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Wenn JOE COCKER 70 wird

in Bands, Musiker, Musikstile 20.05.2014 19:32
von HH aus EE | 849 Beiträge | 2070 Punkte

Wenn Joe Cocker 70 wird ( 20.05.2014 )

Es ist Wochenmitte und ich sitze am Schreibtisch. Vor mir der übliche Papierkram, den man schon zu lange vor sich her geschoben hat. Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen Gedanken. Am anderen Ende meldet sich eine freundliche Damenstimme: „Hier ist der MDR in Dresden.“ Im ersten Augenblick fällt mir nichts ein und dann denke ich daran, dass ich das eigentlich nicht noch einmal möchte. Nicht, dass es keinen Spaß gemacht hätte, aber wen interessiert eigentlich, was Typen wie ich mitzuteilen haben. Eben!
Also habe ich ein entschiedenes „Nein“ auf den Lippen, als mich die freundliche Stimme fragt, ob ich wüsste, dass JOE COCKER am 20. Mai dieses Jahres 70 Jahre werden würde. Wusste ich nicht, aber die Stimme vom MDR meinte, es wäre doch eine gute Idee, genau an diesem Tag noch einmal an das legendäre Konzert in Dresden 1988 zu erinnern. Nach einigen Minuten angenehmer Plauderei war mein NEIN dahin geschmolzen und die Lust, noch ein letztes Mal ein Cocker-Abenteuer zu erleben, in mir erwacht. Die 70 ist ein stolzes Alter und kein Mensch weiß, was danach noch möglich ist. Ich habe zugesagt und einen Tag vor dem 20. Mai 2014 tritt wieder ein MDR-Team in mein Zimmer und eine Kamera ist auf mich gerichtet. Für JOE COCKER nehme ich das noch einmal gern auf mich.

Den weißen Blues-Mann aus Sheffield habe ich wirklich das erste Mal in den wilden 1960ern mit seiner Version der Beatles-Nummer „With A Little Help From My Friends“ wahrgenommen und ich glaube mich noch genau zu erinnern, dass vor allem der urbane Schrei das Wichtigste für uns war. Erst mit seiner Tour und dem Album „Mad Dogs & Endlish Men“, dessen Original ein Freund von mir besaß, ist mir so nach und nach bewusst geworden, was für ein einzigartiger Künstler sich auf der Platte live die Seele aus dem Hals sang. For allem mit der Leon Russell – Nummer „Delta Lady“ hatte sich COCKER in mein Herz gesungen. Fortan durfte man mich Cocker-Fan nennen, ohne dass ich mich geärgert hätte. Inzwischen besitze ich selbst dieses Kleinod und Dokument einer ganz bestimmten Zeit. Immer wenn ich mich jenes Gefühls von damals erinnern möchte, von Love & Peace & Lust auf Umkrempeln des Alten, dann ist dieses Doppelalbum von „The Mad Dogs, the English Men and Joe Cocker“, wie es in der Ansage heißt, eine gute Wahl.

Von da an habe ich seine Karriere verfolgt und mich darüber gefreut, dass es nach „Sheffield Steel“ von 1982 wieder bergauf ging. Die Nachricht, dass olle JOE im Sommer 1988 in Dresden und Berlin je ein Konzert geben würde, schlug wie eine Bombe ein. Damals wusste ich sofort, eines dieser Konzerte würde ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen und so kam es dann ja auch. Wir erlebten einen Künstler in Höchstform und einen, dem man seine Emotionen, vor so vielen begeisterten Menschen inmitten der Stadt Dresden singen zu dürfen, deutlich anmerkte. Dieses Gefühl, dass tausende Herzen plus jenes auf der Bühne in gleichen Schwingungen miteinander kommunizierten, habe ich seither niemals wieder erlebt. Letztlich macht aber genau das den Wert dieser Stunden auf der Dresdener Blüherwiese, zumindest für mich, aus. Wenn ich noch heute daran denke, bekomme ich allein davon und von der Erinnerung an jenen „wilden Schrei eines Löwen in der Nacht“, eine Gänsehaut. Musik ist eben doch mehr, als nur Töne sinnvoll aneinander gereiht.

Beim Erzählen in meinem Zimmer erinnere ich mich genau an all das und nicht etwa, wer dieses Event organisiert hat und warum welche Interessen möglicherweise damit verbunden waren. Es war und ist mir egal und ich wäre auch dorthin gefahren, wenn jemand anders dahinter gesteckt hätte. Ich wollte diesen Mann singen hören, ich wollte mit knapp 40 Lenzen endlich einen Wunsch erfüllt haben und ich wollte dabei sein, wenn der Hauch von Woodstock in Dresden noch einmal aufblühen würde, denn die Gedanken waren frei – auch in dieser DDR! Jenen Abend auf der heutigen Cocker-Wiese habe ich genossen, wie nur noch selten einen danach, denn Erinnerungen sind etwas, was dir niemand mehr nehmen kann. Man kann sie aber mit anderen teilen! Die Erinnerungen sind mir geblieben und durch glückliche Fügung auch ein Autogramm des Künstlers auf einem Pressefoto.

Siebzehn Jahre später, im Mai 2005, habe ich JOE COCKER noch einmal in Dresden bei einem Konzert besucht. Gemeinsam mit meinem Sohn waren wir in der Messehalle, damit auch mein Junior ein Stück vom Charisma des großen weißen Blues-Mannes erleben, sehen und hören konnte. Inzwischen war er schon 60 geworden, aber immer noch ein Gigant auf der Bühne, der die Massen mit seiner Musik zu begeistern wusste. Seitdem sind auch schon wieder fast zehn Jahre vergangen. Dazwischen gab es eine Ausstellung, die meine Erinnerungsstücke an das Konzert und viele andere Exponate aus Dresden zeigte, um jene Vorwendemonate noch einmal lebendig werden zu lassen und man drehte sogar einen Kinofilm über den legendären „Mein Sommer 88“. Der wurde zu meinem letzten fiktiven Treffen mit JOE COCKER, denn einen ganzen Tag lang hatte mich damals ein Kamerateam in Dresden an den beiden Orten des Geschehens, Hotel und Blüherwiese, beobachtet. Nach der Premiere des Films im Berliner „Kosmos“ hatte ich beschlossen, das Thema COCKER und Dresden nicht noch einmal mit mir machen zu lassen. Ich wollte meine Erinnerungen für mich allein behalten dürfen. In mir entstand einfach das Gefühl, genug von mir gegeben zu haben und schließlich waren wir an jenem Juniabend 1988 mehr als 80.000 inmitten von Dresden.

An seinem heutigen 70. Geburtstag stehe ich dann doch bei Silvio Tschage vom MDR in Dresden und antworte auf seine Fragen. Der macht das erfreulicherweise ganz locker, zeigt mir, worauf ich achten muss und lässt mich dann sogar im Studio zur Erinnerung einige Fotos knipsen. Auf einmal sind wir beide mitten im Gespräch über Rockmusik im Allgemeinen und JOE COCKER im Besonderen, über das Konzert 1988 in Dresden, mein Büchlein und einige Erinnerungen. Schneller als gedacht, vergeht die Zeit und als alles vorüber ist, habe ich das Gefühl, ich könnte mindestens noch eine weitere Stunde so weiter quasseln. Ich habe die Minuten genießen und einige kurzweilige Momente als Gast des MDR in Dresden erleben dürfen - dank JOE COCKER!

Heute begeht JOE COCKER, der Mann mit der unverwechselbaren Reibeisenstimme und den für ihn so typischen eckigen Armbewegungen auf der Bühne, seinen 70. Geburtstag und das ist ein eher selten gewordenes Ereignis im großen Rock’n’Roll - Zirkus. Deshalb genieße ich es und es ist mir eine Ehre, diesem Mann meine Referenz erweisen zu dürfen. Selbst dann, wenn er davon sicher nichts weiß. Für mich ist es einfach eine Frage des Respekts, denn er ist einer der ganz Großen sowie einer der Letzten der Generation, die Rockmusik noch ehrlich aus dem Bauch heraus und mit der Wucht der gelebten Gefühle und Erfahrungen zelebrieren. Was der alte Bluesmann mit seiner Reibeisenstimme singt, das meint er auch so, denke ich mir. Seinen heutigen 70. Geburtstag wird er, so hoffe ich, ohne Konzert begehen und genießen können. Mit meinen Gedanken und Erinnerungen war ich gestern und heute bei ihm, einem der größten Sänger des Rock’n’Roll – Zeitalters. Alles Gute und einen schönen Tag sowie Happy Birthday, Joe.

Angefügte Bilder:
www.mein-lebensgefuehl-rockmusik.de
zuletzt bearbeitet 20.05.2014 19:42 | nach oben springen


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