springen


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