#1

Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 13.09.2014 10:43
von PMausM | 1.524 Beiträge | 3211 Punkte

Ja, ihr habt richtig gelesen, es ist jetzt der offizielle "Sprachgebrauch" sie sind wieder Stern Meissen. Jedenfalls sagte das Martin Schreier immer so an.
Was vor 50 Jahren in Meißen mit einer Mugge von ganz jungen Spunden für Senioren in einer Gartenkneipe begonnen hatte, bespaßt immer noch lautstark die Bühnen dieses Landstrichs.
Gestern wurde dieses Jubiläum im Theater Meißen begangen und ich werde mal kurz und knapp drüber berichten.

Die Karten für dieses Konzi waren seit einem halben Jahr ausverkauft. Der Manager, Herr Seidel, bemerkte angesichts eines einzigen freien Platzes im Theater, dieser müsste mit Goldstaub aufgewogen werden.
Es war eine der schönsten Muggen, die ich seit langem erlebt habe. Den Sternen ist es sehr gut gelungen, unsentimental 50 Jahre Revue passieren zu lassen und trotzdem die Zuschauer zu bewegen.
Die Veranstaltung begann um 19.30 Uhr mit Filmchen vom Geschehen der letzten Jahrzehnte. Es wurden alle Besetzungen gezeigt und an viele schöne Jahre erinnert. Manche Aufnahmen hatte ich noch nie gesehen.
Detlef Seidel begrüßte etliche Musiker aus der Urbesetzung, mir selbst ist davon nur Norbert Jäger bekannt, mit dem ich einige Sätzchen wechseln durfte. Der Manager erinnerte mit seiner Rede an all die Musiker, die in den 50 Jahren bei Stern gespielt haben. Es waren 50 Musiker in 50 Jahren. Das ist wirklich rekordverdächtig. Etliche davon weilen nicht mehr unter uns. Oft wurde an Thomas Kurzhals erinnert, sein Ableben war ein schwerer Schlag für die Band. Sein Erbe halten sie hoch, das war in Meißen deutlich zu spüren.

Zu einem Geburtstag gehören natürlich Gratulanten. Den Reigen eröffnete Karussell, eine Band die Stern Meissen traditionell verbunden ist.
Mit ihren alten Songs verstanden sie, zu begeistern. Die nächsten Geburtstagsgäste waren der "Kleine Sachsendreier". Werther Lohse, Stefan Trepte und Andreas Leuschner. Es ging Richtung Süden und man sah in die Kerzen und zählte die Jahre. "Mein Herz soll ein Wasser sein" durfte natürlich nicht fehlen.

Im Vorfeld hatten wir schon gerätselt, ob Reinhard Fißler dabei sein würde. Große Freude, als er mit seinem Pflegebett auf die Bühne geschoben wurde. Sofort standen allen Leute auf und bezeugten so ihren Respekt.
Meinen hat er sowieso. Man kann sich medienwirksam einen Eimer Wasser über den Kopf schütten, das ist Geschmackssache. Man kann aber auch mit so einer schweren Krankheit Präsenz in der Öffentlichkeit zeigen. Da erkennen wesentlich mehr Menschen, was das für eine übelste Krankheit ALS ist und dass es dringend notwendig ist, die Forschung zu intensivieren. Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, diese Eisaktion hat viel Geld für den Kampf gegen diese Krankheit eingebracht und das ist gut so. Als Reinhard zu den Besuchern zu sprechen begann, mussten viele heulen. Es war sehr bewegend. Als er bemerkte, dieser Schlauch hängt mir echt zum Halse raus, gab es viel Beifall, Reini hat seinen Humor nicht verloren.
Aber echt heftig wurde es, als Reinhard Fißler einige Zeilen aus "Die Sage" sang. Das kam ganz klar und deutlich rüber. Der kleine Sachsendreier unterstützte ihn dann. Leider habe ich vieles von dem, was Reinhard gesagt hat, nicht verstanden. War schwierig mit dem Mikro. Ich wüsste es gern.
Nach einer Umbaupause, die sich die Fans mit dem Austausch über allseits interessierende Fragen vertrieben haben, ging es los mit dem Jubiläumskonzert der Sterne.
Es gab aus allen Epochen Lieder. Ich kann und will sie nicht alle aufzählen. Das Highlight für meinen Mann und mich war eindeutig der "Bolero". Diese Klassikanleihen mögen wir besonders.
Sehr schön war die Lichtshow und ein glasklarer Sound. Ein Genuss für die Liebhaber der Band. Es war sowieso eine ganz eigene und einmalige Atmosphäre im Theater. Man hatte das Gefühl, genau dich meinen sie. Das hat man bei größeren Locationen nicht so.

Es gab sogar eine Uraufführung. Gemeinsam mit Thomas Kurzhals hatte Manuel einen Blues geschrieben. Dem Text nach ist es das Vermächtnis von Thomas, ganz genial gemacht.

Die Stern Combo hat den Ruf, immer auf dem neusten Stand der Technik zu sein. Aber genau an ihrem Geburtstag schlug die Defekthexe zu. Ein Teil, was beim Keyboard für den Sound zuständig ist, machte die Hufe hoch und war nicht wieder zum Leben zu erwecken. Auch eine Pause konnte daran nichts ändern. Das machte einen Umbau im Programm erforderlich und demonstrierte nebenbei die Flexibilität der Band.

Also mir hat nichts gefehlt, aber ich bin auch keine Expertin. Als Zugabe wurden die Titel der 80ziger Jahre gespielt. Unterstützt wurden die Sterne dabei von dem ehemaligen Bandmitglied Michael Lehrmann. 80ziger gehen schlecht ohne Gitarre und dann kam sogar noch der Tontechniker Rene dazu, der auch ein sehr guter Gitarrist ist und auch zu normalen Konzerten mit auf die Bühne kommt.

Ein absoluter Glücksfall für die Band ist der Manuel Schmid. Er bringt jugendlichen Schwung rein und ist auch musikalisch der Macher. Das ganze Theater zeigte vollsten Einsatz, als Manuel wünschte, man solle mit singen.

Erst gegen 0.30 Uhr war Schluss. Der Ausblick ist erfreulich und beinhaltet drei Dinge: 1. Nächstes Jahr wird um die gleiche Zeit wieder im Theater in Meissen gespielt. 2. Am Donnerstag nächster Woche funkeln die Sterne bei "Hier ab 4" im MDR. 3. Nach 50 Jahren haben sie es geschafft, sie dürfen mal im Westen spielen.
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zuletzt bearbeitet 13.09.2014 11:26 | nach oben springen

#2

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 13.09.2014 11:07
von PMausM | 1.524 Beiträge | 3211 Punkte

Ich weiß, scharf ist was anderes, aber ich mache nur Erinnerungsfotos mit einer einfachen Knipskiste und bleibe dabei brav auf meinem Hintern sitzen. *g*

Angefügte Bilder:

zuletzt bearbeitet 13.09.2014 11:11 | nach oben springen

#3

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 13.09.2014 14:29
von kuehnkerstin | 30 Beiträge | 76 Punkte

Danke Petra, für die tollen Worte und die beeindruckenden Impressionen. ;)

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#4

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 14.09.2014 19:55
von PMausM | 1.524 Beiträge | 3211 Punkte

Mit freundlicher Genehmigung hier noch ein kleines Filmchen - Eine Nacht...


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#5

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 15.09.2014 20:01
von Holger | 196 Beiträge | 541 Punkte

Ja, Petra hat das Konzert ganz toll beschrieben, dem bleibt eigentlich nichts hinzuzufügen. Es war ein sehr denkwürdiger und emotionaler Abend im wunderschön wiederhergestellten ( nach wiederholtem Elbeflutschaden im letzten Jahr) Theater in Meissen. Ein paar Bilder haben wir auch noch.





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#6

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 15.09.2014 20:25
von Peggy | 320 Beiträge | 669 Punkte

Der lupenreine, glasklare Klang Deiner Videos fasziniert mich immer wieder, ganz genau so wie Dein sehr bewegender Bericht über diesen denkwürdigen Sterne-Abend! Herzlichen Dank, liebe Petra!


"Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse ..."

https://www.facebook.com/peggy.jacob.391?ref=tn_tnmn
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#7

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 16.09.2014 14:17
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

Jubiläumskonzert „50 Jahre“ der Sterne von Meissen (12./13.09.2014)

Heute vor 50 Jahren war ich knapp 15 Jahre alt. Mein täglicher Schulweg führte mich in die EOS an der Schwarzen Elster in meiner Heimatstadt, wo die Klassenkameraden einer 9. Klasse mit mir die Schulbank drückten. Die Freizeit nutzten wir, um ins Kino zu gehen, in der „Quelle“ Billard zu spielen oder über die neuesten Hits von den Beatles, den Rolling Stones oder den Small Faces zu quatschen. An den Wochenenden fanden wir uns beim Jugendtanz im Gesellschaftshaus Hoppenz wieder, wo die Bands aus Dresden, Leipzig und Berlin auf der Bühne die Musik aus dem (West)Radio nachspielten. In jenem Jahr 1964 lief auch der erste Trabant 601 in Zwickau aus der Werkhalle und im nahe gelegenen Meissen übernahmen ein paar junge und musikbegeisterte Männer den Namen einer ausgedienten Tanzkapelle, um als STERN COMBO MEISSEN sowie mit Gitarren, Bass und Schlagzeug die Beat-Musik unserer westlichen Idole nachzuspielen. Zu deren Klängen haben wir in Elsterwerda getanzt.

Schlappe 50 Jahre später fahre ich, wenn auch nicht mit einem Trabbi, doch nun mit knapp 65 Lenzen wieder zur STERN COMBO MEISSEN an die Elbe. Diese Band gibt es noch immer und von damals sind immerhin der Bandleader MARTIN SCHREIER und der Manager DETLEF SEIDEL dabei. Mit ihm hatte ich noch wenige Tage zuvor telefoniert und so ganz nebenbei hatte er bemerkt, dass ich ja nun auch bald im Rentenalter sein müsse. Da fahre ich wohl einem Treffen von lauter „alten Säcken“ entgegen, die der Rock’n’Roll über 50 Jahre im Herzen jung erhalten hat. Bin ganz schön neugierig, wer mir dort in den nächsten Stunden vielleicht über den Weg laufen wird.

Das kleine Theater befindet sich inmitten der Altstadt, eingeklemmt zwischen Bürgerhäusern und zu Fuße der Albrechtsburg. Käme man als Unkundiger von hinten an das Gebäude heran, könnte man glattweg daran vorüber laufen, ohne den Bau wirklich als ein Theater wahrzunehmen. Man muss schon von vorn kommen und direkt vor dem Eingangsportal stehen. Dann fällt jedem Besucher der liebevoll und auffallend gestaltete Eingangsbereich sofort auf und man spürt, der Anlass hat sich ohne Zweifel den richtigen Ort zum Feiern ausgesucht und jeder, der hier durch die engen Gassen pilgert, kann davon erfahren, ob er nun deutsch, tschechisch oder englisch spricht. Ein jeder kann lesen, dass hinter diesen Mauern das Jubiläumskonzert „50 Jahre STERN COMBO MEISSEN“ gefeiert wird und genau dort gehe ich, nicht zum ersten Mal, hinein. Wer hier allerdings noch kurzfristig hoffte, eine der Karten zu bekommen, der hatte, um im Bild zu bleiben, schlechte Karten. Die Spielstätte ist seit Wochen ausverkauft, denn viele Fans fiebern genau so lange dem Ereignis entgegen und sie kommen wirklich von ziemlich weit her: Gera, Haldensleben, Berlin, aus dem Harz oder dem Erzgebirge. Es ist schön, deren Gesichter hier zu entdecken oder von ihnen in der Menge entdeckt zu werden. Auf diese Weise stellt sich unweigerlich Feierstimmung ein.

Während wir alle nach und nach unsere Plätze einnehmen, laufen Filmsequenzen aus 50 Lebensjahren der Rockband über eine Leinewand. Vieles davon war vor Jahren einmal über den Schirm geflimmert, doch manches war auch völlig neu und bei einigen der gezeigten Aufnahmen war ich sogar live dabei. Ohne es als Beginn wahrzunehmen, sind wir auf diese Weise schon mittendrin im Geschehen und als dann DETLEF SEIDEL, der Mann im Hintergrund, der Bandgeschichte mit ausgesprochenen Namen von über 50 Musikern, die irgendwann einmal in der Band aktiv waren, jeweils ein Gesicht zuordnete, wurde auch dem letzten im Saal wieder klar, was für eine monumentale Lebensleistung in der Musik und Geschichte der Band manifestiert ist. Allein die Namen derer noch einmal zu hören, die heute den Sound anderer Größen prägen, löst leises Staunen aus und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die Combo aus Meissen eine wichtige Drehscheibe im turbulenten Rockzirkus der DDR darstellte. Rechts vor mir sitzen BERND FIEDLER und NOBERT JÄGER und links HENNING PROTZMANN. Andere werden später auf der Bühne zu sehen sein. Mit warmen Worten erinnert DETLEF SEIDEL an all jene Musiker, die nicht mehr unter uns weilen und in besonderer Weise an THOMAS KURZHALS, der in den 1970er Jahren das einzigartige Profil der Band formte und mit ihr ausgestaltete.

Wenn jemand seinen Geburtstag feiert, noch dazu einen runden, dann lädt er sich Gäste und die sind, von den vielen Fans einmal abgesehen, zahlreich erschienen. Das erste musikalische Ständchen aber, bestehend aus einem „Reigen eigener Volkslieder“ singt uns allen die Gruppe KARUSSELL. Klingende Perlen, wie das vom „kleinen Fischlein unterm Eis“, oder jenes von einem „der fort ging, als die Straße steil war“, gehören ebenso zu unserem Leben, wie „Die Sage“ der Sterne. Die Herren RASCHKE Senior und OSCHECK, die sächsische Nachtigal“ bescheren uns die ersten Gänsehautmomente. Ganz für mich allein stelle ich fest, dass der „singende Huth“ von Jahr zur Jahr besser trällert, seine Stimme klarer und heller als je zuvor die alten Nummern meistert. Klasse Oschek!

Mit zauberhaften Liedern wissen auch die drei Herren vom „Kleinen Sachsendreier“ zu überzeugen. Wenn WERTHER LOHSE und STEPHAN TREPTE mit dem Fundus von LIFT, REFORM und ELECTRA wuchern, bleibt beim Erzählen kein Auge trocken. Wenn sie im Trio mit ANDREAS LEUSCHNER vom „Herz, das ein Wasser sein soll“ singen, werden viele Erinnerungen wach und bei „Seh in die Kerzen“ leuchten viele Augen im Saal, als wäre es schon Weihnachten. Das Lied singt von Freunden, die man im Leben traf, mit denen man ein Stück gemeinsam ging und einer dieser Freunde ist ganz sicher der ehemalige Sänger der Combo aus Meissen, REINHARD „Reini“ FIßLER.

Wenn alle im Saal wie ein einziger Mann aufstehen, wenn es plötzlich ganz komisch still wird, obwohl der Beifall aufbrandet, wenn stämmige Kerle feuchte Augen bekommen und selbst die Musiker auf der Bühne um Fassung ringen, dann muss etwas ganz Besonderes geschehen. Ein einfacher Mensch ist das Besondere. Ein Musiker, der schon mit seinen Liedern zu begeistern wusste, nun aber seit vielen Jahren mit seiner einzigartig ehrlichen Einstellung zum Leben, sich gegen die Krankheit ALS stemmt und dem scheinbar nahen Tod trotzt. Das ringt mir mehr Respekt und Hochachtung ab, als jede noch so skurrile Show via Gesichtsbuch. Da vorn im Kegel des Spots liegt, für alle sichtbar, das Gesicht mit den lebendigen blauen Augen von REINHARD FIßLER und der wünscht sich, gewendet zu werden, um auch denen auf der andere Seite in deren Augen sehen zu können. REINHARD spricht zu uns, meckert über den „Schlauch, der ihm seit langem zu Hals heraus hängt“ und die meisten ahnen wohl nur, was er uns allen zu sagen hat. Mir hat er gesagt, dieses schöne Leben zu lieben, sich an ihm zu erfreuen, aber auch aufzupassen, dass es uns nicht schon wieder von ein paar Wahnsinnigen vergällt wird. Sagt es mit kratziger, undeutlicher Stimme und beginnt dann leise, für uns „Die Sage“ zu singen. Da konnte auch ich meine Tränen nicht mehr länger halten. DANKE, lieber Rein, die bist ein großartiger Kämpfer und einer, obwohl liegend, an dem man sich in schwachen Stunden wieder neu aufrichten kann. Die nachfolgende Pause brauchten danach sicher alle, um ihre Emotionen wieder in den Griff bekommen.

Das eigentliche Jubiläumskonzert beginnt zu vorgerückter Stunde. Es liegt eine knisternde Spannung in der Luft, als sich vor dem Blau der Bühne die Silhouette der Band abzeichnet und mit glasklarem Sound zwei und eine halbe Stunde geballte musikalische Power STERN MEISSEN, quer durch die fünf Jahrzehnte, zu rocken beginnen. Genau so lange braucht es, um einige glänzende Musikperlen einer beeindruckenden Bandkarriere zu präsentieren und, welch Überraschung, einige „große Brocken“, wie den „Frühling“ nach Vivaldi oder „Das weiße Gold“ von THOMAS KURZHALS wenigstens anzudeuten. Für jeden und von jeder Epoche ist etwas dabei und von Mal zu Mal ist auch eine Steigerung drin. Kaum zu glauben, welche musikalische Vielfalt einen einzigen Sound prägen können. Die leise und einfühlsame Ballade erklingt ebenso, wie der brachiale Rocker aus den Boxen kracht. Doch ein Stück des Abends hat es mir besonders angetan und so sitze ich, gleich all den anderen, wie ein Mäuschen und erlebe einen zauberhaft arrangierten und gespielten „Bolero“ nach Ravel, der von einem Rausch der Farben auch für die Augen faszinierend in Szene gesetzt wird. Das Stück dehnt sich, gleich einem orgiastischem Liebesspiel über Minuten dahin und entlässt jeden der Zuhörer irgendwie in eine andere Dimension des Seins. Männer – der blanke Wahnsinn und STERN MEISSEN in absoluter Höchstform!

Was wären 50 Jahre STERN COMBO MEISSEN ohne die netten Zwischenfälle, die das Musikerleben so interessant und abwechslungsreich machen? Ich jedenfalls hätte diesen „technischen Defekt“ nicht einmal bemerkt, wenn ihn Martin nicht formuliert und die Techniker nicht gesucht hätten. Die Suche wäre dramaturgisch sogar noch verwertbar geworden, hätte jemand einen rauchenden Lötkolben auf die Bühne gebracht. Stimmungsabbruch? Fehlanzeige! Die große Feier geht danach einfach weiter und MANUEL SCHMID beweist spielerisch, dass er auch ohne die nun fehlende „Maschine“ ein Gewinn für die Band und ein Meister seines Faches ist. Ein Glücksgriff hin oder Fügung her – der Mann ist längst integriert und die STERN COMBO MEISSEN, wieder einmal, bei sich selbst angekommen. Die Sterne spielen den Abend aus einem Guss, stellen locker und flockig die Set-List immer wieder um, haben sichtbar Spaß an ihrem Tun und reißen jeden in ihrer Begeisterung mit. Die Combo rockt die Hütte, inzwischen mit MICHAEL LEHRMANN, einen ehemaligen Gitarre als Gast, und im Saal brennt die Luft, die zum Schneiden dick geworden ist, während die Kulthits aus den 1980er Jahren heiß abgefackelt werden.

Bleibt zu erwähnen, dass mit „Kein einziges Wort“ ein neues Stück von neuer CD live gespielt wird und wir mit dem „Lebensblues“ sogar eine Uraufführung erleben. Dieses kleine Lied, so scheint es mir, ist wohl so etwas wie „das Wort auf den Weg“ des Komponisten THOMAS KUZRHALS, das gemeinsam mit Manuel entstanden ist und zaghaft andeutet, was die beiden gemeinsam hätten anstellen können. Doch ohnehin sind große Teile des Konzertabends vom Schaffen des „Kurzen“ geprägt und das wird ganz sicher auch in Zukunft nicht anders sein.
Als der Abend sein Ende erreicht, bin auch ich fertig. Eigentlich sollte ich jetzt mit Freunden, Fans und den Musikern weiter feiern und vielleicht auch in Erinnerungen schwelgen. Ich habe mir die „Party nach der Show“ verkniffen. Stattdessen bin ich ein wenig über einsame nächtliche Landstraßen einer süßen Schwere im Bett entgegen geirrt, um am Morgen danach mit all den schönen Erinnerungen an die erlebten Stunden wieder aufzuwachen. Mein nächstes Ziel, die Matinee mit Gästen am Nachmittag, haben die müden Augen eines Musikliebhabers da längst schon wieder im Visier.

Aus meiner Zeit an einem Theater in Senftenberg weiß ich, wie schwer es ist, an einem Wochenende nachmittags Menschen in eine Vorstellung zu locken. Der Reiz sollte schon außergewöhnlich und das Gebotene möglichst einmalig sein. Beides beinhalten 50 lange Jahre einer Rockband, zumal der Erfolg hier in Meissen seine Startlöcher hatte. Den daraus resultierenden „langen Weg“ zu betrachten, dass Erreichte zu werten, Meinungen zu hören und vielleicht auch einige Fragen in den Raum zu stellen, dazu hatte Manager DETLEF SEIDEL einige Gäste geladen und sowohl JÖRG STEMPEL, der Hüter des Amiga-Erbes, als auch WALTER CIKAN, einst Produzent der STERN COMBO MEISSEN, waren dem Ruf in die Stadt an der Elbe gefolgt.

Beide werden auf die Bühne gebeten. Hinzu kommt der Gründer der Combo, MARTIN SCHREIER, und als Vierter komplettiert der Jüngste im Bunde, MANUEL SCHMID, die Gesprächsrunde. Es gibt keine Kunstpause, denn „Mr. Amiga“ hat eine Menge zu sagen und auch der einstige Produzent der Sterne weiß interessante Argumente, vor allem in Sachen „Ostrock“, in die Waagschale zu werfen. Bei mir rennt WALTER CIKAN mit seiner Meinung offene Türen ein und innerlich bin ich glücklich über die vielen Denkansätze, die er mir vermittelt. Zu wissen, dass ein solcher Typ mit diesem Background und Erfahrungen nicht gern über Rock in der DDR als „Ostrock“ spricht und dessen Argumente zu hören, das allein war mir diesen Nachmittag wert! Auch zu erfahren, wie JÖRG STEMPEL die Vernichtung von 30.000 Exemplaren fertig gepresster Exemplare der dritten Diestelmann-LP mal anders herum beleuchtet, macht einiges noch deutlicher, aber erst recht nicht besser. Plötzlich bekommen Schatten der Vergangenheit deutlichere Konturen und Zusammenhänge werden durchschaubarer, statt einfach nur plakativ zu bleiben.

Da sitzt MARTIN SCHREIER zwischen den beiden Protagonisten und sein Lächeln strahlt in die Runde. So gelöst, so zufrieden und in sich ruhend erleben wir den Senior der Band, dass es eine Lust ist, auch seinen Worten zu lauschen. Er erzählt uns von einem Interview und man kann deutlich seine große Begeisterung spüren, von seiner Band berichten zu dürfen und fühlt dann auch die Enttäuschung, die er beim Lesen einer reißerisch und blödhaft aufgemachten Überschrift einer Boulevardzeitung gehabt haben muss. Auch in diesem Zusammenhang verstehe ich die Worte von WALTER CICAN noch besser. Als Abschluss zu diesem Thema erleben wir, wie MANUEL in aller Ruhe den Fetzen Schmierpapier zu ganz belangslosen Schnipseln zerreißt. Weg damit!

Viele Themen werden angesprochen und über den Sinn oder Unsinn von Quoten wie 60:40 wird laut nachgedacht. Wir erfahren einiges über Musikantenfreundschaften und TV-Formate und hören von guten Ideen, die auch heute in Schubladen verschwinden. Doch letztlich mündet all das Gesagte in die eine Frage, wie es möglich sein könnte, gute Musik all unserer Bands besser und umfassender in die Medien und damit in die Öffentlichkeit zu tragen. Wir hören Meinungen und Anregungen aus dem Publikum und dann wenden sich all unsere Blicke nach hinten, zur letzten Reihe. Noch einmal sehen wir ihn und noch einmal spricht er zu uns: REINHARD FIßLER. Trotz seines schweren Leidens ist er als Moderator bei Rockradio.de aktiv und wir alle vernehmen sein Anliegen, man möge junge Künstler von hier mehr unterstützen. Dem ist nichts hinzuzufügen außer, dass wir alle aufgefordert sind, jeder nach seinen Möglichkeiten, auch etwas für dieses Anliegen zu tun.

Keiner hatte wohl erwartet, bei der angekündigten Gesprächsrunde mit Gästen Live-Musik zu hören zu bekommen und doch ist das Equipment im Hintergrund nicht nur Kulisse. Es ist Kaffeezeit in Meissen und früher gingen wir, als Teenager und mit jeder Menge Flausen im Kopf, nachmittags zum Tanztee, um unseren lokalen Idolen zu huldigen. So ungefähr fühle ich mich, als die STERN COMBO MEISSEN gegen 16.°° Uhr noch einmal richtig in die Tasten haut und – welch Überraschung – mit einem Gast aufwartet. Als „Ersatz“ zupft in der kommenden Stunde PETER „Bimbo“ RASYM, heute Hausbassist bei den PUHDYS, die dicken Saiten am Bass. Eigentlich ist er von FEUERKITT und SCHUBERT kommend, erst bei den STERNEN von Meissen richtig ins Lampenlicht der Öffentlichkeit gerückt und irgendwann, als es den Harry in die Südsee zog, bei den Berlinern gelandet.

Schon nach den ersten Tönen ist der feine Unterschied wahrnehmbar und man grinst sich durch die Reihen zu. Gucke an und höre einmal, wie Bimbo am Bass auch klingen kann! „Also was soll aus mir werden“ haut richtig rein und der „Stundenschlag“ bekommt gar einen Touch von Funk. Der Mann fühlt sich im ehemaligen Umfeld sichtlich und hörbar wohl. Auch MANUEL SCHMID ist noch einmal, diesmal solistisch, zu hören und begeistert uns mit „Du komm her“ und als MANUEL dann noch die alte LIFT - Ballade „Sommernacht“ in die Tasten drückt und dazu singt, gerät die Hütte restlos aus dem Häuschen. Die Erinnerungen an die Zeiten mit ZACHAR und PACHOLSKI sind auf einmal wieder da und ich wage gar nicht erst, diesen Gedanken weiter zu spinnen, den dann einer hinter mir doch ausspricht. Eines jedoch ist und bleibt unbestritten, was sind doch für tolle und wunderschöne Lieder in diesem Land entstanden, die von unser aller Leben und Gefühlen späteren Generationen erzählen werden!

Während da vorn die STERNE die Gluthitze der „Sonne“ versprühen und das Charisma und die Power eines jungen Rockers, den vor mehr als zwei Jahren kaum einer „in der Szene“ wirklich kannte, die Reihen zum Tanzen und Toben hinreißt, sitze ich nur noch da und versuche zu begreifen, was gerade geschehen ist.
Wie beschreibt man nüchtern ein Erlebnis, das vor lauter sehr persönlichen Emotionen beinahe aus allen Nähten zu platzen droht und was erleben eigentlich die da vorn auf der Bühne und wie geht es all den anderen hier? Da gehen Rocker irgendwo nach soundso vielen Jahren in eine Endlosschleife, die sie Abschiedstour nennen, um sich feiern zu lassen und derweil ist hier in Meissen eine noch viel ältere Band gerade dabei, sich völlig neu zu erfinden. Sie wirken alle einfach nur „Taufrisch“, um im Kontext zu bleiben. Ich habe die Augen von MARTIN SCHREIER gesehen und sein Lächeln auch. Der Alte, mit allen Wassern dieser Szene hier im Osten getaufte, weiß ganz genau, dass er wohl steinalt wird werden müssen, um dann immer noch seine Band jung und dynamisch zu erleben. Genau das ist es, was mir, und sicher auch einigen anderen, durch den Kopf geht. Wenn nicht er selbst, seine Band wird sie alle toppen, da bin ich mir inzwischen sicher.

Auf einem Button, den die Band an diesem Abend verteilt, kann man lesen: 50 Jahre STERN COMBO MEISSEN – ICH WAR DABEI! Ja, ich war dabei und bin sehr glücklich, diesen Moment nicht verpasst zu haben, denn diese 50 Jahre STERN COMBO MEISSEN sind eben auch fünf Dekaden meines Lebens, von „Rock’n’Roll Music“, die uns alle wach gerüttelt, über „Hey Joe“, den MARTIN einst besungen hat, bis zur „Lebensuhr“ und, wenn alles gut geht, weit darüber hinaus. Nix Rockerrente, nix Ruhestand und gleich gar nicht klein beigeben. Auch REINHARD FIßLER schließt aufgeben kategorisch aus, denn diese 50 Jahre einer Band aus dem Osten, sind wesentlich mehr als einfach „nur“ Musik – zum Glück und, wem auch immer, sei Dank! Herzlichen Glückwunsch, meine Herren STERN COMBO, und meinen Respekt vor dieser Lebensleistung. In spätestens weiteren zehn Jahren, wenn ich dann 75 sein werde, treffen wir uns dann zu Eurem 60. Geburtstag in Meissen wieder. Jede Wette, aber mindestens im kommenden Jahr zum nächsten Geburtstagsständchen.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 16.09.2014 14:21 | nach oben springen

#8

RE: Stern Meissen wird 50 - Theater Meissen 12.09.14

in Konzertberichte 2014 17.09.2014 05:32
von Kundi | 2.003 Beiträge | 4584 Punkte

Ich bin begeistert, dass hier so umfassend in Worten, Fotos und Videos über das SCM-Geburtstags-Wochenende berichtet wurde.
50 Jahre - komisch, ich bin ja auch fast so alt wie die Stern Combo...

DANKE für eure Eindrücke und den STERNen aus MEISSEN alles Gute zum ungewöhnlichen Bandjubiläum.

Gruß Kundi


zuletzt bearbeitet 17.09.2014 05:33 | nach oben springen


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