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European Celtic Music Festival an der F60 bei Lichterfeld

in Konzertberichte 2014 22.06.2014 19:27
von HH aus EE | 846 Beiträge | 2063 Punkte

„Freunde“, „Blinde Hunde“ und keltisches Flair an der F60 (20.06.2014)
Cara (D) und Old Blind Dogs (Sco) beim European Celtic Music Festival

Ein stählerner Koloss liegt in der Lausitz. Ein Monument menschlichen Schöpfertums aber eben auch gigantischer Eingriffe in die Natur. Doch der Eindruck, sie würde liegen, täuscht gewaltig, denn die Förderbrücke F60 steht auf monumentalen Füßen und überragt die Dächer von Lichterfeld, am Rande eines ehemaligen Tagesbaus zwischen Lauchhammer und Finsterwalde, noch immer um Dimensionen.
Allerdings ist inzwischen Ruhe eingekehrt und das Quietschen und laute Kreischen der sich aneinander reibenden Metallteile ist einer regen Betriebsamkeit am jetzigen Besucherbergwerk F60 gewichen. Wer hierher kommt, ob nun als Tourist oder Einheimischer, wird staunend vor oder unter der gewaltigen Stahlkonstruktion stehen und seiner Fantasie freien Lauf lassen, um die Ausmaße zu erfassen. Etwas Vergleichbares an Weite und freien Blicks über ein ausgedehntes, von Menschen geschaffenes Loch in der Erde, das sich inzwischen mit Wasser füllt, wird man hierzulande so schnell nicht wieder finden.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem viele Menschen hierher strömen. Unter der Stahlkonstruktion ist eine Bühne aufgebaut und fast scheint es so, als würde der schwere Ausleger das Gerüst unter sich erdrücken können. Wer allerdings genau hinsieht, kann die Leichtigkeit spüren, mit der Tonnen von Stahl über dem weiten Areal zu schweben scheinen und dem Platz einen Hauch von Romantik und ästhetischer Eleganz verleihen. Heute beginnt das EUROPEAN CELTIC MUSIC FESTIVAL 2014 und viele Menschen aus nah und fern lockt dieses Musik- und Tanzereignis seit Jahren hierher.

Das Wetter am Abend ist viel besser, als es der Morgen zu versprechen schien. Sogar die liebe Sonne versucht, ab und an durch die schweren Wolkenberge zu blinzeln, als HENK „Troubadur“ HULZINGA aus den Niederlanden (!) die Gäste begrüßt, mit ihnen plaudert und uns alle mit stimmungsvollen Songs zwischen „Molly Malone“ und „Wild Rover“ auf die kommenden Stunden einstimmt. Der Mann ist hier inzwischen eine Institution und diesen Abend ohne ihn kann sich wohl kaum einer vorstellen. Schnell ist die Distanz zur Bühne, dank seiner fröhlichen Moderation, überwunden und ohne billige Anmache antworten ihm hunderte Stimmen wie ein Chor auf sein „Dankeschööön!“ mit einem ebenso lauten „Bitteschööön!“. Was für ein stimmungsvoller Auftakt! Der „Troubadur“ ist es auch, der locker und flockig durch den ganzen Abend führen wird und manchmal auch dafür sorgt, dass ein gar zu bescheidener Künstler auch wirklich seinen wohl verdienten Applaus vor Menge empfängt.

Vor die Bühne ist ein Podium gebaut. Wer jetzt auf einer der vorderen Bänke Platz gefunden hat, kann die schnellen Tanz- und Steppschritte von JIGS & REELS, einer Tanzgruppe aus Berlin, bestaunen. Die jungen Damen in ihren zauberhaften Kostümen bringen die Energie und Lebensfreude irischer Tänze direkt unter die F60. Eine bessere Einstimmung auf die später folgenden Live - Acts kann ich mir gar nicht vorstellen. Mit ihren temperamentvollen und leidenschaftlichen Showeinlagen zu Rhythmen und Klängen aus Schottlands Bergen und Irlands grünen Hängen entführen sie die vielen Schaulustigen im weiten Rund in eine andere Bewegungswelt. Flinke Drehungen, tanzen in Formation, Kreis und Reihe sowie diese erstaunlichen Sprungkombinationen erzeugen schnell Stimmung auf den Bänken. Kaum zu glauben, dass die hübschen Ladies das alles „nur“ aus reiner Freude am Tanz und Bewegung machen. Einige Gäste lassen sich gar anstecken und versuchen sich neben dem Podium an den komplizierten Schrittfolgen. Was da so traumhaft leicht aussieht, erweist sich schon bei den ersten Versuchen als gänzlich ungewohntes Bewegungsterrain. Jedenfalls hinterlässt ein Einzelner bei mir diesen Eindruck und bei denen in den Reihen heitere Lachsalven.

Inzwischen habe ich mein einziges Glas Festivalbier aus dem Brauhaus Radigk ausgetrunken. In guter Stimmung bin ich zwar auch ohne, aber so ein kleiner Kick für die nächsten Stunden kann auch kein Fehler sein, denke ich mir, während die Bandmitglieder von CARA auf die Bühne kommen. In gälischer Sprache bezeichnet man mit „Cara“ einen Freund. Die deutsch-schottische Folk-Band CARA pflegt die alten Lieder von den irischen und schottischen Inseln und fügt ihnen neue, eigene hinzu. Bis vor einigen Wochen kannte ich CARA noch nicht und bin nun besonders neugierig darauf, Musik aus der Heimat meines schottischen Freundes wieder einmal live zu hören. Die Band um GUDRUN WALTHER mit der Fiddle, die auch Knopfakkordeon spielt und Sängerin ist, gibt es seit 20 Jahren und hat es in dieser Zeit auf fünf eigene CDs gebracht.

Das Besondere der Musik von CARA ist die Kombination von Fiddle und Uileann Pipes, einem irischen Dudelsack, der nicht mit dem Mund aufgeblasen, sondern mit dem Ellebogen mittels eines kleinen Blasbalgs mit Luft angeblasen wird. Für den typischen Drive dieser Musik sorgen Bodhran, eine mit Ziegenfell bespannte Rahmentrommel, und Gitarre. Die Musik von CARA spannt einen weiten Bogen von balladesken Songs wie „Be Gone“ bis hin zu urfröhlichen Instrumentalstücken wie „Big Jigs“, bei denen ich das furiose Spiel mit dem irischen Dudelsack einfach nur bestaune. Die Lieder erzählen Geschichten aus dem Leben der Inselbewohner, vom Leben mit der See und wir hören die typisch schottischen „Gruselballaden“ aus stürmischen Inselnächten, in denen sich seltsame Dinge abspielen. Eine dieser Melodien, mit glasklarer Stimme gesungen von KIM EDGAR am Piano, ist „Lord Gregory“. Ich bewundere das Spiel der Violine in „Masters Of Consequences“, ein Lied, das die menschliche Schwäche, gefasste Vorsätze vielleicht doch oder gar nicht umzusetzen, besingt und auch das sehr schöne „Blood, Eyes And Ashes“. Meine heimlichen Favoriten des Abends aber sind „And Off He Went“ und „Torn Screen Door“. Das eine ist wohl die Geschichte von jemandem, der von Schwaben nach Bulgarien auswandern möchte, aber im Algäu landet und das Skurrile dieser Reise findet sich für meinen Geschmack auf vielfältige Weise im Stück wieder. Die Melodie von „And Off He Went“ (etwa: und er ging einfach los) windet sich über verschiedene, ineinander verschachtelten Taktformen und verleiht dem Stück dadurch einen besonderes intensiven Ausdruck. Auch die „Torn Screen Door“ versprüht dieses ganz besondere Flair, lebt aber vor allem von der wunderschönen Melodie. Da bin ich einfach begeistert und möchte mehr davon zu hören bekommen. Doch nach einer reichlichen Stunde ist fast schon Schluss. Es folgt noch „Mike’s Ride“ und auch bei diesem flotten Instrumentalstück bewundere ich das intensive Spiel des schottischen Dudelsacks und den typischen Sound, der sicher viele an die legendären Riverdance-Shows erinnern wird. Im weiten Rund vor der Bühne macht sich Begeisterung breit und nur die Ankündigung, dass CARA später noch einmal auf der Bühne sein wird, lässt uns alle langsam zur Ruhe kommen.

Die kleine Pause unter den bedrohlich aufziehenden Wolken überbrücken wieder JIGS & REELS mit tänzerischen Einlagen. Wieder kann man erleben, dass einige Wagemutige versuchen, die Schritte und Sprünge der jungen Damen zu kopieren und einem kleinen Steppke gelingt gar, das Publikum mit seiner kindlichen Ursprünglichkeit zu Beifallsstürmen hinzureißen, nachdem der „Troubadur“ wirklich jeden auch in der letzten Reihe auf den kleinen Künstler aufmerksam gemacht hat.

Inzwischen ist es beinahe dunkel geworden. An der F60 sind jetzt die Positionslichter eingeschaltet und der lange Auslegerarm ragt gespenstisch hoch in den Himmel hinauf. Erst in dieser frühen Stunde des Abends kommt die raue Schönheit dieses Ortes zum Tragen und bildet eine harmonische Einheit mit dem Geschehen, das sich darunter abspielt. Aus Schottland kommend, betreten vier Musiker mit Dudelsack, Violine, Bouzouki bzw. Gitarre und Percussion die Bühne und schon bald schwebt eine balladenhaft klingende Melodie über dem Areal. Die OLD BLIND DOGS sehen ganz und gar nicht wie „alte blinde Hunde“ aus und als aus der schwermütigen Melodie ein deftiger Jig wird, beginnt der wilde Tanz der Vier den zweiten Tag der keltischen Nacht einzuläuten.

Die OLD BLIND DOGS sind eine der beliebtesten schottischen Folk-Bands, deren Musik sich an den alten überlieferten Spielweisen orientiert und deshalb auch sehr schottisch klingt, wie ich finde. Für mich ganz persönlich fühlt sich der Klang wie eine andere Fortsetzung der Musik von Steeleye Span, nur mit einer männlichen Gesangsstimme, an. Es ist diese Mixtur aus typischen Gesangswendungen, denen das Spiel der Geige, ähnlich wie es Dave Swarbrick praktizierte, dezent folgt, um dann plötzlich in einem Solo zu explodieren. In diesen Klängen vermischen sich alte Sehnsüchte, Ursprünglichkeit und Lebensfreude miteinander und reißen jeden, der bereit ist, sich darauf einzulassen, einfach nur mit. Nicht ohne ironischen Unterton erklärt uns AARON JONES (Gesang, Bouzouki, Gitarre) über den Inhalt der Lieder auf, in denen es meist um Whisky, Whisky herstellen und Whisky trinken gehen soll und auch darüber, wie gefährlich es sei, einem Dudelsackspieler dieses Getränk zu verabreichen. Sagt es, genehmigt sich selbst erst einmal einen Schluck und beginnt dann mit „Portobello“ und „Copper Kettle“ zwei solcher Songs zu spielen, die einen von Beginn an in die Füße gehen. Mit „Harris’ Dance“ folgt ein zweigeteiltes Instrumentalstück, das erst langsam beginnt und dann in einen wild gespielten Jig mündet.

In „Mac Pherson’s Ran“, einem Song aus Aberdeen, wird die Geschichte eines Gesetzlosen erzählt, der am Ende all seiner Tage gehängt wird. Der Song lebt von einer jener typisch eingängigen Melodien, die schon Bands wie Steeleye Span und Faiport Convention über den Globus getragen haben. Bei den OLD BLIND DOGS singt JONNY HARDY, der Mann mit der Fiddle, und als wir meinen, der Song wäre jetzt zu Ende, beginnt ein wilder Dreiklang von Flöte, Fiddle und Bouzouki, der sich zu einem furiosen Ende hin steigert. Einfach großartig! Die Musiker werden mit Begeisterung vor der Bühne gefeiert und keiner möchte, dass sie jetzt schon die Bühne verlassen. Natürlich gehen sie dennoch, bis auf den Dudelsackspieler, zu dem sich jetzt noch der von CARA hinzu setzt, um nun gemeinsam ein Solo für zwei Uileann Pipes zu starten, dass ich so noch nie erlebt habe. Den beiden gelingt es mit ihren unterschiedlichen Instrumenten, mehrere der typischen Jigs miteinander zu verweben und sich dabei, immer schneller werdend, in ein wildes Finale hinein zu steigern. Klasse.

Doch wie HENK der „Troubadur“ schon frühzeitig angekündigt hatte, beginnt erst jetzt der eigentliche Höhepunkt des Abends. Wir erleben jetzt beide Bands, CARA und die OLD BLIND DOGS, gemeinsam auf der Bühne unter dem leuchtenden Stahlgerüst der F60 von Lichterfeld. Zwei dieser so ungebremst aufspielenden Bands als eine einzige vereint zu erleben, das hat wirklich den Hauch von Einmaligkeit.
Also setze ich mich an den Rand des Tanzpodestes vor die Bühne, um das Geschehen auf mich wirken zu lassen. Da oben vor mir tobt der schottische Sturmwind und neben und hinter mir tanzen Gäste und Tänzer wie entfesselt ihre Fantasiefiguren auf die Matte. Mich selbst interessieren die Titel der Lieder nicht mehr, ich lasse mich einfach nur noch in den Rausch und den klingenden Zauber dieser Nacht fallen, um alles in mich aufzusaugen. Ich erlebe, wie sich zwei wild gespielte Fiddles gegenseitig anstacheln, ich höre zwei Gitarren und eine Bouzouki im sich steigernden Crescendo, die von Bodhran und Percussionen getrieben werden, bis sich alles wie in einem gewaltigen finalen Klanggewitter der Emotionen und Begeisterung entlädt. Spätestens jetzt, kurz vor der Mitternachtsstunde, könnte dieser erste Tag der CELTIC MUSIC unter der F60 zu Ende sein, doch das begeisterte Publikum fordert mit „Water Lily“ (?) ein weiteres Stück ein und bekommt dann zusätzlich mit „Follow The Haron“ eines der Lieblingslieder der beiden Bands live zu hören. Die Stimmen vereinen sich zu einem, mit Emotionen geladenen, Schlussgesang bei einem der wohl schönsten Lieder Schottlands, die in den letzten Jahren geschrieben wurden. „The back of the winter is broken and light lingers long by the door …the sleep blows the breath of the morning away and we follow the heron home.”

Es ist fast Mitternacht, als sich der erste Tag des EUROPEAN CELTC MUSIC FESTIVALs unter der F60 seinem Ende zu neigt. Ich habe noch mit einigen Freunden und Musikern gesprochen, habe mich für die Einladung bedankt und mich in meinem Blechfreund gesetzt. Der hat mich dann gemütlich durch die nächtlichen Wälder nach Hause gefahren. In meinem Kopf wirbelten die Eindrücke und tanzten die Emotionen miteinander, die ich in den Stunden zuvor eingesammelt hatte. Doch so ein Erlebnis kann auch wunderbar entspannend wirken und so fahre ich in Ruhe und glücklich durch die Dörfer und die Wälder, an dem weißen Strich auf dem Asphalt entlang, und „folge dem Reiher nach Hause“.

Wer alle Fotos sehen möchte, kann das hier tun: http://www.mein-lebensgefuehl-rockmusik....Festival%202014

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 22.06.2014 19:28 | nach oben springen


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